skip to Main Content
Use <ctrl> to select multiple event types
Use <ctrl> to select multiple source languages
Search between dates, search locations
Use <ctrl> to select multiple Sources
Sort by
  1. 2 May 1892
    Powstancow Slaskich 92-94, Borek Wroclaw
    Borek
    Kleinburg
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Nun noch von meiner Jugend. Der alte Herr stand in Breslau bei den Leibkürasseren 1, als ich am 2. Mai 1892 geboren wurde. Wir wohnten in Kleinburg.

  2. 2 May 1894
    Borek
    Kleinburg
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Das Bild zeigt Manfred von Richthofen als Kind im Alter von etwa zwei oder drei Jahren

  3. 2 May 1899
    Borek
    Kleinburg
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Das Bild zeigt Manfred von Richthofen als Kind im Alter von etwa sieben Jahren. Er trägt einen Matrosen-Anzug, der in der Zeit sehr modern war.

  4. 2 May 1900
    Powstancow Slaskich 92-94, Borek Wroclaw
    Borek
    Kleinburg
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1933, Eingeleitet und ergänzt von Bolko Freiherr von Richthofen, mit einem Vorwort von Generalfeldmarschall Hermann Göring, Verlag Ullstein & Co, Berlin

    Im achten Lebensjahre erkletterte er die größter Apfelbäume des Gutes, die sonst kaum jemand erreichen konnte. Dann ließ er sich aber nicht vom Stamm herab, sondern von außen an den Zweigen, diese mit größter Geschicklichkeit greifend. Meine Eltern haben ihm oft dabei zugesehen, aber niemal das Gefühl gehabt, daß ihm irgend etwas passieren könnte, so sicher waren alle seine Bewegungen. Meine Mutter ist mit uns Jungens überhaupt niemals ängstlich gewesen. Sie war der Meinung, daß Kinder nur dann wirklich geschickt und allen Gefahren gewachsen sein könnten, wenn man ihnen jede nur denkbare körperliche Bewegungsfreiheit lasse. Nur so würden sie möglichst zetig zu beurteilen vermögen, was sie sich selbst zutrauen könnten. Ganz ohne Zwischenfälle ist das natürlich nicht immer abgegangen, aber etwas Ernsteres hat sich nie ereignet.

  5. 2 May 1900
    Powstancow Slaskich 92-94, Borek Wroclaw
    Borek
    Kleinburg
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1933, Eingeleitet und ergänzt von Bolko Freiherr von Richthofen, mit einem Vorwort von Generalfeldmarschall Hermann Göring, Verlag Ullstein & Co, Berlin

    Denn Manfred hat schon von den ersten Tagen seiner Jugend an Proben nicht gewöhnlicher Energie abgelegt. Als achtjäriger Junge erwarteten ihn meine Eltern eines Tages in Breslau von der Bahn. Es sollte mit zwei großen Handkoffern von einem längeren Aufenthalt auf dem Lande zurückkehren. Der Bursche wurde zur Abholung auf den Bahnhof geschickt, er kam allein zurück. Manfred war nicht zu finden. Was war geschehen? Ein Telfon gab es damals noch nicht. Die Aufregung stieg. Während meine Eltern noch darüber beraten, klingelt die Entreeglocke, und Manfred steht wohlbehalten mit beiden Koffern vor der Tür. “Du hast dir wohl eine Droschke genommen?”. “Nein, ich hatte kein Geld.” “Wer hat dir denn die Koffer getragen?” “Das habe ich selbst getan.”

    Meine Eltern waren sprachlos und ungläublig, denn die Koffer waren so schwer, daß Manfred Mühe gehabr hätte, nur einen zu heben. Aber dann erhielten sie die Aufklärung. “Einen habe ich schon heben können, den habe ich immer ein Stück weit getragen und inzwischen auf den anderen aufgepaßt, dann habe ich den zweiten geholt, und so bin ich allmählich angekommen, leider hat es ein bißchen lange gedauert.”

    Und das alles mit solch selbstverständlicher Ruhe und Sicherheit, daß meine Eltern Manfred schon damals getrost die Sorge für sich selbst im großen und ganzen allein überlassen konnten.

  6. 2 May 1900
    Powstancow Slaskich 92-94, Borek Wroclaw
    Borek
    Kleinburg
    The Red Knight of Germany, the story of Baron von Richthofen, Floyd Gibbons, 1927, 1959 Bantam Books

    ‘An easily terrified mother is a great obstacle to the physical development of children,’ Mrs von Richthofen said. ‘When Manfred was a little boy, I believe many of my friends considered me rather a careless mother because I did not forbid the two boys to engage in some of the feats they liked, but I was then, and am still, convinced children can only become agile if they are allowed such freedom as will enable them to judge what they can safely demand of their bodies.’

  7. 1 January 1901
    1892-1900
    Schloss Romberg in Samotwór (dt. Romberg) ist ein Schloss bei Kąty Wrocławskie (dt. Kanth, bis 1930 Canth) in Niederschlesien
    Samotwór
    Romberg
    https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_victories_of_Manfred_von_Richthofen

    The family has to sell Schloss Romberg due to financial troubles.

  8. 1 January 1901
    bis zu meinem neunten Lebensjahre
    Powstancow Slaskich 92-94, Borek Wroclaw
    Borek
    Kleinburg
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Ich hatte Privaunterricht bis zum meinem neunten Lebensjahre.

  9. 1 January 1901
    1901?
    Władysława Sikorskiego 19, 58-105 Świdnica, Polen
    Swidnica
    Schweidnitz
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    dann ein Jahr Schule in Schweidnitz,

  10. 1 August 1903
    Kadettenanstalt Wahlstatt
    Legnickie Pole
    Wahlstatt
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Später wurde ich Kadett in Wahlstatt. Die Schweidnitzer betrachten mich aber durchaus als ein Schweidnitzer Kind. Im Kadettenkorps für meinen jetzigen Beruf vorbereitet, kam ich dann zum 1. Ulanenregiment.

  11. 1 August 1903
    1903-1909
    Kadettenanstalt Wahlstatt
    Legnickie Pole
    Wahlstatt
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Als kleiner Sextaner kam ich in das Kadettenkorps. Ich ware nicht übermässig gerne Kadett, aber es war der Wunsch meines Vaters, und so wurde ich wenig gefragt. Die strenge Zucht und Ordnung fiel einem so jungen Dachs besonders schwer. Für den Unterricht hatte ich nicht sonderlich viel übrig. War nie ein grosses Lumen. Habe immer so viel geleistet, wie nötig war, um versetzt zu werden.Es war meiner Auffassung nach nicht mehr zu leisten, und ich hätte es für Streberei angesehen, wenn ich eine bessere Klassenarbeit geliefert hätte als ‘genügend’. Die natürliche Folge davon war, dass mich meine Pauker nicht übermässig schätzten. Dagegen gefiel mir das Sportliche: Turnen, Fussballspielen usw., ganz ungeheuer. Es gab, glaube ich, keine Welle, die ich am Turnreck nicht machen konnte. So bekam ich bald einige Preise von meinem Kommandeur verliehen. Alle halsbrecherischen Stücke imponierten mir mächtig. So kroch ich z. B. eines schönes Tages mit meinem Freunde Frankenberg auf den bekannten Kirchturm von Wahlstatt am Blitzableiter herauf und band oben ein Taschentuch an. Genau weiss ich noch, wie schwierig es war, an den Dachrinnen vorbeizukommen. Mein Taschentuch habe ich, wie ich meinem kleinen Bruder einmal besuchte, etwa zehn Jahre später, noch immer oben hängen sehen. Mein Freund Frankenberg war das erste Opfer des Krieges, das ich zu Gesicht bekam.

  12. 1 August 1903
    1903-1909
    Kadettenanstalt Wahlstatt
    Legnickie Pole
    Wahlstatt
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1933, Eingeleitet und ergänzt von Bolko Freiherr von Richthofen, mit einem Vorwort von Generalfeldmarschall Hermann Göring, Verlag Ullstein & Co, Berlin

    So hat Manfred auch die Kadettenzeit durchgehalten, obwohl ihm diese Art der Erziehung und Jugendbehandlung nicht allzusehr zusagte. Aber er hat die Zähne zusammengebissen und bei ellen im Haus der Eltern verbrachten Ferien niemals geklagt. Mir, seinem jüngeren Bruder, hat er allerdings mehrfag gesagt: “Wenn du kannst, verzichte auf das Vergnügen, im Pennal ist es zwar auch nicht schön, aber immer noch besser.” Dabei hatte Manfred für den Offiziersberuf sehr frühzeitig entschieden, und wohl immer hat bei ihm der Entschluß festgestanden, in der von ihm erwählten Laufbahn Außerordentliches zu leisten. Damals dachte er allerdings daran, einmal ein großer Reitergeneral zu werden. Er konnte nicht ahnen, daß er nicht auf der festen Erde, sondern in den Lüften der Erste werden würde.

  13. 2 August 1903
    1903-1908
    Kadettenanstalt Wahlstatt
    Legnickie Pole
    Wahlstatt
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    „Rittmeister Freiherr von Richthofen ist nicht zurückgekehrt.“ So meldet es kurz und hart der Heeresbericht. Also doch! Das, woran niemand zu denken wagte, ist eingetreten, was jeder Deutsche mit leiser Bangigkeit fühlte, als Richthofens Luftsiege die unheimliche Höhe der achtzig erklommen. Der größte Fliegerheld des Weltkrieges starb unbesiegt den Ruhmreichen Tod für Kaiser und Vaterland. Durch die Herzen unseres Volkes geht ein unsäglicher Schmerz über den Verlust dieses Tapfersten der Tapferen. Als echter Soldat ruht er in fremder Erde dort, wo er gefallen ist. Es war uns nicht vergönnt, ihm drei Ehrensalven über das Grab zu senden. Wenn heute die wuchtigen Türme der ehrenhaften Klosterkirche von Wahlstatt herüberschimmern, so tauchen alte, längst vergessene Bilder vor mir auf. Wir, Richthofen und ich, trugen zu gleicher Zeit des Königs Rock und waren Wahlstätter Kadetten. Ich war gerade ins Korps gekommen, ein naßforsches Kerlchen von zehn Jahren. Manfred Richthofen war einige Klassen über mir, und ich wäre als kümmerlicher Schnappsack, wie die Kadettensprache den Neuling bezeichnet, wohl kaum näher mit ihm in Berührung gekommen. Es war aber doch einmal – und zwar in einer recht unsanften Weise, die mir aber heute eine liebe Erinnerung ist. Mein Stubenältester war mit Richthofen intim befreundet, und oft saß dieser abends auf unserer Stube. Dieses  Freundschaftsverhältnis wurde aber durch irgendeinen Grund getrübt, so daß beide pax ex hatten, wie wir es nannten. Überall versuchte nun unser Stubenältester, Richthofen zu ärgern. Fastnacht war gekommen, und die Packete von Hause mit den ersehnten Pfannkuchen waren eingetroffen. Der Stubenälteste hatte sich einen mächtigen Hampelmann, in Gestalt eines lebensgroßen Negers, schicken lassen, der unsere größte Verwunderung erregte; denn Faschingsscherze und Maskeraden gab es nicht. Bald aber errieten wir die Sachlage. Es sollte nämlich einer von uns den Neger heimlich an Richthofens Spindtür hängen. Mir juckte damals das Blut, und ich suchte die Gelegenheit, mich hervorzutun. Das knallrote grinsende Maul des Negers, das von einem Ohr bis zum anderen reichte, sollte Richthofen reizen – das war die Hauptsache dabei! Manfred Richthofen hatte nämlich einen vollen, starken Mund, mit dem er zu seinem Groll immer von unserem Stubengewaltigen aufgezogen wurde. Wir saßen bei der Vesper, Ich schlich mir also so schnell wie möglich aus dem Speisesaal. Huschte mit dem geholten Neger über das Kompanierevier in die Stube, auf der Richthofen lag. Bald baumelte der zähnefletschende Schwarze an der Schranktür, über dem wolligen Haupte prangte wie eine Erklärung das Namensschild Richthofens. Doch die Folgen blieben nicht aus. Richthofen erriet, woher der Neger kam, und erfuhr auch den Überbringer. Und da am Abend, ich sehe es noch wie heute, öffnet sich die Tür. Richthofen steht im Zimmer, und seine stahlblauen Augen, die mir damals nichts gutes bedeuteten, suchten in der Runde. Jetzt hatte er mich entdeckt. Im nächsten Augenblick stand er vor mir – es krachte links, es krachte rechts – uns ruhig, wie er gekommen, verließ er unter dem respektvollen Schweigen der Kameraden das Zimmer. Es ist eine seltsame Erinnerung! – Das war die Hand, die später so eisern das Steuer hielt und achtzig Gegner in  die Tiefe sandte!

  14. 1 September 1903
    Kadettenanstalt Wahlstatt
    Legnickie Pole
    Wahlstatt
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1933, Eingeleitet und ergänzt von Bolko Freiherr von Richthofen, mit einem Vorwort von Generalfeldmarschall Hermann Göring, Verlag Ullstein & Co, Berlin

    Nur einmal hat Manfred meinen Eltern schwere Sorge bereitet. Er hatte sich im Kadettenkorps eine bedenkliche Knieverletzung zugezogen. Bei einer Sturzhokke ohne Hilfstellung war ihm ein Stück Knorpel im Knie losgerissen. Dieses Stück klemmte sich ab und zu zwischen die Kniescheibe und ließ dann das Bein willenlos zur Seite klappen. Massieren sowie allerhand Kuren halfen nichts; so verging Jahr und Tag, das Bein wollte nicht in Ordnung kommen. Als meine Eltern wieder einmal berieten, was zu tun sein, und namentlich meine Mutter sehr bedrückt war, wollte Manfred sie trösten und sagte: “Wenn ich nicht mehr auf meinen Beinen laufen kann, so werde ich aud den Händen gehen!”. Und wie ein ganz Gesunder reckte er beide Beine in die Luft und lief auf den Händen durchs Zimmer. Man entschloß sich dann aber zuletzt doch zu einer Operation. Diese glückte erfreulicherweise und stellte ihn in wenigen Wochen wieder völlig her.

  15. 27 January 1904
    1903-1908
    Kadettenanstalt Wahlstatt
    Legnickie Pole
    Wahlstatt
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Vor zwölf Jahren war Manfred diesen Weg gefahren, und oftmals hatte ich ihn besucht. Der Geist dieser Anstalt gefiel mir sehr. Die Jungen mußten tüchtig lernen, sahen aber gesund aus, weil sie fleißig turnten (Manfreds starke Seite). Es machte ihm gar keine Mühe, als er noch ein Knirps war, aus dem Stand Bürzelbäume zu schießen, er brauchte auch niemals die Hände dazu, sondern legte sie stramm an die Hofennaht. Er hatte von Natur aus einen wunderbar geschickten Körper. Einmal, als er acht Jahre alt war, mußte er mir von einem alten, schwer zugänglichen Obstbaum Äpfel abnehmen. Er turnte hinauf wie ein kleiner Waldmensch und kam hernach nicht etwa am Stamme herunter, nein, dieser Weg war ihm zu langweilig; er ließ sich vielmehr außen an den Zweigen herab, sich schwingend und mit blitzartigen Geschwindigkeit von Ast zu Ast greifend. Diese Turnkünste kamen ihm in der Kadettenanstalt sehr zustatten. Mehrere Male wurde er ausgezeichnet. Viel Spaßhaftes auch für uns Erwachsene begab sich hier in Wahlstatt. Einmal machte ich eine Kaisers-Geburtstagfeier mit. Vorbereitend hatte mir Manfred mit ein ernsthaften Gesicht folgendes erklärt: “Weißt du, Mama, die Kadetten tanzen gern mit jeder Dame, die noch ein bißchen jung und hüblich aussieht…nur mit den alten und häßlichen Müttern – mit denen tanzen die Offiziere.” Durch diese wenig gelanten, aber lebenskundigen Eröffnungen eingeschüchtert, fragte ich meinen Herrn Kadetten-Sohn, was ich denn anziehen solle, um mich begehrenswert zu machen. “Nun, ein recht helles Kleid mit einer schönen Blume am Gürtel.” Das beherzigte ich denn auch und war gespannt, ob ich den Herren Kadetten auch gefallen würde. Aber – ich hatte Glück, sie tanzten mit mir zuerst und nicht etwa die Offiziere. Zum Danke ließen wir dann unsere jungen Kavaliere in Pfannkuchen schwelgen. Was gab es damals für Riesenschüffeln dieser duftenden Ballen? Das war etwas für Manfred – sein Lieblingsgebäck; er aß sehr ungern Fleisch, bevorzugte statt dessen Brot und Kuchen.

  16. 2 May 1904
    Władysława Sikorskiego 19, 58-105 Świdnica, Polen
    Swidnica
    Schweidnitz
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1933, Eingeleitet und ergänzt von Bolko Freiherr von Richthofen, mit einem Vorwort von Generalfeldmarschall Hermann Göring, Verlag Ullstein & Co, Berlin

    Manfred war überaus wahrheitsliebend. Meine Mutter kann heute noch nicht genug rühmen, in welchem Maße sich die Eltern stets auf ihn verlassen konnten. Er gab präzise und klare Antworten auf jede Frage, ohne Rücksicht darauf, was die Folgen für ihn sein konnten. So hatte er einmal aud dem großmütterlichen Gute als zwölfjähriger Junge seine Jagdpassion nicht züglen können. Als er auf der Weistritz keine wilden Enten finden konnte, erlegte er einige zahme, die dann im Entenstall der Großmutter fehlten. Manfred wurde in strenges Verhör genommen, aber das dauerte nur eine halbe Minute. Er kam gar nicht auf den Gedanken, seine Tat leugnen oder gar beschönigen zu wollen. Und die gute Großmutter verzieh von Herzen gern ihrem Enkel, der nicht lügen konnte. Diese ersten “Jagdtrophäen” Manfreds, drei Erpelfedern, hängen noch heute in seiner Stube in Schweidnitz. Die Besucher werden sie nicht ohne Rührung ansehen können. So hat Manfred in seiner Mutter diese Empfindungen und diese Überzeugung von der Wesenart Manfreds in die kurzen Worte zusammenzufassen: “Er stand fest, whohin er gestellt war.” Dieser Glaube an eigenes Können, gepaart mit innerer Vornehmheit und selbstverständlicher Bescheidenheit, haben, wie ich glaube, menin Bruder im besonderen Maße befähigt, ein wirklicher Führer zu sein. Seine Ulanen, als er Leutnant war, und später alle seine Untergebenen im Jagdgeschwader Richthofen konnten ihm felsenfest vertrauen. Er sagte ihnen keine Schmeicheleien, aber er schützte sie und hielt sein Wort, und Dienen unter ihm wurde erleichtert durch den Frohsinn und die Heiterkeit, ja oftmals durch den Übermut, mit dem er sich auch schwersten Aufgaben gegenüber gewachsen zeigte. Denn in einem war er allen, die ihm im Kriege zu folgen hatten, ein vielleicht beispielloses Vorbild: in der Tapferkeit seines Geistes, in dem absoluten Mangel jeder Furcht, ja in der völligen Unmöglichkeit, sich überhaupt einen Vorgang oder ein bevorstehendes Ereignis vorstellen zu können, das für ihn mit irgendeinem gefühl von Angst verbunden sein könnte.

  17. 2 May 1905
    Władysława Sikorskiego 19, 58-105 Świdnica, Polen
    Swidnica
    Schweidnitz
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1933, Eingeleitet und ergänzt von Bolko Freiherr von Richthofen, mit einem Vorwort von Generalfeldmarschall Hermann Göring, Verlag Ullstein & Co, Berlin

    Die Gefahr unterschätzte er nicht, aber sie spielte in seinem Leben keine Rolle. Das war schon in frühester Jugend der Fall. Im Gutshause sollte es, wie die Mädchen behaupteten, spuken. Oben aud dem Boden hatte sich einmal ein Knecht erhängt, und seitdem gehe es dort um, so erzählte man sich in der Gesindestube. Der dreizehnjährige Manfred wollte diesen Spuk erleben. Er ließ sich genau die Stelle auf dem Boden zeigen, wo das Unglück sich ereignete hatte, und sein Bett auf die Stelle tragen, un zu schlafen. Meine Mutter kannte Manfreds Furchtlosigkeit, aber sie beschloß doch, ihn auf die Probe zu stellen. Sie schlich sich mit meiner Schwester nach oben und begann allmählich Kastanien auf dem Boden entlangzurollen. Zunächst schlief Manfred ganz fest. Aber das Gepolter wurde verstärkt. Dann wachte er plötzlich auf, sprang auf, ergriff einen Knüppel und stürzte auf die Ruhestörer los. Meine Mutter mußte schnell Licht machen, sonst wäre es ihr übel ergangen. Aber bei Manfred war von Angst keine Spur. Und das hat sich nicht geändert bis zu seinem letzten Flug, von dem er nicht mehr lebend zu seinem Geschwader und zu den Seinen zurückkehren sollte.

  18. 1 January 1909
    1909-1911
    Hauptkadettenanstalt Lichterfelde
    Lichterfelde
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    In Lichterfelde gefiel es mir schon bedeutend besser. Man war nicht mehr so abgeschnitten von der Welt und fing auch schon an, etwas mehr als Mensch zu leben. Meine schönsten Erinnerungen aus Lichterfelde sind die grossen Korsowettspiele, bei denen ich sehr viel mit und gegen den Prinzen Friedrich Karl gefochten habe. Der Prinz erwarb sich damals so manchen ersten Preis. So im Wettlauf, Fussballspiel usw. gegen mich, der ich meinen Körper doch nicht so in der Vollendung trainiert hatte wie er.

  19. 27 December 1910
    Jordanow Slaski
    Feldmark Jordansmühl
    Richthofen, der beste Jagdflieger des großen Krieges, Italiaander, A. Weichert Verlag, Berlin, 1938

    Dem königl. preuß. Kadetten Herrn Manfred Freiherr von Richthofen wird hierdurch der Wahrheit gemäß bescheinigt, daß selbiger in Gegenwart von über 100 – meist einwandfreier – Zeugen 20 Hasen und 1 Fasan (männlichen Geschlechts) am heutigen Tage auf der Feldmark Jordansmühl eigenhänidg erlegte und zur Strecke brachte. Die Richtigkeit bescheinigen (es folgen viele Namen).

  20. 17 April 1911
    Ostern 1911
    Ulanen-Regiment „Kaiser Alexander III. von Rußland“ (Westpreußisches) Nr. 1
    Milicz
    Militsch
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Natürlich konnte ich es kaum erwarten, in die Armee eingestellt zu werden. Ich ging deshalb bereits nach meinem Fähnrichexamen in die Front und kam zum Ulanenregiment Nr. 1 ‘Kaiser Alexander III’. Ich hatte mir dieses Regiment ausgesucht; es lag in meinem lieben Schlesien, auch hatte ich da einige Bekannte und Verwandte, die mir sehr dazu rieten.Der Dienst bei meinem Regiment gefiel mir ganz kolossal. Es ist eben doch das schönste für einen jungen Soldaten, ‘Kavallerist’ zu sein. Über meine Kriegschulzeit kann ich eigentlich wenig sagen. Sie erinnerte mich zu sehr an das Kadettenkorps und ist mir infolgedessen in nicht allzu angenehmer Erinnerung. Eine spassige Sache erlebte ich. Einer meiner Kriegschullehrer kaufte sich eine ganz nette dicke Stute. Der einzige Fehler war, sie war schon etwas alt. Er kaufte sie für fünfzehn Jahre. Sie hatte etwas dicke Beine. Sonst aber sprang sie ganz vortrefflich. Ich habe sie oft geritten. Sie ging unter dem Namen ‘Biffy’.

  21. 18 April 1911
    exact date?
    Ostrowo
    Ostrowo
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Eine Erinnerung kam auf mich zu. Schon als Manfred in Danzig die Kriegsschule besuchte, hatte er in Ostpreusen gejagt.Damals geschah etwas, was mich in Aufregung versetzte. Sein Jagdherr hatte ihm abends das Revier gezeigt, in dem er am nächsten Morgen einen Bock schießen sollte. Ob man ihm einen Jäger mitgeben solle? Nein, danke, er – Manfred – würde den Pirschpfad allein finden. Am nächsten Morgen ist es stockdunkel. Manfred verfehlt in die Dunkelheit die Richtung. In dem großen Forst hat er sich total verlaufen. Endlich gelangt er an ein Gehöft, das einsam am Walde liegt. Hier muß er sich nach dem Weg erkundigen. Die Bewohner liegen noch im tiefen Schlaf, kein Rauch kräuelt sich über dem moosbedeckten Dach. Manfred klopft an ein Fenster, die Hunde schlagen an. Es öffnet sich plötzlich ein Tor, im selben Augenblick krachen zwei Schüsse. Die groben Schrote prasseln un die Ohren. Man hatte ihn für einen Einbrecher gehalten. Zum Glück war der Irrtum bald aufgeklärt. Man zeigte nun dem fremden Jäger freundlich den Weg, und zum Frühstück war der Bock zur Stelle.

  22. 17 April 1912
    Etwa ein Jahr später
    Ulanen-Regiment „Kaiser Alexander III. von Rußland“ (Westpreußisches) Nr. 1
    Milicz
    Militsch
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Etwa ein Jahr später beim Regiment erzählte mir mein Rittmeister v. Tr., der sehr sportliebend war, er habe sich ein ganz klobiges Springpferd gekauft. Wir waren alle sehr gespannt aud den ‘klobigen Springer’, der den seltenen Namen ‘Biffy’ trug. Ich dachte nicht mehr an die alte Stute meines Kriegschullehrers. Eines schönen Tages kommt das Wundertier an, und nun soll man sich das Erstaunen vorstellen, dass die gute alte ‘Biffy’ als achtjährig in dem Stall v. Tr.s sich wieder einfand. Sie hatte inzwischen einige Male den Besitzer gewechselt und war im Preise sehr gestiegen. Mein Kriegschullehrer hatte sie für Fünfzehnhundert Mark gekauft, und v. Tr. hatte sie nach einem Jahre als achtjärig für dreitausendfünfhundert Mark erworben. Gewonnen hat sie keine Springkonkurrenz mehr, aber sie hat wieder einen Abnehmer gefunden – und ist gleich zu Beginn des Krieges gefallen.

  23. 19 November 1912
    Ostrowo
    Ostrowo
    https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_victories_of_Manfred_von_Richthofen

    MvR appointed Leutnant and in the 3rd squadron in Ostrowo

  24. 19 November 1912
    Herbst 1912
    Ostrowo
    Ostrowo
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Endlich bekam ich die Epaulettes. So ungefähr das stolzeste Gefühl, was ich je gehabt habe, mit einem Male ‘Herr Leutnant’ angeredet zu werden. Mein Vater kaufte mir eine sehr schöne Stute, ‘Santuzza’ genannt. Sie war das reinste Wundertier und unverwüstlich. Ging vor dem Zuge wie ein Lamm. Allmählich entdeckte ich in ihr ein grosses Springvermögen. Sofort war ich dazu entschlossen, aus der guten braven Stute ein Springpferd zu machen. Sie sprang ganz fabelhaft. Ein Koppelrick von einem Meter sechzig Zentimeter habe ich mit ihr selbst gesprungen. Ich fand grosse Unterstützung und viel Verständnis bei meinem Kameraden von Wedel, der mit seinem Chargenpferd ‘Fandango’ so manchen schönen Preis davongetragen hatte. So trainierten wir beide für eine Springkonkurrenz und einen Geländeritt in Breslau. ‘Fandango’ machte sich glänzend, ‘Santuzza’ gab sich grosse Mühe und leistete auch Gutes. Ich hatte Aussichten, etwas mit ihr zu schaffen. Am Tage, bevor sie verladen wurde, konnte ich es mir nicht verkneifen, nochmals alle Hindernisse in unserem Springgarten mit ihr zu nehmen. Dabei schlitterten wir hin. ‘Santuzza’ quetschte sich etwas ihre Schulter, und ich knaxte mir mein Schlüsselbein an. Von meiner guten dicken Stute ‘Santuzza’ verlangte ich im Training auch Leistungen auf Geschwindigkeit und war sehr erstaunt, als von Wedels Vollblüter sie schlug. Ein andermal hatte ich das Glück, bei der Olympiade in Breslau einen sehr schönen Fuchs zu reiten. Der Geländeritt fing an, und mein Wallach war im zweiten Drittel noch ganz und munter, so dass ich Aussichten auf Erfolg hatte. Da kommt das letzte Hindernis. Ich sah schon vom weitem, dass dies etwa ganz Besonderes sein musste, da sich eine Unmenge Volks dort angesammelt hatte. Ich dachte mir:”Nur Mut, die Sache wird schon schief gehen!” und kam in winderder Fahrt den Damm heraufgesaust, auf dem ein Koppelrick stand. Das Publikum winkte mir immer zu, ich sollte nicht so schnell reiten, aber ich sah und hörte nichts mehr. Mein Fuchs nimmt das Koppelrick oben auf dem Damm, und zu meinem grössten Erstaunen geht’s auf der anderen Seite in die Weistritz. Ehe ich mich versah, springt das Tier in einem Riesensatz den Abhang herunter, und Ross und Reiter verschwinden in den Fluten. Natürlich gingen wir ‘über Kopf’. ‘Felix’ kam auf dieser Seite raus und Manfred auf der anderen. Beim Zurückwiegen nach Schluss des Geländerittes stellte man mit grossen Erstaunen fest, dass ich nicht die üblichen zwei Pfund abgenommen hatte, sondern zehn Pfund schwerer geworden war. Dass ich glitschenass war, sah man mir Gott sei Dank nicht an. Ich besass auch einen sehr guten Charger, und dieses Unglückstier musste alles machen. Rennen laufen, Geländeritte, Springkonkurrenzen, vor dem Zuge gehen, kurz und gut, es gab keine Übung, in der das gute Tier nicht ausgebildet war. Das war meine brave ‘Blume’. Auf ihr hatte ich sehr nette Erfolge. Mein Letzter ist der im Kaiserpreis-Ritt 1913. Ich war der einzige, der die Geländestrecke ohne Fehler überwunden hatte. Mir passierte dabei eine Sache, die nicht so leicht nachgemacht werden wird. Ich galoppierte über eine Heide und stand plötzlich Kopf. Das Pferd war in ein Karnichelloch getreten, und ich hatte mir beim Sturz das Schlüsselbein gebrochen. Damit war ich noch siebzig Kilometer geritten, hatte dabei keinen Fehler gemacht und die Zeit innegehalten.

  25. 20 November 1912
    Ostrowo
    Ostrowo
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1933, Eingeleitet und ergänzt von Bolko Freiherr von Richthofen, mit einem Vorwort von Generalfeldmarschall Hermann Göring, Verlag Ullstein & Co, Berlin

    Als Manfred beim Ulanenregiment Nr. 1, Kaiser Alexander III., als Fahnjunker eingestellt war, ergriff ihn noch mehre, als das bisher der Fall gewesen war, die Leidenschaft für den Pferdensport. Nachdem er das Offizierspatent erhalten hatte, kaufte ihm unser Vater eine sehr schöne Stute. Auch mir gegenüber hat Manfred dies Pferd oft als ein wahres Wundertier und als unverwüstlich gerühmt. Sie ging vor seinem Zuge wie ein Lamm, und dabei sprang sie immerhin einen Meter sechzig.

  26. 1 May 1913
    Wroclaw
    Breslau
    Manfred von Richthofen, The man and the aircraft he flew, David Baker, 1990, Outline Press
  27. 1 May 1913
    Wroclaw
    Breslau
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1933, Eingeleitet und ergänzt von Bolko Freiherr von Richthofen, mit einem Vorwort von Generalfeldmarschall Hermann Göring, Verlag Ullstein & Co, Berlin

    Manfred hat so bei Springkonkurrenzen und Geländeritten viele schöne Preise erworben. Zuletzt noch im Kaiserpreisritt 1913.

  28. 1 July 1914
    Kriegsausbruch
    Zehn kilometer von der Grenze entfernt
    Ostrow
    Ostrovo
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    In allen Zeitungen stand weiter nichts als dicke Romane über den Krieg. Aber seit einigen Monaten war man ja schon an das Kriegsgeheul gewöhnt. Wir hatten schon so oft unseren Dienstkoffer gepackt, dass man es schon langweilig fand und nicht mehr an einen Krieg glaubte. Am wenigsten aber glaubten wir an einen Krieg, die wir die ersten an der Grenze waren, das ‘Auge der Armee’, wie seinerzeit mein Kommandierender uns Kavalleriepatrouillen bezeichnet hatte. Am vorabend der erhöhten Kriegsbereitschaft saßen wir bei der detachierten Schwadron, zehn Kilometer von der Grenze entfernt, in unserem Kasino, aßen Austern, tranken Sekt und spielten ein wenig. Wir waren sehr vergnügt. Wie gesagt, an einen Krieg dachte keiner. Wedels Mutter hatte uns zwar schon einige Tage zuvor etwas stutzig gemacht; sie war nämlich aus Pommern erschienen, um ihren Sohn vor dem Kriege noch einmal zu sehen. Da sie uns in angenehmster Stimmung fand und feststellen musste, dass wir nicht an Krieg dachten, konnte sie nicht umhin, uns zu einem anständigen Frühstück einzuladen. Wir waren gerade sehr ausgelassen, als sich plötzlich die Tür öffnete und Graf Kospoth, der Landrat von Öls, auf der Schwelle stand. Der Graf machte ein entgeistertes Gesicht. Wir begrüßten den alten Bekannten mit einem Hallo! Er erklärte uns den Zweck seiner Reise, nämlich, dass er sich an der Grenze persönlich überzeugen wolle, was von den Gerüchten von dem nahen Weltkrieg stimme. Er nahm ganz richtig an, die an der Grenze müßten es eigentlich am ehesten wissen. Nun war er ob des Friedensbildes nicht wenig erstaunt. Durch ihn erfuhren wir, dass sämtliche Brücken Schlesiens bewacht wurden und man bereits an die Befestigung von einzeln Plätzen dachte. Schnell überzeugten wir ihn, dass ein Krieg ausgesclossen sei, und feierten weiter. Am nächsten Tage rückten wir ins Feld.

  29. 28 July 1914
    Kriegsausbruch
    Near Kielcze, near Kalisch?
    Kalisz
    Kalisch
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Das Wort ‘Krieg’ war uns Grenzkavalleristen zwar geläufig. Jeder wusste haarklein, was er zu tun und zu lassen hatte. Keiner hatte aber so eine rechte Vorstellung, was sich nun zunächst abspielen würde. Jeder aktive Soldat war selig, nun endlich seine Persönlichkeit und sein Können zeigen zu dürfen. Uns jungen Kavallerieleutnants war wohl die interessanteste Tätigkeit zugedacht: aufklären, in den Rücken des Feindes gelangen, wichtige Anlagen zerstören; alles Aufgaben; die einen ganzen Kerl verlangen. Meinen Auftrag in der Tasche, von dessen Wichtigkeit ich mich durch langes Studium schon seit einem Jahre überzeugt hatte, ritt ich nachts um zwölf Uhr an der Spitze meiner Patrouille zum erstenmal gegen den Feind.Die Grenze bildete ein Fluss, und ich konnte erwarten, dass ich dort zum erstenmal Feuer bekommen würde. Ich war ganz erstaunt, wie ich ohne Zwischenfall die Brücke passieren konnte. Ohne weitere Ereignisse erreichten wir den mir von Grenzritten her wohlbekannten Kirchturm des Dorfes Kielcze am nächsten Morgen. Ohne von einem Gegner etwas gemerkt zu haben oder vielmehr besser ohne selbst bemerkt worden zu sein, war alles verlaufen. Wie sollte ich es anstellen, dass much die Dorfbewohner nicht bemerkten? Mein erster Gedanke war, den Popen hinter Schloss und Riegel zu setzen. So holten wir den volkommen überraschten und höchst verdutzten Mann aus seinem Hause. Ich sperrte ihn zunächst mal auf dem Kirchturm ins Glockenhaus ein, nahm die Leiter weg und liess ihn oben sitzen. Ich versicherte ihm, dass wenn auch nur das geringste feindselige Verhalten der Bevölkerung sich bemerkbar machen sollte, er sofort ein Kind des Todes sein würde. Ein Posten hielt Ausschau vom Turm und beobachtete die Gegend. Ich hatte täglich durch Patrouillenreiter Meldungen zu schicken. So löste sich bald mein kleines Häuflein an Meldereitern auf, so dass ich schliesslich den letzten Melderitt als überbringer selbst übernehmen musste. Bis zur fünften Nacht war alles ruhig geblieben. In dieser kam plötzlich der Posten zu mir zum Kirchturm gelaufen – den in dessen Nähe hatte ich meine Pferde hingestellt – und rief mir zu: “Kosaken sind da!”. Es war pechfinster, etwas Regen, keine Sterne. Man sah die Hand nicht vor den Augen. Wir Führten die Pferde durch eine schon vorher vorsichtshalber durch die Kirchhofsmauer geschlagene Bresche auf das freie Feld. Dort war man infolge der Dunkelheit nach fünfzig Metern in volständiger Sicherheit. Ich selbst ging mit dem Posten, den Karabiner in der Hand, nach bezeichneten Stelle, wo die Kosaken sein sollten. Ich schlich an der Kirchhofsmauer entlang und kam an die Strasse. Da wurde mir doch etwas anders zumute, denn der ganze Dorfausgang wimmelte von Kosaken. Ich guckte über die Mauer, hinter der die Kerle ihre Pferde stehen hatten. Die meisten hatten Blendlaternen und benahmen sich sehr unvorsichtig und laut. Ich schätzte sie auf etwa zwanzig bis dreissig. Einer war abgesessen und zum Popen gegangen, den ich am Tage vorher aus der Haft entlassen hatte. Natürlich Verrat! zuckte es mir durchs Gehirn. Also doppelt aufpassen. Auf einen Kampf konnte ich es nicht mehr ankommen lassen, denn mehr als zwei Karabiner hatte ich nicht zur Verfügung. Also spielte ich ‘Räuber und Gendarm’. Nach einegen Stunden Rast ritten die Besucher wieder von dannen. Am nächsten Morgen zog ich es vor, jetzt aber doch einen kleinen Quartierwechsel vorzunehmen. Am siebenten Tage war ich wieder in meiner Garnison und wurde von jedem Menschen angestarrt, als sei ich ein Gespenst. Das kam nicht etwa wegen meines unrasierten Gesichts, sondern vielmehr weil sich Gerüchte verbreitert hatten, Wedel und ich seien bei Kalisch gefallen. Man wusste Ort, Zeit und nähere Umstände so haargenau zu erzählen, dass sich das Gerücht schon in ganz Schlesien verbreitet hatte. Selbst meiner Mutter hatte man bereits Kondolenzbesuche gemacht. Es fehlte nur noch, dass eine Todesanzeige in der Zeitung stand. Eine komische Geschichte ereignete sich zur selben Zeit. Ein Pferdedoktor bekam den Auftrag, mit zehn Ulanen Pferde aus einem Gehöft zu requirieren. Es lag etwas abseits, etwa drei Kilometer. Ganz erregt kam er von seinem Auftrag zurück und berichtete selber folgendes: “Ich reite über ein Stoppelfeld, auf dem die Puppen stehen, worauf ich plötzlich in einiger Entfernung feindliche Infanterie erkenne. Kurz entschlossen ziehe ich den Säbel, rufe meinen Ulanen zu: “Lanze gefällt, zur Attacke, marsch, marsch, hurra! Den Leuten macht es Spass, es beginnt ein wildes Hetzen über die Stoppeln. Die feindliche Infanterie entpuppt sich aber als ein Rudel Rehe, die ich in meiner Kurzsichtigkeit verkannt habe.” Noch lange hatte der tüchtige Herr unter seiner Attacke zu leiden.

  30. 28 July 1914
    Near Kielcze, near Kalisch?
    Kalisz
    Kalisch
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1933, Eingeleitet und ergänzt von Bolko Freiherr von Richthofen, mit einem Vorwort von Generalfeldmarschall Hermann Göring, Verlag Ullstein & Co, Berlin

    Sein Ehrgeiz ging dahin, auch große Rennen in Breslau und in der Reichshauptstadt zu reiten. Zu diesen Zwecke hatte er einen Vollblüter, der auf den Namen Antithesis hörte, erworben. Aber an dem gleichen Tage, an dem das erste Rennen mit seinem Pferde gelaufen werden sollte, ritt er mit ihm über die russische Grenze. Er hätte gewiß manches Pferd in manchem Rennen zum Siege geritten.

  31. 31 July 1914
    Ende Juli 1914
    Zoppot
    Sopot
    Zoppot
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Es war ein Sommertag, so schön er sein konnte. Starke Sonne lag über dem Wasser. Von der Terrasse des Strandhotels, über die brennendroten Geranien hinweg, blickten wir auf das tiefblaue Meer. Unsere Augen folgten den Seglern, die wie weisse Schatten vorüberglitten. Der Wind trug die Klänge der Kurkapelle heran. Wir waren sehr schweigsam geworden. Ich fand mich in einer seltsam beklemmenden Stimmung, wie an der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit. Gewiss, da waren die schlanken Gestalten der beiden Kriegsschüler vor mir, ihre knabenhaften, gebräunten Gesichter unter der helleren Stirn, in denen doch schon frühe Männlichkeit lag – da war Ilses helle, blühende Erscheinung in sommerlichen Weiss; aber auch ihre herzhafte, immer lachende Munterkeit was verstummt – da auf dem Stuhl, der dicht an den Tisch gezogen war, saß Bolko, der Jungste, und hatte den Nutzung davon, daß wir Erwachsene nicht von der Torte und dem Kuchen aßen…Ich nahm dieses Bild in mich auf und blickte wieder aufs Wasser, über dem die schmalen Segel schwankten, und in den Glast des Himmels und dachte, es könne nicht sein, daß dieses Bild trügerisch ist und daß es sich auslöfen würde in nichts vor dem, das jetzt kam, vor dem Großen Unbekannten, das sich, keiner wüßte wie, durch aller Mund ankündigte: Krieg…! Gottfried, der Neffe, blickte geradeaus, kühl und sachlich, als stände er beim Appell. Er sagte ganz unerwartet: “Zwei Paar wollene Strümpfe muß man mitnehmen”, und er nannte dies und das genau nach der Vorschrift, was zur Ausrüstung gehörte, wenn ein junger Soldat ins Feld zieht. Dieser kindhafte soldatische Eifer machte mich lächeln bei all dem Zwiespalt meiner Gefühle. Ich suchte in meines Sohnes Mienen zu lesen, Lothar aber wandte das schmale Gesicht mit den sehr dunklen Brauen, die über der Nase zusammengewachsen waren. Er mochte jetzt nicht sprechen, nur in seinen bronzefarbenen Augen blickte zuweilen etwas auf von der starken Erregung, die in ihm arbeitete. Sicherlich war sein ganzes Wesen erfaßt, das sonst zur Lebensfreude geschaffen schien. Aber er blickte weg, er wollte nicht, daß ich sah, was er empfand und dachte. Einzig Bolko – blonde, rosige, Kindheit in einem weißen Matrosenanzug – fuhr fort, von den Leckereien zu schmausen, die ihm diese Stunde bescherte, bei dem das Große Unbekannte uns alles abräumte, was vorher an Genuß und Sorglosigkeit gewesen war…Sollten wir abreisen? Manche Badegäste hatten schon – wie es schien, in unnötiger Eile – Zoppot verlassen. Auch für uns war ein Entschluß nötig, ich fühlte das. Wenn einer jetzt raten könnte! “Du solltest Manfred Fragen.” Lothar hatte es gesagt. Und gewiß, er hatte recht. Ich sah das ruhige, fast gleichmütige Gesicht meines Ältesten vor mir. Ich spürte die Sicherheit, die von ihm ausging. Ich erinnerte mich, wie sehr es mir Bedürfnis geworden war, alle Dinge von Wichtigkeit mit ihm zu bereden, und wie er stets mit einer Vernunft, die mit seiner Jugend kaum in Einklang stand, auch in schwierigen Fragen das Wesentliche zu sagen und zu raten wußte. “Telegrafiere ihm doch!” Lothar hatte recht, zumal Manfred bei der detachierten Schwadron an der Grenze stand, in Ostrowo, und am ehesten Wind von den Ereignissen haben mußte. Ich schrieb einige Worte auf ein Blatt und gab das Telegramm zur Beförderung. Die beiden jungen Soldaten tauschten einen Blick und erhoben sich gleichzeitig. Die Stunde der Trennung war da. Wir gingen aus die Strandpromenade. Viele Menschen waren dort, und ihre Mienen waren verändert. Eine fiebrige, aufs höchste gespannte Erwartung vibrierte in ihnen. War ses das Große Unbekannte? Ein tiefes Summen, wie ich es vorher nie gehört hatte, ging durch alle hin. Die Kapelle strahlte in patriotischen Liedern. Immer wieder wurde sie augerufen, davon zu spielen. Es war schwer, sich dieser Stimmung zu entziehen. Mit genauer Mühe gelangten wir ins Hotel. Da traf schon Manfreds Antwort ein:”Rate Euch umgebend abzureisen.” Nun war alles klar, wir packten. Das Telefon ging. Lothars Stimme meldete sich aus Danzig. Und nun das: “Lebewohl…auf Wiedersehen…liebe Mutter…” Lange noch schwangen diese Worte in mir nach. Am Freitag, dem 31. Juli 1914, in aller Frühe reisten wir von Zoppot nach Schweidnitz.

  32. 1 August 1914
    Anfang August 1914
    Near Kielcze, near Kalisch?
    Kalisz
    Kalisch
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Gottlob, daß diese Reise hinter uns liegt. Das Gedränge auf dem Bahnhof war lebensgefährlich, der Zug unvorstellbar überfüllt. Wir sprangen mit mehr Verzweiflung als Mut – und natürlich verbotenerweise – in den abfahrenden Zug und gensossen so daß Glück, mitgenommen zu werden. Unser Triump war volkommen, als wir schließlich drei Plätze im Speisewagen eroberten. Der Zug fuhr sehr langsam, fast schleppend. Alle Brücken waren militärisch bewacht, die erste vage Ahnung von Krieg. Breslau! Von hier aus weiter nach Schweidnitz – ohne Fahrkarte, ohne Gepäck. Erschöpft langten wir vor unserem Hause an. Draußen, unter den hohen Bäumen vor dem Tor, ging mein Mann mit schweren Schritten auf uns ab. “Wir kommen zurück – weil es Krieg gibt.” “Krieg?” Nein, an den glaubte ich nicht. Wer könnte denn solche Verantwortung auf sich laden?”.

  33. Richthofen, der beste Jagdflieger des großen Krieges, Italiaander, A. Weichert Verlag, Berlin, 1938

    ‘Ostrowo, 2. August 1914. Dieses seien in großer Eile meine letzten Zeilen. Seid recht herzlich gegrüßt. Sollten wir uns nicht mehr wiedersehen, so habt meinen allerherzlichsten Dank für alles, was Ihr an mir getan habt. Schulden habe ich nicht, sogar noch einige Hundert Mark mehr, die ich mit aber mitnehme. Es umarmt jeden einzelnen Euer dankbarer und gehorsamer Sohn und Bruder – Manfred.’

  34. 2 August 1914
    Anfang August 1914
    Near Kielcze, near Kalisch?
    Kalisz
    Kalisch
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Am 2. August folgte bereits dem Mobilmachungsbefehl die Kriegserklärung. Lothar kam aus Danzig von der Kriegsschule zu seinem Regiment, den 4. Dragonern nach Lüben zurück. Und Manfred? Während hier die Garnison in einer unerwarteten Fûlle von Menschen ein fieberhaft bewegtes Bild bot und die Gedanken noch schwirrten, was werden würde, ritt er als junger Ulanenleutnant gegen den Feind im Osten. Und unter ihm ging “Antithesis”, der englische Vollblüter, den ich ihm, dem gutverlanlagten passionierten Reiter, geschenkt hatte. An dem gleichen Tage, da es ihn in Posen auf der Rennbahn zum Siege tragen sollte, trug es ihn über die Grenze – auf Patrouille gegen Rußland.

  35. 3 August 1914
    Anfang August 1914
    Near Kielcze, near Kalisch?
    Kalisz
    Kalisch
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Am 3. August erfuhren wir bereits, daß das Ulanenregiment 1 und das Infanterieregiment 155 Kalisch besezt hatten. Der erste Waffengang – der erste Erfolg. Und: Manfred ist dabeigewesen. Bei aller Sorge doch ein stolzes Gefühl.

  36. 5 August 1914
    Kielce
    Schelmce
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Manfred schrieb aus Schelmce, jenseits der Grenze. Der Brief war vom 5. August datiert, dem Tage also, als uns der Gottesdienst auf dem kleinen Exerzierplatz vereinigte und ich um ihn bangte. Während wir standen und sangen, schrieb er wohl diesen Gruß an die Heimat in irgendeiner Waldlichtung südwestlich von Kalisch, bei dem fernen Grollen der Kanonen, noch müde von der nächtlichen Patrouille, die nun schon seine dritte ist. Sechs Mann nur gehören noch zu dem kleinen Reitertrupp, der sich dicht an den Feind angehängt hat. Verwundet ist noch keiner von ihnen, gottlob. Aber es wird nun wohl bald anders werden. Wen ich diesen Brief erhalte, so schreibt Manfred, ist er vielleicht schon auf dem Abtransport nach dem Westen. Von dem Wege nach dort schrieb auch Lothar schon eine Karte aus Traben. Von keinem der beiden Söhne haben wir richtig Abschied nehmen können. Das stimmt ein wenig traurig. Aber wie vielen Müttern wird es so gehen!

  37. 5 August 1914
    südwestlich Kalisz
    Kalisz
    Kalisch
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!
    Wie mag es euch in diesen bewegten Zeiten ergehen? In Schweidnitz seid ihr ja ganz gewiß am sichersten. Ich bin nun schon die dritte Nacht in Rußland auf Patrouille. Vor mir sind keine deutschen Truppen, ich bin also am weitesten vorgeschoben. Man verroht mit Windeseile. Daß ich meine Sachen schon seit vier Tagen nicht mehr auszog und mich seit der Kriegerklärung nicht mehr wusch, finde ich schon ganz in der Ordnung. Schlafen tue ich mit meinen sechs Mann nur sehr wenig – natürlich nur unter freiem Himmel. Die Nächte sind ganz schön warm, aber heute, im Regen draußen, war’s weniger amüsant. Zu essen gibt es wenig; nur mit Gewalt bekommt man etwas. Von meinen Leuten ist noch keiner verwundet. Wenn dich dieser Brief trifft, bin ich vielleicht schon an der französischen Grenze. Eben donnerten wieder aus Richtung Kalisch die Kanonen, muß man mal sehen, was los ist. Herzlichen Gruß sendet euch allen aus dem nahen Rußland

    Euer Manfred.

  38. 8 August 1914
    Ostrowo
    Ostrowo
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Heute war Ilses Geburtstag. Wir haben ihn nicht gefeiert (wer hätte jetzt Sinn dafür!). Wir nutzten den Tag, ihre Kleider zu nähen, die sie als Pflegerin vom Roten Kreuz braucht. Die Gesellschaftskleider wurden in Koffer verpacktn sie haben in dieser Zeit nichts zu suchen. Ilse will unbedingt zufassen, wo es nur geht, das liegt so in ihrer tätigen frohen Natur. Wenn es ernst und hart wird, werden wir solche kameradschaftlichen Menschen brauchen. Es ist überhaupt schön zu beobachten, wieviel guter Wille und Tatbereitschaft in unseren Frauen steckt. Jede möchte nach ihren Kräften etwas beitragen zum Gelingen der großen Sache. Viele Frauen und junge Mädchen gehen zu allen durchfahrenden Militärzügen nach dem Bahnhof, um die Soldaten zu stärken, Semmeln, Wurst, Zigaretten, Malzbier und Postkarten werden verteilt.Des Guten wird fast zuviel getan. Als ich das letztemal auf dem Bahnhof stand, waren die Soldaten schon so satt, daß man ihnen Eßbares förmlich aufdrängen mußte. Nur für Zigaretten und Bier bestand unentwegt Nachfrage. Man ist geradezu dankbar, wenn die Feldgrauen einen Wunsch äußern, den man ihnen erfüllen kann. Sie sollen doch das Bewußtsein haben, daß die Heimat ihnen aus vollem Herzen alles Gute erweisen möchte, ehe sie vielleicht die schrecklichsten Strapazen erleiden müssen. Die Garnison ist jetzt von ihren aktiven Truppen entblößt. Auch die 10. Grenadiere und das Artillerieregiment 42 sind abgerückt. Wie es hieß, nach dem Westen. Dennoch bietet die Stadt ein bewegtes, interessantes Bild. Statt der gewohnten straffen soldatischen Erscheinungen sieht man jetzt andere Gesichter, einzelne erst und dann viele, viele. Die Freiwilligen sind auf den Plan getreten. Ich war sehr gerürht, als ich vom Fenster beobachtete, wie sie singend durch die Straßen marschierten; manche erschienen mir noch wie Knaben, sie waren in die Uniformen noch nicht recht hineingewachsen, sie waren dem Elternhaus noch nicht entwöhnt. In ihren Augen jedoch und in der Art, wie sie singend marschierten, etwas schlenkrig, aber mit großem Schneid, war echte schöne Begeisterung. – Auch unser kleiner Diener Gustav Mohaupt ist zu den Fahnen geeilt und schreibt, wie glücklich er ist, bei den Jägern in Hirschberg angekommen zu sein. Wir leben still und lauschen gespannt auf jede Nachricht vom Kriegsschauplatz. Die Einnahme von Lüttich weckte großen Jubel. Eine nicht zweifelsfreie Sensation erregten die Zeitungen durch ihre Mitteilungen, geheimnisvolle Goldautos seien von Frankreich nach Rußland unterwegs. Dieser Millardenschatz auf Rädern wurde langsam zur Landplage. Straßen wurden gesperrt, Posten oder Feuerwehrleute hielten jedes Auto an. Hier und da knallte es sinnlos und leider nicht ganz unblutig. Etliche zehn Tage währte es, bis die Psychose verschwunden war. Statt ihrer zeigen sich die Brückenwachen von wachsender Nervosität befallen. Fast jede Nacht hört man Schießen. Underntags durchlaufen die unkontrollierbarsten Gerüchte die Stadt. Gestern war ein heimliches Liebespaar, das vielleicht in gänzlicher Verblendung die Brückenvorschriften übersehen hatte, das Opfer des Reglements. “Er” trug einen gehörigen Schrecken, “sie” einen leichten Armschuß davon. Es lief alles nog glimpflich ab. Von Manfred kamen 700 Mark an. Ich soll sie ihm aufbewahren. Er ließe keine Schulden hinter sich – so schreibt er -, sondern er habe noch einiges gespart. Das ist ganz sein Art. Sein äußeren und inneren Verhältnisse sind stets in einem Stande, daß er jede Stunde Rechenschaft ablegen kann. Er ist immer klar, geordnet und bereit.

  39. 13 August 1914
    wir hatten erst acht Tage Krieg
    near Diedenhofen (Thionville)
    Bouzonville
    Busendorf
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Nach Frankreich. In meinem Garnisonort wurden wir nun verladen. Wohin? – Keine Ahnung, ob West, Ost, Süd, Nord. Gemunkelt wurde viel, meistens aber vorbei. Aber in diesem Fall hatten wir wohl den richtigen Riecher: Westen. Uns stand zu viert ein Abteil zweiter Klasse zur Verfügung. Man musste sich auf eine lange Bahnfahrt verproviantieren. Getränke fehlten natürlich nicht. Aber schon am ersten Tage merkten wir, dass so ein Abteil zweiter Klasse doch verflucht eng ist für vier kriegsstarke Jünglinge, und so zogen wir denn vor, uns etwas mehr zu verteilen. Ich richtete mir die eine Hälfte eines Packwagens zur Wohn- und Schlafstätte ein und hatte damit ganz entschieden etwas Gutes getan. Ich hatte Luft, Licht usw. Stroh hatte ich mir in einer Station verschafft, die Zeltbahn wurde darauf gedeckt. Ich schlief in meinem Schlafwagen so fest, als läge ich in Ostrowo in meinem Familiebett. Die Fahrt ging Tag und Nacht, erst durch ganz Schlesien, Sachsen, immer mehr gen Westen. Wir hatten scheinbar Richtung Metz; selbst der Transportführer wusste nicht wo es hinging. Auf jeder Station, auch da, wo wir nicht hielten, stand ein Meer von Menschen, die uns mit Hurra und Blumen überschütteten. Eine wilde Kriegsbegeisterung lag im deutschen Volk; das merkte man. Die Ulanen wurden besonders angestaunt. Der Zug, der vorher durch die Station geeilt war, mochte wohl verbreitet haben, dass wir bereits amFeinde gewesen waren – undwir hatten erst acht Tage Krieg.Auch hatte im ersten Heeresbericht bereits mein Regiment Erwähnung gefunden.Ulanenregiment 1 und das Infanterieregiment 155 eroberten Kalisch. Wir waren also die gefeierten Helden und kamen uns auch ganz als solche vor. Wedel hatte ein Kosakenschwert gefunden und zeigte dies den erstaunten Mädchen. Das machte grossen Eindruck. Wir behaupteten natürlich, es klebte Blut daran, und dichteten dem friedlichen Schwert eines Gendarmeriehäuptlings ein ganz ungeheures Märchen an. Man war doch schrecklich ausgelassen. Bis wir schliesslich in Busendorf bei Diedenhofen ausgeladen wurden. Kurz bevor der Zug ankam, hielten wir in einem langen Tunnel. Ich muss sagen, es ist schon ungemütlich, in einem Tunnel in Friedenszeiten plötzlich zu halten, besonders aber im Kriege. Nun erlaubte sich ein Übermütiger einen Scherz und gab einen Schuss ab. Es dauerte nicht lange, so fing in diesem Tunnel ein wüstes Geschiesse an. Dass keiner verletzt wurde, ist ein Wunder. Was die Ursache dazu war, ist nie herausgekommen.

  40. 14 August 1914
    August 1914?
    near Luxemburg
    Luxemburg
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    In Busendorf wurde ausgeladen. Es war eine derartige Hitze, dass uns die Pferde umzufallen drohten. Die nächsten Tage marschierten wir immer nach Norden, Richtung Luxemburg. Mittlerweile hatte ich herausgekriegt, deass mein Bruder vor etwa acht Tagen dieselbe Strecke mit ein Kavalleriedivision geritten war. Ich konnte ihn sogar noch einmal fährten, gesehen habe ich ihn erst ein Jahr später. In Luxemburg wusste kein Mensch, wie sich dieses Ländchen gegen uns verhielt. Ich weiss noch wie heute, wie ich einen Luxemburger Gendarm von weitem sah, ihn mit meiner Patrouille umzingelte und gefangennehmen wollte. Er versicherte mir, dass, wenn ich ihn nicht umgehend losliesse, er sich beim Deutschen Kaiser beschweren würde.Das sah ich denn auch ein und liess den Helden wieder laufen. So kamen wir durch die Stadt Luxemburg und Esch durch, und man näherte sich jetzt bedenklich den ersten befestigten Städten Belgiens. Auf dem Hinmarsch machte unsere Infanterie, wie überhaupt unsere ganze Division, die reinen Friedensmanöver. Man war schrecklich aufgeregt. Aber so ein Manöver-Vorpostenbild war einem ab und zu ganz bekömmlich. Sonst hätte man ganz bestimmt über die Stränge geschlagen. Rechts und links, auf jeder Strasse, vor und hinter uns marschierten Truppen von verschiedenen Armeekorps. Man hatte das Gefühl eines wüsten Durcheinanders. Plötzlich wurde aus dem Kuddelmuddel ein grossartig funtionierender Aufmarsch. Was unsere Flieger damals leisteten, ahnte ich nicht. Mich versetzte jedenfalls jeder Flieger in einen ganz ungeheuren Schwindel. Ob es ein deutscher war oder ein feindlicher, konnte ich nicht sagen.Ich hatte ja nicht einmal eine Ahnung, dass die deutschen Apparate Kreuze trugen und die feindlichen Kreise. Folglich wurde jeder Flieger unter feuer genommen. Die alten Piloten erzählen heute noch immer, wie peinlich es ihnen gewesen sei, von Freund und Feind gleichmässig beschossen zu werden.

  41. 15 August 1914
    August 1914?
    near Arlon
    Arlon
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Wir marschierten und marschierten, die Patrouillen weit voraus, bis wir eines schönes Tages bei Arlon waren. Es überlief mich ganz spassig den Buckel ‘runter, wie ich zum zweitenmal die Grenze überschritt. Dunkle Gerüchte von Franktireurs und dergleichen waren mir bereits zu Ohren gekommen. Ich hatte einmal den Auftrag, die Verbindung mit meiner Kavalleriedivision aufzunehmen. Ich habe an diesem Tage nicht weniger als hundertundzehn Kilometer mit meiner gesamten Patrouille geritten. Nicht ein Pferd war kaputt, eine glänzende Leistung meiner Tiere. In Arlon bestieg ich nach den Grundsätzen der Taktik des Friedens den Kirchturm, sah natürlich nichts, denn der böse Feind war noch weitab. Man war damals noch ziemlich harmlos. So hatte ich z. B. meine Patrouille vor der Stadt stehenlassen und war ganz allein mit einem Rad mitten durch die Stadt zum Kirchturm gefahren. Wie ich wieder ‘runterkam, stand ich inmitten einer murrenden und murmelnden Menge feindselig blickender Jünglinge. Mein Rad war natürlich geklaut, und ich konnte nun eine halbe Stunde lang zu Fuss laufen. Aber das machte mir Spass. Ich hätte so eine kleine Rauferei ganz gern gemocht. Ich fühlte mich mit meiner Pistole in der Hand ganz kolossal sicher. Die Einwohner hatten sich, wie ich später erfahren habe, sowohl einige Tage vorher gegen unsere Kavallerie als auch später gegen unsere Lazarette sehr aufrührerisch benommen, und man hatte eine ganze Menge dieser herren an die Wand stellen müssen. Am Nachmittag erreichte ich mein Ziel und erfuhr dort, dass drei Tage vorher, ganz in der Gegend von Arlon, mein einziger Vetter Richthofen gefallen war. Ich blieb den Rest des Tages bei der Kavalleriedivision, machte dort noch einen blinden Alarm mit und kam nachts spät bei meinem Regiment an. Man erlebte und sah eben mehr als die anderen, man war eben doch schon mal am Feind gewesen, hatte mit dem Feinde zu tun gehabt, hatte die Spuren des Krieges gesehen und wurde von jedem einer anderen Waffe beneidet. Es war doch zu schön, wohl doch meine schönste Zeit im ganzen Kriege. Den Kriegsanfang möchte ich wieder mal mitmachen.

  42. 16 August 1914
    exact date?
    An der Grenze zu Belgien – Frankreich
    Arlon
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Habe leider selten und dann auch wenig Zeit zum Schreiben. Sorge dich also nicht, wenn Du mal acht bis vierzehn Tage keine Nachricht von mir bekommst. Von Dir habe ich noch keinen Brief erhalten. Erlebt und gesehen habe ich viel. Bei uns Kavallerie hat der Krieg schon manchen Offizier gefordert. Besonders feindlich gegen uns benehmen sich hier die Einwohner. Durch diese kam auch Wolfram ums Leben, Lothar ist auch hier in Belgien.

  43. 19 August 1914
    Aus Frankreich (Virton?)
    Virton
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Liebe Mama, Deinen letzten Brief erhielt ich noch in Ostrowo mit Datum vom 4. August. Die Feldpost scheint nicht besonders zu funktionieren. Ich schreibe Dir fast täglich und hoffe immer, daß die Verbindung von mir zu Dir besser ist als umgekehrt. Wir Ulanen sind leider de Infanterie zugeteilt; ich sage leider denn Lothar hat gewiß schon große Reiterschlachten mitgemacht, wie wir sie kaum liefern werden. Ich werde viel auf Patrouille geschickt und gebe mir große Mühe, mit dem Eisernen Kreuz zurückzukommen. Ich glaube, daß es noch acht bis vierzehn Tage dauert, bis wir eine große Schlacht liefern. “Antithesis” macht sich geradezu großartig. Er ist ausbauernd, eisern, ruhig, springt jedes Koppelrick und macht wirklich alles so, als ob er bisher nichts anderes getan hätte, dabei wird er nicht magerer, sondern dicker.”

  44. 21 August 1914
    21 - 22 August 1914
    Wald bei Virton
    Meix-devant-Virton
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Ich hatte den Auftrag, festzustellen, wie stark die Besetzung eines großen Waldes bei Virton wohl sein mochte. Ich ritt mit fünfzehn Ulanen los und war mir klar: Heute gibt es den ersten Zusammenstoß mit dem Feinde. Mein Auftrag war nicht leicht, denn in so einem Walde kann furchtbar viel stecken, ohne daß man es sieht. Ich kam über eine Höhe. Wenige hundert Schritte vor mir lag ein riesiger Waldkomplex von vielen tausend Morgen. Es war ein schöner Augustmorgen. Der Wald lag so friedlich und ruhig, daß man eigentlich gar keine kriegerischen Gedanken mehr spürte. Jetzt näherte sich die Spitze dem Eingang des Waldes. Durch das Glas konnte man nichts Verdächtiges feststellen, man mußte also heranreiten und abwarten, ob man Feuer bekäme. Die Spitze verschwand im Waldweg. Ich war der nächste, neben mir ritt einer meiner tüchtigsten Ulanen. Am Eingang des Waldes war ein einsames Waldwärterhäuschen. Wir ritten daran vorbei. Mit einemmal fiel ein Schuß aus einem Fenster des Hauses. Gleich darauf noch [32]einer. Am Knall erkannte ich sofort, daß es kein Büchsenschuß war, sondern daß er von einer Flinte herrührte. Zur gleichen Zeit sah ich auch Unordnung in meiner Patrouille und vermutete gleich einen Überfall durch Franktireurs. Von den Pferden ’runter und das Haus umstellen war eins. In einem etwas dunkeln Raum erkannte ich vier bis fünf Burschen mit feindseligen Augen. Eine Flinte war natürlich nicht zu sehen. Meine Wut war groß in diesem Augenblick; aber ich hatte noch nie in meinem Leben einen Menschen getötet, und so muß ich sagen, war mir der Moment äußerst unbehaglich. Eigentlich hätte ich den Franktireur wie ein Stück Vieh ’runterknallen müssen. Er hatte mit dem Schuß eine Ladung Schrot in den Bauch eines meiner Pferde gejagt und einen meiner Ulanen an der Hand verletzt. Mit meinem kümmerlichen Französisch schrie ich die Bande an und drohte, wenn sich der Schuldige nicht umgehend melden würde, sie allesamt über den Haufen zu schießen. Sie merkten, daß es mir Ernst war, und daß ich nicht zaudern würde, meinen Worten die Tat folgen zu lassen. Wie es nun eigentlich kam, weiß ich heute selbst nicht mehr. Jedenfalls waren die Freischützen mit einemmal aus der Hintertür heraus und vom Erdboden verschwunden. Ich schoß noch hinterher, ohne zu treffen. Zum Glück hatte ich das Haus umstellt, so daß sie mir eigentlich nicht entrutschen konnten. [33]Sofort ließ ich das Haus nach ihnen durchstöbern, fand aber keinen mehr. Mochten nun die Posten hinter dem Haus nicht ordentlich aufgepaßt haben, jedenfalls war die ganze Bude leer. Wir fanden noch die Schrotspritze am Fenster stehend und mußten uns auf andere Weise rächen. In fünf Minuten stand das ganze Haus in Flammen. Nach diesem Intermezzo ging es weiter. An frischen Pferdespuren erkannte ich, daß unmittelbar vor uns starke feindliche Kavallerie marschiert sein mußte. Ich hielt mit meiner Patrouille, feuerte sie durch ein paar Worte an und hatte das Gefühl, daß ich mich auf jeden meiner Kerls unbedingt verlassen konnte. Jeder, so wußte ich, würde seinen Mann in den nächsten Minuten stehen. Natürlich dachte keiner an etwas anderes als an eine Attacke. Es liegt wohl im Blute eines Germanen, den Gegner, wo man ihn auch trifft, über den Haufen zu rennen, besonders natürlich feindliche Kavallerie. Schon sah ich mich an der Spitze meines Häufleins eine feindliche Schwadron zusammenhauen und war ganz trunken vor freudiger Erwartung. Meinen Ulanen blitzten die Augen. So ging es dann in flottem Trab auf der frischen Spur weiter. Nach einstündigem scharfem Ritt durch die schönste Bergschlucht wurde der Wald etwas lichter, und wir näherten uns dem Ausgang. Daß ich damit auf den Feind stoßen würde, war mir klar. Also [34]Vorsicht! bei allem Attackenmut, der mich beseelte. Rechts von dem schmalen Pfad war eine viele Meter hohe, steile Felsenwand. Zu meiner Linken war ein schmaler Gebirgsbach, dann eine Wiese von fünfzig Metern Breite, eingefaßt von Stacheldrähten. Mit einem Male hörte die Pferdespur auf und verschwand über eine Brücke in den Büschen. Meine Spitze hielt, denn vor uns war der Waldausgang durch eine Barrikade versperrt. Sofort war es mir klar, daß ich in einen Hinterhalt geraten war. Ich erkannte plötzlich Bewegung im Buschwerk hinter der Wiese zu meiner Linken und konnte abgesessene feindliche Kavallerie erkennen. Ich schätzte sie auf eine Stärke von hundert Gewehren. Hier war nichts zu wollen. Geradeaus war der Weg durch die Barrikade versperrt, rechts waren die Felswände, links hinderte mich die mit Draht eingefaßte Wiese an meinem Vorhaben, der Attacke. Zum Absitzen, um den Gegner mit Karabinern anzugreifen, war keine Zeit mehr. Also blieb nichts anderes übrig, als zurück. Alles hätte ich meinen guten Ulanen zutrauen können, bloß kein Ausreißen vor dem Feinde. – Das sollte so manchem den Spaß verderben, denn eine Sekunde später knallte der erste Schuß, dem ein rasendes Schnellfeuer aus dem Walde drüben folgte. Die Entfernung betrug etwa fünfzig bis hundert Meter. Die Leute waren [35]instruiert, daß sie, im Falle ich die Hand hob, schnell zu mir stoßen sollten. Nun wußte ich, wir mußten zurück, hob den Arm und winkte meinen Leuten zu. Das mögen sie wohl falsch verstanden haben. Meine Patrouille, die ich zurückgelassen hatte, glaubte mich in Gefahr und kam in wildem Caracho herangebraust, um mich herauszuhauen. Alles das spielte sich auf einem schmalen Waldweg ab, so daß man sich wohl die Schweinerei vorstellen kann, die sich nun ereignete. Meinen beiden Spitzenreitern gingen die Pferde infolge des rasenden Feuers in der engen Schlucht, wo der Laut jedes Schusses sich verzehnfachte, durch, und ich sah sie bloß die Barrikade mit einem Sprung nehmen. Von ihnen habe ich nie wieder etwas gehört. Gewiß sind sie in Gefangenschaft. Ich selbst machte kehrt und gab meinem guten »Antithesis«, wohl zum erstenmal in seinem Leben, die Sporen. Meinen Ulanen, die mir entgegengebraust kamen, konnte ich nur mit Mühe und Not zu erkennen geben, nicht weiter vorzukommen. Kehrt und davon! Neben mir ritt mein Bursche. Plötzlich stürzte sein Pferd getroffen, ich sprang darüber hinweg, um mich herum wälzten sich andere Pferde. Kurz und gut, es war ein wüstes Durcheinander. Von meinem Burschen sah ich nur noch, wie er unter dem Pferd lag, scheinbar nicht verwundet, aber durch das auf ihm liegende Pferd gefesselt. Der Gegner [36]hatte uns glänzend überrumpelt. Er hatte uns wohl von Anfang an beobachtet und, wie es den Franzosen nun mal liegt, aus dem Hinterhalt seinen Feind zu überfallen, so hatte er es auch in diesem Fall wieder versucht. Freude machte es mir, als nach zwei Tagen mit einemmal mein Bursche vor mir stand; allerdings zur Hälfte barfüßig, denn den einen Stiefel hatte er unter seinem Pferd gelassen. Er erzählte mir nun, wie er entkommen war: Mindestens zwei Schwadronen französischer Kürassiere waren später aus dem Walde gekommen, um die vielen gefallenen Pferde und tapferen Ulanen zu plündern. Er war gleich aufgesprungen, unverwundet die Felsenwand hinaufgeklettert und in fünfzig Metern Höhe vollständig erschöpft in einem Gebüsch zusammengebrochen. Nach etwa zwei Stunden, nachdem der Feind sich wieder in seinen Hinterhalt begeben hatte, hatte er seine Flucht fortsetzen können. Nach einigen Tagen gelangte er so wieder zu mir. Von dem Verbleib der anderen Kameraden konnte er wenig aussagen.

  45. 21 August 1914
    Virton?
    Virton
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Die Hirschberger Jäger haben große Verluste gehabt, 300 Mann sollen tot oder verwundet sein. Manfred teilte es mit. Am Nachmittag kam die Nachricht von einer großen Schlacht zwischen Metz und Vogesen, in welcher die Truppen des Kronprinzen von Bayern die Franzosen geschlagen haben. Der fliehende Feind wird unaufhaltsam verfolgt. Darob herrscht hier größte Freude. Alles stürzte in die Stadt. Auf dem Markt war tolles Leben, aber man erfuhr keine Einzelheiten. Die Post hat geflaggt.

  46. 21 August 1914
    Etalle
    The Red Knight of Germany, the story of Baron von Richthofen, Floyd Gibbons, 1927, 1959 Bantam Books

    It was on August 21st, in the little Belgian village of Etalle, twenty miles from the frontier, that Richthofen received orders to make a mounted reconnaissance toward the south in the direction of a little town called Meix-devant-Virton. His duty it was to discover the strenght of French cavalry supposed to be occupying a large forest. With the war less than two weeks old, movement marked the efforts of the opposing forces to get into advantageous contact with one another.

  47. 22 August 1914
    Die Schlacht von Virton war im Gange
    Near Robelmont
    Robelmont
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Die Schlacht von Virton war im Gange. Mein Kamerad Loen und ich hatten wieder einmal durch eine Patrouille festzustellen, wo der Feind geblieben war. Den ganzen Tag ritten wir hinter dem Feinde her, erreichten ihn schließlich und konnten eine ganz ordentliche Meldung verfassen. Abends war nun die große Frage: Wollen wir die Nacht durchreiten, um zu unserer Truppe zurückzukommen, oder unsere Kräfte schonen und uns für den nächsten Tag ausruhen? Das ist ja gerade das Schöne, daß der Kavalleriepatrouille vollständig freies Handeln überlassen sein muß. So entschlossen wir uns, die Nacht am Feinde zu bleiben und am nächsten Morgen weiterzureiten. Unseren strategischen Blicken nach war der Gegner auf Rückmarsch, und wir drängten ihm nach. Folglich konnten wir die Nacht mit ziemlicher Ruhe verbringen. Gar nicht weit vom Gegner lag ein wunderbares Kloster mit großen Ställen, so daß wir sowohl Loen als auch meine Patrouille einquartieren konnten. Allerdings saß der Gegner gegen Abend, wie wir dort unterzogen, noch so nahe dran, daß er uns mit Gewehrkugeln die Fensterscheiben hätte einschießen können. [38]Die Mönche waren überaus liebenswürdig. Sie gaben uns zu essen und zu trinken, so viel wir haben wollten, und wir ließen es uns gut schmecken. Die Pferde wurden abgesattelt und waren auch ganz froh, wie sie nach drei Tagen und drei Nächten zum erstenmal ihre achtzig Kilo totes Gewicht von ihren Rücken loswurden. Mit anderen Worten, wir richteten uns so ein, als ob wir im Manöver bei einem lieben Gastfreund zu Abend wären. Nebenbei bemerkt, hingen drei Tage darauf mehrere von den Gastgebern an dem Laternenpfahl, da sie es sich nicht hatten verkneifen können, sich an dem Krieg zu beteiligen. Aber an dem Abend waren sie wirklich überaus liebenswürdig. Wir krochen in Nachthemden in unsere Betten, stellten einen Posten auf und ließen den lieben Herrgott einen guten Mann sein. Nachts reißt plötzlich jemand die Tür auf, und die Stimme des Postens ertönt: »Herr Leutnant, die Franzosen sind da.« Ich war zu verschlafen, um überhaupt Antwort geben zu können. Loen ging es so ähnlich, und er stellte nur die geistreiche Frage: »Wieviel sind es denn?« Die Antwort des Postens, sehr aufgeregt: »Zwei haben wir schon totgeschossen; wieviel es sind, können wir nicht sagen, denn es ist stockfinster.« Ich höre Loen noch ganz verschlafen antworten: »Wenn also mehr kommen, dann weckst du mich.« Eine halbe Minute später schnarchten wir weiter. [39]Am nächsten Morgen stand die Sonne schon recht hoch, als wir von unserem gesunden Schlaf erwachten. Nach einem reichlichen Frühstück ging die Reise wieder los. Tatsächlich waren nachts an unserem Schloß die Franzosen vorbeimarschiert, und unsere Posten hatten während dieser Zeit einen Feuerüberfall auf sie gemacht. Da es aber stockfinster war, hatte sich keine größere Schlacht daraus entspinnen können. Bald ging’s in einem munteren Tal weiter. Wir ritten über das alte Schlachtfeld unserer Division und stellten mit Erstaunen fest, daß statt unserer Leute nur französische Sanitäter zu sehen waren. Französische Soldaten sah man auch noch ab und zu. Sie machten aber ebenso dumme Gesichter wie wir. An Schießen hatte keiner gedacht. Wir machten uns dann möglichst rasch dünne; denn wir kamen so sachte dahinter, daß wir, statt vorwärts zu gehen, uns etwas rückwärts konzentriert hatten. Zum Glück war der Gegner nach der anderen Seite ausgerissen, sonst säße ich jetzt irgendwo in Gefangenschaft. Wir kamen durch das Dorf Robelmont, wo wir am Tage zuvor unsere Infanterie zum letztenmal in Stellung gesehen hatten. Dort trafen wir einen Einwohner und fragten ihn nach dem Verbleib unserer Soldaten. Er war sehr glücklich und versicherte mir, die Deutschen wären »partis«. [40]Wir kamen um eine Ecke und waren Zeugen von folgendem komischem Bilde. Vor uns wimmelte es von roten Hosen – ich schätzte etwa fünfzig bis hundert –, die eifrigst bemüht waren, an einem Eckstein ihre Gewehre zu zerschlagen. Daneben stehen sechs Grenadiere, die, wie es sich herausstellte, die Brüder gefangengenommen hatten. Wir halfen ihnen noch, die Franzosen abzutransportieren, und erfuhren durch die sechs Grenadiere, daß wir nachts eine rückwärtige Bewegung angetreten hatten. Am späten Nachmittag erreichte ich mein Regiment und war ganz zufrieden mit dem Verlauf der letzten vierundzwanzig Stunden.

  48. 29 August 1914
    near Diedenhofen (Thionville)
    Bouzonville
    Busendorf
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!
    Ich will dir mal kurz schildern, was ich hier im Westen erlebt habe. – Bevor der Aufmarsch der Armee beendet war, war es natürlich ziemlich langweilig. Wir wurden nordöstlich von Diedenhofen ausgeladen und marschierten durch Luxemburg und überschritten bei Arlon die belgische
    Grenze. In Etalle, etwa zwanzig Kilometer westlich Arlon, bekam ich am 13. August den Auftrag, in südlicher Richtung auf Meix-devant-Virton aufzuklären. Wie ich an den Waldrand südlich von Etalle komme, erkenne ich etwa eine Eskadron französischer Kürassiere. Ich hatte nur  ierzehn Leute mit. Nach etwa einer halben Stunde ist die feindliche Eskadron verschwunden, und ich mache mich hinterher, festzustellen, wo sie geblieben ist, und komme so in einen riesigen bergigen Wald. Ich befinde mich gerade am Ausgang im Walde in der Nähe von Meix-devant-Virton.

    Rechts habe ich eine Felswand, links einen Bach, dahinter etwas fünfzig Meter breite Wiese – dann den Waldrand. Mit einem Male hält meine Spitze. Ich galoppiere voraus, um zu sehen, was los ist. Wie ich gerade mein Glas in die Augen nehme, kracht eine Salve von dem etwa fünfzig  Meter entfernt liegenden Waldrand und von vorn. Ich sah mich etwa zweihundert bis zweihundertfünfzig Karabinern gegenüber. Nach links und vorwärts konnte ich nicht, da war der Feind – rechts die steile Felswand, also zurück. Ja, wenn das so einfach gewesen wäre. Der Weg war ganz schmal, und er führte gerade an dem vom Feind besetzten Waldrand vorbei, aber was half es; zu überlegen gab es nichts, also zurück. Ich war der Letzte. Alle anderen hatten sich trotz meines vorherigen Verbots zusammengeballt und boten den Franzosen ein gutes Ziel. Vielleicht ist das der Grund, weswegen ich entkommen bin. Ich brachte nur vier Mann zurück. Diese Feuertaufe war weniger lustig, wie ich sie mir gedacht hatte. Abends kamen noch einige Leute zurück, deren Pferde tot waren, die sich zu Fuß hatten retten können. Daß mir und meinem Pferde nichts passiertem ist tatsächlich ein Wunder.

    Dieselbe Nacht wurde ich noch nach Virton geschickt, kam aber nicht bis dahin, da Virton vom Feind besetzt war. Noch nachts entschloß sich der Divisionskommandeur von Below, den Feind bei Virton anzugreifen, und erschien mit seiner Spitze Ul-R. 1 am Ausgange des Waldes. Der Nebel war so stark, daß man nicht dreißig Schritt sehen konnte. Immer ein Regiment nach dem anderen entwickelte sich, wie im Manöver, aus dem engen Waldwege. Prinz Oskar stand auf einem Steinhaufen und ließ sein Regiment, die 7. Grenardiere, an sich vorbeimarschieren, sah jedem Grenardier ins Auge. Ein großartiger Moment vor der Schlacht. So kam es zur Schlacht von Virton, wo die 9. Division gegen einen sechsfach überlegenen Gegner kämpfte, sich zwei Tage lang hielt und schließlich glänzend siegte. In dieser Schlacht führte Prinz Oskar sein  egiment an der Spitze und blieb unverletzt. Ich sprach hiernach gerade mit ihm, als man ihm das Eiserne Kreuz überreichte.

  49. 1 September 1914
    Verdun
    https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_victories_of_Manfred_von_Richthofen

    Am 1. September 1914 erfolgte seine Versetzung als Nachrichtenoffizier zur 4. Armee, die zu diesem Zeitpunkt vor Verdun lag

  50. 2 September 1914
    Verdun
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Ich erhielt eine Karte von Manfred. Er ist wohl und munter. Iche mußte viel an ihn denken, nun aber bin ich wieder beruhigt und froh. Wir hatten in der Kirche einen Kriegsgottesdienst. Es fiel mir auf, wie viele Menschen schon in Trauer waren – und doch dauert der Krieg erst wenige Wochen. Eine ernste und fast bedrückende Stimmung wollte nicht weichen. Als wir mit sinkender Dunkelheit aus der Kirche kamen, sahen wir noch ein Etrablatt mit einer großen Siegesnachricht. Wir gingen alle zur Zeitung, wo gerade, noch drückfeucht, die Extrablätter verteilt wurden. Zehn französische Armeekorps sind von unserer Kronprinzarmee geschlagen zwischen Reims und Verdun. Das war noch eine schöne Sedanfreude. Wir gingen nun froher nach Hause. Auch der Sieg de Generalobersten von Hindenburg in Ostpreußen stellt sich als eine großartige Waffentat heraus. 100.000 Russen – so lasen wir – wurden in die Masurischen Seen gedrängt, davon ergaben sich 70.000 Mann und 300 Offiziere. Die ganze russische Nordarmee ist damit vernichtet.

  51. 12 September 1914
    Verdun
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Habe besten Dank für Deine letzten beiden Karten vom 21. Und 24. Die Post kommt ganz unregelmäßig an. Die Karte vom 24. Bekam ich acht Tage vor der anderen. Auch bekam ich einige Pakete mit Süßigkeiten. Vielen Dank dafür. Seit etwa acht Tagen ist eine Kavalleriedivision vor Paris. Ich glaube fast, daß Lothar das Glück hat, dabei zu sein. Er wird überhaupt mehr erlebt haben als ich, da ich ja hier vor Verdun sitze. Die Armee des Kronprinzen schließt Verdun von Norden her ab, und wir müssen warten, bis es sich ergibt. Verdun wird nicht belagert, sondern nur eingeschlossen. Die Befestigungen sind zu gewaltig, würden daher zu rasende Mengen von Munition und Menschenleben fordern, wenn man sie erstürmen wollte. Der Besitz von Verdun hätte für uns nicht dementsprechende Vorteile. Es ist nur schade, daß wir Ulanen 1 dadurch  gebunden sind und den Krieg voraussichtlich hier beenden werden. Der Kampf um Verdun ist sehr schwer und verlangt täglich eine Anzahl von Menschenleben. Gestern fielen wieder bei einem Angriff acht Offiziere von den 7. Grenardieren.

  52. 13 September 1914
    Verdun
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Wir hatten Nachricht von beiden Söhnen. Lothar ist schon mit der Kavalleriedivision auf dem Anmarsch nach Paris. Manfred liegt vor Verdun. Er hat schon viel mitgemacht. Von seiner Feuertaufe – bei einem Aufklärungsritt gegen den im Wald verschanzten Feind – brachte er nur vier Mann zurück. Nun ist er zum Eisernen Kreuz eingegeben. Auch Lothar will seinen Ehrgeiz darin setzen, sich diese Auszeichnung zu erringen. Er hat erst eine einzige Karte von Haus erhalten. Alle unsere Briefe, unsere Schokoladen und Zigarettenpäckchen find nicht angekommen. Wie mag das zugehen? – Aber, wir haben wohl keinen Grund zu klagen. Unsere Söhne sind bischer durch alle Fährnisse wohlbehalten hindurchgelangt, und Lothar ist soeben Leutnant geworden. Wie lasen es in de Zeitung, das war eine angenehme Überraschung – von Manfreds Wirtin erhielt ich eine Karte, seine Wohnung würde anderweisig vermietet; ich möchte bald hinkommen, um über seine Sachen zu verfügen…

  53. 22 September 1914
    Verdun
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!
    Ich kann dir eine frohe Botschaft verkünden. Gestern Abend erhielt ich das Eiserne Kreuz. Wie steht es denn mit Lemberg? Ich gebe Euch einen Rat: kommen die Russen, so vergrabt alles, was ihr wiedersehen wollt, tief im Garten oder sonstwo. Was ihr zurücklaßt, seht ihr nie wieder. Du wunderst Dich, daß ich soviel Geld zurücklege, aber nach dem Kriege muß ich muß alles neu anschaffen. Was ich mitgenommen habe, ist erledigt – verloren, verbrannt, von Granaten zerfetzt usw., mein Sattelzeug mit inbegriffen. Wenn ich noch lebendig aus diesem Krieg hervorgehen sollte, hätte ich mehr Glück als Verstand.

  54. 23 September 1914
    Ende September 1914
    Verdun
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    …Unsere Söhne hat der Krieg gehörig hergenommen. Ich muß Gott danken, daß sie noch am leben sind. Lothar wurden auf einem Patrouillenritt Nebermann und Bordermann erschossen. Sein Pferd wurde schwer verwundet. Manfreds ganze Ausrüstung ist von Granaten zerfetzt, das Sattelzeug einbegriffen. Er spart nun – so schreibt er -, um sich nach dem Kriege alles neu anzuschaffen. Ich mußte bei allen Sorgen lächeln, als ich es las. “Nach dem Kriege” – wann wird das sein? Aber die Bemerkung über das Sparen kennzeichnet ihn doch. Er wird niemals einer noch so aufregenden Gefahr so viel Bedeutung beimessen, daß er sein klares, zielbewußtes Handeln darüber vergißt.

  55. 23 September 1914
    september 1914
    Verdun
    http://www.frontflieger.de/4-ric13.html
  56. Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    …Ich habe Muße nachzusinnen, immer nach derselben Richtung treiben die Gedanken, immer sind die Mütter im Geiste bei ihren Söhnen im Felde. Ich darf mich stolz und glücklich schätzen. Beide Sohne sind wohlbehalten bis an diesen Tag gelangt. Eine Granate platzte auf dem Sattel von Manfreds Pferd, als er auf Patrouille zufällig abgesessen war. Ihm ist nichts geschehen, nur ein Splitter zerschnitt seinen Umhang, und ein Geschoßboden zerquetschte die schönen Liebesgaben von Tante Friedel zu einem unförmigen Brei. Nun geht gleich eine neue Sendung an ihn heraus. Übrigens – wie kann man es nur vergessen! – Manfred hat das Eiserne Kreuz bekommen. Wir freuen uns all über diese Auszeichnung…

  57. Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!

    Gleich geht die Post ab; da möchte ich noch schnell einen Gruß an Dich mitsenden. In den letzten Tagen habe ich mal wieder viel erlebt. Fast hätte ich daran glauben müssen; aber ich hatte noch einmal Glück. Ich war auf Patrouille und war gerade abgesessen von meinem ganz  usgezeichneten Charger, da schlug eine Granate etwa fünf Schritt von mir ein und platzte auf dem Sattel meines Pferdes. Außer diesem blieben noch drei andere Pferde tot liegen. Mein Sattel und alles, was man gerade so braucht und ich in den Packtaschen hatte, ist natürlich in  kleine Stücke gerissen. Ein Splitter zerriß mir meinen Umhang, sonst ist mir nichts passiert. Ich las gerade einen Brief von Tante Friedel; das dazu gehörige Paketchen hatte ich noch nicht aufgemacht, sondern in meine Packtasche gesteckt – es war zu einer unförmigen Masse zerquetscht. Antithesis hatte ich auch mit; er hat einen kleinen Splitter in die Backzähne bekommen – nicht weiter schlimm.

  58. 1 November 1914
    Béchamps
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!
    Eben kommt ein Wagen hier an, beladen mit den ersten Paketen, darunter auch zwei von Dir an mich. Es ist der Pelz und ein kleines Paketchen, in dem sich meine Handschuhe befinden. Der Pelz ist prächtig und wird sich in den kalten Nächten sehr verdient machen. Habe recht  herzlichen Dank dafür. Daß Du Lothar in Posen noch einmal sehen konntest, war ja sehr schön. Die zweiundzwanzig Stunden Wartezeit auf dem Bahnhof waren ja allerdings weniger erbaulich. Ich kann es Dir nachempfinden, da ich jeden zweiten Tag vierundzwanzig Stunden im Schützengraben warte – aber auf die Franzosen. Wir, die 1. Ulanen, haben in diesem Kriege leider keine Aussicht, jemals wieder etwas anderes zu beginnen – es sei denn, in Verdun bricht die Pest aus. Lothar hat den interessanteren Teil erwischt. Ich beneide ihn wirklich. Es ist jetzt in Rußland genau in der Gegend, wo ich die ersten zehn Tage in diesem Kriege meine Patrouillen geritten habe. Ich hätte mir so gerne noch das E. K. I. verdient, habe aber keine Gelegenheit hierzu. Ich müßte dann als Franzose verkleidet nach Verdun laufen und dort einen Panzerturm in die Luft sprengen.

  59. 2 November 1914
    Béchamps
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!

    Wir liegen jetzt immer umschichtig wie die Infanterie in den Schützengräben, zweitausend Meter vor uns die Franzosen. Auf die Dauer ziemlich langweilig, denn so vierundzwanzig Stunden ruhig dazuliegen, ist kein Vergnügen. Ab und zu kommen als einzige Abwechslung einige Granaten an, das ist alles, was ich in den letzten vier Wochen erlebt habe. Schade, daß wir nicht in der großen Feldschlacht tätig sind. Die Lage vor Verdun hat sich seit Wochen nicht um fünfzig Meter verschoben Wir liegen in einem abgebrannten Dorf. Wedel und ich wohnen in einem
    Haus, wo man sich die Nase zuhalten muß. Reiten tut man selten, fast nie, da Antithesis krank ist und mein Fuchs tot ist; laufen noch weniger, mit anderen Worten: man hat garkeine Bewegung. – Essen tut man weniger gut als viel. Bei mir schlägt ja bekanntlich alles an – so bin ich denn jetzt dick wie eine Tonne. Wenn ich noch mal Rennen reiten sollte, so würde ich wohl einige Kuren brauchen müssen, bis ich mein normales Gewicht wieder habe.

  60. Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Ilse fuhr um sieben Uhr über Breslau nach Hause, ich nach Ostrowo, Manfreds alter Garnison, um dort seine Sachen abzuholen. Die Fahrt sollte zweienhalb Stunden dauern, aber sie währte deren sechs. Es war herrliches Wetter, in anderen Jahren Hubertustag. Da hatte man oft schon gefroren, heute aber war es warm, sonnig und köstlich. Als ich in Ostrowo ankam, stand der Bahnhof gedrängt voller Flüchtlinge. Man riet mir, sogleich weiterzufahren, Skalmierzce sei bereits von allen Einwohnern entblößt, und in Ostrowo könne jeden Augenblick der Befehl kommen, die Stadt zu räumen. Ich aber wollte Manfreds Sachen nicht im Stich lassen un beschloß, in seine Wohnung zu gehen und alles mitzunehmen. Trotz der furchtbaren Fülle auf dem Bahnhof fand mich Manfreds Wirtin, eine freundliche ältere Frau. Die Wohnung lag dicht am Bahnhof, und wir päckten zusammen ein. Ein dort einquartierter Leutnant kam hinzu und half mit großem Eifer. In dem großen Koffer – einem Haus von Koffer – und in einer Kiste fanden alle seine Uniformstücke Platz. Um drei Uhr war ich fertig und saß wieder auf dem Bahnhof. Man hörte den Kanonendonner der Schlacht, die sich bei Kalisch abspielen sollte…

  61. 12 November 1914
    Verdun
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    …Seit Donnerstag liegt tiefer Schnee, es ist eisig kalt.Manfred schreibt sehr froh, daß er seinen Pelz erhalten habe. Er kämpft seit Wochen in Schützengräben und ist unzufrieden, daß die Sache gar nicht vorwärtsgeht. Er liegt mit seinem Freund Webel in einem halbverbrannten Haus. Antithesis ist krank, sein zweites Pferd, ein Fuchs, tot. An der übrigen Westfront hat sich auch seit Wochen wenig oder gar nichts geändert. Allmählich wird es einem klar, daß der Krieg noch lange dauern wird. Ob er wohl bis Ostern zu Ende ist?…

  62. 12 November 1914
    Kielce
    Schelmce
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Heute war ein Tag, der mir noch in allen Gliedern liegt, der mich aber auch recht tief bewegt hat. Auf dem Kleinen Exerzierplatz, der auf zwei Seiten so freundlich von Grün gesäimt ist, ganz dicht bei unserem Hause, fand ein Feldgottesdienst für die ganze Garnison, die Soldaten und ihre Angehörigen statt. Es war ein großes Abschiednehmen im Angesicht des Ewigen, ein Zusammengehören, wie es nur das Schicksal schafft, das nun von allen unlösbar getragen werden muß. Noch ehe der Gottesdienst begann, war die Kriegserklärung Englands an Deutschland bekanntgeworden. Da standen sie nun, unsere Soldaten, die unser Stolz waren, wie Mauern standen sie auf drei Seiten des Platzes, auf der noch freien Flanke die Männer und Frauen in dunkler Kleidung, die Eltern, die Schwestern unserer Krieger, die heute im grauen Kleide, morgen oder übermorgen ausrücken würden. In der Mitte erhob sich der Feldaltar, bei Geistlichen sprachen, tiefer Ernst lag auf allen Gesichtern; man versuchte, sich dieses oder jenes Untlitz, das einem aus frohen Tagen liebgeworden, noch einmal einzuprägen. Vielleicht sah man es nie wieder. Der Himmel wölbte sich blau und wolkenlos über dem ernsten schönen Bild, der leichte Wind führte das Summen der Kirchenglocken heran, mit großer Inbrunst sangen wir alle das “Wir treten zum Beten…” Es war wie ein Gelöbnis, durchschauerte uns alle, und jeder spürte: für das deutsche Volk gibt es nur Sieg – oder Untergang. Und nun widerfuhr mir etwas, was ich nicht fassen wollte. Bekannte, die uns begrüßten, taten es mit einer so scheuen Herzlichkeit, daß ich schließlich stutzig wurde. Sie fragten nach Manfred, immer wieder, mit einer so sonderbaren Anteilnahme. Ob mein Sohn denn von den Patrouillengefechten jenseits der Grenze zurückgekehrt sei? “Ja, sicherlich…” Aber warum fragten alle sowunderlich, mein Gott. Was war denn geschehen? Die Knie wurden mir schwach, man schob mir ein Feldstühlchen hin, ich mußte mich setzen. So vernahm ich denn, Manfred sollte tot sein, auch sein Freund Webel vermißt oder gefallen. Angst zog mein Herz zusammen, aber nur einen Augenblick. Eine Gewißheit, eine Zuversicht, die durch nichts als durch sich selbst begründet war, sagte mir: es kann nicht sein, es ist alles Irrtum, er lebt ja. Und dieses Vertrauen in die innere Stimme bewirkte, daß alle Beklemmung von mir abfiel, daß ich bald getröstet, ja fröhlichen Sinnes wurde…

  63. 15 December 1914
    Béchamps
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    ..Manfred liegt immer noch in Westen, zum Festliegen verurteilt (was sehr gegen seine Natur ist). Seine Gedanken sind schon bei der nahen Weihnacht…

  64. Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!

    Nun sitze ich schon seit drei Monaten vor Verdun. Hier ändert sich nichts. Gestern nacht spielten wir gerade Karten, da klopfte wieder etwas unbescheiden eine Granate auf das Dach unseres Nebenhauses. Noch nie bin ich so schnell vom Tisch aufgesprungen wie da. Sonst liegen wir immer einen Tag um den anderen im Schützengraben. Ich habe mir ausgerechnet, daß wir gerade am 24. Dezember abends ablösen, ich also in der Nacht vom 24. Zum 25. wieder meine Schleichpatrouille an die feindlichen Schützengräben mache. Dieses ist der erste Heilige Abend, den ich nicht im Elternhause verlebe. Hoffentlich ist es der einzige, den ich in Feindesland zurbringe.

  65. 15 January 1915
    Combres-sous-les-Côtes
    Côtes
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!

    Durch eine kurze Mitteilung ließ ich Dich schon wissen, daß ich bei der 18. Inf.-Brig. Ordonnanzoffizier geworden bin. Hier erlebt man doch etwas mehr wie in Bechamp bei unserem Regiment. Im Bewegungskrieg wäre es natürlich umgekehrt. So bin ich ganz zufrieden mit meinem Posten. In den letzten Tagen war ziemlicher Betrieb oben auf der Cote. In der Nacht vom 27. Zu, 28. Nahmen wir, Grenadier-Reg. 7, den Franzosen einen Graben weg. In der Nacht vom 29. Auf den 30. wollten die Franzosen ihn sich wieder holen, wurden aber glänzend abgeschmiert. Die Verluste waren Gott sei Dank verhältnismäßig gering. Jeder Kerl hier im Schützengraben ist ein Held, und wie ein Dichter hat richtig gesagt: „Es gibt nicht so viel Eisen, wie Ihr Helden draußen seid.“ Jeder einzelne verdient das Eiserne; das muß jeder sagen, der unsere braven Leute kämpfen sieht. Lebe recht herzlich wohl, grüße Papa, Ilse und „Deutschlands Zukunft“*.

    *Gemeint ist der jüngste Bruder Karl Bolko

  66. 15 January 1915
    Verdun
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Für einen so unruhigen Geist, wie ich einer bin, war meine Tätigkeit vor Verdun durchaus mit »langweilig« zu bezeichnen. Anfangs lag ich selbst im Schützengraben an einer Stelle, wo nichts los war; dann wurde ich Ordonnanzoffizier und glaubte, nun mehr zu erleben. Da hatte ich mich aber arg in die Finger geschnitten. Ich wurde vom Kämpfenden zum besseren Etappenschwein degradiert. So ganz Etappe war es noch nicht, aber das Weiteste, was ich mich vorwagen durfte, war fünfzehnhundert Meter hinter die vordere Linie. Dort saß ich wochenlang unter der Erde in einem bombensicheren, geheizten Unterstand. Ab und zu wurde ich mit nach vorn genommen. Das war eine große körperliche Anstrengung. Denn man ging bergauf, bergab, die Kreuz und die Quer’, durch unendlich viele Annäherungsgräben und Schlammlöcher hindurch, bis man dann endlich vorn dort angekommen war, wo es knallte. Bei einem so kurzen Besuch bei den Kämpfenden kam ich mir immer sehr dumm vor mit meinen gesunden Knochen. Man fing damals an, unter der Erde zu arbeiten. Wir waren uns noch gar nicht klar darüber, was es eigentlich heißt, einen Stollen [42]bauen oder eine Sappe vorschieben. Man kannte die Namen zwar aus der Befestigungslehre von der Kriegsschule her, aber das war nun mal Pionierarbeit, mit der sich ein anderer Sterblicher nicht gern beschäftigt hätte. Aber dort vorn an der Combres-Höhe buddelte alles emsig. Jeder hatte ein Grabscheit und eine Hacke und gab sich unendliche Mühe, möglichst tief in die Erde hineinzukommen. Es war ganz spaßig, die Franzosen an manchen Stellen nur auf fünf Schritt vor sich zu haben. Man hörte den Kerl sprechen, man sah ihn Zigaretten rauchen, ab und zu warf er ein Stück Papier herüber. Man unterhielt sich mit ihnen, und trotzdem suchte man sich auf alle möglichen Arten anzuärgern (Handgranaten). Fünfhundert Meter vor und fünfhundert Meter hinter den Gräben war der dichte Wald der Côte Lorraine abgemäht durch die unendlich vielen Gewehrkugeln und Granaten, die dort ständig durch die Luft sausten. Man würde nicht glauben, daß dort vorn überhaupt noch ein Mensch leben könnte. Die Truppe vorne empfand es gar nicht mal so schlimm wie die Etappenleute. Nach so einem Spaziergang, der meistenteils in den allerzeitigsten Morgenstunden stattfand, fing für mich wieder der langweiligere Teil des Tages an, nämlich Telephonordonnanz zu spielen. * [43]An meinen freien Tagen beschäftigte ich mich mit meinem Lieblingshandwerk, dem Jagen. Der Wald von La Chaussée bot mir dazu reichlich Gelegenheit. Ich hatte bei meinen Spazierritten Sauen gespürt und war nun damit beschäftigt, diese ausfindig zu machen und mich nachts anzusetzen. Schöne Vollmondnächte mit Schnee kamen mir zu Hilfe. Ich baute mir mit Hilfe meines Burschen Hochsitze an ganz bestimmten Wechseln und bestieg diese nachts. Da habe ich so manche Nacht auf Bäumen zugebracht und wurde morgens als Eiszapfen wieder vorgefunden. Aber es hatte sich gelohnt. Besonders eine Sau war interessant, sie kam jede Nacht durch den See geschwommen, brach an einer bestimmten Stelle in einen Kartoffelacker und schwamm dann wieder zurück. Es reizte mich natürlich besonders, dieses Tier näher kennenzulernen. So setzte ich mich denn an dem Ufer dieses Sees an. Wie verabredet, erschien die alte Tante um Mitternacht, um sich ihr Nachtmahl zu holen. Ich schoß, während sie noch im See schwamm, traf, und das Tier wäre mir beinahe versoffen, wenn ich nicht noch im letzten Moment hätte zugreifen können, um sie an einem Lauf festzuhalten. Ein andermal ritt ich mit meinem Burschen in einer ganz schmalen Schneise, da wechseln vor mir mehrere Stück Schwarzwild über sie. Ich schnell ’runter, den Karabiner meines Burschen [44]ergriffen und einige hundert Schritt vorgelaufen. Tatsächlich, da kam noch ein Kerl, und zwar ein mächtiger Keiler. Ich hatte noch nie einen Keiler gesehen und war nun sehr erstaunt, wie riesenhaft dieser Kerl aussah. Jetzt hängt er als Trophäe hier in meinem Zimmer; er ist eine schöne Erinnerung.

  67. Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Das Leben in userem Hause ist still geworden. Manfred teilte nur kurz mit, daß er Ordonnanzoffizier bei der 18. Infanteriebrigade geworden ist.

  68. 19 February 1915
    Westfront; Verdun?
    Verdun
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Manfred schreibt unter dem unmittelbaren Eindruck eines Stellungskampfes: “Liebe Mama! Ich schreibe Dir diese Zeilen bei einer ganz fürchterlichen Kanonade. Von meinem Fenster aus kann ich alles übersehen. Die Franzosen greifen eine sehr beherrschende höhe an. Der ganze Berg ist eine einzige große Rauchwolke. Die armen Kerle, die da gerade im Schützengraben liegen! Gestern wurden wir zur Hilfe gerufen, waren auch schon hinmarchiert, waren dann aber nicht mehr nötig und kamen nachts wieder zurück. Die Franzosen, Engländer und was sich sonst an der Westfront hier herumtreibt, werden jetzt wieder sehr frech. Sie glauben wohl, es sei jetzt der beste Moment, uns wieder anzugreifen, weil wir ja alles im Osten haben. Damit haben sie ja recht. Aber sie verrechnen sich immer damit, daß sie denken, ein Deutscher wird aus seiner Stellung herauslaufen – wie sie. Das liegt eben in userem Blut: wir bleiben da stehen, wo man uns hingestellt hat, und lassen uns eher totschlagen, ehe wir weichen. – Aber leider hat der Engländer dasselbe Blut.”

  69. 15 March 1915
    Exact date?
    Combres-sous-les-Côtes
    Combres
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!

    Jetzt habe ich endlich eine genügende körperliche Tätigkeit. Die ganzen Tage, die ich nicht im Schützengraben verbringe, befinde ich mich auf der Jagd. Auf meine Jagdbeute, drei Stück Schwarzwird, bin ich nicht schlecht stolz. An Papa berichte ich die dazu gehörige Jagdgeschichte. Vor drei Tagen gab ich eine ganz richtige Treibjagd auf Schweine mit dreißig Treibern und fünf Schützen. Ich war der Jagdherr. Wir drückten im ganzen Acht stück heraus, aber alle wurden vorbei geschossen. Wir trieben von acht Uhr vormittags bis sieben Uhr nachmittags mit einer halben Stunde Pause. In drei Tagen will ich es noch einmal versuchen, und in zehn Tagen ist Vollmond, da hoffe ich ganz bestimmt auf einen Keiler.

  70. 20 March 1915
    März 1915; when exactly?
    Westfront
    Combres-sous-les-Côtes
    Combres
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    …Manfred erlebt die Kämpfe zwischen Mass und Mosel mit. Das Geschüßfeuer rollt von früh bis in die Nacht, ununterbrochen klirren die Scheiben; aus dem Fenster seines Hauses, das durch das Skelett der Dachsparren den Unblick des Hilleks freigibt, blickt er auf die von Rauch und Feuer überwältzten Combres-Höhen, ein schaurig-schönes Bild.

  71. 27 March 1915
    Combres-sous-les-Côtes
    Côtes
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    …Manfred fragt in jedem Brief nach ihm, mit großer brüderlichen Sorge. Côtes, 27. März 1915. “Liebe Mama! Von Lothar habe ich seit einem Monat keine Nachricht mehr. Seine K-D ist eingefeßt worden und hat große Verlußte gehabt. Von den 4. Dragonern fiel Hugo Freier. Er war ein guter Freund von mir. Im Kadettenkorps waren wir von Sexta an in einer Klasse gewesen. Es trifft sich immer so, das die netten Menschen zuerst sterben und fallen. ‘Unkraut aber vergeht nicht’. Nach diesem Ausspruch denkst Du gewiß, na, dann ist Manfred ja unsterblich. – Ich komme mir auch so vor, nach all dem, was ich erlebte. Um mich herum fielen so viele ordentliche Leute, nur ich wurde von den feindlichen Kugeln wie durch ein Wunder verschont.”…

  72. 6 April 1915
    Westfront
    Combres-sous-les-Côtes
    Côtes
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!

    Habe recht herzlichen Dank für die schönen Ostereier. Im Unterstande bei Kanonendonner haben wir sie uns gut schmecken lassen. Hier geht es in letzter Zeit ziemlich munter her. Die Franzosen versuchen, ihre Angriffe jetzt mal bei uns, nachdem sie in der Champagne so ziemlich  Haare gelassen haben. Die Woevre-Ebene, Combres-Höhe, Pont-a- Mousson ist alles hier in unserer Gegend. Man glaubt hier, daß Rußland nicht mehr lange kann. Leider kann ich Euch jetzt noch nicht besuchen, der Krieg ist nicht dazu da, auf Urlaub zu fahren, dazu ist die Zeit zu ernst. Daß wir siegen, glaubt jeder, aber wann, weiß keiner. Deshalb heißt es durchhalten. Wer hätte je geglaubt, daß ein Krieg so lange dauern könne.

  73. 1 May 1915
    Verdun
    The Red Knight of Germany, the story of Baron von Richthofen, Floyd Gibbons, 1927, 1959 Bantam Books

    So it was that toward the 1st of May, he received instructions to prepare himself for another duty in the service of supply, still farther back from the front lines. Strong as army discipline was in him, he exploded, and the day after that the Commanding General of his Division received one of the shocks of his life when he read the following unmilitary communication from the restless Uhlan: “My Dear Excellency, I have not gone to war in order to collect cheese and eggs, but for another purpose.”

    The rest of the letter was an official application for his transfer to the Flying Service. Richthofen’s constructive work in either the infantry, the signal service, or the supply department seems to have been on par with his failure as a cavalryman, and it is not recorded that his departure from the old services was accompanied by any great regret on the part of his superiors. His uncivil letter gained his end and his wish. At the end of May, 1915, he was transferred to the flying service and sent to Cologne for training.

  74. 21 May 1915
    Władysława Sikorskiego 19, 58-105 Świdnica, Polen
    Swidnica
    Schweidnitz
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Am Freitag, dem 21. Mai, in aller Herrgottesfrühe kam Manfred nach Schweidnitz, nachdem er tags zuvor telegrafiert hatte. Das Gartentor war noch geschlossen. Plötzlich stand er vor meinem Bett, lachend und drachtig. “Wie bist du hereingekommen, Manfred?” “Übern Zaun.” Wir standen alle schnellstens auf und sammelten uns beim Frühstück. Manfred ist etwas breiter geworden, sieht aber frisch un spannkräftig aus. Die Sonne schien, die Vögel im wilden Wein, in den Hecken und Büschen, zwitscherten in ganzen Chören. Wir gingen in den Garten, saßen unter den alten Nußbäumen, ich wurde nicht müde, Manfreds Erzählen zuzuhören; ich tat der vielen Siege Erwähnung und daß es doch endlich zu Ende gehen müsse. Da sagte Manfred: “Ich glaube nicht, daß wir diesen Krieg gewinnen werden.” Da stand der Satz, nüchtern und sachlich hingesprochen, ich glaube nicht recht gehört zu haben. Und Manfred sagte noch einmal: “Du ahnt ja nicht, wie stark unsere Gegner sind.” “Aber wir siegen doch immer.” “Habt ihr nie etwas von unserem Rückzug an der Marne gehört?” “Nein, davon wußten wir gar nichts.” Und Manfred abschliesend: “Es wird bestenfalls eine Partie remis werden.” Wir sprachen nich dies und das, tauschten Ansichten und Argumente; wie immer überraschten mich seine reifen, verständigen Ansichten.Da sagte Manfred unerwartet, vor mir stehenbleibend: “Ich gehe zu den Fliegern.” Es war etwas sehr Schönes und Frohes in seiner Stimme, als er das sagte, ich verstand nichts davon, konnte mir wenig darunter vorstellen, doch ich wußte, wenn er einmal etwas aussprach, so war es innerlich schon bei ihm Tatsache, war unwiderruflich. Ich sagte also nichts dagegen – wir waren ja auch daran gewöhnt, Manfred trotz seiner Jugend zu respektieren -, ich lauschte vielmehr vollr Interesse dem, was er von seiner neuen Waffe zu sagen wußte. Als wir aus dem Garten wieder ins Haus traten, spürte ich mit Gewißheit, daß eine neue und große Aufgabe in ihm Wurzel geschlagen hatte… Vier Tage später reiste Manfred wieder ab…

  75. 30 May 1915
    und so trat ich Ende Mai 1915 zur Fliegertruppe.
    Flieger-Ersatzabteilung 7
    Köln
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    So hatte ich es schon einige Monate ausgehalten, da kam eines schönen Tages etwas Bewegung in unseren Laden. Wir beabsichtigten eine kleine Offensive an unserer Front. Ich freute mich mächtig, denn nun mußte ja doch eigentlich der Ordonnanzoffizier zu seinem Ordonnanzieren kommen! Aber Kuchen! Es wurde mir etwas ganz anderes zugedacht, und dieses schlug dem Faß den Boden aus. Nun schrieb ich ein Gesuch an meinen Kommandierenden General, und böse Zungen behaupten, ich hätte gesagt: »Liebe Exzellenz, ich bin nicht in den Krieg gezogen, um Käse und Eier zu sammeln, sondern zu einem anderen Zweck.« Man hat anfangs eigentlich auf mich einschnappen wollen, aber schließlich hat man mir meine Bitte gewährt, und so trat ich Ende Mai 1915 zur Fliegertruppe. So war mir mein größter Wunsch erfüllt.

  76. 30 May 1915
    Flieger-Ersatzabteilung 7
    Köln
    https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_victories_of_Manfred_von_Richthofen

    Am 30. Mai 1915 trat er seine Ausbildung als Beobachter bei einem Lehrgang in der Flieger-Ersatzabteilung 7 in Köln an.

  77. 30 May 1915
    Flieger-Ersatzabteilung 7
    Köln
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1933, Eingeleitet und ergänzt von Bolko Freiherr von Richthofen, mit einem Vorwort von Generalfeldmarschall Hermann Göring, Verlag Ullstein & Co, Berlin

    Als er im Mai 1915 zur Fliegerwaffe übertrat, hat er auf meine Frage, warum er sich denn dazu entschlossen habe, wörtlich geantwortet: “Nur Beobachter werden, das liegt mir nicht, Flugzeugführer will ich werden, und, wenn es glückt, der beste von allen!” Und dabei strahlten seine blauen Augen und gaben Zeugnis von der Festigkeit des Entschlusses, der in ihm lebte.

  78. 31 May 1915
    Morgens früh um sieben Uhr sollte ich zum erstenmal mitfliegen!
    Flieger-Ersatzabteilung 7
    Köln
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Das erstemal in der Luft! Morgens früh um sieben Uhr sollte ich zum erstenmal mitfliegen! Ich war in einer etwas begreiflichen Aufregung, konnte mir so gar nichts darunter vorstellen. Jeder, den ich fragte, schnurrte mir etwas anderes vor. Abends ging ich zeitiger schlafen als sonst, um am nächsten Morgen für den großen Moment frisch zu sein. Wir fuhren ’rüber auf den Flugplatz, ich setzte mich zum erstenmal in ein Flugzeug. Der Propellerwind störte mich ganz ungeheuer. Eine Verständigung mit dem Führer war mir nicht möglich. Alles flog mir weg. Nahm ich ein Stück Papier heraus, verschwand es. Mein Sturzhelm verrutschte sich, der Schal löste sich, die Jacke war nicht fest genug zugeknöpft, kurz und gut, es war kläglich. Ich war noch gar nicht darauf gefaßt, schon loszusausen, da gab bereits der Pilot Vollgas, und die Maschine fing an zu rollen. Immer schneller, immer schneller. Ich hielt mich krampfhaft fest. Mit einem Male hörte die Erschütterung auf, und die Maschine war in der Luft. Der Erdboden sauste unter mir weg. Man hatte mir gesagt, wo ich hinfliegen sollte, d. h. also, wo ich meinen Führer hinzudirigieren hatte. Wir flogen erst ein Stück geradeaus, dann machte mein Führer kehrt, nochmal kehrt, [46]rechtsum, mal linksum, und ich hatte über meinem eigenen Flughafen die Orientierung verloren. Keine Ahnung mehr, wo ich mich befand! Ich fing so sachte an, mir mal die Gegend unter mir anzusehen. Die Menschen winzig klein, die Häuser wie aus einem Kinderbaukasten, alles so niedlich und zierlich. Im Hintergrund lag Köln. Der Kölner Dom ein Spielzeug. Es war doch ein erhabenes Gefühl, über allem zu schweben. Wer konnte mir jetzt was anhaben? Keiner! Daß ich nicht mehr wußte, wo ich war, war mir ganz Wurscht, und ich war ganz traurig, als mein Pilot meinte, jetzt müßten wir landen. Am liebsten wäre ich gleich wieder geflogen. Daß ich irgend welche Beschwerden, wie etwa bei einer Luftschaukel, gehabt hätte, daran ist nicht zu denken. Die berühmten Amerikanischen Schaukeln sind mir, nebenbei gesagt, widerlich. Man fühlt sich unsicher darin, aber im Flugzeug hat man das unbedingte Gefühl der Sicherheit. Man sitzt ganz ruhig auf seinem Sessel. Daß einem schwindlig wird, ist ganz ausgeschlossen. Es gibt keinen Menschen, dem im Flugzeug je schwindlig geworden wäre. Aber es ist ein verdammter Nervenkitzel, so durch die Luft zu sausen, besonders nachher, als es wieder ’runterging, das Flugzeug nach vorn kippte, der Motor aufhörte zu laufen und mit einemmal eine ungeheure Ruhe eintrat. Ich hielt mich wieder krampfhaft fest und dachte [47]natürlich: »Jetzt stürzt du.« Aber es ging alles so selbstverständlich und natürlich vor sich, auch das Landen, wie man wieder die Erde berührte, und alles war so einfach, daß einem das Gefühl der Angst absolut fehlte. Ich war begeistert und hätte den ganzen Tag im Flugzeug sitzen können. Ich zählte die Stunden bis zum nächsten Start.

  79. 1 June 1915
    Westfront
    Combres-sous-les-Côtes
    Côtes
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!

    Die Tage im Elternhaus waren sehr schön, aber leider zu kurz. Mit Papa war ich noch bis elf Uhr Abends zusammen. Er sieht in seiner Uniform so jugendlich aus wie keiner in seinem Alter. Wenn ich mir einer Altersgenossen ansehe, muß man wirklich sagen, daß Papa außergewöhnlich  jung aussieht. In P. war es sehr nett, ich war leider nicht ganz einen Tag da, schoß aber drei Böcke, einer davon ist abnorm; eine Stange ist nach unten gebogen.

  80. 6 June 1915
    Flieger-Ersatzabteilung 7
    Köln
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!

    Hier bin ich nun endlich angekommen. Bei der Flieger- Ers.-Abt. 7 ist ein riesiger Apparat, um uns auszubilden. Wir sind dreißig, die alle als Beobachter ausgebildet werden sollen. Davon werden dann die besten ausgesucht und behalten. Es ist unter diesen Umständen natürlich äußerst schwierig und recht zweifelhaft, ob unter diesen Auserwählten gerade ich mich befinden werde.

  81. 10 June 1915
    near Dresden
    Grossenhain
    https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_victories_of_Manfred_von_Richthofen

    Der 30-tägige Lehrgang wurde durch einen anschließenden 14-tägigen Lehrgang in Großenhain nahe Dresden vervollständigt, bei dem die Praxis im Vordergrund stand.

  82. 10 June 1915
    near Dresden
    Grossenhain
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Am 10. Juni 1915 kam ich nach Großenhain, um von dort aus an die Front abgeschickt zu werden. Natürlich wollte ich recht schnell ’raus, denn ich hatte Angst, ich könnte zu dem Weltkrieg zu spät kommen. Flugzeugführer-Werden hätte drei Monate in Anspruch genommen. Bis dahin konnten wir schon längst Frieden haben; also kam es nicht in Frage.

  83. 10 June 1915
    near Dresden
    Grossenhain
    The dramatic true story of the Red Baron, Wiliam E Burrows, 1972, Mayflower Books

    Richthofen worked hard at Cologne and was the first of the thirty to finish. Several did not qualify. On June 10, he was sent to the No. 6 Air Replacement Section at Grossenhain for two more weeks of training. The observation course would alter be expanded to twelve weeks, but in that first year of discovery that aerial observation was an important tool for the army, observers were scarce, and were cranked out as quickly as possible. Besides flying, Richthofen had classroom instruction in map reading, camouflage recognition, troop and artillery spotting, bomb dropping, use of compass and telescope, meteorology, and photography. He had to draw maps in flight of what he saw and have them finished and ready for use before the Albatros landed.

  84. 21 June 1915
    near Lviv
    Rawa Ruska
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Als Beobachter mochte ich mich vielleicht in meiner Eigenschaft als Kavallerist ganz gut eignen; denn nach vierzehn Tagen schickte man mich bereits ’raus, zu meiner größten Freude an die einzige Stelle, wo wir noch Bewegungskrieg hatten, nämlich nach Rußland. Mackensen ging gerade seinen Siegeszug. Er war bei Gorlice durchgebrochen, und ich kam dazu, wie wir Rawa Ruska nahmen. Ein Tag im Armee-Flugpark, dann kam ich zu der famosen Abt. 69, wo ich mir als Anfänger kolossal dämlich vorkam. Mein Führer war eine »Kanone« – Oberleutnant Zeumer –, jetzt auch schon krumm und lahm. Von den übrigen bin ich heute der einzige, der noch lebt. Jetzt kommt eigentlich meine schönste Zeit. Sie hatte mit dem Kavalleristischen recht große Ähnlichkeit. Jeden Tag, vor- und nachmittags, konnte ich meine Aufklärung fliegen. Ich habe manche schöne Meldung nach Hause gebracht.

  85. 22 June 1915
    Juni, Juli, August 1915
    Brest
    Brest
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Juni, Juli, August 1915 blieb ich bei der Fliegerabteilung, die den ganzen Vormarsch Mackensens von Gorlice nach Brest-Litowsk mitmachte. Ich war als ganz junger Beobachter dort hingekommen und hatte von Tuten und Blasen keine Ahnung. Als Kavallerist war ja meine Beschäftigung Aufklären, so schlug der jetzige Dienst in mein Fach, und ich hatte großen Spaß an den riesigen Aufklärungsflügen, die wir fast täglich unternahmen. Für den Beobachter ist es wichtig, einen gesinnungstüchtigen Führer zu finden. Da hieß es eines schönen Tages: »Graf Holck ist auf dem Anmarsch zu uns.« Sofort kam mir der Gedanke: »Das ist der Mann, den du brauchst.« Holck erschien nicht, wie man wohl glauben könnte, im 60-P.S.-Mercedes oder im Schlafwagen erster Klasse, sondern zu Fuß. Er war nach tagelanger Bahnfahrt endlich in die Gegend von Jaroslau gekommen. Dort stieg er aus, denn es war wieder mal ein unendlicher Aufenthalt. Seinem Burschen sagte er, er möchte mit dem Gepäck nachreisen, er würde vorausgehen. Er zieht los, und nach einer Stunde Fußmarsch guckt er sich um, aber kein Zug folgt ihm. So lief und lief er, ohne von seinem Zuge überholt zu werden, bis er schließlich nach fünfzig Kilometern in Rawa Ruska, seinem Ziel, ankam und vierundzwanzig Stunden später der Bursche mit dem Gepäck erschien. Das war dem Sportsmann aber weiter keine ungewohnte Arbeit. Sein Körper war derart trainiert, daß ihm fünfzig Kilometer Fußmarsch nichts weiter ausmachten. Graf Holck war nicht bloß ein Sportsmann auf dem grünen Rasen, der Flugsport machte ihm allem Anschein nach nicht weniger Vergnügen. Er war ein Führer von seltener Befähigung, und besonders eben, was ja noch eine große Hauptsache ist, er war grob Klasse über dem Feind. Manch schönen Aufklärungsflug flogen wir, wer weiß wie weit, Richtung Rußland. Nie hatte ich bei dem noch so jungen Piloten das Gefühl der Unsicherheit, vielmehr gab er mir im kritischen Moment einen Halt. Wenn ich mich umsah und in sein entschlossenes Gesicht blickte, hatte ich wieder nochmal so viel Mut wie vorher.

  86. 20 July 1915
    50 Kilometer südlich Cholm
    Brest
    Brest
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    …Die Tage wurden nun schön und klar, wir faßten wieder guten Mut. Manfred hat seinen Kursus mit Erfolg hinter sich gebracht, die Fliegerei liegt ihm, kommt seinem Wesen entgegen; schon nach seinem ersten Fluge war er so begeistert, daß er “am liebsten den ganzen Tag im Flugzeug sitzen möchte” und die Stunden bis zum nächsten Tag zählte. Er wurde denn auch als einer der ersten aus den dreißig Kursusteilnehmern ausgewählt und fliegt jetzt, während ich dies schreibe, bereits als Beobachter bei der k. u. k. Südarmee. Vor wenigen Tagen erreichte mich ein Brief: 50 Kilometer südlich Cholm, 20. Juli 1915. “Liebe Mama! Hoffentlich erreichen Dich jetzt meine Nachrichten wieder. Ich bin hier bei der Armee Mackenzen, und zwar dem österreichischen 6. Korps zugeteilt. Jetzt sind wir wieder gerade in vollem Bewegungskriege. Ich fliege fast täglich über dem Feinde und bringe Meldungen. Den Rückzug der Russen vor drei Tagen habe ich auch gemeldet. Es macht mir sehr viel Spaß, jedenfalls mehr, als Ordonnanzoffizier zu spielen. Man lebt nur in Zelten. Die Häuser sind fast alle runtergebrannt, und die noch stehen, sind derartig verlaust, daß kein Mensch hineingehen will. Ich freue mich besonders, gerade hier, auf dem wichtigsten Kriegsschauplatz, mitwirken zu können. Aller Voraussicht nach muß und wird hier die Entscheidung über kurz oder lang fallen. Ich wirke hier schon seit vierzehn Tagen. Meine Ausbildung hat also knapp vier Wochen gedauert. Von meinem Kursus bin ich der erste, der in eine Feldfliegerabteilung gekommen ist.”

  87. 20 August 1915
    Juni, Juli, August 1915
    near Lviv
    Rawa Ruska
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Mein letzter Flug mit ihm zusammen sollte beinahe schief gehen. Wir hatten eigentlich gar keinen bestimmten Auftrag zu fliegen. Das ist ja aber gerade das Schöne, daß man sich vollständig als freier Mensch fühlt und vollkommen sein eigener Herr ist, wenn man mal in der Luft ist. [51]Wir hatten einen Flughafenwechsel vorwärts und wußten nicht genau, welche Wiese nun eigentlich die richtige sei. Um unsere Kiste bei der Landung nicht unnötig aufs Spiel zu setzen, flogen wir Richtung Brest-Litowsk. Die Russen waren in vollem Rückmarsch, alles brannte – – ein grausig-schönes Bild. Wir wollten feindliche Kolonnen feststellen und kamen dabei über die brennende Stadt Wiczniace. Eine riesige Rauchwolke, die vielleicht bis auf zweitausend Meter hinaufreichte, hinderte uns am Weiterfliegen, da wir selbst, um besser zu sehen, nur in fünfzehnhundert Metern Höhe flogen. Einen Augenblick überlegte Holck. Ich fragte ihn, was er machen wollte, und riet ihm, drumherum zu fliegen, was vielleicht ein Umweg von fünf Minuten gewesen wäre. Aber daran dachte Holck gar nicht. Im Gegenteil: je mehr sich die Gefahr erhöhte, um so reizvoller war es ihm. Also mitten durch! Mir machte es auch Spaß, mit einem so schneidigen Kerl zusammen zu sein. Doch sollte uns unsere Unvorsichtigkeit bald teuer zu stehen kommen, denn kaum war der Schwanz des Apparates in der Wolke verschwunden, schon merkte ich ein Schwanken im Flugzeug. Ich konnte nichts mehr sehen, der Rauch biß mir in die Augen, die Luft war bedeutend wärmer, und ich sah unter mir bloß noch ein riesiges Feuermeer. Plötzlich verlor das Flugzeug das Gleichgewicht und stürzte, [52]sich überschlagend, in die Tiefe. Ich konnte noch schnell eine Strebe erfassen, um mich festzuhalten, sonst wäre ich ’rausgeschleudert worden. Das erste, was ich tat, war ein Blick in Holcks Gesicht. Schon hatte ich wieder Mut gefaßt, denn seine Mienen waren eisern zuversichtlich. Der einzige Gedanke, den ich hatte, war der: es ist doch dumm, auf so unnötige Weise den Heldentod zu sterben. Später fragte ich Holck, was er sich eigentlich in dem Augenblick gedacht hätte. Da meinte er, daß ihm doch noch nie so eklig zumute gewesen sei. Wir stürzten herunter bis auf fünfhundert Meter über die brennende Stadt. War es die Geschicklichkeit meines Führers oder höhere Fügung, vielleicht auch beides, jedenfalls waren wir plötzlich aus der Rauchwolke herausgefallen, der gute Albatros fing sich wieder und flog erneut geradeaus, als sei nichts vorgefallen. Wir hatten nun doch die Nase voll von unserem Flughafenwechsel und wollten schleunigst zu unseren Linien zurückkehren. Wir waren nämlich noch immer weit drüben bei den Russen und zudem nur noch in fünfhundert Metern Höhe. Nach etwa fünf Minuten ertönte hinter mir die Stimme Holcks: »Der Motor läßt nach.« Ich muß hinzufügen, daß Holck von einem Motor nicht ganz dieselbe Ahnung hatte wie von einem »Hafervergaser«, und ich selbst war vollständig schimmerlos. Nur eines wußte ich, daß, [53]wenn der Motor nicht mehr mitmachte, wir bei den Russen landen mußten. Also kamen wir aus der einen Gefahr in die andere. Ich überzeugte mich, daß die Russen unter uns noch flott marschierten, was ich aus fünfhundert Metern Höhe genau sehen konnte. Im übrigen brauchte ich gar nichts zu sehen, denn der Rußki schoß mit Maschinengewehren wie verfault. Es hörte sich an, als wenn Kastanien im Feuer liegen. Der Motor hörte bald ganz auf zu laufen, er hatte einen Treffer. So kamen wir immer tiefer, bis wir gerade noch über einem Wald ausschwebten und schließlich in einer verlassenen Artilleriestellung landeten, die ich noch am Abend vorher als besetzte russische Artilleriestellung gemeldet hatte. Ich teilte Holck meine Vermutungen mit. Wir sprangen ’raus aus der Kiste und versuchten, das nahe Waldstückchen zu erreichen, um uns dort zur Wehr zu setzen. Ich verfügte über eine Pistole und sechs Patronen, Holck hatte nichts. Am Waldrande angekommen, machten wir halt, und ich konnte mit meinem Glase erkennen, wie ein Soldat auf unser Flugzeug zulief. Zu meinem Schreck stellte ich fest, daß er eine Mütze trug und nicht eine Pickelhaube. Das hielt ich für ein sicheres Zeichen, daß es ein Russe sei. Als der Mann näher kam, stieß Holck einen [54]Freudenschrei aus, denn es war ein preußischer Gardegrenadier. Unsere Elitetruppe hatte wieder einmal die Stellung beim Morgengrauen gestürmt und war bis zu den feindlichen Batteriestellungen durchgebrochen. * Ich erinnere mich, daß Holck bei dieser Gelegenheit seinen kleinen Liebling, ein Hündchen, verlor. Er nahm das Tierchen bei jedem Aufstieg mit, es lag ganz ruhig in seinem Pelz unten in der Karosserie. Im Walde hatten wir es noch mit. Kurz darauf, als wir mit dem Gardegrenadier gesprochen hatten, kamen Truppen vorbeigezogen. Dann kamen Stäbe von der Garde und Prinz Eitel Friedrich mit seinen Adjutanten und Ordonnanzoffizieren. Der Prinz ließ uns Pferde geben, so daß wir beiden Kavallerieflieger mal wieder auf richtigen »Hafermotoren« saßen. Leider ging uns beim Weiterreiten das Hündchen verloren. Es muß wohl mit anderen Truppen mitgelaufen sein. Spätabends kamen wir schließlich mit einem Panjewagen in unseren Flughafen zurück. Die Maschine war futsch.

  88. 21 August 1915
    Władysława Sikorskiego 19, 58-105 Świdnica, Polen
    Swidnica
    Schweidnitz
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Manfred ist zum einem Riesenflugzeug nach Ostende kommandiert. Er freut sich sehr darauf. Die kleine fliegende Festung soll eine Unmenge Bomben schleppen können, fünf bis sechs Mann bilden die Besatzung: zwei Führer, Monteure, MG-Schütze, ein Beobachter. Manfred hofft gegen England eingesetzt zu werden. Um 21., gerade nachdem mein Mann überraschend zu Besuch aus Gnadenfrei eingetroffen war, kündigte Manfred telegrafisch sein Erscheinen an. Um Mitternacht holten wir ihn von der Bahn ab; in seiner Begleitung befand sich sein Bursche, der treue Menzke, den er schon in Friedenszeiten in seiner Schwadron hatte. Manfred war großartig in Form, er strahlte und erzählte Erlebnisse von der Front, eines noch interessanter als daß andere. Wir lauschten atemlos, das freie, ungebundene Fliegerleben im Osten begeisterte uns mit, das Patrouillenfliegen in den Lüften, über viele Hunderte von Kilometern hinweg, das Überbrausen von Wäldern un Wildnissen, die vielleicht niemals das Donnern eines Motors über sich gehört hatten. Prächtige Menschen hat Manfred im Osten bei Rawa Ruska kennengelernt, gute Freundschaften hat er geschlossen. Von einem Leutnant Zeumer hat er anfangs viel gelernt, die beiden – Lehrer und Schüler – wurden ein Herz und eine Seele, viele Male durchflogen sie endlose Strecken, nachts kampierten sie unter Decken gehüllt, am häufigsten aber von ihren interessanten Fliegeraufgaben. In Ostende nun wird Manfred seinen Freund Zeumer wiedersehen, Manfred erzählt…Es wird spät, Menzke hat sich in der Küche angefreundet, man hört seine bedächtige Stimme, die so gut zu seiner eckigen, treuherzigen Erscheinung paßt, aus dem Klappern der Teller und Gläser hervor. Sicher hat auch er dankbare Zuhörerinnen. Von Holk berichtet Manfred, dem verwegenen und populären Man, der auf allen Rennplätzen jungen Ruhm erworben hatte, ehe er sein Herz an die Fliegerei hing. Die Fügung hatte die beiden zusammengebracht im gotvergessensten Osten. In Rawa Ruska war eines Tages die sehnige Reiterfigur des Grafen Holk aufgetaucht, 50 Kilometer Fußmarsch hatte er hinter sich von der letzten Bahnstation, aber es war, als hätte er nur einen Spaziergang getan, er lachte und machte witzige Bemerkungen – dem drahtigen Sportsmann machten solche Kraftleistungen nichts aus, er brauchte sie geradezu. Auch in dieser Beziehung paßte er glänzend zu Manfred, sie flogen viel zusammen (jener als “Franz”, dieser als “Emil”), trieben es oft auch wohl ein wenig bunt, wie mir scheinen will. Das Reiterblut ging einfach mit ihnen durch. Da gab es dramatische Augenblicke. Mir wurde es bei aller Amüsiertheit doch ein wenig wie dem “Reiter über dem Bodensee” zumut, als Manfred so leichthin erzählte, wie sie beim Überfliegen eines brennendes Dorfes mit einem unaussprechlichen Namen in eine riesige Rauchsäule gerieten und plötzlich – wohl infolge der verminderten Tragfähigkeit der Luft – wie ein Stein nach unten stürtzten, bis es Holk, der eisern und ungerührt am Steuer gesessen hatte, gelang, die Machine einige hundert Meter über dem Erdboden und über den wütend feuernden russischen Batallionen abzufangen. Es wurde noch eine knappe Notlandung, zum Glück in einer deutschen Stellung, die tags zuvor noch als vom Feine besetzt gemeldet worden war. Die Tragflâchen waren hübsch von Treffern punktiert, auch der Motor hatte was abbekommen. Mit Reden und Fragen verging die halbe Nacht; wir bekamen diesmal nur wenig Schlaf. Alle möglichen Bilder, die Manfreds Erzählung hervorgerufen hatte, gingen durch meine Träume. Aber ich hatte nun begreifen gelernt, wie das Fliegen einen jungen, wagemutigen Menschen vom Schlage Manfreds sesseln kann und nicht mehr loslaßt. Manfred reiste viel zu schnell wieder ab. Er hatte es eilig, zu seinem Groß-Kampfflugzeug zu kommen. Das Leben hier zu Hause geht seinen gewohnten Gang.

  89. 21 August 1915
    Tussen de Snaaskerkestraat en de Zomerloosstraat
    Gistel
    The dramatic true story of the Red Baron, Wiliam E Burrows, 1972, Mayflower Books

    He was to report to an airdrome at Ghistelles, a village near Ostend, Belgium, on August 21, for duty with the Mail Pigeon Detachment.

  90. 21 August 1915
    Tussen de Snaaskerkestraat en de Zomerloosstraat
    Gistel
    https://www.luchtvaartgeschiedenis.be/content/gistel-vliegveld

    Tussen de Snaaskerksestraat en de Zomerloosstraat, werd vlakbij het station van Gistel een vliegveld aangelegd. Een aftakking van de spoorlijn Oostende-Torhout zorgde voor bevoorrading.

    In november 1914 werd in het bezette Oostende de Brieftauben Abteilung Oostende opgericht, maar onder deze deknaam, die eigenlijk Kampfgeschwader 1 was, voerden de Duitsers bombardemten uit. Dit gebeurde o.m. in januari 1915 op Belgische stellingen in Duinkerken. Omstreeks dezelfde periode verliet Kagohl I het vliegveld richting Metz, doch zij keerde spoedig terug. Op 22 juli 1916 werd de I. Marine Feldflieger Abteilung vanuit Oostende/Mariakerke naar Gistel overgevlogen. De eenheid bombardeerde in maart-april diverse bombardementen uit. In de zomer van 1917 verhuisde de eenheid naar Vlissegem. Erg interessant is het feit dat vanop dit vliegveld het allereerste bombardement op Londen gepland werd. Eigenlijk was dit het initiatief van Flugmeister Wlather Ilges en Leutnant Paul Brandt, die die dag met hun LVG CII naar Engeland vlogen en boven de Britse hoofdstad zes bommen van tien kilogram elk dropte. Ze moesten uiteindelijk een noodlanding uitvoeren op het strand bij Boulange noodlanden en werden krijgsgevangen genomen. Brieftauben Abteilung B-type toestellen (o.m. LVG CII) periode juli 1915, begin 1916 omgevormd tot Kagohl 1 : 6 Staffeln, voerde bombardementen op Verdun uit met tweezitters.

    De bekende luchtaas Manfred von Richthoven vloog hier als waarnemer. In 1916 vloog Kagohl I met LVG CII en Rumpler CI. Opmerkelijk feit is dat op 28 november 1916 de bemanning Leutnant Walter Ilges en Uffz Paul Brandt met een LVG opstegen voor de eerste raid op Londen. Ze dropten zes bommen van tien kilo elk. De schade was gering en situeerde zich tussen Brompton Road en het Victoria Station. De bemanning zou haar overmoed vrij duur betalen. Boven Noord-Frankrijk kreeg de LVG motorpech en de bemanning moest een noodlanding maken bij Boulogne. Beide vliegeniers, die het eerste vliegtuigbombardement op Londen uitgevoerd hadden, werden krijgsgevangen gemaakt.

    Kagohl 3 : 6 Staffeln (13 t/m 18), vanaf maart 1917 uitgerust met Gotha IV, in april 1917 naar Sint-Denijs-Westrem en Melle-Gontrode wegens te dicht bij het front. Jasta 17: komende van St Quintin-le-Petit, 24-6-1917 – Wasquehal, 28-8-1917 Jasta 2: komende van Bissegem, 12-8-1917 – Jabbeke, 26-8-1917

    Bron: Deneckere Bernard, De luchtoorlog boven West-Vlaanderen, Groeninghe, Kortrijk 1997

  91. 22 August 1915
    Royal Palace Hotel
    Oostende
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Rußland–Ostende (Vom Zweisitzer zum Großkampfflugzeug) Nachdem in Rußland unsere Unternehmungen so sachte zum Stehen kamen, wurde ich plötzlich zu einem Großkampfflugzeug, zur B. A. O. nach Ostende versetzt (21. August 1915). Ich traf da einen alten Bekannten, Zeumer, und außerdem verlockte mich der Name »Großkampfflugzeug«. August 1915 traf ich in Ostende ein. Auf dem Bahnhof in Brüssel hatte mich mein guter Freund Zeumer abgeholt. Nun verlebte ich eigentlich eine sehr nette Zeit, die aber wenig Kriegerisches an sich hatte, aber sie war als Lehrzeit zum Kampfflieger unentbehrlich. Wir flogen viel, hatten selten Luftkämpfe und nie Erfolge. Dafür aber war das sonstige Leben reizvoll. Am Strand von Ostende hatten wir ein Hotel beschlagnahmt. Jeden Nachmittag badeten wir. Leider waren als Kurgäste nur Soldaten zu sehen. Auf den Terrassen von Ostende saßen wir, in unsere bunten Bademäntel gehüllt, und tranken nachmittags unseren Kaffee. * Wir saßen wieder mal, wie üblich, am Strande bei unserem Kaffee. Plötzlich ein Tuten, das hieß: ein englisches Seegeschwader ist gemeldet. [56]Natürlich ließen wir uns durch derartige Alarmnachrichten in unserer Gemütlichkeit nicht stören und tranken weiter. Da ruft einer: »Da sind sie!« und tatsächlich konnten wir am Horizont, wenn auch nicht sehr deutlich, einige qualmende Schornsteine und später auch Schiffe erkennen. Schnell wurden die Ferngläser geholt und beobachtet. Wir sahen eine ganz stattliche Zahl von Schiffen. Was sie eigentlich machen wollten, war uns unklar, aber bald sollten wir eines Besseren belehrt werden. Wir stiegen auf das Dach, um von dort oben mehr zu sehen. Mit einem Male pfeift’s, gleich darauf ein Riesenknall, und eine Granate schlägt am Strande ein, wo wir eben noch im Wasser waren. So schnell bin ich noch nie in den Heldenkeller gestürzt wie in diesem Moment. Das englische Geschwader schoß noch vielleicht drei-, viermal auf uns und richtete sich dann in der Hauptsache gegen den Ostender Hafen und Bahnhof. Getroffen haben sie natürlich nichts. Aber sie haben die braven Belgier in mächtige Aufregung versetzt. Eine Granate sauste mitten in das schöne Palasthotel am Strande von Ostende. Dies war der einzige Schaden. Zum Glück ist es englisches Kapital, das sie selbst vernichtet haben. * Abends wurde dann wieder feste geflogen. Bei einem unserer Flüge waren wir mit unserem Großkampfflugzeug sehr weit hinaus auf See [57]gekommen. Das Ding hatte zwei Motoren, und wir probierten hauptsächlich ein neues Steuer aus, das uns ermöglichen sollte, auch mit einem Motor weiter geradeaus zu fliegen. Wie wir ziemlich weit draußen sind, sehe ich unter uns, nicht auf dem Wasser, sondern – wie es mir schien – unter dem Wasser, ein Schiff schwimmen. Es ist ganz eigentümlich: Man kann von oben aus bei etwas ruhigem Seegang bis auf den Meeresgrund hinuntersehen. Natürlich nicht vierzig Kilometer tief, aber so einige hundert Meter Wasser kann man glatt durchschauen. Ich hatte mich auch nicht getäuscht, daß das Schiff nicht über Wasser, sondern unter Wasser schwamm, und trotzdem sah ich es so, als sei es oben. Ich machte Zeumer darauf aufmerksam, und wir gingen etwas tiefer hinunter, um Näheres zu erkennen. Ich bin zu wenig Marinemann, um gleich sagen zu können, was es gewesen ist; aber so sachte kapierte ich denn doch, daß es ein U-Boot war. Aber welcher Nationalität? Das ist nun wieder eine zweite schwierige Frage, die meiner Ansicht nach nur ein Marinemann lösen kann – und der auch nicht immer. Farbe ist so gut wie gar nicht zu erkennen. Die Flagge schon erst recht nicht. Außerdem hat ja wohl so ein U-Boot gar nichts dergleichen. Wir hatten zwei Bomben mit, und ich war mir sehr im Zweifel: sollte ich werfen, oder sollte ich nicht werfen? [58]Das U-Boot hatte uns nicht gesehen, denn es war halb unter Wasser. Wir konnten aber über dem Ding ganz ruhig herfliegen und hätten den Moment abpassen können, wo es auftauchte, um Luft zu schnappen, um unsere Eier zu legen. Das ist ganz bestimmt ein sehr kritischer Punkt für unsere Schwesterwaffe. Wie wir noch eine ganze Weile mit den Kerlen da unten ’rumgekindscht hatten, merkte ich plötzlich, wie aus dem einen unserer Kühler sich so sachte das Wasser empfahl. Dieses schien mir als »Franz« nicht ganz geheuer, und ich machte meinen »Emil« darauf aufmerksam. Der zog sein Gesicht in die Länge und machte nun, daß er nach Hause kam. Aber wir waren schätzungsweise zwanzig Kilometer von der Küste entfernt, und die wollen erst zurückgeflogen sein. Der Motor ließ so sachte nach, und ich machte mich schon im stillen auf ein kaltes und feuchtes Bad gefaßt. Aber siehe da, es ging! Der Riesenäppelkahn ließ sich mit einem Motor und dem neuen Steuer großartig deichseln, und wir erreichten noch glatt die Küste und konnten dort sehr schön auf unserem nahen Hafen landen. Glück muß der Mensch haben. Hätten wir nicht das neue Steuer an diesem Tage ausprobiert, wir wären rettungslos versoffen.

  92. 23 August 1915
    Royal Palace Hotel
    Oostende
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Ein Tropfen Blut fürs Vaterland (Ostende) Verwundet bin ich eigentlich nie worden. Ich habe wohl immer im entscheidenden Moment den Kopf weggenommen und den Bauch eingezogen. Oft habe ich mich gewundert, daß sie mich nicht gehascht haben. Einmal ging mir ein Schuß durch beide Pelzstiefel durch, ein andermal durch meinen Schal, wieder einmal an meinem Arm durch den Pelz und die Lederjacke durch, aber nie hat es mich berührt. Da flogen wir eines schönen Tages mit unserem Großkampfflugzeug los, um die Engländer etwas mit Bomben zu erfreuen, erreichten das Ziel, die erste Bombe fällt. Es ist natürlich sehr interessant festzustellen, wie der Erfolg dieser Bombe ist. Wenigstens den Einschlag möchte man immer gerne sehen. Mein Großkampfflugzeug, das sich für das Bombenschleppen ganz gut eignete, hatte aber die dumme Eigenschaft, daß man von der abgeworfenen Bombe den Einschlag schlecht sehen konnte, denn das Flugzeug schob sich nach dem Abwurf über das Ziel weg und verdeckte es mit seinen Flächen vollkommen. Dieses ärgerte mich immer, denn man hatte so wenig Spaß davon. Wenn’s unten knallt und man die lieblich grau-weiße Wolke der Explosion [60]sieht und sie auch in der Nähe des Zieles liegt, macht einem viel Freude. So winkte ich meinen guten Zeumer ein und wollte eigentlich, daß er so etwas mit dem Tragdeck beiseite ging. Dabei vergaß ich, daß das infame Ding, mein Äppelkahn, zwei Propeller hatte, die sich rechts und links neben meinem Beobachtersitz drehten. Ich zeigte ihm ungefähr den Einschlag der Bombe – und patsch! habe ich eins auf die Finger. Etwas verdutzt anfangs, stellte ich dann fest, daß mein kleiner Finger zu Schaden gekommen war. Zeumer hatte nichts gemerkt. Das Bombenwerfen war mir verleidet, schnell wurde ich meine letzten Dinger los, und wir machten, daß wir nach Hause kamen. Meine Liebe zum Großkampfflugzeug, die sowieso etwas schwach war, hatte durch diesen Bombenwurf schwer gelitten. Ich mußte nun acht Tage lang hocken und durfte nicht mitfliegen. Jetzt ist es nur noch ein Schönheitsfehler, aber ich kann doch wenigstens mit Stolz sagen: »Ich habe auch eine Kriegsverwundung.«

  93. 1 September 1915
    Oostende
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Zeumer und ich hätten zu gerne mal einen Luftkampf gehabt. Wir flogen natürlich unser Großkampfflugzeug. Schon allein der Name des Kahnes gab uns einen solchen Mut, daß wir es für ausgeschlossen hielten, ein Gegner könnte uns entgehen. Wir flogen am Tage fünf bis sechs Stunden, ohne je einen Engländer gesehen zu haben. Schon ganz entmutigt begaben wir uns eines Morgens wieder auf Jagd. Mit einemmal entdeckte ich einen Farman, der ungeniert seine Aufklärung fliegen wollte. Mir pochte das Herz, wie Zeumer auf ihn zuflog. Ich war gespannt, was sich nun eigentlich abspielen würde. Ich hatte nie einen Luftkampf gesehen und machte mir nur ganz dunkle Vorstellungen, so etwa wie du, mein lieber Leser. Ehe ich mich versah, waren wir beide, der Engländer und ich, aneinander vorbeigesaust. Ich hatte höchstens vier Schuß abgegeben, während der Engländer plötzlich hinter uns saß und uns den ganzen Laden voll schoß. Ich muß sagen, ich hatte nicht das Gefühl der Gefahr, weil ich mir auch gar nicht vorstellen konnte, wie nun eigentlich das Endresultat so eines Kampfes aussehen würde. Wir drehten uns noch einige Male umeinander, bis schließlich der Engländer [62]zu unserem größten Erstaunen ganz vergnügt kehrtmachte und weiterflog. Ich war stark enttäuscht, mein Führer auch. Zu Hause angekommen, waren wir beide sehr schlechter Laune. Er machte mir Vorwürfe, ich hätte schlecht geschossen, ich machte ihm Vorwürfe, er hätte mich nicht recht zum Schuß gebracht – kurz und gut, unsere Flugzeugehe, die sonst so tadellos war, hatte mit einemmal einen Knacks. Wir beschauten uns unsere Kiste und stellten fest, daß wir eigentlich eine ganz anständige Zahl von Treffern drinnen hatten. Noch am selben Tage unternahmen wir einen zweiten Jagdflug, der aber ebenso ergebnislos blieb. Ich war sehr traurig, denn ich hatte es mir bei einem Kampfgeschwader ganz anders vorgestellt. Ich glaubte immer, wenn ich mal zum Schuß käme, dann müßte der Bruder auch fallen. Bald mußte ich mich aber davon überzeugen, daß so ein Flugzeug ungeheuer viel verträgt. Schließlich gelangte ich zu der Überzeugung, ich könne noch so viel schießen und würde doch nie einen ’runterbekommen. An Mut hatten wir es nicht fehlen lassen. Zeumer konnte fliegen wie selten einer, und ich war ein ganz leidlicher Kugelschütze. Wir standen also vor einem Rätsel. Es ging nicht bloß mir alleine so, sondern es geht noch heute vielen anderen ebenso. Die Geschichte will eben wirklich verstanden sein.

  94. 4 September 1915
    Rethel
    http://www.frontflieger.de/4-ric13.html
  95. 12 September 1915
    Rethel?
    Rethel
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Am 12. September brachte der Postbote eine seltsame Karte aus dem Feld. Sie war in ungelenker Handschrift verfaßt. Ich studierte sie und erfuhr daraus, daß Manfred leicht an der Hand verwundet ist. Da er selbst nicht schreiben konnte, so beauftragte er seinen Burschen Menzke, eine Nachricht an mich abzufassen, was der Brave denn auch in lakonischer, schmuckloser Art tat. – Erst ein späterer, humorvoller Bericht setzte mich ins Bild, wie das kleine Malheur geschah. Beim Bombenwerfen miet Leutnant Zeumer gestikulierte Manfred allzu eifrig seinem Wolkensitz – er wollte wohl seinen Piloten auf den Einschlag der Bombe aufmerksam machen – da bekam er von dem Propeller eins auf die Finger. Er ärgerte sich mächtig über sein Pech und hauptsächlich darüber, daß er nun acht Tage nicht starten konnte.

  96. 25 September 1915
    In der Champagne-Schlacht
    Champagne
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Die schöne Zeit in Ostende war nur sehr kurz, denn bald entbrannte die Schlacht in der Champagne, und wir flogen nach dieser Front, um uns dort weiter mit dem Großkampfflugzeug zu betätigen. Wir bemerkten bald, daß die Klamotte zwar ein großes Flugzeug war, aber niemals ein Kampfflugzeug abgab.

  97. 25 September 1915
    when exactly?
    In der Champagne-Schlacht
    Champagne
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Einmal flog ich mit Osteroth, der ein etwas kleineres Flugzeug hatte als der Äppelkahn (das Großkampfflugzeug). Etwa fünf Kilometer hinter der Front trafen wir mit einem Farman-Zweisitzer zusammen. Er ließ uns ruhig ’rankommen, und ich sah zum ersten Male einen Gegner so ganz aus nächster Nähe in der Luft. Osteroth flog sehr geschickt so neben ihm her, daß ich ihn gut unter Feuer nehmen konnte. Der Gegner hatte uns wohl gar nicht bemerkt, denn ich hatte bereits meine erste Ladehemmung, wie er anfing, wiederzuschießen. Nachdem ich meinen Patronenkasten von hundert Schuß verschossen hatte, glaubte ich meinen Augen nicht trauen zu können, wie mit einem Male der Gegner in ganz seltsamen Spiralen niederging. Ich verfolgte ihn mit den Augen und klopfte Osteroth auf den Kopf. Er fällt, er fällt, und tatsächlich fiel er in einen großen Sprengtrichter; man sah ihn darin [64]auf dem Kopf stehen, Schwanz nach oben. Auf der Karte stellte ich fest: fünf Kilometer hinter der jetzigen Front lag er. Wir hatten ihn also jenseits abgeschossen. In damaliger Zeit wurden aber Abschüsse jenseits der Front nicht bewertet, sonst hätte ich heute einen mehr auf meiner Liste. Ich war aber sehr stolz auf meinen Erfolg, und im übrigen ist es ja die Hauptsache, wenn der Kerl unten liegt, also nicht, daß er einem als Abschuß angerechnet wird.

  98. 1 October 1915
    Brieftauben-Abteilung Metz
    Vauziers
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Zeumer verpaßte sich in dieser Zeit einen Fokker-Eindecker, und ich konnte zusehen, wie er allein durch die Welt segelte. Die Champagne-Schlacht tobte. Die französischen Flieger machten sich bemerkbar. Wir sollten zu einem Kampfgeschwader zusammengestellt werden und fuhren am 1. Oktober 1915 nach. Im Speisewagen saß am Nebentisch ein junger unscheinbarer Leutnant. Es lag auch kein Grund für ihn vor, besonders aufzufallen, nur eine Tatsache stand fest: er war von uns allen der einzige, der bereits mal einen feindlichen Flieger abgeschossen hatte, und zwar nicht nur einen, sondern schon vier. Er war sogar mit Namen im Heeresbericht genannt. Er imponierte mir auf Grund seiner Erfahrungen ganz rasend. Ich konnte mir noch so große Mühe geben, ich hatte bis dahin noch immer keinen zur Strecke, jedenfalls war mir noch keiner anerkannt worden. Zu gerne hätte ich erfahren, wie dieser Leutnant Boelcke das nun eigentlich machte. So stellte ich an ihn die Frage: »Sagen Sie mal bloß, wie machen Sie’s denn eigentlich?« Er lachte sehr belustigt, dabei hatte ich aber wirklich ernst gefragt. Dann antwortete er mir: »Ja, Herrgott, ganz einfach. Ich fliege eben ran und ziele gut, dann fällt er halt herunter.« Ich [66]schüttelte bloß den Kopf und meinte, das täte ich doch auch, bloß daß er eben bei mir nicht ’runterfiele. Der Unterschied war allerdings der, er flog Fokker und ich mein Großkampfflugzeug. Ich gab mir Mühe, diesen netten bescheidenen Menschen, der mir wahnsinnig imponierte, näher kennenzulernen. Wir spielten oft Karten zusammen, gingen spazieren, und ich fragte ihn aus. So reifte in mir der Entschluß: »Du mußt selber einen Fokker fliegen lernen, dann wird es vielleicht besser gehen.« Mein Sinnen und Trachten ging nun dahin, zu lernen, selbst »den Knüppel zu führen«. Denn ich war bisher immer nur Beobachter gewesen. Es bot sich bald Gelegenheit, auf einer alten Klamotte in der Champagne zu schulen. Ich betrieb das mit großem Eifer und war nach fünfundzwanzig Schulflügen vor dem Alleinflug.

  99. 10 October 1915
    Brieftauben-Abteilung Metz
    Vauziers
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Es gibt so einige Augenblicke im Leben, die einen besonderen Nervenkitzel verursachen, so z. B. der erste Alleinflug. Zeumer, mein Lehrer, erklärte mir eines Abends: »So, nun flieg’ mal alleine los.« Ich muß sagen, daß ich ihm am liebsten geantwortet hätte: »Ich habe zu große Angst.« Aber dies Wort soll ja der Vaterlandsverteidiger niemals in den Mund nehmen. Also mußte ich wohl oder übel meinen Schweinehund ’runterschlucken und mich in die Maschine setzen. Er erklärte mir noch einmal jeden Griff theoretisch; ich hörte nur noch mit halbem Ohre zu, denn ich war der festen Überzeugung: Du vergißt doch die Hälfte. Ich rollte zum Start, gab Gas, die Maschine bekam ihre bestimmte Geschwindigkeit, und mit einem Male konnte ich nicht umhin, festzustellen, daß ich tatsächlich flog. Es war schließlich kein ängstliches, sondern ein verwegenes Gefühl. Mir war jetzt alles Wurscht. Mochte passieren, was da wollte, ich wäre über nichts mehr erschrocken gewesen. Mit Todesverachtung machte ich eine Riesenlinkskurve, stellte an dem genau bezeichneten Baum das Gas ab und wartete der Dinge, [68]die sich nun ereignen würden. Nun kam das Schwierigste, die Landung. Mir waren die notwendigen Handgriffe genau in Erinnerung. Ich machte sie mechanisch nach, jedoch reagierte die Maschine ganz anders als sonst, wo Zeumer drin saß. Ich war aus dem Gleichgewicht gebracht, machte einige falsche Bewegungen, stand auf dem Kopf, und schon gab es wieder mal eine »Schulmaschine«. Sehr traurig beguckte ich mir den Schaden, der sich zum Glück bald beheben ließ, und hatte im übrigen noch den Spott auf meiner Seite. Zwei Tage später ging ich mit rasender Passion wieder an mein Flugzeug, und siehe da, es ging wunderbar. Nach vierzehn Tagen konnte ich die erste Prüfung machen. Ein Herr v. T. war Richter. Ich flog die mir vorgeschriebenen Achten und die mir befohlenen Landungen, worauf ich sehr stolz ausstieg und nun zu meinem größten Erstaunen hörte, daß ich durchgefallen sei. Mir blieb nichts anderes übrig, als später meine erste Prüfung noch einmal zu machen.

  100. Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!

    Eben kommen die neuen Fliegerhandschuhe an. Du kannst Dir kaum denken, wie ich mich über sie gefreut habe. Habe recht, recht herzlichen Dank dafür. Da Du ja weißt, daß ich Änderungen und Abwechslungen sehr gern hatte, wird es Dich gewiß nicht wundern, wenn ich Dir  mitteile, daß ich beabsichtige, die schöne Champagne in nächster Zeit wieder zu verlassen. Ich bin zu einem Riesenflugzeug kommandiert, aber leider ist es noch nicht fertig. Deshalb müssen mein Führer, der Herr v. Osteroth, und ich in nächster Zeit nach Berlin, um uns mit dem Riesenkahn anzufreunden. Er soll fast so viel Bomben schleppen können wie ein Zeppelin. Fünf bis sechs Mann fliegen darauf mit: Monteur, Maschinengewehrschütze, zwei Führer, ein Beobachter. Ich bin sehr gespannt auf die Kiste. Hoffentlich werden wir uns dann auch öfters sehen. Ihr wolltet doch jetzt auch nach Berlin kommen.

  101. 15 November 1915
    Döberitz
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Um meine Examina bestehen zu können, mußte ich aber nach Berlin. Ich benutzte die Gelegenheit, um als Beobachter ein Riesenflugzeug in Berlin auf den Schwung zu bringen, und ließ mich dazu nach Döberitz kommandieren (15. November 1915). Für das Riesenflugzeug hatte ich anfangs großes Interesse. Aber es ist komisch, gerade durch das Riesending wurde mir klar, daß nur das kleinste Flugzeug für meine Zwecke als Kampfflieger etwas taugen kann. So ein großer Äppelkahn ist zum Kämpfen zu unbeweglich, und das ist ja eben die Hauptsache für mein Geschäft. Der Unterschied zwischen einem Großkampfflugzeug und einem Riesenflugzeug ist der, daß das Riesenflugzeug noch erheblich größer ist und mehr dem Zwecke für Bomben dient und weniger zum Kampfe. Meine Prüfungen machte ich nun in Döberitz, zusammen mit einem lieben Menschen, Oberleutnant v. Lyncker. Wir beide vertrugen uns gut und hatten dieselben Passionen, auch dieselbe Auffassung über unsere spätere Tätigkeit. Unser Ziel war Fokkerfliegen, um zusammen zu einer Jagdstaffel nach dem Westen zu kommen. Ein [70]Jahr später haben wir es erreicht, zusammenwirken zu können, wenn auch nur für kurze Zeit, denn meinen guten Freund ereilte bei seinem dritten Abschuß die tödliche Kugel.

  102. 15 November 1915
    Döberitz
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Das Interesse an seiner Fliegertätigkeit hat womöglich noch zugenommen. Gleichzeitig aber meldet sich seine Jagdpassion. Er hat ja das fabelhafte Auge und die sichere Hand meines Mannes. Oftmals – als Manfred noch fast ein Knabe war – sind die beiden in den Nonnebusch gezogen. Manfred war immer dabei, das Wort ‘Jagd’ faszinierte ihn; man konnte ihn mitten in der Nacht wecken. Nur einmal, als mein Mann ihn vor Tau und Tag aus dem Bett holte, brummte er ein bißchen: “Na warte nur, wenn meine Gören mal so weit sind, dann schmeiße ich sie auch so früh aus der Klappe.” Dann aber sprang er mit beiden Füßen zugleich aus dem Bett, und die beiden Jäger zogen ab.Diese Schießkunst war gemeinsames Erbteil meines Mannes wie meiner Familie. Ich wunderte mich denn auch nicht, als Manfred schrieb, er wolle Jagdflieger werden. Dazu braucht er aber den Pilotenschein. So ist er jetzt vier bis sechs Wochen in Döberitz und läßt sich ausbilden. Zu Weihnachten will er sein Examen ablegen.

  103. 16 November 1915
    Aus meiner Döberitzer Ausbildungszeit
    Gut Buchow
    Döberitz
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Oft haben wir in Döberitz lustige Stunden verlebt. So war z. B. eine Bedingung: »Außenlandungen.« Ich verband bei dieser Gelegenheit das Notwendige mit dem Angenehmen. Zu meinem Außenlandeplatz suchte ich mir ein mir bekanntes Gut Buchow aus. Dort war ich auf Saujagd eingeladen, bloß vertrug sich die Sache schlecht mit meinem Dienst, denn an schönen Abenden wollte ich fliegen und trotzdem meiner Jagdpassion nachgehen. So legte ich mir meinen Außenlandeplatz so, daß ich von dort aus bequem meine Jagdgründe erreichen konnte. Ich nahm mir einen zweiten Piloten als Beobachter mit und schickte diesen abends zurück. Nachts setzte ich mich auf Sauen an und wurde am nächsten Morgen von diesem Piloten wieder abgeholt. Wenn ich nicht hätte abgeholt werden können, so wäre ich ziemlich auf dem Trockenen gewesen, da mir ein Fußmarsch von etwa zehn Kilometern geblüht hätte. So brauchte ich einen Mann, der mich bei jedem Wetter von meinem Hochsitz abholte. Es ist aber nicht jedermanns Sache, auf Wetter gar keine Rücksicht zu nehmen, doch es gelang mir, einen Gesinnungstüchtigen zu finden. [71]Eines Morgens, nachdem ich die Nacht wieder draußen zugebracht hatte, begann ein ungeheures Schneegestöber. Man konnte nicht fünfzig Meter weit sehen. Acht Uhr war es gerade, die angegebene Zeit, zu der mich der Pilot abholen sollte. Im stillen hoffte ich, er würde es diesmal sein lassen. Aber mit einem Male hörte ich ein Summen – sehen konnte ich nichts – fünf Minuten später lag mein schöner Vogel etwas verbogen vor mir.

  104. 24 December 1915
    Władysława Sikorskiego 19, 58-105 Świdnica, Polen
    Swidnica
    Schweidnitz
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Das Schicksal meint es gut mit uns. Unsere Wünsche haben sich erfüllt. Gemeinsam feiern wir das Weihnachtsfest, fast könnte man sich in frühere, sorglose Zeiten zurückversetzt glauben. Wieder einmal stand ich mit meinen vier Kindern unter dem Lichterbaum. Ich setzte mich ans Klavier und spielte “Stille Nacht, heilige Nacht.”. Manfred und Ilse sangen prachtvoll mit, mit ihren schönen klaren Stimmen. Lothar (gänzlich unmusikalisch und ohne Stimme) hielt die Lippen geschlossen, aber um so heller strahlten seine Augen. Alle drei, auch Bolko, waren in Uniform; Ilse in ihrer Schwesterntracht… …Manfred konnte ebenfalls recht luftig, ja ausgelassen sein; es war herzerfrischend, wenn er über irgendeine komische Geschichte so unbändig lachen konnte. Ich mußte an ein luftiges, kleines Begebnis denken, Menzke, der Bursche, hatte es bei seinem letzten Hiersein in der Küche erzählt. Einmal, in Friedenszeiten, ärgerte sich Manfred darüber, daß die Gaffer in Klumpen jeden Tag am Kasernentor standen und seine Bemühungen, die Rekruten auszubilden, mit mehr oder weniger sinnvollen Kommentaren versahen. Für den nächsten Tag hatte er Menzke eine tüchtige Portion Knallfrösche bezorgt. Menzke mußte so tun, als habe er am Kasernentor zu schaffen und in gebückter Stellung – den Rücken gegen die Zuschauer – die Feuerwerkskörper zur Entzündung bringen. Knallen und Hopfen und Schreien durcheinander. Die erschreckten Gehleute rissen aus wie Schafleder, sich gegenseitig umrennend. Marktkörbe mit Äpfeln, Kohl und Eiern kollerten aufs Pflaster, die Gaffer verzogen sich, teils schimpfend, teils lachend. Um meisten aber lachten die Ulanen, Manfred schlug sich auf den Schenkel und konnte sich nicht lassen vor Heiterkeit – bisder Schwadronschef, dem selber das Lachen um die Mundwinkel zuckte, seinem erfinderischen Leutnant solche wirksamen aber allzu originellen Lektionen ein für allemal untersagte. Dieses jungenhaft übermütige tritt bei Manfred immer wieder zutage, er ist so unverbraucht, aber – es bestimmt nicht sein Wesen, etwas anderes in ihm überwiegt: männlicher Tatendrang, gepaart mit eisernem Willen und unbeirrbarem Zielbewußtsein. Ich sage absichtlich Zielsbewußtsein, denn ich glaube, daß er stets ein festumrissenes Ziel im Auge hatte, das er erreichen wollte und würde, einerlei aus welchem Gebiet. Tolles Draufgängertum war durchaus nicht Manfreds Art. Sein Lebensstil ist das “Erst wägen – dann wagen”. In einem klaren Kopf wurde ein Vorhaben gefaßt und als richtig erkannt – dann aber vermochte nichts mehr, ihn irre zu machen. An Mut und Energie, seine Pläne zu verwirklichen, fehlte es ihm nicht. Er konnte auch blitzschnell einen Entschluß fassen, er wußte immer sofort, was er tun mußte. Er schwankte niemals mit seiner Ansicht herum. Gern habe auch ich, trotz seiner Jugend, vieles mit ihm besprochen – wie man das sonst mit einem Familienoberhaupt tut. Manfred sah erstaunlich klar. Er riet mit volkommener Ruhe, die kaum zu seinem Alter zu passen schien, immer das Richtige. Es war wundervoll, etwas mit ihm durchzusprechen. Wenn man seine Ansicht hörte, konnte man beruhigt danach handeln. “Manfred hat immer recht” – das war auch Lothars unumstößliche Ansicht. Daran konnte ihn niemand irre machen. Es war Lothars Evangelium, seine Wegweisung im Leben. Es war für ihn eine Selbstverständlichkeit, daß Manfred en erster Stelle stand. Er kannte keinen Neid, er freute sich darüber. Unter und neben diesem Bruder fühlte er sich wohl, hier war sein Platz, hier wollte er stehen – und das mit vollem, ungeteiltem Herzen. Lothar liebte Manfred mehr als sich selbst, und es sind keine leeren Worte: wenn es darauf ankam, hätte Lothar ohne Zaudern sein Leben für das seines Bruders geopfert. Ein so treuer Freund war für Manfred von unschätzbarem Wert – es war gewissermaßen die Verstärkung seines eigenen Ichs. Lothar hatte Ruhe und Todesverachtung. Er war von beispiellosem Schneid. In diesem Punkt stand er keinen Schritt hinter Manfred zurück. Und wer in der Familie liebte nicht Lothar! Rührend geduldig war er mit seinem Schwerhörigen Vater; wie verstand er es auch, dem kleinen Kadettenbruder immer wieder eine Freude zu bereiten! Wie liebevoll war er gegen Mutter und Schwester! … Dieser Heilige Abend, den ich mit all meinen Kindern, mit meinem Manne unter dem Lichterbaum verleben durfte, stimmte mich dankbar und froh.

  105. 25 December 1915
    Am Weihnachtstage 1915
    Schwerin
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Am Weihnachtstage 1915 machte ich mein drittes Examen. Ich verband damit einen Flug nach Schwerin und sah mir dort die Fokker-Werke an. Als Beobachter nahm ich mir meinen Monteur mit und flog dann später mit ihm von Berlin nach Breslau, von Breslau nach Schweidnitz, von Schweidnitz nach Lüben, von Lüben nach Berlin, überall zwischenlandend, Bekannte und Verwandte aufsuchend. Das Orientieren im Flugzeug fiel mir als altem Beobachter nicht schwer.

  106. 11 January 1916
    exact location?
    Schwerin
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!

    Seit ich Neujahr in Schwerin war, bin ich nicht ein einziges Mal mehr geflogen. Hier, in Berlin, regnet es dauernd; dadurch kommen wir gar nicht vorwärts. Und ich wäre so gern gerade jetzt draußen. Ich glaube, man würde etwas erleben…!

  107. 2 February 1916
    Władysława Sikorskiego 19, 58-105 Świdnica, Polen
    Swidnica
    Schweidnitz
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Die Weihnachtstage klangen lange in mir nach, und kaum, daß ich sie genossen, kam eine neue Freude über uns. Aus der Luft kam sie. Am 1. Februar hatte ich einen Anruf von Manfred, daß er am nächsten Tage mit Lothar nach Sweidnitz geflogen käme und auf dem kleinen Exerzierplatz, gegenüber unserem Hause, landen würde. Schnell gab ich die gute Botschaft an Albrecht nach Gnadenfrei durch; am nächsten Morgen um acht Uhr war mein Mann schon zur Stelle. Große Aufregung im Hause, die ihren Höhepunkt erreichte, als Manfred wiederum telefonierte, daß er in einer Stunde bei uns landen würde. Wir eilten auf den kleinen Exerzierplatz, der bereits militärisch abgesperrt war; zahlreiche Bekannte hatten sich eingefunden. Unsere Augen suchten un ablässig den Himmel ab, Albrecht war kaum zu halten, er wollte unbedingt darauf bestehen, daß ein Bettlaken als Landungszeichen angebracht würde; nur mit Mühe konnte ich ihm das Vorhaben ausreden. Diese Stunde auf dem kleinen Exerzierplatz hatte für mich etwas Besonderes, da beide Brüder, die so sehr ein Herz und eine Seele waren, nun in einem Flugzeug ankommen sollten. Wir starrten zum Himmel; man spürte leise Kopfschmerzen und verlor das Gefühl für die Umgebung. Da, um ein halb elf rief Ilse – sie hat die fabelhaften Augen wie Manfred: “Sie kommen …!” – “Wo?” Ich sah nichts, die anderen sahen nichts. Absolut nichts. Schließlich entdeckten wie einen winzigen schimmernden Punkt in ungeheurer Höhe. Frohe Erregung bemächtigte sich der Zuschauer, sehr bald traten die Umrisse des Flugzeuges klar hervor, es wuchs zusehends. Das Brausen des Motors, das erst ein schwaches Summen gewesen war, wurde zum Rauschen. Mit großer Sicherheit und Eleganz landete Manfred. Das Flugzeug rollte aus un stand, alle umringten den Doppeldecker. Jeder wollte mit ihnen sprechen, sie wurden geknipft und konnten sich der unzähligen Fragen, in die wir unsere mischten, nicht erwehren. Sie hatten von Breslau nicht einmal eine Viertelstunde gebraucht. Die wenigen Minuten Zwischenlandung schrumpften in ebenso viele Sekunden, dann rollte der Doppeldecker gegen den Wind in kurzen, hopfenden Sprüngen, hob sich vom Boden und war bald unseren Blicken entschwunden, so wie er gekommen war. Was zurückblieb, war ein schimmernder Punkt im Himmelsglast, nicht mehr als ein Funken, der von der Wintersonne ausgesogen wurde. In großer und freudiger Erregung gingen wir andern nach Hause.

  108. 16 March 1916
    Flughafen Mont
    Mont
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Ein Gewitterflug Unsere Tätigkeit vor Verdun im Sommer 1916 wurde durch häufige Gewitterstürme gestört. Nichts Unangenehmeres gibt es für einen Flieger, als durch ein Gewitter hindurch zu müssen. Während der Somme-Schlacht zum Beispiel landete ein ganzes englisches Geschwader hinter unseren Linien, weil es durch ein Gewitter überrascht wurde. Es geriet so in Gefangenschaft. Ich hatte noch nie den Versuch gemacht, durch ein Gewitter hindurchzufliegen, und konnte es mir nicht verkneifen, das doch mal auszuprobieren. In der Luft war den ganzen Tag eine richtige Gewitterstimmung. Von meinem Flughafen Mont war ich nach dem nahen Metz hinübergeflogen, um dort einiges zu erledigen. Da ereignete sich bei meinem Nachhauseflug folgendes: Ich war auf dem Flugplatz in Metz und wollte nach meinem Flughafen zurück. Wie ich meine Maschine aus der Halle zog, machten sich die ersten Anzeichen eines nahen Gewittersturmes bemerkbar. Der Wind kräuselte den Sand, und eine pechschwarze Wand zog von Norden her heran. Alte, erfahrene Piloten rieten mir dringend ab, zu fliegen. Ich hatte aber fest versprochen zu kommen, und es wäre mir furchtsam erschienen, wenn ich wegen eines dummen Gewitters ausgeblieben wäre. Also, Gas gegeben und mal probiert! Schon beim Start fing’s an zu regnen. Die Brille mußte ich wegwerfen, um überhaupt etwas sehen zu können. Das Üble war, daß ich über die Moselberge wegmußte, durch deren Täler gerade der Gewittersturm brauste. Ich dachte mir: »Nur zu, es wird schon glücken,« und näherte mich mehr und mehr der schwarzen Wolke, die bis auf die Erde herunterreichte. Ich flog so niedrig wie möglich. Über Häuser und Baumreihen mußte ich teilweise hinwegspringen. Wo ich war, wußte ich schon lange nicht mehr. Der Sturm erfaßte meinen Apparat wie ein Stück Papier und trieb ihn vor sich her. Mir saß das Herz doch etwas tiefer. Landen konnte ich nicht mehr in den Bergen, also mußte durchgehalten werden. Um mich herum war es schwarz, unter mir bogen sich die Bäume im Sturm. Plötzlich lag vor mir eine bewaldete Höhe. Ich mußte auf sie zu, mein guter Albatros schaffte es und riß mich darüber hinweg. Ich konnte nur noch geradeaus fliegen; jedes Hindernis, das kam, mußte genommen werden. Es war die reine Springkonkurrenz über Bäume, Dörfer, besonders Kirchtürme und Schornsteine, da ich höchstens noch fünf Meter hoch fliegen konnte, um in der schwarzen Gewitterwolke überhaupt noch etwas zu sehen. Um mich herum zuckten die Blitze. Ich wußte damals noch nicht, daß der Blitz nicht in das Flugzeug schlagen kann. Ich glaubte den sicheren Tod vor Augen zu haben, denn der Sturm mußte mich bei der nächsten Gelegenheit in ein Dorf oder in einen Wald werfen. Hätte der Motor ausgesetzt, so wäre ich erledigt gewesen. Da sah ich mit einem Male vor mir eine helle Stelle am Horizont. Dort hörte das Gewitter auf; erreichte ich diesen Punkt, so war ich gerettet. Die ganze Energie zusammennehmend, die ein junger, leichtsinniger Mensch haben kann, steuerte ich darauf zu. Plötzlich, wie abgerissen, war ich aus der Gewitterwolke heraus, flog zwar noch im strömenden Regen, aber fühlte mich im übrigen geborgen. Noch immer bei strömendem Regen landete ich in meinem Heimatshafen, wo schon alles auf mich wartete, da von Metz bereits die Nachricht eingetroffen war, ich sei in einer Gewitterwolke, Richtung dorthin, verschwunden. Nie wieder werde ich, wenn es nicht mein Vaterland von mir fordert, durch einen Gewittersturm hindurchfliegen. In der Erinnerung ist alles schön, so gab es auch dabei schöne Momente, die ich nicht in meinem Fliegerdasein missen möchte.

  109. 16 March 1916
    Flughafen Mont
    Mont
    Richthofen, The Red Knight of the Air, Vigilant, Reprint 1967 by Cedric Chivers Ltd, printed by Anton Hain KG in Germany

    The month of March brought release. He was appointed to Fighter Squadron No. 2 as a pilot. This was the second squadron of the Carrier Pigeons; its headquarters were at Metz, but it lived in a special train, complete with sleeping- and dining-cars for the officers and men. The quarters were somewhat narrow, but their inmates had a chance to make themselves comfortable because they were never parted from their belongings. There were, however, a number of dogs, pets of various pilots and observers, which roamed about the train on the chance of being able to nose their way into a sleeping-compartment and gnaw the owner’s boots. On joining Richthofen was warned that he left his footgear about at his own risk.

    When he joined this squadron, he found the train more or less permanently anchored on a siding somewhere between Landres and Marville, in the Verdun area, so that he was quite close to his old friends, the Ostende Pigeons. His new messmates had done their best to make themselves at home in a desolate locality. They cleanded up an old, deserted public-house and turned it into a jolly mess, to which they transported the piano they always carried about with them.

    But the best thing about this squadron was the fact that it was commanded by Wilhelm, the elder brother of the famous Oswald Boelcke. Oswald himself had returned to the neighbourhood after a spell of fighting at Douai, so that there was every chance of renewing acquaintance with him.

    Richthofen felt pleased with life. Although flying a Big Fighter, he regarded himself as one stage farther on the way to his goal – the Fokker on which he had set his heart. He resolved to anticpate the final promotion. He wanted to fight as well as fly, and thought the combination could even be managed by the pilot of a Big Fighter.

  110. 10 April 1916
    Flughafen Mont
    Mont
    https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_victories_of_Manfred_von_Richthofen
  111. 25 April 1916
    Heeresbericht vom 26. April 1916
    über Fleury, südlich von Douaumont und westlich davon
    Fleury-devant-Douamont
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Im Heeresbericht vom 26. April 1916 bin ich zum ersten Male, wenn auch nicht persönlich genannt, so doch durch eine meiner Taten erwähnt. Ich hatte mir auf meine Maschine ein Gewehr oben zwischen die Tragdecks im Geschmack, wie es der Nieuport hat, aufgebaut und war auf diese Konstruktion allein schon sehr stolz. Man lachte wohl etwas darüber, denn sie sah sehr primitiv aus. Ich schwor natürlich darauf und hatte bald Gelegenheit, sie praktisch zu verwerten. Ich begegnete einem Nieuport, der scheinbar auch [73]Anfänger war, denn er benahm sich furchtbar töricht. Ich flog auf ihn zu, worauf er ausriß. Offenbar hatte er eine Ladehemmung. Ich hatte nicht das Gefühl, als ob ich kämpfen würde, vielmehr: »Was wird jetzt erfolgen, wenn du auf ihn schießt?« Ich fliege ’ran, zum erstenmal auf eine ganz, ganz nahe Entfernung, drücke auf den Knopf des Maschinengewehrs, eine kurze Serie wohlgezielter Schüsse, mein Nieuport bäumt sich auf und überschlägt sich. Anfangs glaubten wir, mein Beobachter und ich, es sei eins der vielen Kunststücke, die einem die Franzosen vorzumachen pflegen. Dieses Kunststück wollte aber nicht aufhören, es ging immer tiefer, immer tiefer; da klopft mir mein »Franz« auf den Kopf und ruft mir zu: »Ich gratuliere, der fällt!« Tatsächlich fiel er in einen Wald hinter dem Fort Douaumont und verschwand zwischen den Bäumen. »Den hast du abgeschossen,« das war mir klar. Aber – jenseits! Ich flog nach Hause, meldete weiter nichts als: »Ein Luftkampf, ein Nieuport abgeschossen.« Einen Tag darauf las ich diese meine Heldentat im Heeresbericht. Ich war nicht schlecht stolz darauf, aber zu meinen zweiundfünfzig zählt dieser Nieuport nicht. * Heeresbericht vom 26. April 1916 Zwei feindliche Flugzeuge sind über Fleury, südlich von Douaumont und westlich davon, im Luftkampf abgeschossen.

  112. 27 April 1916
    über Fleury, südlich von Douaumont und westlich davon
    Fleury-devant-Douamont
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!

    In aller Eile eine freudige Botschaft: Sieh Dir mal den Heeresbericht vom 26. April 1916 an! Das eine der Flugzeuge hat mein Maschinengewehr auf dem Gewissen.

  113. 30 April 1916
    Flughafen Mont
    Mont
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Als junger Flugzeugführer flog ich mal bei einem Jagdfluge über das Fort Douaumont hinweg, auf dem gerade heftiges Trommelfeuer lag. Da sah ich, wie ein deutscher Fokker drei Caudrons angriff. Zu seinem Pech war aber sehr starker Westwind. Also ungünstiger Wind. Er wurde im Laufe des Kampfes über die Stadt Verdun hinausgetrieben. Ich machte meinen Beobachter darauf aufmerksam, der auch meinte, das muß ein ganz schneidiger Kerl sein. Wir überlegten, ob es Boelcke sein könnte, und wollten uns nachher danach erkundigen. Da sah ich aber zu meinem Schrecken, wie aus dem Angreifer ein Verteidiger wurde. Der Deutsche wurde von den Franzosen, die sich mittlerweile auf mindestens zehn Flugzeuge verstärkt hatten, immer mehr heruntergedrückt. Ihm zu Hilfe kommen, konnte ich nicht. Ich war zu weit ab von den Kämpfenden und kam zudem in meiner schweren Maschine nicht gegen den Wind an. Der Fokker wehrte sich verzweifelt. Jetzt hatten ihn die Feinde schon mindestens auf sechshundert Meter heruntergedrückt. Da wurde er plötzlich von einem seiner Verfolger erneut angegriffen. Er verschwand in einem Sturzflug in einer Kumuluswolke. [75]Ich atmete auf, denn das war meiner Ansicht nach seine Rettung. Zu Hause angekommen, erzählte ich, was ich gesehen hatte, und erfuhr, daß es Holck, mein alter Kampfgenosse aus dem Osten, war, der vor kurzem vor Verdun Jagdflieger geworden war. Mit Kopfschuß war Graf Holck senkrecht abgestürzt. Es ging mir sehr nahe, denn er war nicht bloß ein Vorbild an Schneid, er war eben auch als Mensch eine Persönlichkeit, wie es nur wenige gibt.

  114. 30 April 1916
    Flughafen Mont
    Mont
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Mit Erschütterung hörten wir, daß Graf Holk nicht mehr lebt. …Diese Luft auf dem Rücken der Pferde verband ihn eng met Manfred, der ja auch als Rennreiter vor dem Kriege schon kleine Erfolge hatte, dem man auf diesem Gebiet eine Zukunft voraussagte. Dann hatten die beiden sich im Osten getroffen, ein ungebundenes Fliegerleben miteinander gefürht, das den alten kühnen Reitergeist in die Lüfte übertrug. ..Lange hielt ich Manfreds Brief in der Hand. Er ließ keinen Zweifel: Holk war aus 3000 Meter mit Kopfschutz senkrecht in die Tiefe gestürzt; …

  115. 1 May 1916
    Sivry-sur-Meuse
    Richthofen, Beyond the legend of the Red Baron, Peter Kilduff, Arms and Armour, 1993

    Richthofen flew to Sivry for the funeral [of Holck], just one of many such events, both modest and elaborate, that he would attend within the next two years.

  116. 3 May 1916
    Sivry-sur-Meuse
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!

    Habe recht herzlichen Dank für Deine Glückwünsche zu meinem Geburtstage, den ich hier sehr nett verlebte. Vormittags hatte ich drei sehr nervenkitzelnde Luftkämpfe und abends saß ich mit Zeumer, meinem ersten Piloten, bis ein Uhr nachts bei einer Maibowle unter einem  blühenden Apfelbaum. Ich fühle mich in der neuen Beschäftigung als Kampfflieger (Pilot) sehr wohl; ich glaube, daß mich kein Posten im Kriege mehr reizen könnte wie dieser. Ich fliege Fokker, das ist das Flugzeug, mit dem Boelcke und Immelmann ihre riesigen Erfolge haben.  Holcks Tod tut mir zu leid. Drei Tage bevor er fiel, hatte ich ihn noch besucht, und wir waren so lustig zusammen. Er erzählte mir von seiner Gefangennahme in Montenegro. Man kann sich gar nicht denken, daß dieser von Gesundheit und Kraft strotzende Mensch nun nicht mehr ist. Von seinem letzten Luftkampf bin ich Augenzeuge gewesen. Erst schoß er einen Franzosen in einem Geschwader herunter, hatte scheinbar Ladehemmung und wollte wieder zurückfliegen über unsere Linie. Da hängte sich ihm ein ganzer Schwarm von Franzosen an. Mit einem Kopfschuß sauste er aus dreitausend Metern in die Tiefe. – Ein schöner Tod. – Holck mit einem Arm oder einem Bein wäre nicht auszudenken. Heute fliege ich zu seiner Beerdigung.

  117. 3 May 1916
    8. Kampfstaffel des 2. Kampfgeschwaders
    Verdun
    Richthofen, der beste Jagdflieger des großen Krieges, Italiaander, A. Weichert Verlag, Berlin, 1938

    Wie man in einem Brief vom 3. Mai 1916 lesen kann, fühlte er sich “in der neuen Beschäftigung als Kampfflieger sehr wohl” – “Ich glaube, daß mich kein Posten im Kriege mehr reizen könnte als dieser.”

  118. 8 May 1916
    Le Châtelet-sur-Retorune?
    Le Chatelet
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Erfreulich ist für mich, daß sich Manfred und Lothar hin und wiedr sehen und auch telefonisch in Verbindung bleiben. Nie vergißt Lothar, über solche Augenblicke zu berichten. Le Chatelet, 8. Mai 1916. “Manfred besuchte mich auf eine Stunde. Es war sehr nett, sich hier im Felde mal wiederzusehen. Einige Tage darauf schoß er einen Franzmann ab. Leider ist mir dies noch nicht gelungen, obgleich ich auch schon einige Lufkämpfe hinter mir habe. Einmal rettete ich eins unserer Flugzeuge aus den Klauen zweier Franzosen. Der Beobachter, ein Leutnant v. Schwerin von meiner Staffel, war tödlich verwundet und konnte sich nicht mehr wehren. Leider ist er nachher doch gestorben. Der Führer war nur leicht verwundet. Das Trommelfeuer am Toten Mann sehe ich jeden zweiten Tag.

  119. 24 May 1916
    bis 25. Mai
    Władysława Sikorskiego 19, 58-105 Świdnica, Polen
    Swidnica
    Schweidnitz
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Wie verwerteten die Milch in jeder Form, aber den Clou ihrer Bewertung herauszufinden, blieb Manfred vorbehalten. Das kam so: Wir waren Pfingsten in Trebnig bei meinem Bruder gewesen, hatten uns der üppig stehenden Saaten und des glatten Biehs erfreut; es war ein Grünen und Blühen wie im tiefsten Frieden. Als wir am nächsten Tage in Schweidnitz wieder ankamen, fanden wir liebe feldgraue Einquartierung: Manfred war da, zu kurzem Aufenthalt. Unser Herr Pilot war glänzender Laune, murrte nicht ein bißchen, daß er das Haus mit den Mädchen allein hatte hüten müssen. Er hatte sich nämlich inzwischen nüßlich und stillvergnügt in landwirtschaftlichem Sinne betätigt. Bei einer Revision der Speisekammer und der Keller war er auf den Einfall gekommen, die fette Milch buttern zu lassen. Jetzt wog er einen weißen Klumpen in der Hand, den er als feinste Süßrahm-Saanenziegenbutter bezeichnete. Er ließ nicht locker, bis wir gekostet hatten. Er strahlte aus seinen blauen Augen, als wir die ein wenig streng schmeckende Paste mit dem Prädikat “einfach ganz hervorragend” versahen. – Am nächsten Tage reiste er wieder ab.

  120. 14 June 1916
    Entre Thonne-les-Près et La Chiers (Wikipedia.fr)
    Thonne-les-Près
    Richthofen, Beyond the legend of the Red Baron, Peter Kilduff, Arms and Armour, 1993

    His Staffel leader, Victor Carganico, recalled: “At the time he came to my Staffel as a two-seater pilot, he was already urging that I send him for two or three days to the Heldenvater, the head of the Air Park in Montmédy, Keller, for single-seat fighter instruction. After his return, I place my own single-seater at his disposal, as, due to engine failure through no fault of his own, he had had to ‘set down’ near Verdun.”

  121. 15 June 1916
    Summer 1916
    Flughafen Mont
    Mont
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Ein Gewitterflug Unsere Tätigkeit vor Verdun im Sommer 1916 wurde durch häufige Gewitterstürme gestört. Nichts Unangenehmeres gibt es für einen Flieger, als durch ein Gewitter hindurch zu müssen. Während der Somme-Schlacht zum Beispiel landete ein ganzes englisches Geschwader hinter unseren Linien, weil es durch ein Gewitter überrascht wurde. Es geriet so in Gefangenschaft. Ich hatte noch nie den Versuch gemacht, durch ein Gewitter hindurchzufliegen, und konnte es mir nicht verkneifen, das doch mal auszuprobieren. In der Luft war den ganzen Tag eine richtige Gewitterstimmung. Von meinem Flughafen Mont war ich nach dem nahen Metz hinübergeflogen, um dort einiges zu erledigen. Da ereignete sich bei meinem Nachhauseflug folgendes: Ich war auf dem Flugplatz in Metz und wollte nach meinem Flughafen zurück. Wie ich meine Maschine aus der Halle zog, machten sich die ersten Anzeichen eines nahen Gewittersturmes bemerkbar. Der Wind kräuselte den Sand, und eine pechschwarze Wand zog von Norden her heran. Alte, erfahrene Piloten rieten mir dringend ab, zu fliegen. Ich hatte aber fest versprochen zu kommen, und es wäre mir furchtsam erschienen, wenn ich wegen eines dummen Gewitters ausgeblieben [77]wäre. Also, Gas gegeben und mal probiert! Schon beim Start fing’s an zu regnen. Die Brille mußte ich wegwerfen, um überhaupt etwas sehen zu können. Das Üble war, daß ich über die Moselberge wegmußte, durch deren Täler gerade der Gewittersturm brauste. Ich dachte mir: »Nur zu, es wird schon glücken,« und näherte mich mehr und mehr der schwarzen Wolke, die bis auf die Erde herunterreichte. Ich flog so niedrig wie möglich. Über Häuser und Baumreihen mußte ich teilweise hinwegspringen. Wo ich war, wußte ich schon lange nicht mehr. Der Sturm erfaßte meinen Apparat wie ein Stück Papier und trieb ihn vor sich her. Mir saß das Herz doch etwas tiefer. Landen konnte ich nicht mehr in den Bergen, also mußte durchgehalten werden. Um mich herum war es schwarz, unter mir bogen sich die Bäume im Sturm. Plötzlich lag vor mir eine bewaldete Höhe. Ich mußte auf sie zu, mein guter Albatros schaffte es und riß mich darüber hinweg. Ich konnte nur noch geradeaus fliegen; jedes Hindernis, das kam, mußte genommen werden. Es war die reine Springkonkurrenz über Bäume, Dörfer, besonders Kirchtürme und Schornsteine, da ich höchstens noch fünf Meter hoch fliegen konnte, um in der schwarzen Gewitterwolke überhaupt noch etwas zu sehen. Um mich herum zuckten die Blitze. Ich wußte damals noch nicht, daß der Blitz nicht in [78]das Flugzeug schlagen kann. Ich glaubte den sicheren Tod vor Augen zu haben, denn der Sturm mußte mich bei der nächsten Gelegenheit in ein Dorf oder in einen Wald werfen. Hätte der Motor ausgesetzt, so wäre ich erledigt gewesen. Da sah ich mit einem Male vor mir eine helle Stelle am Horizont. Dort hörte das Gewitter auf; erreichte ich diesen Punkt, so war ich gerettet. Die ganze Energie zusammennehmend, die ein junger, leichtsinniger Mensch haben kann, steuerte ich darauf zu. Plötzlich, wie abgerissen, war ich aus der Gewitterwolke heraus, flog zwar noch im strömenden Regen, aber fühlte mich im übrigen geborgen. Noch immer bei strömendem Regen landete ich in meinem Heimatshafen, wo schon alles auf mich wartete, da von Metz bereits die Nachricht eingetroffen war, ich sei in einer Gewitterwolke, Richtung dorthin, verschwunden. Nie wieder werde ich, wenn es nicht mein Vaterland von mir fordert, durch einen Gewittersturm hindurchfliegen. In der Erinnerung ist alles schön, so gab es auch dabei schöne Momente, die ich nicht in meinem Fliegerdasein missen möchte.

  122. 16 June 1916
    Summer 1916
    Flughafen Mont
    Mont
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Das erstemal auf einem Fokker Von Anfang meiner Pilotenlaufbahn an hatte ich nur ein Streben, und das war, in einem einsitzigen Kampfflugzeug fliegen zu dürfen. Nach langem Quälen bei meinem Kommandeur hatte ich die Erlaubnis ’rausgeschunden, einen Fokker zu schaukeln. Der Motor, der sich um sich selbst drehte, war mir etwas ganz Neues. Auch so allein in einem kleinen Flugzeug zu sitzen, war mir fremd. Ich besaß mit einem Freund, der jetzt schon lange tot ist, zusammen diesen einen Fokker. Vormittags flog ich ihn, nachmittags er. Jeder hatte Angst, der andere könne die Kiste eher zerschmeißen. Am zweiten Tage flogen wir gegen den Feind. Mir war vormittags kein Franzose begegnet, nachmittags kam der andere an die Reihe. Er kam nicht wieder, keine Nachricht, nichts. Spätabends meldete die Infanterie einen Luftkampf zwischen einem Nieuport und einem deutschen Fokker, nach dessen Verlauf der Deutsche scheinbar jenseits auf dem Toten Mann gelandet wäre. Es konnte nur Reimann sein, denn alle anderen waren zurückgekommen. Wir bedauerten unseren kühnen Kameraden, da plötzlich kam nachts die telephonische Nachricht, ein deutscher Fliegeroffizier sei mit einem Male im vordersten [80]Sappenkopf der Infanteriestellung auf dem Toten Mann erschienen. Er entpuppte sich als Reimann. Ihm war der Motor zerschossen worden, so daß er zur Notlandung gezwungen war. Er hatte dabei unsere Linien nicht mehr erreichen können und war zwischen dem Feind und uns gelandet. Schnell hatte er noch seine Maschine in Brand gesteckt und sich dann einige hundert Meter davon in einem Sprengtrichter verborgen gehalten. In der Nacht war er dann als Schleichpatrouille in unseren Gräben erschienen. So endete zum ersten Male unser Aktienunternehmen: »Der Fokker«. * Nach einigen Wochen bekamen wir einen zweiten. Diesmal fühlte ich mich verpflichtet, das gute Ding ins Jenseits zu befördern. Es war vielleicht mein dritter Flug auf der kleinen, schnellen Maschine. Beim Start setzte der Motor aus. Ich mußte hinunter, gerade in ein Haferfeld hinein, und im Umsehen war aus dem stolzen, schönen Apparat bloß noch eine unkenntliche Masse geworden. Wie durch ein Wunder war mir nichts passiert.

  123. 16 June 1916
    Flughafen Mont
    Mont
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    24. Juni 1916 Die letzten Tage hier waren sehr anstrengend. Bin oft zehn Stunden in der Luft gewesen, habe Bomben geworfen ufw. Einige Luftkämpfe habe ich auch schon hinter mir – aber leider ohne Erfolg. Kürzlich haben wir bei einem “Bomben”-Film unseren sehr netten Geschwaderfürher, einen Hauptmann von Detten, verloren. Manfred ist wieder draußen und fliegt Fokker…

  124. 18 June 1916
    Flughafen Mont
    Mont
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Wenige Wochen später folgte ihm Immelmann. Abgestürzt und tot. Unfaßbar. Er lebte im ganzen Volke. …Manfred schrieb: “Auf die Dauer glaubt eben jeder mal dran.” …

  125. 19 June 1916
    June 1916 - exact date?
    MvR wherabouts?
    Mont
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Häufig kam Manfred noch mit Zeumer zusammen; es war mir ein sympatischer Gedanke, die beiden alten Kampfgenossen aus dem Osten, die sich auch menschlich nahestanden, beieinander zu wissen. Leider ist der arme Z. von Pech verfolgt. über Fort Vaux wurde er abgeschossen, jedoch wie durch ein Wunder nur leicht verletzt. Da mußte es dann geschehen, daß beim Abtransport das Auto verunglückte und Z. sich an den rechten Oberschenkel brach. Nun wird es wohl mit dem Fliegen aus sein, und Manfred verliert einen seiner besten Kameraden.

  126. 19 June 1916
    MvR wherabouts?
    Mont
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Ich blätter in alten Briefen aus Manfreds freier, ungebundener Fliegerzeit, als Georg Zeumer, Freund und Lehrer, ihn noch unterwies. Oft hatte ich inzwischen gefragt, was aus ihm wohl geworden sei, nachdem er das doppelte Mißgeschick hatte, über Fort Vaux abgeschossen zu werden und sich auf dem Abtransport den Schenkel zu brechen. Die Wunden heilten schlecht, Zuckerkrankheit trat auf, das Bein wurde neun Zentimeter verkürzt, Georg konnte nur noch an Stöcken gehen. Dennoch hing er mit jeder Faser seines Herzens weiter an der Fliegerei. Und nun – vor wenig Tagen – hörte ich, daß es ihm, namentlich durch Manfreds Vermittlung, gelungen ist, wieder ins Feld zu kommen, zur Jagdstaffel Boelcke. Für solche Gesinnung gibt es nicht ehrende Worte genug!

  127. Richthofen, Beyond the legend of the Red Baron, Peter Kilduff, Arms and Armour, 1993

    A few days ago I nose-dived into the ground with my Fokker. Witnesses were more than a little astonished when, after quite some time, I crawled out of the heap of rubble totally unhurt. My good friend Zeumer has already gone one better. First he was shot down by the French and received only light grazing shots, three days later he broke his thigh under quite stupid circumstances. I am entertaining the thought of going to Bölcke and becoming his student. I always need a change. That would be something new again and would not hurt me.

  128. 22 June 1916
    Mont
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!

    Was habt Ihr zu Immelmanns Tod gesagt? Auf die Dauer glaubt eben jeder mal dran. – Auch Boelcke. – Der Kommandeur von Lothars Kampfgeschwader ist auch von einem Bombenfilm nicht zurückgekommen. Einen Tag vorher ist der Kommandeur von meinem alten K. G. 1, ehemals B. A. O. auch abgeschossen worden. Es war ein Freiherr von Gerstorff, wohl der tüchtigste Kommandeur, den ein Kampfgeschwader je gehabt hat. Ich habe ihn immer gern gehabt.

  129. 1 July 1916
    Juni hieß es plötzlich verladen.
    Manjewicze
    Kowel
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Bombenflüge in Rußland. Juni hieß es plötzlich verladen. Wir wußten nicht, wo es hinging, aber den richtigen Tip hatten wir und waren deshalb nicht übermäßig erstaunt, wie uns unser Kommandeur mit der Neuigkeit überraschte, daß wir nach Rußland gingen. Wir fuhren durch ganz Deutschland mit unserem Wohnzug, aus Speise- und Schlafwagen bestehend, und kamen schließlich nach Kowel. Dort blieben wir in unseren Eisenbahnwagen wohnen. Dieses Wohnen in Zügen hat ja nun natürlich sehr viel Vorteile. Man ist stets fertig, um weiterzureisen, und man hat immer dasselbe Quartier. Aber in der russischen Sommerhitze ist so ein Schlafwagen das Fürchterlichste, was es geben kann. Deshalb zog ich es vor, mit zwei guten Freunden, Gerstenberg und Scheele, in den nahen Wald zu ziehen, wo wir uns ein Zelt aufbauten und wie Zigeuner lebten. Das waren schöne Zeiten. * In Rußland warf unser Kampfgeschwader viel Bomben. Wir beschäftigten uns damit, die Russen zu ärgern, und legten auf ihre schönsten Bahnanlagen unsere Eier. An einem dieser Tage zog unser ganzes Geschwader los, um eine sehr wichtige Bahnhofsanlage zu bewerfen. Das Nest hieß Manjewicze und lag etwa dreißig Kilometer hinter der Front, also nicht so übertrieben weit. Die Russen hatten einen Angriff geplant, und zu diesem Zweck war der Bahnhof ganz ungeheuerlich mit Zügen angefüllt. Ein Zug stand neben dem anderen, eine ganze Strecke war mit fahrenden Zügen belegt. Man konnte das von oben sehr schön sehen; an jeder Ausweichstelle stand ein Transportzug. Also ein wirklich lohnendes Ziel für einen Bombenflug. Man kann sich für alles begeistern. So hatte ich mich mal für eine Weile für dieses Bombenfliegen begeistert. Es machte mir einen unheimlichen Spaß, die Brüder da unten zu bepflastern. Oft zog ich an einem Tage zweimal los. An diesem Tage hatten wir uns also Manjewicze zum Ziele gesteckt. Jede Staffel für sich zog geschlossen gen Rußland. Die Maschinen standen am Start, jeder Flugzeugführer versuchte noch einmal seinen Motor, denn es ist eine peinliche Sache, auf der falschen Partei notzulanden und besonders in Rußland. Der Russe ist auf Flieger wie wild. Kriegt er einen zu fassen, schlägt er ihn ganz bestimmt tot. Das ist auch die einzige Gefahr in Rußland, denn feindliche Flieger gibt es da nicht, oder so gut wie gar nicht. Kommt mal einer vor, so hat er sicherlich Pech und wird abgeschossen. Die Ballonabwehrgeschütze in Rußland sind manchmal ganz gut, aber ihre Zahl nicht ausreichend. Gegen den Westen jedenfalls ist das Fliegen im Osten eine Erholung. * Die Maschinen rollen schwer bis an den Startplatz. Sie sind bis auf ihr letztes Ladegewicht mit Bomben angefüllt. Ich schleppte manchmal einhundertfünfzig Kilogramm Bomben mit einem ganz normalen C-Flugzeug. Außerdem hatte ich noch einen schweren Beobachter mit, dem man die Fleischnot gar nicht ansah, ferner »für den Fall, daß« noch zwei Maschinengewehre. Ich habe sie nie in Rußland ausprobieren können. Es ist sehr schade, daß in meiner Sammlung kein Russe vorhanden ist. An der Wand würde sich seine Kokarde gewiß ganz malerisch machen. So ein Flug mit einer dicken, schwerbeladenen Maschine, besonders in der russischen Mittagsglut, ist nicht von Pappe. Die Kähne schaukeln sehr unangenehm. Runterfallen tun sie natürlich nicht, dafür sorgen die einhundertfünfzig »Pferde«, aber es ist doch kein angenehmes Gefühl, so viel Sprengladung und Benzin bei sich zu haben. Endlich ist man in einer ruhigeren Luftschicht und kommt allmählich zu dem Genuß des Bombenfluges. Es ist schön, geradeaus zu fliegen, ein bestimmtes Ziel zu haben und einen festen Auftrag. Man hat nach einem Bombenwurf das Gefühl: Du hast etwas geleistet, während man manchmal bei einem Jagdflug, wo man keinen abgeschossen [84]hat, sich sagen muß: Du hättest es besser machen können. Ich habe sehr gern Bomben geworfen. Mein Beobachter hatte es sachte sehr ordentlich wegbekommen, das Ziel genau senkrecht zu überfliegen und mit Hilfe eines Zielfernrohres den guten Augenblick abzupassen, um sein Ei zu legen. Es ist ein schöner Flug nach Manjewicze. Ich habe ihn öfters hinter mir. Wir kamen über riesige Waldkomplexe, in denen gewiß die Elche und Luchse herumturnen. Die Dörfer sahen allerdings auch so aus, als ob sich die Füchse darin Gute Nacht sagen könnten. Das einzige größere Dorf in der ganzen Gegend war Manjewicze. Um das Dorf herum waren zahllose Zelte aufgeschlagen und am Bahnhof selbst unzählige Baracken. Rote Kreuze konnten wir nicht erkennen. Vor uns war eine Staffel dagewesen. Dieses konnte man an einzelnen rauchenden Häusern und Baracken noch feststellen. Sie hatte nicht schlecht geworfen. Der eine Ausgang des Bahnhofs war durch einen Treffer offenbar versperrt. Die Lokomotive dampfte noch. Gewiß waren die Herren Zugführer irgendwo in einem Unterstand oder so was Ähnlichem. Auf der anderen Seite fuhr gerade eine Lokomotive mit großer Fahrt heraus. Natürlich reizte einen das, das Ding zu treffen. Wir fliegen das Ding an und setzen einige hundert Meter davor eine Bombe. Der gewünschte Erfolg war da, die Lokomotive blieb stehen. Wir machen kehrt und werfen noch sauber Bombe für Bombe, fein gezielt durch das Zielfernrohr, auf den Bahnhof. Wir haben ja Zeit, es stört uns niemand. Ein feindlicher Flughafen ist zwar ganz in der Nähe, aber seine Piloten sind nicht zu sehen. Abwehrgeschütze knallen nur ganz vereinzelt und in einer ganz anderen Richtung als wir fliegen. Wir heben uns noch eine Bombe auf, um sie besonders nutzbringend beim Nachhauseflug anzuwenden. Da sehen wir, wie ein feindlicher Flieger auf seinem Hafen startet. Ob er sich wohl mit dem Gedanken trägt, uns anzugreifen? Ich glaube es nicht. Viel eher sucht er Sicherheit in der Luft, denn das ist bei Bombenflügen auf Flughäfen ganz gewiß das bequemste, sich der persönlichen Lebensgefahr zu entziehen. Wir machen noch einige Umwege und suchen Truppenlager, denn das macht besonderen Spaß, die Herren da unten mit Maschinengewehren zu beunruhigen. Solche halbwilden Völkerstämme wie die Asiaten haben noch viel mehr Angst als die gebildeten Engländer. Besonders interessant ist es, auf feindliche Kavallerie zu schießen. Es bringt ungeheure Unruhe unter die Leute. Man sieht sie mit einem Male nach allen Himmelsrichtungen davonsausen. Ich möchte nicht Schwadronschef von so einer Kosakeneskadron sein, die von Fliegern mit Maschinengewehren beschossen [86]wird. Allmählich konnten wir wieder unsere Linien sehen. Nun wurde es Zeit, daß wir unsere letzte Bombe loswurden. Wir beschlossen, einen Fesselballon, »den« Fesselballon der Russen, mit einer Bombe zu bedenken. Wir konnten ganz gemütlich auf wenige hundert Meter heruntergehen und den Fesselballon bewerfen. Anfangs wurde er mit großer Hast eingezogen, wie aber die Bombe gefallen war, hörte das Einziehen auf. Ich erklärte es mir dadurch, nicht etwa, daß ich getroffen hatte, sondern eher, daß die Russen ihren Hetman da oben in dem Korb im Stich ließen und weggelaufen waren. Wir erreichten schließlich unsere Front, unsere Gräben und waren, als wir zu Hause ankamen, doch etwas erstaunt, wie wir feststellten, daß man uns von unten doch beschossen hatte, wenigstens zeigte dies ein Treffer in der Tragfläche. * Ein andermal waren wir gleichfalls etwa in derselben Gegend auf einen Angriff der Russen angesetzt, die den Stochod zu überschreiten beabsichtigten. Wir kamen an die gefährdete Stelle, mit Bomben beladen und sehr viel Patronen fürs Maschinengewehr, und da sahen wir zu unserer großen Überraschung, wie bereits der Stochod von feindlicher Kavallerie überschritten wird. Eine einzige Brücke diente zum Nachschub. Also war es klar: Trifft man diese, so kann man dem Feind ungeheuer schaden. Außerdem wälzten sich über den schmalen Steg dicke Truppenmassen. Wir gingen auf möglichst niedrige Höhe hinunter und konnten nun genau erkennen, daß die feindliche Kavallerie in großer Geschwindigkeit über den Übergang marschierte. Die erste Bombe krachte nicht weit von ihr, die zweite, dritte folgte unmittelbar darauf. Unten entsteht eine wüste Unordnung. Die Brücke ist zwar nicht getroffen, aber nichtsdestotrotz hat der Verkehr vollständig aufgehört, und alles, was Beine hat, ist nach allen Himmelsrichtungen davon. Der Erfolg war gut, denn das waren nur drei Bomben; es kam ja noch das ganze Geschwader hinterher. Und so konnten wir noch manches erreichen. Mein Beobachter schoß feste mit dem Maschinengewehr unter die Brüder, und wir hatten einen wilden Spaß daran. Was unser positiver Erfolg war, kann ich natürlich nicht sagen. Die Russen haben es mir auch nicht erzählt. Aber eingebildet habe ich mir, daß ich den russischen Angriff allein abgeschlagen habe. Ob es stimmt, wird die Kriegschronik der Russen nach dem Kriege mir wohl mitteilen.

  130. 5 July 1916
    Mercy Le Bas
    Sandres
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Mercy Le Bas bei Sandres, 5. Juli 1916 Wie Du aus den Zeitungen ersiehst, ist hier im Westen wieder großer Betrieb. Wir sind nach obigem Flughafen umgezogen, etwas näher an Verdun – wo Manfred zuvor gelegen hat. Jetzt ist er ja im Osten bei der Bugarmee.

  131. 6 July 1916
    Mercy Le Bas
    Sandres
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!

    Vor einigen Tagen bin ich mit meinem Fokker auf die Nase gefallen. Die Zuschauer waren nicht wenig erstaunt, wie ich nach einer ganzen Weile gänzlich unbeschädigt aus dem Trümmerhaufen hervorgekrochen kam. Meinem guten Freund Zeumer geht es jetzt schon etwas besser.  Erst wird er von den Franzosen abgeschossen und bekommt nur einige leichte Streifschüsse, drei Tage darauf bricht er sich bei einer ganz dummen Geschichte den Oberschenkel. Ich trage mich mit dem Gedanken, zu Boelcke zu gehen und sein Schüler zu werden. Ich brauche eben immer
    Abwechslung. Das wäre wieder einmal was Neues und keine Verschlechterung für mich.

  132. 10 August 1916
    Bertincourt
    http://www.theaerodrome.com/services/germany/jasta/jasta2.php
  133. 25 August 1916
    Władysława Sikorskiego 19, 58-105 Świdnica, Polen
    Swidnica
    Schweidnitz
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Am 25. August überraschte uns Manfred mit seinem Besuch auf der Durchreise vom Osten nach dem Westen. Einige Monate hat das Kampfgeschwader, dem er angehört, die Bahnhöfe und Brücken am Stochod unsicher gemacht. Er war braunverbrannt von der russischen Sonne, war bester Stimmung, erzählte lebhaft, während wir im Garten unter den großen Nußbäumen saßen. Et wußte so anschaulich zu schildern, daß man die packenden Szenen vor sich zu haben glaubte. “Ich habe gern Bomben geworfen”, sagte Manfred. “Man hat immer das Gefühl, was geleistet zu haben, wenn man nach Hause fliegt.” “Aber…?” Manfred steht am Stamm des Nußbaumes. Etwas sehr Freudiges ist in seiner Stimme: “Jetzt geht’s zur Jagdfliegerei, Mama!” Und ich höre nun, wie Boelcke, der “große Mann” mit dem Pour Le Mérite, eines Tages auf dem heißen sandigen Flugplatz von Kowel erschien und ihn für die neue Jagdstaffel anwarb, die er an der Somme nach eigenem Plan zusammenstellen sollte. Am Tage darauf sind Albrecht und Manfred zur Jagd gefahren, in den Nonnenbusch. Sie schossen 15 Hühner… …Nachmittags geschieht etwas, mit dem ich mich nicht so schnell abfinden kann: eine Dame in tiefem Trauergewand besucht uns….Die Dame ist gegangen. Wir sind allein. Manfred blickt mich an mit großen Augen. “Mama”, sagt er, “um mich legst du dir einmal nicht solche Qualen auf, versprich mir das.” Das sind seine Worte gewesen, ich sah ihn erstaunt an. Doch Manfred legte sofort seinen Arm um mich und lachte. Ein frohes, sorgloses lachen. Es scheuchte die trüben Gedanken hinweg.

  134. 27 August 1916
    Vélu
    http://www.theaerodrome.com/services/germany/jasta/jasta2.php
  135. 1 September 1916
    Kowel
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Endlich! Die Augustsonne war fast unerträglich auf dem sandigen Flugplatz in Kowel. Wir unterhielten uns mit den Kameraden, da erzählte einer: »Heute kommt der große Boelcke und will uns, oder vielmehr seinen Bruder, in Kowel besuchen.« Abends erschien der berühmte Mann, von uns sehr angestaunt, und erzählte vieles Interessante von seiner Reise nach der Türkei, von der er gerade auf dem Rückwege war, um sich im Großen Hauptquartier zu melden. Er sprach davon, daß er an die Somme ginge, um dort seine Arbeit fortzusetzen, auch sollte er eine ganze Jagdstaffel aufstellen. Zu diesem Zwecke konnte er sich aus der Fliegertruppe ihm geeignet erscheinende Leute aussuchen. Ich wagte nicht, ihn zu bitten, daß er mich mitnähme. Nicht aus dem Grunde heraus, daß es mir bei unserem Geschwader zu langweilig gewesen wäre – im Gegenteil, wir machten große und interessante Flüge, haben den Rußkis mit unseren Bomben so manchen Bahnhof eingetöppert – aber der Gedanke, wieder an der Westfront zu kämpfen, reizte mich. Es gibt eben nichts Schöneres für einen jungen Kavallerieoffizier, als auf Jagd zu fliegen. Am nächsten Morgen sollte Boelcke wieder wegfahren. Frühmorgens klopfte es plötzlich an [89]meiner Tür, und vor mir stand der große Mann mit dem Pour le mérite. Ich wußte nicht recht, was er von mir wollte. Ich kannte ihn zwar, wie bereits erwähnt, aber auf den Gedanken kam ich nicht, daß er mich dazu aufgesucht hatte, um mich aufzufordern, sein Schüler zu werden. Fast wäre ich ihm um den Hals gefallen, wie er mich fragte, ob ich mit ihm nach der Somme gehen wollte.

  136. The dramatic true story of the Red Baron, Wiliam E Burrows, 1972, Mayflower Books

    One afternoon, Oswald Bölcke appeared. He was on his way back to Germany from a tour of air groups in Turkey. The trip had been arranged by the high command with the double purpose of giving Bölcke a rest after his nineteenth kill and showing the German and Turkish forces fighting the Arabs and the British on the Arabian Peninsula that they had not been forgotten because of the Fatherland’s two other fronts. Bölcke had shot down more airplanes than any other German, and was being touted by Berlin as the world’s greatest combat pilot. He told the awe-struck bomber pilots at dinner that night that he had just dropped in for a few hours to visit with his brother, Wilhelm, who happened to be the commander of Richthofen’s squadron. It was not quite true. The younger Bölcke had been ordered to start an elite mobile scout squadron to grapple with increasingly better and more determined British squadrons on the western front. He was looking for talent. Richthofen was one of the pilots sitting around the dining table who smiled at Bölcke whenever their eyes met. He remained in the group that followed the Bölcke brothers to a lounge after the meal, and listened attentively while Oswald described conditions in France and some of the outstanding Allied pilots the Germans were encountering there. When it was late, the officers of the 2nd Fighting Squadron left in ones and twos, taking respectful leave, as if they sensed they were at an audition, until the brothers were finally alone in a room full of cigarette smoke and empty glasses. Oswald explained to Wilhelm why he had come and added that, judging by what he had seen and heard that evening and previously, Richthofen wanted to become a scout pilot. He knew something of the Prussian’s background, of his wealthy family, and of his renowned passion for hunting and apparent indifference to women and alcohol. What about his temperament? Would he fit into a hunting squadron? Would he have the patience to stalk in the air the way he did on the ground, the obedience to follow instructions as quickly as was necessary in air-to-air fighting? Did he have the eyes and reflexes to be successfully aggressive? Wilhelm told Oswald that Richthofen had had a difficult start in flying, and although he still tended to be ham-fisted, he was working hard to become better. He knew almost nothing about how airplanes worked, or about their machine guns, and showed little inclination to learn. That trait would have to be watched, Wilhelm said, because it was the sure sign of a glory-seeker who did not feel he should be bothered with details. Details won battles, Wilhelm added, which Richthofen should have learned in school. But he was eager, and being hungry for fame – even too hungry – was not a bad thing if the fundamentals could be beaten into his thick skull before he got killed. If he lived through his first patrols, the older Bölcke advised the younger, he would probably make a good scout pilot. And there was one more, named Erwin Böhme, who was an old man of thirty-seven and an exceptionally skilled and courageous pilot. Why not take him, too, asked Wilhelm, and have an old tiger among the cubs. Early the next morning, Bölcke packed his bag and then went to Richthofen’s and Böhme’s quarters. He invited them to join a new group called ‘Jagdstaffel 2’ and if they accepted, to be at Lagnicourt, France, on or about September 1. Jagd is German for ‘hunting’. They accepted.

  137. 1 September 1916
    Kowel
    Who killed the Red Baron? - PJ Carisella & James W Ryan, 1969, Purnell Book Services

    “Are you no longer interested, my young friend, in being a fighter pilot?”, Bölcke asked the incredulous Baron. “Yes, of course, sir” Manfred blurted out. Quickly recovering his usual poise, he waved the Saxon flier to a chair. “Please be seated, Herr Leutnant”.

    In a few staccato sentences, Bölcke explained the reason for his visit. The Baron was well aware of the reason but listened politely and with the greatest interest. “Affairs are going badly for our airmen on the Somme Front. The enemy has seized control of the air. You know what that means. Their aircraft are directing artillery fire without interference. Their fighters are incessantly strafing our infantry. The effect on the morale of our men is abysmal. Our flying service is being derided. The front-line troops are saying: ‘May God punish England, our artillery, and our air force.’ And the infantry is asking: ‘Has anybody seen a German airman?’ I have been ordered to recruit a group of select fliers and form a crack squadron and drive the enemy from the air. How about you, Baron, would you like to join me on the Somme and see some real fighting?”

     

  138. The Red Baron Combat Wing, Jagdgeschwader Richthofen in Battle, Peter Kilduff, 1997, Arms and armour press

    … In addition to myself, Bölcke has recruited from here a young Uhlan Leutnant von Richthofen, a splendid fellow, who has already proven himself at Verdun and here as a daring and reliable airman.

  139. 4 September 1916
    Drei Tage später
    Near Bertincourt
    Vélu
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Drei Tage später saß ich auf der Eisenbahn und fuhr quer durch Deutschland direkt nach dem Feld meiner neuen Tätigkeit. Endlich war mein sehnlichster Wunsch erfüllt, und nun begann für mich die schönste Zeit meines Lebens. Daß sie sich so erfolgreich gestalten würde, wagte ich damals nicht zu hoffen. Beim Abschied rief mir ein guter Freund noch nach: »Komm’ bloß nicht ohne den Pour le mérite zurück!«

  140. Manfred von Richthofen, The man and the aircraft he flew, David Baker, 1990, Outline Press
  141. 17 September 1916
    Near Villers Plouich
    Villers Plouich
    Inside the victories of Manfred von richthofen - Volume 1, James F. Miller, Aeronaut Books, 2016

    Combat Report: Vickers No. 7018, Motor No. 701, Machine guns Nos 17314n 10372, near Villers Plouich, 1100 hrs.

    When patrol flying I detected shrapnel clouds in direction of Cambrai. I hurried forth and met a squad which I attacked shortly after 1100. I singled out the last machine and fired several times at closest range (ten metres). Suddenly the enemy propellor stood stock still. The machine went down gliding and I followed until I had killed the observer who had not stopped shooting until the last moment. Now my opponent went downwards in sharp curves. At approximately 1.200 metres a second German machine came along and attacked my victim right down to the ground and then landed next to the English plane. Weather: bright morning with clouds in the afternoon.

    Witnesses: Capt. Boelcke from above and Capt. Gaede, Lieut. Pelser and other officers from below.

    Pilot: N.C.O. Rees [sic], wounded, hospital at Cambrai.

    Observer: Killed, buried by Jagdstaffel 4.

  142. 17 September 1916
    Near Villers Plouich
    Villers Plouich
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Wir standen alle auf dem Schießplatz, und einer nach dem anderen schoß sein Maschinengewehr ein, so, wie es ihm am günstigsten erschien. Am Tage vorher hatten wir unsere neuen Apparate bekommen, und am nächsten Morgen wollte Boelcke mit uns fliegen. Wir waren alle Anfänger, keiner von uns hatte bisher einen Erfolg zu verzeichnen. Was Boelcke uns sagte, war uns daher ein Evangelium. In den letzten Tagen hatte er, wie er sich ausdrückte, zum Frühstück schon mindestens einen, manchmal auch zwei Engländer abgeschossen. Der nächste Morgen, der 17. September, war ein wunderbarer Tag. Man konnte mit regem Flugbetrieb der Engländer rechnen. Bevor wir aufstiegen, erteilte Boelcke uns noch einige genaue Instruktionen, und zum ersten Male flogen wir im Geschwader unter Führung des berühmten Mannes, dem wir uns blindlings anvertrauten. Wir waren gerade an die Front gekommen, als wir bereits über unseren Linien an den Sprengpunkten unserer Ballon-Abwehrkanonen ein feindliches Geschwader erkannten, das in Richtung Cambrai flog. Boelcke war natürlich der erste, der es sah, denn er sah eben mehr als andere Menschen. Bald hatten wir auch die Lage erfaßt, und jeder strebte, dicht hinter Boelcke zu bleiben. Wir waren uns alle klar, daß wir unsere erste Prüfung unter den Augen unseres verehrten Führers zu bestehen hatten. Wir näherten uns dem Geschwader langsam, aber es konnte uns nicht mehr entgehen. Wir waren zwischen der Front und dem Gegner. Wollte er zurück, so mußte er an uns vorbei. Wir zählten schon die feindlichen Flugzeuge und stellten fest, daß es sieben waren. Wir dagegen nur fünf. Alle Engländer flogen große, zweisitzige Bomben-Flugzeuge. Nur noch Sekunden, dann mußte es losgehen. Boelcke war dem ersten schon verflucht nahe auf die Pelle gerückt, aber noch schoß er nicht. Ich war der zweite, dicht neben mir meine Kameraden. Der mir am nächsten fliegende Engländer war ein großer, dunkel angestrichener Kahn. Ich überlegte nicht lange und nahm ihn mir aufs Korn. Er schoß, ich schoß, und ich schoß vorbei, er auch. Es begann ein Kampf, in dem es für mich jedenfalls darauf ankam, hinter den Burschen zu kommen, da ich ja nur in meiner Flugrichtung schießen konnte. Er hatte es nicht nötig, denn sein bewegliches Maschinengewehr reichte nach allen Seiten. Er schien aber kein Anfänger zu sein, denn er wußte genau, daß in dem Moment sein letztes Stündlein geschlagen hatte, wo ich es erreichte, hinter ihn zu gelangen. Ich hatte damals noch nicht die Überzeugung, »der muß fallen«, wie ich sie jetzt voll habe, sondern ich war vielmehr gespannt, ob er wohl fallen würde, und das ist ein wesentlicher Unterschied. Liegt mal der erste oder gar der zweite oder dritte, dann geht einem ein Licht auf: »So mußt du’s machen.« Also mein Engländer wandte, drehte sich, oft meine Garbe kreuzend. Daran dachte ich nicht, daß es auch noch andere Engländer in dem Geschwader gab, die ihrem bedrängten Kameraden zu Hilfe kommen konnten. Nur immer der eine Gedanke: »Der muß fallen, mag kommen, was da will!« Da, endlich ein günstiger Augenblick. Der Gegner hat mich scheinbar verloren und fliegt geradeaus. Im Bruchteil einer Sekunde sitze ich ihm mit meiner guten Maschine im Nacken. Eine kurze Serie aus meinem Maschinengewehr. Ich war so nahe dran, daß ich Angst hatte, ihn zu rammen. Da plötzlich, fast hätte ich einen Freudenjauchzer ausgestoßen, denn der Propeller des Gegners drehte sich nicht mehr. Hurra! Getroffen! Der Motor war zerschossen, und der Feind mußte bei uns landen, da ein Erreichen seiner Linien ausgeschlossen war. Auch merkte ich an den schwankenden Bewegungen des Apparates, daß irgend was mit dem Führer nicht mehr ganz in Ordnung war. Auch der Beobachter war nicht mehr zu sehen, sein Maschinengewehr ragte ohne Bedienung in die Luft. Ich hatte ihn also getroffen, und er mußte am Boden seiner Karosserie liegen. Der Engländer landete irgendwo unmittelbar neben dem Flughafen eines mir bekannten Geschwaders. Ich war so aufgeregt, daß ich mir das Landen nicht verkneifen konnte, und landete in dem mir fremden Flughafen, wo ich fast im Eifer meine Maschine noch auf den Kopf stellte. Die beiden Flugzeuge, der Engländer und meines, waren nicht sehr weit voneinander entfernt. Ich lief gleich hin und sah bereits eine Menge Soldaten nach dem Gegner hinströmen. Dort angekommen, fand ich, daß meine Annahme stimmte. Der Motor war zerschossen und beide Insassen schwer verletzt. Der Beobachter starb gleich, der Führer auf dem Transport zum nahen Lazarett. Meinem in Ehren gefallenen Gegner setzte ich zum Andenken einen Stein auf sein schönes Grab. Als ich nach Hause kam, saß Boelcke mit den anderen Kameraden bereits beim Frühstück und wunderte sich sehr, wo ich so lange geblieben war. Stolz meldete ich zum ersten Male: »Einen Engländer abgeschossen.« Sofort jubelte alles, denn ich war nicht der einzige; außer Boelcke, der, wie üblich, seinen Frühstückssieg hatte, war jeder von uns Anfängern zum ersten Male Sieger im Luftkampf geblieben. Ich möchte bemerken, daß seitdem kein englisches Geschwader sich mehr bis Cambrai getraute, solange es dort eine Jagdstaffel Boelcke gab.

  143. 18 September 1916
    Near Bertincourt
    Vélu
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    …Manfred hat lange nichts von sich hören lassen. Immer, wenn der Briefbote kommt, steht man schon am Fenster. An der Somme finden erbitterte Kämpfe statt. Auch in der Luft; Boelckes Stern überstrahlt alles. Was für ein wundervoller Mensch muß er sein, und Manfred ist an seiner Seite! 22.September 1916 Ein ausführlicher Brief von Manfred. Jagdstaffel II, 18. September 1916. “Liebe Mama! Du hast Dich gewiß schon gewundert, daß ich Dir noch gar nicht geschrieben habe. Aber ich sitze nun zum ersten Male an meinem Tisch und nehme ein Feder zur Hand. Bisher war ich dauernd beschäftigt. Ich flog in der letzten Zeit eine Aushilfsmachine, mit der ich wenig anfangen konnte und im Luftkampf meist den kürzeren zog. Gestern endlich kam die für mich bestimmte Kiste an und, denke Dir bloß, beim Einfliegen derselben sehe ich ein englisches Geschwader auf unsere Seite. – Fliege hin – und schieße einen runter. Die Insassen waren ein englischer Offizier und ein Unteroffizier. Ich war sehr stolz auf mein Einfliegen. Der Abgeschossene ist mir natürlich angerechnet worden. Boelcke ist jedem ein Rätsel, fast bei jedem Fluge schießt er einen ab. Bei seinem vierundzwanzigsten, fünfundzwanzigsten, sechsundzwanzigsten und siebenundzwanzigsten war ich selbst in der Luft dabei und beteiligte mich an dem Kampf. Dis Slacht an der Somme ist doch nicht so, wie sie Euch wohl in der Heimat erscheint. Der Feind greift mit enormer übermacht, besonders an Artillerie, seit vier Wochen täglich an. Immer mit ganz frischen Truppen. Unsere Leute schlagen sich glänzend. In den nächsten Tagen werden wir wohl unseren Flughafen etwas weiter zurückverlegen dürfen. Das Ganze hat das Gesicht eines Bewegungskrieges. Daß mein Freund Schweinichen gefallen ist, weißt Du wohl. Ich wollte ihn gerade besuchen, da er hier ganz in meiner Nähe war. Am selben Tage war er gefallen.” Hans v. Schweinichen war Manfreds bester Freund aus dem Kadettenkorps gewesen. Seite an Seite waren sie in Wahlstatt und Lichterfelde durch die Klassen gegangen. Bei der Einsegnung knieten sie gemeinsam vor dem Altar, auch wir Eltern saßen bei dieser Feier zusammen. Manfred bekam den schönen Spruch: “Gott ist es, der in euch wirket beides – das Wollen und das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen.” Auch in Lichterfelde blieben die beiden unzertrennlich. Der Sonntagsurlaub in Berlin wurde meist gemeinsam verbracht. Sie bummeln durch die Museen, längst ist die Mittagszeit vorüber, da sagt Schweinichen: “Wir wollen jetzt essen, ich habe gräßlichen Hunger.” – Manfred ist anderer Ansicht: “Erst muß ich alles gesehen haben.” Hans brummt ein bißchen und trottet wieder mit. Nach einer weiteren Stunde sagt er wieder: “Du, jetzt halt ich’s nicht mehr aus, mein Magen knurrt entsetzlich.” Darauf Manfred: “Gut, geh essen – ich möchte aber noch hierbleiben.” In aller Freundschaft trennt man sich und trifft sich erst am Billettschalter zum Zuge nach Lichterfelde wieder. Dann fahren die beiden sehr zufrieden und vergnügt in die Anstalt zurück. In dieser Freundschaft gibt es keinen Mißklang, sie würde ewig halten…

  144. 18 September 1916
    Near Bertincourt
    Vélu
    The dramatic true story of the Red Baron, Wiliam E Burrows, 1972, Mayflower Books

    Bölcke was not only the commander of Jasta 2, but also its mentor, so the battle was analyzed the next day, when the weather was too bad for patrols. He had stayed above the battle long enough to catch glimpses of what his men were doing, yet he had also found time to make his own kill, which, raked by bullets, crashed into an observation balloon while making a forced landing, and burst into flames. He explained to each of his cubs what they had done wrong and gave solutions. Richthofen described his fight to Bölcke, who listened silently and did not take his large contemplative eyes off the cub. An interrogation started. Did Richthofen carefully deliberate the circumstances before he went after the two-seater? Did he not, in fact, make a series of wild charges, instead of a controlled attack? Had he checked from time to time to see whether anyone was on his tail? Why had he made wide sweeps around his victim, thereby inviting an enemy to approach him unnoticed? Why, for that matter, had he stayed in the combat area so long, and, above all, why had he landed and wasted time and almost an airplane? Bölcke did not want to embarrass Richthofen in front of his fellows, so he praised the final attack, which, he said, seemed well judged. He decided to have a talk with Richthofen in private.

  145. 22 September 1916
    Lagnicourt
    http://www.theaerodrome.com/services/germany/jasta/jasta2.php
  146. 23 September 1916
    Cambrai Road
    Bapaume
    Under the guns of the Red Baron, Norman Franks, Hal Giblin and Nigel McCrery

    Combat report: 1100hrs. One-seater Martinsyde, GW No. 174. 1100 air fight above Bapaume. Adversary dashed, after 300 shots, mortally wounded, near Beugny (street Bapaume – Cambrai) to the ground. Two machine guns recovered, will be delivered. Dead occupant buried by 7th Infantry division. Weather: bright and clear all day; ground mist in early morning.

  147. 25 September 1916
    Władysława Sikorskiego 19, 58-105 Świdnica, Polen
    Swidnica
    Schweidnitz
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Am 25. kam Lother, ganz überraschend… …Wir verlieren uns in alte Zeiten, und alles ist wieder freundlich und hell. Einmal, da schoß Manfred in blindem Jagdeifer fünf Enten tot – die auf der Weistritz schwammen. Es waren aber nur zahme. Doch es gab keine Strafe, weil er gleich die Wahrheit sagte. Und ein andermal, als wir im Walde streiften, da steht Manfred plözlich auf einem Steg, der über ein schwarzes Wasser fürht. Er sagt zu Lothar, wie selbstverständlich: “Paß auf du, ich falle jetzt ins Wasser.” Gleich darauf verschwand er in der wirklich pechschwarzen Flut. “Das war ein schöner Schrecken, weiß du noch?” Lothar weißt es noch, er lacht, daß der Glühpunkt seiner Zigarette an zu tanzen fängt; es ist schon schummerig im Zimmer. “Natürlich”, sagt er, “wir gingen dan zur Mühle, denn er roch nicht gut.” “Ja, ja, er mußte gebadet werden, mit sehr viel Seife.” “Und dann, der Heimweg. Eine Stunde Rückfahrt – und Manfred hatte nichts auf dem Leibe als das Hemd, das die Müllerin geborgt hatte, und den Kadettenmantel darüber, dazu war er barfuß.” “Es hat ihm nicht mal eine Erkältung eingetragen.” Immer möchte ich mit Lothar so sitzen und sprechen, aber morgen muß er wieder fort. Dieser Tag jedoch gehört noch uns, und manchmal haben wir bis in die Nacht schon geplaudert. “Einmal wollten wir euch Jungens aber richtig auf die Mutprobe stellen, Ilse und ich. Es ging doch das Geraune, oben auf dem Boden unseres Hauses habe ich früher mal jemand erhängt, und nun spuke es, weißt du noch, Lother?” “Fûr uns Jungens war das so nett gruselig. Nachts schurrte und polterte es oben auf dem Boden, und man hörte ein Ächzen – die Haushältersleute sagten so…” “Manfred war ganz wild darauf, diesen Spuk zu erleben, da ließen wier dein Bett, Lothar, und das Manfreds an die Stelle tragen…” “Wir hatten uns einen tüchtigen Knüppel mit ins Bett genommen; Manfred sagte, er woillte dem Geist schon heimleuchten.” “Der Geist – das waren wir, nämlich Ilse und ich, wir hatten uns leise nach oben geschlichen und rollten Kastanien über die Diele.” “Ich hörte es zuerst, ich lag mit offnen Augen vor Erregung. ‘Manfred’ rief ich, ‘Manfred!’ Der schlief ganz fest. Schließlich wachte er auf, ich hörte, wie er sich im Bett aufrichtete.” “Den Rest kann ich besser erzählen, denn es ging um unsere Haut. Mit einem Satz war er aus dem Bett und rannte mit geschwungenem Knüppel auf uns los. Ich mußte schnell Licht machen, sonst hätten wir schon Prügel bezogen.” “Manfred war damals vierzehn.” “Nein, dreizehn.” Lothar lacht herzlich. Am nächsten Tage habe ich ihn wieder zur Bahn gebracht…

  148. 26 September 1916
    Battle of the Somme - Es ist damals die Zeit gewesen, wo Boelcke in zwei Monaten mit seinen Abschüssen von zwanzig auf vierzig gestiegen war.
    Somme Schlacht
    Lagnicourt
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Ich habe in meinem ganzen Leben kein schöneres Jagdgefilde kennengelernt als in den Tagen der Somme-Schlacht. Morgens, wenn man aufgestanden, kamen schon die ersten Engländer, und die letzten verschwanden, nachdem schon lange die Sonne untergegangen war. »Ein Dorado für die Jagdflieger«, hat Boelcke einmal gesagt. Es ist damals die Zeit gewesen, wo Boelcke in zwei Monaten mit seinen Abschüssen von zwanzig auf vierzig gestiegen war. Wir Anfänger hatten damals noch nicht die Erfahrung wie unser Meister und waren ganz zufrieden, wenn wir nicht selbst Senge bezogen. Aber schön war es! Kein Start ohne Luftkampf. Oft große Luftschlachten von vierzig bis sechzig Engländern gegen leider nicht immer so viele Deutsche. Bei ihnen macht es die Quantität und bei uns die Qualität. Aber der Engländer ist ein schneidiger Bursche, das muß man ihm lassen. Er kam ab und zu in ganz niedriger Höhe und besuchte Boelcke auf seinem Platz mit Bomben. Er forderte zum Kampf förmlich heraus und nahm ihn auch stets an. Ich habe kaum einen Engländer getroffen, der den Kampf verweigert hätte, während der Franzose es vorzieht, jede Berührung mit dem Gegner in der Luft peinlichst zu vermeiden. Es waren schöne Zeiten bei unserer Jagdstaffel. Der Geist des Führers übertrug sich auf seine Schüler. Wir konnten uns blindlings seiner Führung anvertrauen. Die Möglichkeit, daß einer im Stich gelassen wurde, gab es nicht. Der Gedanke kam einem überhaupt nicht. Und so räumten wir flott und munter unter unseren Feinden auf. An dem Tage, an dem Boelcke fiel, hatte die Staffel schon vierzig. Jetzt hat sie weit über hundert. Der Geist Boelckes lebt fort unter seinen tüchtigen Nachfolgern.

  149. 30 September 1916
    Near Frémicourt
    Lagnicourt
    Under the guns of the Red Baron, Norman Franks, Hal Giblin and Nigel McCrery

    Combat Report: 1150 hrs, near Lagnicourt About 1150 I attacked, accompanied by four planes of our Staffel above our aerodrome at Lagnicourt and at 3.000 metres altitude, a Vickers Squadron. I singled out a machine and after some 200 shots, the enemy plane started gliding down towards Cambrai. Finally it began to make circles. The shooting had stopped and I saw that the machine was flying uncontrolled. As we were already rather far away from our front lines, I left the crippled plane and selected a new adversary. Later on I could observe the aforementioned machine, pursued by a German Albatros machine, crash burning to the ground near Fremicourt. The machine burnt to ashes. Weather: bright and fine all day, with occasional clouds in the afternoon.

  150. 5 October 1916
    Lagnicourt
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Ich sitze im großen Gartenzimmer und ordne die Briefe, die Manfred schrieb. Es hat sich so viel zugetragen in diesen Wochen. Am 23. September schoß Manfred seinen zweiten Engländer ab, am 30; September den dritten. Sein Brief, der vom 5. Oktober datiert ist, macht die Auslassung: “Das Herz schlägt einem doch etwas höher, wenn der Gegner, dessen Gesicht man eben noch gesehen hat, brennend aus 4000 Meter in die Tiefe saust.”

  151. 5 October 1916
    Lagnicourt
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!

    Am 30. September schoß ich meinen dritten Engländer ab. Er stürzte brennend runter. Das Herz schlägt einem doch etwas höher, wenn der Gegner, dessen Gesicht man eben noch gesehen hat, brennend aus viertausend Metern in die Tiefe saust. Unten angekommen, war natürlich  nichts mehr übriggeblieben, sowohl von dem Menschen wie vom Apparat. Ich habe mir ein kleines Schild zum Andenken aufgehoben. Von meinem zweiten habe ich das Maschinengewehr zum Andenken behalten. Es hat eine Kugel von mir im Schloß und ist unbrauchbar. Mein  Franzose von Verdun zählt leider nicht mit; er wurde damals vergessen anzugeben. Früher bekam man nach dem achten den Pour le merite, jetzt auch nicht mehr, obgleich es immer schwieriger wird, einen abzuschießen. In den letzten vier Wochen seit dem Bestehen der Jagdstaffel Boelcke haben wir von den zehn Flugzeugen schon fünf verloren.

  152. 7 October 1916
    Near Equancourt
    Equancourt
    Under the guns of the Red Baron, Norman Franks, Hal Giblin and Nigel McCrery

    Combat Report: Machine Type: New and not seen up till now. Plane No. 6618: A two-deck plane (biplane) with 12 cyl. Daimler Motor No. 25 226. 0910 hrs, near Equancourt. About 0900 I attacked at 3.000 metres altitude and accompanied by two other machines, an English plane near Rancourt. After 400 shots enemy plane dashed downwards, the pilot having been mortally wounded. Occupant: Lieutenant Fenwick, killed by shot in the head. Weather: low clouds and strong winds – stormy all day.

  153. 7 October 1916
    Near Equancourt
    Equancourt
    Inside the victories of Manfred von richthofen - Volume 1, James F. Miller, Aeronaut Books, 2016

    Erfolge im Luftkampf: Durch Leutnant von Richthofen wurde am 7.10. vorm 9.10 bei Equancourt ein engl. Rumpfdoppeldecker Einsitzer abgeschossen. Insassen Leutnant Fenwick tot. Flugzeug war ein B.E. neuer art.

    Vom Feinde: Der am 7.10 von Lt. Frhr. v. Richthofen bei Equancourt abgeschossene Rumpfdoppeldecker-Einsitzer (Lt. Fenwick) gehörte zur 21. Squ. und zwar den Papieren nach zuneinem B.E. Flight. Das Flugzeug ist anseh scheinend eine neuere Konstrucktion.

  154. 16 October 1916
    Near Ytres
    Ytres
    Under the guns of the Red Baron, Norman Franks, Hal Giblin and Nigel McCrery

    Combat Report: 0500 hrs, near Ytres. BE one-seater No. 6580. Daimler Motor, No. 25188. Occupant: Lieutenant Capper. Together with four planes I singled out above Bertincourt an enemy squadron at 2.800 metres altitude. After 350 shots I brought down an enemy plane. Plane crashed to the ground, smashed. Motor can probably be secured. Weather: fine with occasional clouds.

  155. 17 October 1916
    Exact date?
    Lagnicourt
    Manfred von Richthofen, The man and the aircraft he flew, David Baker, 1990, Outline Press

    It was a beautiful time, Bölcke increased his bag of machines from twenty to forty. We beginners had not yet the experience of our masters, and we were quite satisfied when we did not get a hiding. Every time we went up we had a fight.

    Sometimes the English came down to very low heights and visited Bölcke in his own quarters, dropping bombs. They absolutely challenged us to battle and never refused fighting.

  156. 18 October 1916
    Lagnicourt
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!

    Wir haben hier dauernd schlechtes Wetter, aber trotzdem schoß ich gestern meinen fünften Engländer ab.

  157. 25 October 1916
    South end of Bapaume
    Bapaume
    Under the guns of the Red Baron, Norman Franks, Hal Giblin and Nigel McCrery

    Combat Report: 0935 hrs, near Bapaume. BE two-seater. About 0900

    I attacked enemy plane above trenches near Lesboefs. Unbroken cover of cloud at 2.000 metres altitude. Plane came from the German side and after some 200 shots he went down in large right hand curves and was forced back by the strong wind to the south end of Bapaume. Finally the machine crashed. It was plane No. 6629. Motor dashed into the earth, therefore number not legible. Occupant, a Lieutenant, seriously wounded by a shot in the bowels. Plane itself cannot be brought back, as under heavy fire. As I first saw the enemy plane there was no other German machine in the vicinity, and also during the fight no machine approached the scene of action. As the enemy plane started to go down, I saw a German Rumpler machine and several Hallberstadter planes. One of these machines came down to the ground. It was Vizefeldwebel Müller of Jagdstaffel 5. He claims to have discharged first at 300 metres and then at 1.000 metres distance, some 500 shots at enemy plane. Afterwards his gun jammed and the sight of his gun flew away. Quite apart from these curious circumstances, a child knows that one cannot hit a plane from such a ridiculous distance. Then a second plane, a Rumpler, came down, also claiming his share of the loot. But all other planes were perfectly sure that he had not taken part in the fight.

    Weather: fine with occasional clouds.

  158. 28 October 1916
    Favreuil
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Boelcke † (28. Oktober 1916) Eines Tages flogen wir wieder einmal unter der Führung des großen Mannes gegen den Feind. Man hatte stets ein so sicheres Gefühl, wenn er dabei war. Es gab eben nur einen Boelcke. Ein sehr stürmisches Wetter. Viel Wolken. Andere Flieger flogen an dem Tage überhaupt nicht, nur der Jagdflieger. Schon von weitem sahen wir an der Front zwei freche Engländer, denen scheinbar das schlechte Wetter auch mal Spaß machte. Wir waren sechs, drüben waren zwei. Wären es zwanzig gewesen, uns hätte das Zeichen von Boelcke zum Angriff auch nicht weiter in Erstaunen gesetzt. Es beginnt der übliche Kampf. Boelcke hatte den einen vor und ich den anderen. Ich muß ablassen, weil ich von einem eigenen gestört werde. Ich sehe mich um und beobachte, wie etwa zweihundert Meter neben mir Boelcke sein Opfer gerade verarbeitet. Der Dreißigste! Der Dreißigste! Der Vierzigste! Der Vierzigste! Es war wieder das übliche Bild. Boelcke schießt einen ab, und ich kann zusehen. Dicht neben Boelcke fliegt ein guter Freund von ihm. Es war ein interessanter Kampf. Beide schossen, jeden Augenblick mußte der Engländer stürzen. Plötzlich [97]ist eine unnatürliche Bewegung in den beiden deutschen Flugzeugen zu beobachten. Es zuckt mir durchs Hirn: Zusammenstoß. Ich habe sonst nie einen Zusammenstoß in der Luft gesehen und hatte mir so etwas viel anders vorgestellt. Es war auch kein Zusammenstoß, sondern mehr ein Berühren. Aber in der großen Geschwindigkeit, die so ein Flugzeug hat, ist jede leise Berührung ein heftiger Aufprall. Boelcke läßt sofort von seinem Opfer ab und geht in großem Kurvengleitflug zur Erde hinunter. Noch immer hatte ich nicht das Gefühl eines Absturzes, aber wie er unter mir durchgleitet, erkenne ich, daß ein Teil seiner Tragflächen abgebrochen ist. Was nun folgte, konnte ich nicht beobachten, aber in den Wolken verlor er eine Tragfläche ganz. Da war das Flugzeug steuerlos, und er stürzte ab, immer begleitet von seinem treuen Freund. Als wir zu Haus ankamen, war bereits die Meldung da: »Unser Boelcke tot!« Man konnte es nicht fassen. Am schmerzlichsten empfand es natürlich derjenige, dem das Unglück zustoßen mußte. Es ist eigentümlich, daß jeder Mensch, der Boelcke kennenlernte, sich einbildete, er sei der einzig wahre Freund von ihm. Ich habe von diesen einzig wahren Freunden Boelckes etwa vierzig kennengelernt, und jeder bildete sich ein, er sei der einzige. Menschen, deren Name Boelcke [98]nie gewußt hat, glaubten, sie stünden ihm besonders nahe. Es ist eine eigentümliche Erscheinung, die ich nur bei ihm beobachtet habe. Einen persönlichen Feind hat er nie gehabt. Er war gegen jedermann gleichmäßig liebenswürdig, zu keinem mehr, zu keinem weniger. Der einzige, der ihm vielleicht etwas näher stand, hatte das eben beschriebene Unglück mit ihm. Nichts geschieht ohne Gottes Fügung. Das ist ein Trost, den man sich in diesem Kriege so oft sagen muß.

  159. 3 November 1916
    Cathedral at Cambrai
    Cambrai
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Jagdstaffel Boelcke, 3. November 1916. “Liebe Mama! Leider verpaßte ich nach Boelckes Beerdigung, zu der ich als Vertreter seiner Jagdstaffel befohlen war, den Zug. Nun kann ich erst Mitte des Monats zu Euch kommen. – Boelckes Tot kam folgendermaßen: Boelcke, einige andere Herren der Jagdstaffel und ich waren in einen Luftkampf mit Engländern verwickelt. Plötzlich sehe ich, wie Boelcke, einen Engländer angreifend, von einem unserer Herren in der Luft gerammt wird. Dem armen anderen Herren ist weiter nichts passiert. Boelcke ging anfangs ganz normal herunter. Ich folgte ihm sofort. Später brach die eine Tragfläche weg, und er sauste in die Tiefe. Durch den Aufschlag war sein Schädel eingedrückt, also gleich tot. Uns ging es ganz ungeheuer nah – als ob einem der Lieblingsbruder genommen würde. Bei der Leichenfeier trug ich das Ordenskissen. Die Feier war so wie bei einem regierenden Fürsten. In sechs Wochen haben wir sechs Tote und einen Verwundeten; zwei sind mit den Nerven kaputt… Ich schoß gestern meinen Siebenten ab, nachdem ich kurz vorher den Sechsten erledigte. Meine Nerven haben durch all das Pech der anderen bisher noch nicht gelitten…”

  160. 3 November 1916
    north-east of Grevillers Wood
    Grévillers
    Under the guns of the Red Baron, Norman Franks, Hal Giblin and Nigel McCrery

    Combat Report: 1410 hrs, north-east of Grevillers Wood. Vickers two-seater No. 7010.

    Accompanied by two machines of the Staffel, I attacked a low flying plane at 1.800 metres altitude. After 400 shots, adversary dashed to the ground. The plane was smashed to pieces, inmates killed. As the place where the plan fell is under heavy fire, no details can be ascertained as yet.

    Weather: very strong winds all day, low clouds in the morning; clearing in the afternoon.

  161. 3 November 1916
    north-east of Grevillers Wood
    Grévillers
    Inside the victories of Manfred von richthofen - Volume 1, James F. Miller, Aeronaut Books, 2016

    Kofl 1. Armee Weekly Activity Report:

    Weiter angemeldete Abschüsse: über welche eine Entscheidung noch aussteht. 3.11.16 Leutnant Frhr.v. Richthofen meldet 2.10 Nachm. nordöstl. Gréviller Wald diesseits der Linie den Abschüss eines Vickers Zweisitzers. Insassen 2 Engländer tot.

    Erfolge im Luftkampf: Der Bericht des Leutnants Frhr.v. Richthofen, Jagdstaffel 2, über einen am 3.11.16 abgeschossenen Vickers Zweisitzer wird dem Kogen. Luft. zur Anerkennung vorgeleg.

  162. 9 November 1916
    Beugny
    Under the guns of the Red Baron, Norman Franks, Hal Giblin and Nigel McCrery

    Combat Report: 1030 hrs, BE two-seater, No. 2506. Motor: Daimler No. 22082. Occupants: Seriously wounded, pilot very seriously; observer, shoulder.

    Above Beugny. About 1030 I attacked, with several other planes, enemy bombing squadron above Mory at 2.500 metres altitude. After preceding curve fight, my victim crashed to the ground near Beugny.

    Weather: bright and clear nearly all day.

  163. 9 November 1916
    Beugny
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Der Achte Acht war zu Boelckes Zeiten eine ganz anständige Zahl. Jeder, der heutzutage von den kolossalen Zahlen der Abschüsse hört, muß zu der Überzeugung kommen, daß das Abschießen leichter geworden ist. Ich kann ihm nur eins versichern, daß dieses von Monat zu Monat, ja, von Woche zu Woche schwieriger wird. Natürlich bietet sich die Gelegenheit jetzt öfters, abzuschießen; aber leider wird die Möglichkeit, selbst abgeschossen zu werden, ebenfalls größer. Die Bewaffnung des Gegners wird immer besser, seine Zahl immer größer. Als Imelmann seinen ersten abschoß, hatte er sogar das Glück, einen Gegner zu finden, der gar kein Maschinengewehr bei sich hatte. Solche Häschen findet man jetzt höchstens noch über Johannisthal. Am 9. November 1916 flog ich mit meinem kleinen Kampfgenossen, dem achtzehnjährigen Imelmann, gegen den Feind. Wir waren zusammen bei der Jagdstaffel Boelcke, kannten uns schon vorher und hatten uns immer sehr gut vertragen. Kameradschaft ist die Hauptsache. Wir zogen los. Ich hatte schon sieben, Imelmann fünf. Für damalige Zeiten eine ganze Menge. Wir sind ganz kurze Zeit an der Front, da sehen wir ein Bombengeschwader. Es kommt sehr [100]frech geflogen. In ungeheurer Zahl kommen sie natürlich wieder an, wie überhaupt immer während der Somme-Schlacht. Ich glaube, in dem Geschwader waren etwa vierzig bis fünfzig, genau kann ich die Zahl nicht angeben. Sie hatten sich gar nicht weit weg von unserem Flughafen ein Ziel für ihre Bomben ausgesucht. Kurz vor dem Ziel erreichte ich den letzten der Gegner. Wohl gleich meine ersten Schüsse machten den Maschinengewehrschützen im feindlichen Flugzeug kampfunfähig, mochten wohl auch den Piloten etwas gekitzelt haben, jedenfalls entschloß er sich zur Landung mitsamt seinen Bomben. Ich brannte ihm noch einige auf den Bast, dadurch wurde das Tempo, in dem er die Erde zu erreichen suchte, etwas größer, er stürzte nämlich ab und fiel ganz in die Nähe unseres Flughafens Lagnicourt. Imelmann war zur selben Zeit gleichfalls in einen Kampf mit einem Engländer verwickelt und hatte auch einen Gegner zur Strecke gebracht, gleichfalls in derselben Gegend. Schnell flogen wir nach Hause, um uns unsere abgeschossenen Maschinen ansehen zu können. Wir fahren im Auto bis in die Nähe meines Gegners und müssen dann sehr lange durch tiefen Acker laufen. Es war sehr heiß, deshalb knöpfte ich mir alles auf, sogar das Hemd und den Kragen. Die Jacke zog ich aus, die Mütze ließ ich im Auto, dafür nahm ich einen großen Knotenstock mit, die Stiefel [101]waren bis an die Knie voll Schmutz. Ich sah also wüst aus. So komme ich in die Nähe meines Opfers. Natürlich hat sich schon eine Unmenge Menschen drumrum angesammelt. Eine Gruppe von Offizieren steht etwas abseits. Ich gehe auf sie zu, begrüße sie und frage den ersten besten, ob er mir nicht erzählen könnte, wie der Luftkampf ausgesehen habe, denn es interessiert hinterher immer sehr, von den anderen, die von unten zugesehen haben, zu erfahren, wie der Luftkampf ausgesehen hat. Da erfahre ich, daß die Engländer Bomben geworfen haben und dieses Flugzeug noch seine Bomben bei sich hatte. Der betreffende Herr nimmt mich am Arm, geht auf die Gruppe der anderen Offiziere zu, fragt noch schnell nach meinem Namen und stellt mich den Herren vor. Es war mir nicht angenehm, denn ich hatte, wie gesagt, meine Toilette etwas derangiert. Und die Herren, mit denen ich jetzt zu tun hatte, sahen alle totschick angezogen aus. Ich wurde einer Persönlichkeit vorgestellt, die mir nicht so ganz geheuer erschien. Generalshosen, einen Orden zum Hals heraus, dafür aber ein verhältnismäßig jugendliches Gesicht, undefinierbare Achselstücke – kurz und gut, ich wittere etwas Außerordentliches, knöpfe mir im Laufe der Unterhaltung Hose und Kragen zu und nehme eine etwas militärischere Form an. Wer es war, wußte ich nicht. Ich verabschiede mich [102]wieder, fahre nach Hause. Abends klingelt das Telephon, und ich erfahre nun, daß dies Seine Königliche Hoheit der Großherzog von Sachsen-Koburg-Gotha war. Ich werde zu ihm befohlen. Es war bekannt, daß die Engländer die Absicht hatten, auf seinen Stab Bomben zu werfen. So hätte ich dazu beigetragen, ihm die Attentäter vom Leibe zu halten. Dafür bekam ich die Sachsen-Koburg-Gothaische Tapferkeitsmedaille. Sie macht mir jedesmal Spaß, wenn ich sie sehe.

  164. 9 November 1916
    Beugny
    Inside the victories of Manfred von richthofen - Volume 1, James F. Miller, Aeronaut Books, 2016

    Kofl 1. Armee Weekly Activity Report:

    Erfolge im Luftkampf: B.E. Zweisitzer abgeschossen 9.11.16 vorm. 10.30 bei Beugny von Leutnant Frhr. von Richthofen, Jagdstaffel 2.

  165. 9 November 1916
    The Duke's headquarters
    Vault-Vraucourt
    The Red Knight of Germany, the story of Baron von Richthofen, Floyd Gibbons, 1927, 1959 Bantam Books

    One of them appeared to be someone of particular consequence. He wore peculiar epaulettes and the distinctive trousers of a general. His face was young, and the star of a high order dangled from the throat of his tightly hooked, stiff military collar. Richthofen, covered with grease, oil, sweat, and mud, felt ill at ease in the presence whose identity he did not learn until that evening, when an aide telephoned him that His Royal Highness the Grand Duke of Saxe-Coburg-Gotha had enjoyed meeting him and ordered his presence at the Vraucourt headquarters. For accounting for at least one load of bombs which were not aimed at his Royal Highness, Richthofen that night received the bravery medal of the Grand Duke’s duchy.

  166. 11 November 1916
    Lagnicourt
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Manfred telegrafierte, daß er den Hohenzollernorden bekommen habe. Er schoß seinen siebenten und achten Gegner ab. Als Boelcke den achten abschoß, bekam er dafür den ‘Pour le mérite’. Wir freuten uns sehr und waren stolz auf unseren Jungen.

  167. 11 November 1916
    Lagnicourt
    Manfred von Richthofen, The man and the aircraft he flew, David Baker, 1990, Outline Press

    (left to right) Sandel, Müller, MvR, Günther, Kirmaier, Imelmann, König, Höhne, Wortmann, Collin.

  168. 14 November 1916
    Władysława Sikorskiego 19, 58-105 Świdnica, Polen
    Swidnica
    Schweidnitz
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Eine große, unerwartete Freude! In aller herrgottesfrühe kam Manfred an. Er sah schlank und kernig aus. Und was er alles erlebt hat! Den ganzen Tag mußte er erzählen. – Boelckes Tod ging ihm sehr nahe. Er rühmte noch einmal die innere Klarheit und volkommene Beherrschtheit dieses Mannes, das freundliche Gleichmaß seinens Wesens, das den Gedankten einer Bevorzugung auch nicht von fern aufkommen ließ. (Aus allem glaubte ich zu spüren, daß Boelcke und Manfred von Natur aus viel Gemeinsames hatten.) Manfred sagte: “Jeder glaubte, er wäre sein bester Freund gewesen.” Und doch zeigte seine Neigung weder nach dieser noch nach jener Seite hin den leisesten Ausschlag; er ware eben Achse, Mittelpunkt. Der einzige, von dem man hätte annehmen können, er stände Boelcke etwas näher als die anderen, wäre der Mann gewesen, der das Mißgeschick hatte, mit ihm in der Luft zu kollidieren. Es sei nur ein leises Berühren der Tragflächen gewesen; von einer Schuld könne keine Rede sein. Manfred sprach mit großer Wärme von diesem Leutnant Böhme als von einer durchgereiften, wertvollen Persönlichkeit. Etwa ein Dutzend Jahre mochte er älter sein als die Kameraden (deren Alter wenig über zwanzig war); er hatte schon etwas hinter sich, ehe er zum Fliegen kam. Er hatte sein Pioniertum für Deutschland schon betätigt, lange vor dem Krieg in Ostafrika von den Hochgebirgen in die Ebene kühne Schwebebahnen gebaut. Als Boelcke in Rowel bei Manfred anklopfte, verpflichtete er auch Leutnant Böhme für die neue Kampfeinzitzerstaffel an der Somme. Böhme war seinem Meister sehr ergeben; seine reife und stille Männlichkeit genoß Ansehen in dem kleinen Kreise. Jetzt litt er sehr unter diesem grausamen Schicksal, die Freunde fürchteten das Schlimmste, suchten ihm auf jede unauffällige Art ihre kameradschaftliche, Verbundenheit nahezubringen. Doch war es der Vater Boelckes, der nach Cambrai zur Überführung gekommen war, dem der letzte und tiefste Trost vorbehalten blieb. Er besuchte Erwin Böhme auf dem Flugplatz und sprach ihm in Güte zu. Eine tiefe Verbundenheit würde künstig zwischen den beiden Familien sein. Fast unvermittelt gibt Manfred dann Schilderungen von seinen eigenen Kämpfen. Es ist jedesmal ein Duell auf Du oder Ich. Manfred sieht es anders; es ist für ihn der letzte Rest einer alten Ritterlichkeit in diesen Kämpfen Mann gegen Mann. Er hält nicht viel von fliegerischen Kunststücken in der Luft. “Das ist nur etwas fürs Auge”, urteilt er. Er fliegt für gewönlich in 5000 Meter höhe dicht heran, schießt erst auf 30 Meter. Aber ein Schießkünstler brauche man nicht zu sein, meint er. (Er selbst ist allerdings ein vorzüglicher Kugelschütze.) Er verweist auf Boelcke; sie waren ein paarmal zusammen auf der Hühnerjagd, Boeclke traf nie etwas. – Und trifft doch immer in der Luft! Das Herz macht den Jagdflieger – darin waren wohl beide einig.- Der Gegner tritt neuerdings in ungeheuren Mengen auf. Den achten schoß Manfred aus einem Geschwader von 40 oder 50 Bombenflieger heraus. Oft sind die eigenen Tragflächen von feindlichen Treffern durchsiebt. In der ersten Zeit wurden diese Stellen eingehend betrachtet, jetzt achtet kein Mensch mehr darauf. Es geschehen viele Wunder in den Lüften. “Das größte ist wohl, daß du gesund und lebend vor uns stehte?” “Ja, das ist es”, erwidert er einfach. Am nächsten Tage fuhren wir alle nach Trebnig, wo eine Tochter meines Bruders Hochzeit hatte. Es war schön, in dieser harten Zeit ein so blühendes Glück zu sehen. Das Leben geht weiter, es ist immer die stärkere Macht. Wir wurden alle froh. Manfred wurde sehr gefeiert. Noch am Hochzeitsabend reiste er wieder ab.

  169. 20 November 1916
    South of Grandcourt
    Grandcourt
    Under the guns of the Red Baron, Norman Franks, Hal Giblin and Nigel McCrery

    Combat Report: Jagdstaffel Boelcke. 0940 hrs, south of Grandcourt. Vickers two-seater. Together with several machines of our Staffel we attacked, on the enemy side above Grandcourt at 1.800 metres altitude, several low flying artillery planes. After having harassed a BE two-seater for a time, the plane disappeared in the clouds and then crashed to the ground, between the trenches south of Grandcourt. The machine was taken immediately under artilleray fire and destroyed. Weather: low clouds, strong winds and showers.

  170. 20 November 1916
    South of Grandcourt
    Grandcourt
    Inside the victories of Manfred von richthofen - Volume 1, James F. Miller, Aeronaut Books, 2016

    Kofl 1. Armee Weekly Activity Report:

    Erfolge im Luftkampf: am 20.11.16 vorm. 9.40 südl. Grandcourt durch Lt. Frhr. v. Richthofen, Jagdstaffel2.

  171. 20 November 1916
    South of Grandcourt
    Grandcourt
    Inside the victories of Manfred von richthofen - Volume 1, James F. Miller, Aeronaut Books, 2016

    Evidence suggests Jasta 2 Staffelführer Stefan Kirmaier may have been the actual victor over 2767. He and Richthofen were each credited with a victory on this day but RFC records indicate only one machine was lost over the lines in the manner of 2767. Richthofen and Kirmaier’s victories were claimed within ten minutes and two miles of each other – i.e. nearly simultaneously and collocated – and nine years after the war Clarke stated that he and Cunningham had been attacked by five German airplanes. It is unknown if Richthofen lost 2767 in the clouds and then presumed its crash, or if Kirmaier attacked 2767 after Richthofen and each had not seen or discounted the other’s attack in the fog of war. In any event, it seems both men received credit for downing the same airplane.

  172. 20 November 1916
    Grandcourt
    Under the guns of the Red Baron, Norman Franks, Hal Giblin and Nigel McCrery

    Combat Report: 1615 hrs, above Grandcourt. Vickers two-seater, fallen near Grandcourt, No. 4000 Motor No. 36574. Plane cannot be secured as under fire. Occupants: One killed : Lieutenant George Doughty. Lieutenant Gilbert Stall, seriously wounded, prisoner. Together with four planes, I attacked a Vickers two-seater type above the clouds at 2.500 metres altitude. After 300 shots adversary broke through the clouds, pursued by me. Near Grandcourt I shot him down. Weather: low clouds, strong winds and showers.

  173. 20 November 1916
    Grandcourt
    Inside the victories of Manfred von richthofen - Volume 1, James F. Miller, Aeronaut Books, 2016

    Kofl 1. Armee Weekly Activity Reoprt:

    Erfolge im Luftkampf: am 20.11.16 nachm. 4.15 bei Gueudecourt (sic) durch Lt. Frhr. v. Richthofen, Jagdstaffel 2.

  174. 23 November 1916
    South of Bapaume
    Bapaume
    Under the guns of the Red Baron, Norman Franks, Hal Giblin and Nigel McCrery

    Combat Report: 1500 hrs, south of Bapaume. Vickers one-seater, plane lying near Bapaume. Occupant: Major Hawker, dead. I attacked, together with two other planes, a Vickers one-seater at 3.000 metres altitude. After a long curve fight of three to five minutes, I had forced down my adversary to 500 metres. He now tried to escape, flying to the Front. I pursued and brought him down after 900 shots. Witnesses: Leutnant Wortmann, Leutnant Collin, etc. Weather: fine all day.

  175. 23 November 1916
    South of Bapaume
    Bapaume
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Major Hawker Am stolzesten war ich, als ich eines schönen Tages hörte, daß der von mir am 23. November 1916 abgeschossene Engländer der englische Immelmann war. Dem Luftkampf nach hätte ich mir’s schon denken können, daß es ein Mordskerl war, mit dem ich es zu tun hatte. Ich flog quietschvergnügt eines schönen Tages wieder mal auf Jagd und beobachtete drei Engländer, die scheinbar auch nichts anderes vorhatten als zu jagen. Ich merkte, wie sie mit mir liebäugelten, und da ich gerade viel Lust zum Kampfe hatte, ließ ich mich darauf ein. Ich war tiefer als der Engländer, folglich mußte ich warten, bis der Bruder auf mich ’runterstieß. Es dauerte auch nicht lange, schon kam er angesegelt und wollte mich von hinten fassen. Nach den ersten fünf Schüssen mußte der Kunde schon wieder aufhören, denn ich lag bereits in einer scharfen Linkskurve. Der Engländer versuchte, sich hinter mich zu setzen, während ich versuchte, hinter den Engländer zu kommen. So drehten wir uns beide wie die Wahnsinnigen im Kreise mit vollaufendem Motor in dreitausendfünfhundert Metern Höhe. Erst zwanzigmal linksrum, dann dreißigmal rechtsrum, jeder darauf bedacht, über und [104]hinter den anderen zu kommen. Ich hatte bald spitz, daß ich es mit keinem Anfänger zu tun hatte, denn es fiel ihm nicht im Traum ein, den Kampf abzubrechen. Er hatte zwar eine sehr wendige Kiste, aber meine stieg dafür besser, und so gelang es mir, über und hinter den Engländer zu kommen. Nachdem wir so zweitausend Meter tiefer gekommen waren, ohne ein Resultat erreicht zu haben, mußte mein Gegner eigentlich merken, daß nun die höchste Zeit für ihn war, sich zu drücken, denn der für mich günstige Wind trieb uns immer mehr auf unsere Stellen zu, bis ich schließlich beinahe über Bapaume, etwa einen Kilometer hinter unserer Front, angekommen war. Der freche Kerl besaß nun noch die Unverschämtheit und winkte mir, als wir bereits in tausend Meter Höhe waren, ganz vergnügt zu, als wollte er sagen: »Well, well, how do you do?« Die Kreise, die wir umeinander machten, waren so eng, daß ich sie nicht weiter als achtzig bis hundert Meter schätzte. Ich hatte Zeit, mir meinen Gegner anzusehen. Ich guckte ihm senkrecht in die Karosserie und konnte jede Kopfbewegung beobachten. Hätte er nicht seine Kappe aufgehabt, so hätte ich sagen können, was für ein Gesicht er schnitt. Allmählich wurde selbst dem braven Sportsmann dies doch etwas zu bunt, und er mußte sich schließlich entscheiden, ob er bei uns landen wollte [105]oder zu seinen Linien zurückfliegen. Natürlich versuchte er letzteres, nachdem er durch einige Loopings und solche Witze vergeblich probiert hatte, sich mir zu entziehen. Dabei flogen meine ersten blauen Bohnen ihm um die Ohren, denn bis jetzt war keiner zu Schuß gekommen. In hundert Metern Höhe versuchte er, durch Zickzackflüge, während deren sich von dem Beobachter bekanntlich schlecht schießen läßt, nach der Front zu entkommen. Jetzt war der gegebene Moment für mich. Ich folgte ihm in fünfzig bis dreißig Metern Höhe, unentwegt feuernd. So mußte der Engländer fallen. Beinahe hätte mich eine Ladehemmung noch um meinen Erfolg gebracht. Mit Kopfschuß stürzte der Gegner ab, etwa fünfzig Meter hinter unserer Linie. Sein Maschinengewehr rannte in die Erde und ziert jetzt den Eingang über meiner Haustür.

  176. 23 November 1916
    South of Bapaume
    Bapaume
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    …Ehe ich zu Bett ging, las ich noch einmal die Briefe meiner Söhne. Der elfte Engländer, den Manfred abschoß, ist ein Major Hawker, 26 Jahre alt. Gefangene sagten aus, daß er der “englische Immelmann” gewesen sei. Er wehrte sich verzweifelt; Manfred schreibt wörtlich: “Ich habe mit ihm den schwersten Kampf gehabt, der mir bisher vorgekommen ist.” Der Kampf raste durch 3500 Meter, in immer enger werdenden Wirbeln. Leider verlor auch Manfreds Jagdstaffel wieder zwei Flugzeuge, darunter ihren Führer; also acht Flugzeuge in acht Wochen. Hoffentlich bewahrheitet sich, was mir Manfred in seinem Briefe wünscht: daß dies mein letzter Kriegsgeburtstag sei!

  177. 23 November 1916
    South of Bapaume
    Bapaume
    The dramatic true story of the Red Baron, Wiliam E Burrows, 1972, Mayflower Books

    The pilot of the bullet-nosed Albatros that now followed Hawker around a tight circle at 3,000 feet near Bapaume, two miles inside German lines, did not know who his opponent was, but he knew the Lord’s airplane intimately. He had been one of several German pilots who test flew the first D.H.2 to arrive in France after it crashed almost intact behind German lines a year and a half later. He had tested its maneuverability and absolute speed limits at all altitudes in climbs, dives, and turns, the reliability, range, and accuracy of its machine gun, and the number of minutes its thirsty engine allowed it to stay in the air. Then, while another German pilot flew it and took defensive action, he made simulated attacks against it to find its most vulnerable side. The German therefore knew that his opponent could not defend himself from the rear. There was no chance of being shot at if he stayed behind and slightly above the Englishman. That was requisite number one, and, having achieved it, he could think about the kill. He knew that his Albatros was about twenty miles an hour faster than the D.H.2 at their present altitude, that it could climb more quickly, and that it carried two machine guns to the Englishman’s one. It could not, however, turn tighter circles than the D.H.2, which might staying on its tail difficult. But the German knew that if he could stay in the circle with his opponent, they would slowly lose altitude while the wind blew them farther and farther behind German lines, until the Englishman ran out of gas. If that happened, the Lord would have to either land and be taken prisoner or be shot out of the sky.  No pilot would get into such a predicament. He would therefore try to escape. So the German knew that all he had to do was wait for the Englishman to break the circle and run for home. Then he would have him. Then he would kill him. Hawker realized immediately that he was not up against what his pilots called a ‘nervous type’. The Hun was doing all the right things. He had not yet let his hunger for a victory force him into a mistake. Not yet. But there was still time. Ten minutes before, Hawker had turned off his engine to prevent it from choking, and started a long dive at 11,000 feet to catch the pair of two-seaters that had been speeding eastward. He had no sooner turned off the engine than he heard machinegun fire coming from above, and, at almost the same instant, bullets passed close by. To hell with those two-seaters. He put his scout into a roll and then into a leaflike spiral. At the same time, he pushed his fuel valve to ‘full speed’ to get the engine going and pulled out of the spiral with a little less than full power at 10,000 feet. That was when he had run into this smart Hun, who had been below all the time, probably waiting for him. Hawker got off a few ineffective shots at the German while each tried to get into firing position, but neither would allow such an advantage, so they settled on opposite sides of a 300-foot-wide circle. They went around about twenty times to the left. Then Hawker made a figure eight, leading the German into about thirty more circles to the right and, by that time, dropping to 6,000 feet. They continued that way, round and round, like two dogs snapping at one another’s tails, as the minutes passed and they neared 3,000 feet. The German was now slightly higher on his side of the circle, and had a clear view of the Englishman hunched in his cockpit. He looked down and closely observed the man he was waiting to kill. He noted every movement of the Englishman’s head and tried hard to penetrate through the goggles that masked the eyes looking up at his. But because of the goggles and the tan leather cap, he could not see the expression on Hawker’s face and he regretted it. An arm came out of the Englishman’s cockpit and coolly waved up at him. The German smiled, but did not wave back. ‘No beginner’, he thought. When Hawker’s altimeter showed 1,500 feet, he began to get desperate. Half an hour had passed, the gas was critically low, and he figured he had drifted well over two miles behind the lines. He would be in the arms of the German infantry in ten minutes if he stayed in this mad circle. Where was Saundby? Where, for that matter, were Long and Pashley? He could now see trees, houses, and roads spinning by where, an eternity before, there had been limitless, free sky. He continued to look up at the German, but the dark blur he caught in the corner of his eye – the earth – now seemed like a giant mouth that wanted to swallow him. The circle had  to be broken. With his eyes still on the German, Hawker jerked back on the stick, putting his D.H.2 into a couple of high, twisting loops. When he came out of the last of them, he rolled to one side, the to the other, and, with his altimeter showing 300 feet, began the dash for home. ‘Now’. The German snapped his Albatros into a tight bank and went straight for the Englishman’s tail. Both airplanes sped 150 feet above flat, pock-marked fields. They skimmed over groups of gray-uniformed German soldiers who held flattened hands over their eyes to block out the sun as they watched the terrier go after the rat. Most of them had seen it before, but it was always interesting, so they stopped piling sandbags and opening crates and watched the airplanes for as long as they could. It was a good excuse for a cigarette. Some of the soldiers wanted to fire their rifles or machine guns at the Englishman, but he was too close in front of their man, so they just watched. Hawker, trying to throw off the German’s aim, kicked his rudder bar back and forth, putting his scout into a series of zigzags. Two blue-gray eyes followed him, first to one side, then back across the black Spandaus to the other. Then back again. The eyes sent the picture to the brain for analysis. It was a trade-off, thought the German. The Englishman was zigzagging to present a more difficult target. But he lost speed every time he did it. Whether he succeeded in dodging bullets long enough depended on how close they were to the lines. The German was certain the Englishman would not make it. Every time the swerving airplane passed in front of his Spandaus, the German squeezed the triggers and watched a short line of bullets go out toward the growing target.He liked the sound of the guns, the sudden smell of gunpowder, and, most of all, the feeling that his bullets were ripping into canvas, smashing wooden braces, cutting control cables, and perhaps imbedding themselves into flesh. But the Englishman still would not fall, and the front lines were now 1,000 yards ahead. The German was now within sixty feet of the Englishman and firing almost continuously. If the D.H.2 made it to the British lines, its pilot would immediately drop to a safe landing, and the German would be robbed of his hard-earned prize. With 900 of his 1,000 rounds gone, and the first row of British trenches in sight, the German’s guns jammed. He cursed and frantically tried to clear them. They were clear again. He carefully lined up the small gunsight between his Spandaus with the Englishman’s engine. The gloved hand wrapped around the Albatros’s stick, and the boots resting delicately on its rudder pedals moved fractions of an inch in exact duplication of the hand and boots in the airplane ahead. The German again squeezed his trigger. More bullets came out of the twin Spandaus. Another quick taste of powder. Then the German saw the English scout suddenly straighten, hang limply in the air for a second, and fall. It smashed nose-first into the ground, burying its machine gun in the mud, splitting and crunching wood, and tearing fabric. It stayed in that position for a moment, tail pointed upward, and then came crashing down in a tangle of cables and a thin cloud of dust. The wreckage bounced once and came to rest in a waterlogged shell hole 500 yards inside the German forward lines. Its pilot lay somewhere in the debris with a bullet in his head. The young German put his Albatros into a tight, climbing turn until it pointed east. He looked around for other airplanes, and seeing none, let himself look down at his victim. He tried hard to be calm as he studied what he had done. But his heart pounded from excitement. There was no other feeling like it. He felt potency surging through his body and waiting in his fingers to be used again. Two of them had fought for the sky. One was the victor. He was the victor, and therefore he owned the sky for as far as he could see and as far as his guns could reach. He pulled gently back on the stick and aimed his Albatros toward a higher altitude, where it would catch the wonderful wind that always carried him home. He thought the wind could carry him to heaven. It was the eleventh time Baron Manfred von Richthofen had felt that way.

  178. 23 November 1916
    South of Bapaume
    Bapaume
    Inside the victories of Manfred von richthofen - Volume 1, James F. Miller, Aeronaut Books, 2016

    Kofl 1. Armee Weekly Activity Report:

    Erfolge im Lufkampf: am 23.11 nachm. 3.00 bei Bapaume durch Lt. Frhr. v. Richthofen, Jagdstaffel 2.

  179. 25 November 1916
    Lagnicourt
    Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920

    Liebe Mama!

    Zu Deinem Geburtstag sende ich Dir meine herzlichsten Glückwünsche uns hoffe, daß dies Dein letzter Kriegsgeburtstag sein wird. Mein elfter Engländer ist Major Hawker, sechsundzwanzig Jahre alt, und Kommandeur eines englischen Geschwaders. Gefangene haben ausgesagt,  daß er der englische Boelcke gewesen sei. Ich habe mit ihm den schwersten Kampf gehabt, der mir bisher vorgekommen ist. Bis ich ihn schließlich doch noch abschoß. Leider verloren wir vor drei Tagen unseren Führer und vor acht Tagen ebenfalls ein Flugzeug von unserer Staffel.

  180. 26 November 1916
    Dessau
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Wir gingen alle zusammen ins Kino, um den Film von Boelckes Begräbnis zu sehen. Manfred trug das Ordenskissen, er war deutlich zu erkennen… … Nach Tisch ging meine Schwester mit den Verwandten ins Kino, wo der Film von Boelckes Beerdigung immer noch lief. Sie ließen sich den Streifen ganz langsam vorführen, waren sehr interessiert und hatten auf diese Art ein seltsames Wiedersehen mit Manfred gefeiert…

  181. 5 December 1916
    Pronville
    http://www.theaerodrome.com/services/germany/jasta/jasta2.php
  182. 11 December 1916
    above Mercatel
    Arras
    Under the guns of the Red Baron, Norman Franks, Hal Giblin and Nigel McCrery

    Combat Report: 1155 hrs, above Mercatel, near Arras. Vickers one-seater, No. 5986. Rotary Motor 30372. Occupant: made prisoner, wounded, Lieutenant Hund. About 1145 I attacked with Leutnant Wortmann, at 2.800 metres altitude, and south of Arras, enemy one-seater Vickers squadron of eight machines. I singled out one machine and after a short curve fight I ruined the adversory’s motor and forced him to land behind our lines near Mercatel. Occupant not seriously wounded. Weather: fine morning with some mist; rain later.

  183. 11 December 1916
    above Mercatel
    Arras
    Inside the victories of Manfred von richthofen - Volume 1, James F. Miller, Aeronaut Books, 2016

    Kofl 1. Armee Weekly Activity Report:

    Erfolge im Luftkampf: Ein Vickers-Einsitzer am 11.12.16 vorm. 11.55 bei Mercatel s.Arras Sieger Lt. Frhr. v. Richthofen, Jagdstaffel 2.

  184. 15 December 1916
    exact date?
    Kattowice
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    In der Mitte des Monats sah ich Manfred einige Stunden auf der Durchfahrt in Breslau. Er war in Kattowitz beim Feldflugchef wegen neuer Machinen gewesen, er war sehr eilig, man merkte ihm an, daß es ihn drängte, weiterzureisen.

  185. 20 December 1916
    Menchy-au-Bois
    Under the guns of the Red Baron, Norman Franks, Hal Giblin and Nigel McCrery

    Combat Report: 1130 hrs, above Menchy. Vickers one-seater No. 7929. Motor: Gnôme 30413. Occupant: Arthur Gerald Knight, Lieutenant RFC killed. Valuables enclosed; one machine gun taken. About 1130 I attacked, together with four planes and at 3.000 metres altitude, enemy one-seater squadron above Menchy. After some curve fighting I managed to press adversary down to 1.500 metres, where I attacked him at closest range (plane length). I saw immediately that I had hit enemy; first he went down in curves, then he dashed to the ground. I pursued him until 100 metres above the ground. This plane had been only attacked by me. Weather: fine all day.

  186. 20 December 1916
    between Quéant and Lagnicourt
    Quéant
    Under the guns of the Red Baron, Norman Franks, Hal Giblin and Nigel McCrery

    Combat Report: 1345 hrs, above Moreuil. Vickers two-seater: A5446. Motor: Beardmore No. 791. Occupants: Pilot Lieut. D’Arcy, observer, unknown, had no identification disc. Occupants dead, plane smashed, one machine gun taken, valuables please find enclosed. About 1345 I attacked, with four planes of our Staffel, at 3.000 metres altitude, enemy squadron above Moreuil. The English squadron had thus far not been attacked by Germans and was flying somewhat apart. I had , therefore, the opportunity to attack the last machine. I was foremost of our own people and other German planes were not te be seen. Already after the first attack, the enemy motor began to smoke; the observer had been wounded. The plane went down in large curves, I followed and fired at closest range. I had also killed, as was ascertained later on, the pilot. Finally the plane crashed on the ground. The plane is lying between Queant and Lagnicourt. Weather: fine all day.

  187. 24 December 1916
    Pronville
    http://www.frontflieger.de/4-ric13.html

    Das Weihnachtsfest 1916 verbringt Manfred mit Bruder Lothar und ihrem Vater bei der Jagdstaffel Boelcke. Das Bild zeigt sie im Kreise seiner Kameraden: rechts steht Karl Bodenschatz, links vor im Wortmann, ganz links steht Erwin Böhme.

  188. 25 December 1916
    Es 'weihnachtet' nun wieder sehr
    Władysława Sikorskiego 19, 58-105 Świdnica, Polen
    Swidnica
    Schweidnitz
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Es ‘weihnachtet’ nun wieder sehr; es ist eine heimliche Geschäftigkeit im ganzen Haus. So schön wie im vorigen Jahr wird es diesmal nicht werden – weder Manfred noch Lothar noch mein Mann können kommen. Ich darf aber hoffen, daß sie alle drei im Felde zusammen sein werden, das ist auch schon etwas…

  189. 27 December 1916
    12 km east of Ficheux
    Ficheux
    Under the guns of the Red Baron, Norman Franks, Hal Giblin and Nigel McCrery

    Combat Report: 1625 hrs, above Ficheux, south of Arras. FE two-seater was smashed, number etc. not recognisable. At 1615, five planes of our Staffel attacked enemy squadron south of Arras. The enemy approached our lines, but was thrown back. After some fighting I managed to attack a very courageously flown Vickers two-seater. After 300 shots, enemy plane began dropping, uncontrolled. I pursued the plan up to 1.000 metres above the ground. Enemy plane crashed to ground on enemy side, one kilometre behind trenches near Ficheux. (possibly) Capt. JB Quested (WIA); Lt. HJH Dicksee (unhurt) (Some sources claim that this was Sgt. James McCudden of No.29 Squadron, in a DH.2.) Quested/Dicksee were downed at 11.20 hours, 12 km east of Ficheux (probably versus Jasta 1)- inside Allied lines. Richthofen claimed his kill at 16.25 hours [2] McCudden, who returned to base, fits the time period. Weather: mist in the morning, clearing later.

  190. 28 December 1916
    Pronville
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    An der Somme, 28. Dezember 1916 “Liebe Mama! Papa und Lothar waren zum Heiligen Abend beide bei mir. – Es war ein denkwürdiges Fest. So ein Weihnachten im Felde macht doch mehr Spaß, als Ihr es Euch in der Heimat wohl denkt. Unsere Feier bestand nur in einem Christbaum und einem sehr guten Essen. Lothar hat am Tage darauf seinen ersten Alleinflug gemacht. Ein ähnliches Ereignis ist nun der erste Abschuß. Gestern schoß ich nun meinen fünfzehnten Engländer ab, nachdem ich zwei Tage vor Weihnachten eine Dublette gemacht hatte, Nr. 13 und 14. Dein gerhorsamer Sohn Manfred.”

  191. 1 January 1917
    Vroeg in 1917
    Near Douai
    La Brayelle
    Marke 2 Wereldoorlog 1

    Getuigenis van Herman Lohmeyer (mechanieker van Oblt. Wolff, Jasta 11): Begin 1917 kwam ik bij Jagdstaffel 11 in de omgeving van Douai-Arras, op het ogenblik was Manfred von Richthofen onze Staffelführer. Van daar ging het naar Vlaanderen, naar Harelbeke en vervolgens naar de Markebeke bij Kortrijk.

  192. 4 January 1917
    Near Metz-en-Couture
    Metz-en-Couture
    Under the guns of the Red Baron, Norman Franks, Hal Giblin and Nigel McCrery

    Combat Report: 1615 hrs, near Metz-en-Coûture. Sopwith one-seater (lying south of this place), No. LTR5193. Motor: 80 hp Le Rhône No. 5187. A new type plane, never seen before, but as wings broken, barely discernable. Occupant: Lieutenant Todd, killed, paper and valuables enclosed. About 1615, just starting out, we saw above us at 4.000 metres altitude four plaes, unmolested by our artillery. As the archies were not shooting, we took them for our own. Only when they were approaching we noticed they were English. One of the English planes attacked us and we saw immediately that the enemy plane was superior to ours. Only because we were three against one did we detect the enemy’s weak points. I managed to get behind him and shot him down. The plane broke apart whilst falling. Weather: low clouds and rain in the morning; bright in the afternoon.

  193. 4 January 1917
    Near Metz-en-Couture
    Metz-en-Couture
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Der Sechzehnte ist gefallen. Ich stand somit an der Spitze sämtlicher Jagdflieger. Dieses war das Ziel, das ich erreichen wollte. Das hatte ich scherzeshalber mal vor einem Jahr zu meinem Freund Lynker gesagt, als wir zusammen schulten und er mich fragte: »Was ist denn Ihr Ziel – was wollen Sie erreichen als Flieger?« Da meinte ich so scherzhaft: »Nun, so an der Spitze der Jagdflieger zu fliegen, muß doch ganz schön sein!« Daß dies mal Tatsache würde, habe weder ich mir zugetraut noch andere Menschen mir. Bloß Boelcke soll einmal gesagt haben – natürlich nicht mir direkt persönlich, aber man hat es mir nachher erzählt – wie er gefragt wurde: »Wer hat denn Aussicht, mal ein guter Jagdflieger zu werden?« da soll er mit dem Finger auf mich gezeigt und gesagt haben: »Das ist der Mann!« Boelcke und Immelmann hatten mit dem Achten den Pour le mérite bekommen. Ich hatte das Doppelte. Was wird sich nun ereignen? Ich war sehr gespannt. Man munkelte, ich würde eine Jagdstaffel bekommen.

  194. 16 January 1917
    La Brayelle
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Da kommt eines Tages das Telegramm: »Leutnant v. R. zum Führer der Jagdstaffel 11 ernannt.« Ich muß sagen, ich habe mich geärgert. Man hatte sich so schön mit den Kameraden der Jagdstaffel Boelcke eingearbeitet. Nun wieder ganz von neuem anzufangen, das Einleben usw. war langweilig. Außerdem wäre mir der Pour le mérite lieber gewesen.

  195. 16 January 1917
    West of Vimy
    Vimy
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    »Le petit rouge« Aus irgend welchen Gründen kam ich eines schönen Tages auf den Gedanken, mir meine Kiste knallrot anzupinseln. Der Erfolg war der, daß sich mein roter Vogel jedem Menschen unbedingt aufdrängte. Auch meinen Gegnern schien dies tatsächlich nicht ganz unbekannt geblieben zu sein. Gelegentlich eines Kampfes, der sich sogar an einer anderen Frontstelle abspielte wie die übrigen, glückte es mir, einen zweisitzigen Vickers, der ganz friedlich unsere Artilleriestellung photographierte, anzuschießen. Der Gegner kam gar nicht dazu, sich zu wehren, und mußte sich beeilen, auf die Erde zu kommen, denn er fing schon an, verdächtige Zeichen des Brennens von sich zu geben. Wir nennen das: »er stinkt.« Wie sich herausstellte, war es auch tatsächlich Zeit, denn der Apparat fing kurz über der Erde an, in hellen Flammen zu brennen. Ich fühlte ein menschliches Mitleid mit meinem Gegner und hatte mich entschlossen, ihn nicht zum Absturz zu bringen, sondern ihn nur zur Landung zu zwingen, zumal ich das Gefühl hatte, daß der Gegner schon verwundet war, denn er brachte keinen Schuß ’raus. In etwa fünfhundert Metern Höhe zwang mich ein Defekt an meiner Maschine, im normalen Gleitflug, ohne eine Kurve machen zu können, gleichfalls zu landen. Nun ereignete sich etwas ganz Komisches. Mein Feind landete mit seiner brennenden Maschine glatt, während ich als Sieger unmittelbar daneben in den Drahthindernissen der Schützengräben einer unserer Reservestellungen mich überschlug. Es folgte eine sportliche Begrüßung der beiden Englishmen mit mir, die wegen meines Bruches nicht wenig erstaunt waren, da sie, wie bereits erwähnt, keinen Schuß auf mich abgegeben hatten und sich den Grund meiner Notlandung gar nicht vorstellen konnten. Es waren dies die ersten Engländer, die ich lebendig heruntergebracht habe. Deshalb machte es mir besonders Spaß, mich mit ihnen zu unterhalten. Ich fragte sie unter anderem, ob sie meine Maschine schon einmal in der Luft gesehen hätten. »Oh yes,« sagte der eine, »die kenne ich ganz genau. Wir nennen sie ›le petit rouge‹.« Nun kommt eine echt englische – in meinen Augen – Gemeinheit. Er fragte mich, weshalb ich mich vor der Landung so unvorsichtig benommen hätte. Der Grund lag darin, daß ich nicht anders konnte. Da sagte der Schurke, er hätte versucht, in den letzten dreihundert Metern auf mich zu schießen, habe aber Ladehemmung gehabt. Ich gebe ihm Pardon – er nimmt es an und vergilt es mir nachher mit einem hinterlistigen Überfall. Seitdem habe ich noch keinen meiner Gegner wieder sprechen können, aus einem naheliegenden Grund.

  196. 21 January 1917
    Pronville
    Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1917, 351.000 - 400.000, Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

    Nach zwei Tagen – wir sitzen gemütlich bei der Jagdstaffel Boelcke und feiern meinen Abschied –, da kommt das Telegramm aus dem Hauptquartier, daß Majestät die Gnade hatte, mir den Pour le mérite zu verleihen. Da war die Freude natürlich groß. Es war ein Pflaster auf das Vorangegangene. * Ich hatte es mir nicht so nett vorgestellt, selbst eine Jagdstaffel zu führen, wie es nachher in Wirklichkeit geworden ist. Ich habe mir nie träumen lassen, daß es mal eine Jagdstaffel Richthofen geben würde.

  197. 21 January 1917
    La Brayelle
    Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.

    Ein großer Tag für uns. Früh um sieben Uhr wurde ich durch ein Telegramm geweckt. Ich öffnete es mit Zögern und nicht ohne das beklemmende Gefühl, das uns Telegramme jetzt im Kriege einflößen. Ich las, während meine Hände zitterten: “S. M. der Kaiser hat dem Leutnant von Richthofen den Orden Pour le Mérite verliehen. Jagstaffel Boelcke.” Das war herrlich! Das war wundervoll! Noch fehlen mir die Einzelheiten. Ich weiß nur, daß er 16 Engländer im Luftkampf besiegt hat und mit dieser Zahl an der Spitze von Deutschlands Jagdfliegern steht. Es hat sich erfüllt, was ihm einst ein Kamerad bei seinem Abschied aus Rußland scherzend nachrief: “Komm ja nicht ohne den Pour le Mérite zurück!” Die große Freude trieb mich, das Ereignis an alle Verwandten zu telefonieren. Ilse gab in ihrem Lazarett eine Bowle für ihre Pfleglinge und für die sechs Schwestern. Sie verlas das Telegramm und brachte ein Kaiserhoch aus. – Sofort stand einer der Soldaten auf und brachte ein Hoch auf Manfred aus und natürlich – auf Schwester Ilse. Die folgenden Tage brachten viele reizende Briefe, Glückwünsche und Telegramme. Die Nachbarschaft, ganz Sweidnitz freut sich mit uns, alle sprechen von ihm; wir treten in keinen Laden, wo wir nicht beglückwünscht werden. Alle Blicke sind auf ihn gerichtet, und wieviel Gebete begleiten ihn!

  198. 21 January 1917
    Pronville
    Inside the victories of Manfred von richthofen - Volume 1, James F. Miller, Aeronaut Books, 2016

    Kofl 6. Armee Weekly Activity Report:

    Organisatorisch Veraenderungen: Die Fuehrung von Jagdstaffel 11 uebernahm am 20.1.1917 Lt. Frhr. v. Richthofen (Jagdstaffel Boelcke). Bisheriger Fuehrer der Jagdstaffel 11, Oberlt. Lang, uebernahm am gleichen Tage die Fuehrung von Jagdst. 28 bei 4. Armee.

    Besonderes: Dem Lt. Frh. v. Richthofen, Jagdstaffel 11 wurde am 21.1.1917 der Orden Pour le Mérite verliehen fuer erfolgreichen anerkannten Abschuss 16 feindlicher Flugzeuge.

  199. 23 January 1917
    South of Lens
    Lens
    Under the guns of the Red Baron, Norman Franks, Hal Giblin and Nigel McCrery

    Combat Report: 1610 hrs, above trenches south-west of Lens. No details, plane fell on the enemy’s side. About 1610 I attacked, together with seven of my planes, enemy squadron, west of Lens. The plane I had singled out caught fire after 150 shots, fired from a distance of 50 metres. The plane fell, burning. Occupant fell out of plane at 500 metres height. Immediately after the plane had crashed on the ground, I could see a heavy black smoke cloud rising. The plane burnt for quite a while with frequent flares of flame. Weather: fine all day.

  200. 23 January 1917
    South of Lens
    Lens
    The Red Knight of Germany, the story of Baron von Richthofen, Floyd Gibbons, 1927, 1959 Bantam Books

    Just to show them how it was done, he led them over the English lines for the first time on January 23d and ‘knocked down’ the first victim to be registered on the unit’s victory book. For Richthofen it was his seventeenth ‘kill’. At dinner time, when his twelve officers gathered around the mess table ,he explained the technique of his first demonstration, called attention to some flying blunders his pupils had made, and answered their questions. At the close of the meal and the lecture the Flying Uhlan and his disciples retired to their quarters with the knowledge that they were ‘going over’ again in the morning.

  201. 23 January 1917
    South of Lens
    Lens
    Inside the victories of Manfred von richthofen - Volume 1, James F. Miller, Aeronaut Books, 2016

    Kofl 6. Armee Weekly Activity Report:

    Erfolge im Lufkampf: Am 23.1 1 engl. Flugzeug durch Lt. Frh. von Richthofen, J. St. 11, ueber Lens in Brand geschossen um jenseits der Linie zum Absturz gebracht. (17. Flugz.)

  202. 24 January 1917
    West of Vimy
    Vimy
    Under the guns of the Red Baron, Norman Franks, Hal Giblin and Nigel McCrery

    Victory 18 and emergency landing after loss of upper wing Combat Report: 1215 hrs, west of Vimy. Fixed motor: Plane No. 6937; Motor No. 748. Occupants: Pilot – Captain Craig. (Obs) Lieutenant McLennan. Accompanied by Feldwebel (Hans) Howe, I attacked, at about 1215, the commanding plane of an enemy formation. After a long fight I forced my adversary to land near Vimy. The occupants burnt their plane after landing. I myself had to land, as one wing had cracked at 300 metres. I was flying an Albatros DIII. According to the English crew, my red painted plane is not unknown to them, as when being asked who had brought them down, they answered: “Le petit rouge”. Two machine guns have been seized by my Staffel. The plane was not worth removing as it was completely burned. Weather: fine all day.

  203. 24 January 1917
    West of Vimy
    Vimy