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„Nun noch von meiner Jugend. Der alte Herr stand in Breslau bei den Leibkürasseren 1, als ich am 2. Mai 1892 geboren wurde. Wir wohnten in Kleinburg.“

Das Bild zeigt Manfred von Richthofen als Kind im Alter von etwa zwei oder drei Jahren

„Das Bild zeigt Manfred von Richthofen als Kind im Alter von etwa sieben Jahren. Er trägt einen Matrosen-Anzug, der in der Zeit sehr modern war.“

„Eine leicht zu verängstigende Mutter ist ein großes Hindernis für die körperliche Entwicklung von Kindern“, sagte Frau von Richthofen. „Als Manfred noch ein kleiner Junge war, hielten mich viele meiner Freunde wohl für eine eher nachlässige Mutter, weil ich den beiden Jungen nicht verbot, sich an einigen ihrer Lieblingsbeschäftigungen zu beteiligen. Aber ich war damals und bin auch heute noch davon überzeugt, dass Kinder nur dann beweglich werden können, wenn man ihnen die Freiheit lässt, selbst zu beurteilen, was sie ihrem Körper zumuten können.“

„Denn Manfred hat schon von den ersten Tagen seiner Jugend an Proben nicht gewöhnlicher Energie abgelegt. Als achtjäriger Junge erwarteten ihn meine Eltern eines Tages in Breslau von der Bahn. Es sollte mit zwei großen Handkoffern von einem längeren Aufenthalt auf dem Lande zurückkehren. Der Bursche wurde zur Abholung auf den Bahnhof geschickt, er kam allein zurück. Manfred war nicht zu finden. Was war geschehen? Ein Telfon gab es damals noch nicht. Die Aufregung stieg. Während meine Eltern noch darüber beraten, klingelt die Entreeglocke, und Manfred steht wohlbehalten mit beiden Koffern vor der Tür. „Du hast dir wohl eine Droschke genommen?“. „Nein, ich hatte kein Geld.“ „Wer hat dir denn die Koffer getragen?“ „Das habe ich selbst getan.“

Meine Eltern waren sprachlos und ungläublig, denn die Koffer waren so schwer, daß Manfred Mühe gehabr hätte, nur einen zu heben. Aber dann erhielten sie die Aufklärung. „Einen habe ich schon heben können, den habe ich immer ein Stück weit getragen und inzwischen auf den anderen aufgepaßt, dann habe ich den zweiten geholt, und so bin ich allmählich angekommen, leider hat es ein bißchen lange gedauert.“

Und das alles mit solch selbstverständlicher Ruhe und Sicherheit, daß meine Eltern Manfred schon damals getrost die Sorge für sich selbst im großen und ganzen allein überlassen konnten.“

„Im achten Lebensjahre erkletterte er die größter Apfelbäume des Gutes, die sonst kaum jemand erreichen konnte. Dann ließ er sich aber nicht vom Stamm herab, sondern von außen an den Zweigen, diese mit größter Geschicklichkeit greifend. Meine Eltern haben ihm oft dabei zugesehen, aber niemal das Gefühl gehabt, daß ihm irgend etwas passieren könnte, so sicher waren alle seine Bewegungen. Meine Mutter ist mit uns Jungens überhaupt niemals ängstlich gewesen. Sie war der Meinung, daß Kinder nur dann wirklich geschickt und allen Gefahren gewachsen sein könnten, wenn man ihnen jede nur denkbare körperliche Bewegungsfreiheit lasse. Nur so würden sie möglichst zetig zu beurteilen vermögen, was sie sich selbst zutrauen könnten. Ganz ohne Zwischenfälle ist das natürlich nicht immer abgegangen, aber etwas Ernsteres hat sich nie ereignet.“

1 Januar 1901
1892-1900
Schloss Romberg in Samotwór (dt. Romberg) ist ein Schloss bei Kąty Wrocławskie (dt. Kanth, bis 1930 Canth) in Niederschlesien
Samotwór
Romberg

Die Familie muss Schloss Romberg aufgrund finanzieller Schwierigkeiten verkaufen.

„Ich hatte Privaunterricht bis zum meinem neunten Lebensjahre.“

„dann ein Jahr Schule in Schweidnitz,“

„So hat Manfred auch die Kadettenzeit durchgehalten, obwohl ihm diese Art der Erziehung und Jugendbehandlung nicht allzusehr zusagte. Aber er hat die Zähne zusammengebissen und bei ellen im Haus der Eltern verbrachten Ferien niemals geklagt. Mir, seinem jüngeren Bruder, hat er allerdings mehrfag gesagt: „Wenn du kannst, verzichte auf das Vergnügen, im Pennal ist es zwar auch nicht schön, aber immer noch besser.“ Dabei hatte Manfred für den Offiziersberuf sehr frühzeitig entschieden, und wohl immer hat bei ihm der Entschluß festgestanden, in der von ihm erwählten Laufbahn Außerordentliches zu leisten. Damals dachte er allerdings daran, einmal ein großer Reitergeneral zu werden. Er konnte nicht ahnen, daß er nicht auf der festen Erde, sondern in den Lüften der Erste werden würde.“

„Später wurde ich Kadett in Wahlstatt. Die Schweidnitzer betrachten mich aber durchaus als ein Schweidnitzer Kind. Im Kadettenkorps für meinen jetzigen Beruf vorbereitet, kam ich dann zum 1. Ulanenregiment.“

„Als kleiner Sextaner kam ich in das Kadettenkorps. Ich ware nicht übermässig gerne Kadett, aber es war der Wunsch meines Vaters, und so wurde ich wenig gefragt. Die strenge Zucht und Ordnung fiel einem so jungen Dachs besonders schwer. Für den Unterricht hatte ich nicht sonderlich viel übrig. War nie ein grosses Lumen. Habe immer so viel geleistet, wie nötig war, um versetzt zu werden.Es war meiner Auffassung nach nicht mehr zu leisten, und ich hätte es für Streberei angesehen, wenn ich eine bessere Klassenarbeit geliefert hätte als ‚genügend‘. Die natürliche Folge davon war, dass mich meine Pauker nicht übermässig schätzten. Dagegen gefiel mir das Sportliche: Turnen, Fussballspielen usw., ganz ungeheuer. Es gab, glaube ich, keine Welle, die ich am Turnreck nicht machen konnte. So bekam ich bald einige Preise von meinem Kommandeur verliehen. Alle halsbrecherischen Stücke imponierten mir mächtig. So kroch ich z. B. eines schönes Tages mit meinem Freunde Frankenberg auf den bekannten Kirchturm von Wahlstatt am Blitzableiter herauf und band oben ein Taschentuch an. Genau weiss ich noch, wie schwierig es war, an den Dachrinnen vorbeizukommen. Mein Taschentuch habe ich, wie ich meinem kleinen Bruder einmal besuchte, etwa zehn Jahre später, noch immer oben hängen sehen. Mein Freund Frankenberg war das erste Opfer des Krieges, das ich zu Gesicht bekam.“

2 August 1903
1903-1908
Kadettenanstalt Wahlstatt
Legnickie Pole
Wahlstatt

„„Rittmeister Freiherr von Richthofen ist nicht zurückgekehrt.“ So meldet es kurz und hart der Heeresbericht. Also doch! Das, woran niemand zu denken wagte, ist eingetreten, was jeder Deutsche mit leiser Bangigkeit fühlte, als Richthofens Luftsiege die unheimliche Höhe der achtzig erklommen. Der größte Fliegerheld des Weltkrieges starb unbesiegt den Ruhmreichen Tod für Kaiser und Vaterland. Durch die Herzen unseres Volkes geht ein unsäglicher Schmerz über den Verlust dieses Tapfersten der Tapferen. Als echter Soldat ruht er in fremder Erde dort, wo er gefallen ist. Es war uns nicht vergönnt, ihm drei Ehrensalven über das Grab zu senden. Wenn heute die wuchtigen Türme der ehrenhaften Klosterkirche von Wahlstatt herüberschimmern, so tauchen alte, längst vergessene Bilder vor mir auf. Wir, Richthofen und ich, trugen zu gleicher Zeit des Königs Rock und waren Wahlstätter Kadetten. Ich war gerade ins Korps gekommen, ein naßforsches Kerlchen von zehn Jahren. Manfred Richthofen war einige Klassen über mir, und ich wäre als kümmerlicher Schnappsack, wie die Kadettensprache den Neuling bezeichnet, wohl kaum näher mit ihm in Berührung gekommen. Es war aber doch einmal – und zwar in einer recht unsanften Weise, die mir aber heute eine liebe Erinnerung ist. Mein Stubenältester war mit Richthofen intim befreundet, und oft saß dieser abends auf unserer Stube. Dieses  Freundschaftsverhältnis wurde aber durch irgendeinen Grund getrübt, so daß beide pax ex hatten, wie wir es nannten. Überall versuchte nun unser Stubenältester, Richthofen zu ärgern. Fastnacht war gekommen, und die Packete von Hause mit den ersehnten Pfannkuchen waren eingetroffen. Der Stubenälteste hatte sich einen mächtigen Hampelmann, in Gestalt eines lebensgroßen Negers, schicken lassen, der unsere größte Verwunderung erregte; denn Faschingsscherze und Maskeraden gab es nicht. Bald aber errieten wir die Sachlage. Es sollte nämlich einer von uns den Neger heimlich an Richthofens Spindtür hängen. Mir juckte damals das Blut, und ich suchte die Gelegenheit, mich hervorzutun. Das knallrote grinsende Maul des Negers, das von einem Ohr bis zum anderen reichte, sollte Richthofen reizen – das war die Hauptsache dabei! Manfred Richthofen hatte nämlich einen vollen, starken Mund, mit dem er zu seinem Groll immer von unserem Stubengewaltigen aufgezogen wurde. Wir saßen bei der Vesper, Ich schlich mir also so schnell wie möglich aus dem Speisesaal. Huschte mit dem geholten Neger über das Kompanierevier in die Stube, auf der Richthofen lag. Bald baumelte der zähnefletschende Schwarze an der Schranktür, über dem wolligen Haupte prangte wie eine Erklärung das Namensschild Richthofens. Doch die Folgen blieben nicht aus. Richthofen erriet, woher der Neger kam, und erfuhr auch den Überbringer. Und da am Abend, ich sehe es noch wie heute, öffnet sich die Tür. Richthofen steht im Zimmer, und seine stahlblauen Augen, die mir damals nichts gutes bedeuteten, suchten in der Runde. Jetzt hatte er mich entdeckt. Im nächsten Augenblick stand er vor mir – es krachte links, es krachte rechts – uns ruhig, wie er gekommen, verließ er unter dem respektvollen Schweigen der Kameraden das Zimmer. Es ist eine seltsame Erinnerung! – Das war die Hand, die später so eisern das Steuer hielt und achtzig Gegner in  die Tiefe sandte!“

„Nur einmal hat Manfred meinen Eltern schwere Sorge bereitet. Er hatte sich im Kadettenkorps eine bedenkliche Knieverletzung zugezogen. Bei einer Sturzhokke ohne Hilfstellung war ihm ein Stück Knorpel im Knie losgerissen. Dieses Stück klemmte sich ab und zu zwischen die Kniescheibe und ließ dann das Bein willenlos zur Seite klappen. Massieren sowie allerhand Kuren halfen nichts; so verging Jahr und Tag, das Bein wollte nicht in Ordnung kommen. Als meine Eltern wieder einmal berieten, was zu tun sein, und namentlich meine Mutter sehr bedrückt war, wollte Manfred sie trösten und sagte: „Wenn ich nicht mehr auf meinen Beinen laufen kann, so werde ich aud den Händen gehen!“. Und wie ein ganz Gesunder reckte er beide Beine in die Luft und lief auf den Händen durchs Zimmer. Man entschloß sich dann aber zuletzt doch zu einer Operation. Diese glückte erfreulicherweise und stellte ihn in wenigen Wochen wieder völlig her.“

„Vor zwölf Jahren war Manfred diesen Weg gefahren, und oftmals hatte ich ihn besucht. Der Geist dieser Anstalt gefiel mir sehr. Die Jungen mußten tüchtig lernen, sahen aber gesund aus, weil sie fleißig turnten (Manfreds starke Seite). Es machte ihm gar keine Mühe, als er noch ein Knirps war, aus dem Stand Bürzelbäume zu schießen, er brauchte auch niemals die Hände dazu, sondern legte sie stramm an die Hofennaht. Er hatte von Natur aus einen wunderbar geschickten Körper. Einmal, als er acht Jahre alt war, mußte er mir von einem alten, schwer zugänglichen Obstbaum Äpfel abnehmen. Er turnte hinauf wie ein kleiner Waldmensch und kam hernach nicht etwa am Stamme herunter, nein, dieser Weg war ihm zu langweilig; er ließ sich vielmehr außen an den Zweigen herab, sich schwingend und mit blitzartigen Geschwindigkeit von Ast zu Ast greifend. Diese Turnkünste kamen ihm in der Kadettenanstalt sehr zustatten. Mehrere Male wurde er ausgezeichnet. Viel Spaßhaftes auch für uns Erwachsene begab sich hier in Wahlstatt. Einmal machte ich eine Kaisers-Geburtstagfeier mit. Vorbereitend hatte mir Manfred mit ein ernsthaften Gesicht folgendes erklärt: „Weißt du, Mama, die Kadetten tanzen gern mit jeder Dame, die noch ein bißchen jung und hüblich aussieht…nur mit den alten und häßlichen Müttern – mit denen tanzen die Offiziere.“ Durch diese wenig gelanten, aber lebenskundigen Eröffnungen eingeschüchtert, fragte ich meinen Herrn Kadetten-Sohn, was ich denn anziehen solle, um mich begehrenswert zu machen. „Nun, ein recht helles Kleid mit einer schönen Blume am Gürtel.“ Das beherzigte ich denn auch und war gespannt, ob ich den Herren Kadetten auch gefallen würde. Aber – ich hatte Glück, sie tanzten mit mir zuerst und nicht etwa die Offiziere. Zum Danke ließen wir dann unsere jungen Kavaliere in Pfannkuchen schwelgen. Was gab es damals für Riesenschüffeln dieser duftenden Ballen? Das war etwas für Manfred – sein Lieblingsgebäck; er aß sehr ungern Fleisch, bevorzugte statt dessen Brot und Kuchen.“

„Manfred war überaus wahrheitsliebend. Meine Mutter kann heute noch nicht genug rühmen, in welchem Maße sich die Eltern stets auf ihn verlassen konnten. Er gab präzise und klare Antworten auf jede Frage, ohne Rücksicht darauf, was die Folgen für ihn sein konnten. So hatte er einmal aud dem großmütterlichen Gute als zwölfjähriger Junge seine Jagdpassion nicht züglen können. Als er auf der Weistritz keine wilden Enten finden konnte, erlegte er einige zahme, die dann im Entenstall der Großmutter fehlten. Manfred wurde in strenges Verhör genommen, aber das dauerte nur eine halbe Minute. Er kam gar nicht auf den Gedanken, seine Tat leugnen oder gar beschönigen zu wollen. Und die gute Großmutter verzieh von Herzen gern ihrem Enkel, der nicht lügen konnte. Diese ersten „Jagdtrophäen“ Manfreds, drei Erpelfedern, hängen noch heute in seiner Stube in Schweidnitz. Die Besucher werden sie nicht ohne Rührung ansehen können. So hat Manfred in seiner Mutter diese Empfindungen und diese Überzeugung von der Wesenart Manfreds in die kurzen Worte zusammenzufassen: „Er stand fest, whohin er gestellt war.“ Dieser Glaube an eigenes Können, gepaart mit innerer Vornehmheit und selbstverständlicher Bescheidenheit, haben, wie ich glaube, menin Bruder im besonderen Maße befähigt, ein wirklicher Führer zu sein. Seine Ulanen, als er Leutnant war, und später alle seine Untergebenen im Jagdgeschwader Richthofen konnten ihm felsenfest vertrauen. Er sagte ihnen keine Schmeicheleien, aber er schützte sie und hielt sein Wort, und Dienen unter ihm wurde erleichtert durch den Frohsinn und die Heiterkeit, ja oftmals durch den Übermut, mit dem er sich auch schwersten Aufgaben gegenüber gewachsen zeigte. Denn in einem war er allen, die ihm im Kriege zu folgen hatten, ein vielleicht beispielloses Vorbild: in der Tapferkeit seines Geistes, in dem absoluten Mangel jeder Furcht, ja in der völligen Unmöglichkeit, sich überhaupt einen Vorgang oder ein bevorstehendes Ereignis vorstellen zu können, das für ihn mit irgendeinem gefühl von Angst verbunden sein könnte.“

„Die Gefahr unterschätzte er nicht, aber sie spielte in seinem Leben keine Rolle. Das war schon in frühester Jugend der Fall. Im Gutshause sollte es, wie die Mädchen behaupteten, spuken. Oben aud dem Boden hatte sich einmal ein Knecht erhängt, und seitdem gehe es dort um, so erzählte man sich in der Gesindestube. Der dreizehnjährige Manfred wollte diesen Spuk erleben. Er ließ sich genau die Stelle auf dem Boden zeigen, wo das Unglück sich ereignete hatte, und sein Bett auf die Stelle tragen, un zu schlafen. Meine Mutter kannte Manfreds Furchtlosigkeit, aber sie beschloß doch, ihn auf die Probe zu stellen. Sie schlich sich mit meiner Schwester nach oben und begann allmählich Kastanien auf dem Boden entlangzurollen. Zunächst schlief Manfred ganz fest. Aber das Gepolter wurde verstärkt. Dann wachte er plötzlich auf, sprang auf, ergriff einen Knüppel und stürzte auf die Ruhestörer los. Meine Mutter mußte schnell Licht machen, sonst wäre es ihr übel ergangen. Aber bei Manfred war von Angst keine Spur. Und das hat sich nicht geändert bis zu seinem letzten Flug, von dem er nicht mehr lebend zu seinem Geschwader und zu den Seinen zurückkehren sollte.“

„In Lichterfelde gefiel es mir schon bedeutend besser. Man war nicht mehr so abgeschnitten von der Welt und fing auch schon an, etwas mehr als Mensch zu leben. Meine schönsten Erinnerungen aus Lichterfelde sind die grossen Korsowettspiele, bei denen ich sehr viel mit und gegen den Prinzen Friedrich Karl gefochten habe. Der Prinz erwarb sich damals so manchen ersten Preis. So im Wettlauf, Fussballspiel usw. gegen mich, der ich meinen Körper doch nicht so in der Vollendung trainiert hatte wie er.“

„Dem königl. preuß. Kadetten Herrn Manfred Freiherr von Richthofen wird hierdurch der Wahrheit gemäß bescheinigt, daß selbiger in Gegenwart von über 100 – meist einwandfreier – Zeugen 20 Hasen und 1 Fasan (männlichen Geschlechts) am heutigen Tage auf der Feldmark Jordansmühl eigenhänidg erlegte und zur Strecke brachte. Die Richtigkeit bescheinigen (es folgen viele Namen).“

„Natürlich konnte ich es kaum erwarten, in die Armee eingestellt zu werden. Ich ging deshalb bereits nach meinem Fähnrichexamen in die Front und kam zum Ulanenregiment Nr. 1 ‚Kaiser Alexander III‘. Ich hatte mir dieses Regiment ausgesucht; es lag in meinem lieben Schlesien, auch hatte ich da einige Bekannte und Verwandte, die mir sehr dazu rieten.Der Dienst bei meinem Regiment gefiel mir ganz kolossal. Es ist eben doch das schönste für einen jungen Soldaten, ‚Kavallerist‘ zu sein. Über meine Kriegschulzeit kann ich eigentlich wenig sagen. Sie erinnerte mich zu sehr an das Kadettenkorps und ist mir infolgedessen in nicht allzu angenehmer Erinnerung. Eine spassige Sache erlebte ich. Einer meiner Kriegschullehrer kaufte sich eine ganz nette dicke Stute. Der einzige Fehler war, sie war schon etwas alt. Er kaufte sie für fünfzehn Jahre. Sie hatte etwas dicke Beine. Sonst aber sprang sie ganz vortrefflich. Ich habe sie oft geritten. Sie ging unter dem Namen ‚Biffy‘.“

„Eine Erinnerung kam auf mich zu. Schon als Manfred in Danzig die Kriegsschule besuchte, hatte er in Ostpreusen gejagt.Damals geschah etwas, was mich in Aufregung versetzte. Sein Jagdherr hatte ihm abends das Revier gezeigt, in dem er am nächsten Morgen einen Bock schießen sollte. Ob man ihm einen Jäger mitgeben solle? Nein, danke, er – Manfred – würde den Pirschpfad allein finden. Am nächsten Morgen ist es stockdunkel. Manfred verfehlt in die Dunkelheit die Richtung. In dem großen Forst hat er sich total verlaufen. Endlich gelangt er an ein Gehöft, das einsam am Walde liegt. Hier muß er sich nach dem Weg erkundigen. Die Bewohner liegen noch im tiefen Schlaf, kein Rauch kräuelt sich über dem moosbedeckten Dach. Manfred klopft an ein Fenster, die Hunde schlagen an. Es öffnet sich plötzlich ein Tor, im selben Augenblick krachen zwei Schüsse. Die groben Schrote prasseln un die Ohren. Man hatte ihn für einen Einbrecher gehalten. Zum Glück war der Irrtum bald aufgeklärt. Man zeigte nun dem fremden Jäger freundlich den Weg, und zum Frühstück war der Bock zur Stelle.“

17 April 1912
Etwa ein Jahr später
Ulanen-Regiment „Kaiser Alexander III. von Rußland“ (Westpreußisches) Nr. 1
Milicz
Militsch

„Etwa ein Jahr später beim Regiment erzählte mir mein Rittmeister v. Tr., der sehr sportliebend war, er habe sich ein ganz klobiges Springpferd gekauft. Wir waren alle sehr gespannt aud den ‚klobigen Springer‘, der den seltenen Namen ‚Biffy‘ trug. Ich dachte nicht mehr an die alte Stute meines Kriegschullehrers. Eines schönen Tages kommt das Wundertier an, und nun soll man sich das Erstaunen vorstellen, dass die gute alte ‚Biffy‘ als achtjährig in dem Stall v. Tr.s sich wieder einfand. Sie hatte inzwischen einige Male den Besitzer gewechselt und war im Preise sehr gestiegen. Mein Kriegschullehrer hatte sie für Fünfzehnhundert Mark gekauft, und v. Tr. hatte sie nach einem Jahre als achtjärig für dreitausendfünfhundert Mark erworben. Gewonnen hat sie keine Springkonkurrenz mehr, aber sie hat wieder einen Abnehmer gefunden – und ist gleich zu Beginn des Krieges gefallen.“

„MvR zum Leutnant ernannt und im 3. Geschwader in Ostrowo“

„Endlich bekam ich die Epaulettes. So ungefähr das stolzeste Gefühl, was ich je gehabt habe, mit einem Male ‚Herr Leutnant‘ angeredet zu werden. Mein Vater kaufte mir eine sehr schöne Stute, ‚Santuzza‘ genannt. Sie war das reinste Wundertier und unverwüstlich. Ging vor dem Zuge wie ein Lamm. Allmählich entdeckte ich in ihr ein grosses Springvermögen. Sofort war ich dazu entschlossen, aus der guten braven Stute ein Springpferd zu machen. Sie sprang ganz fabelhaft. Ein Koppelrick von einem Meter sechzig Zentimeter habe ich mit ihr selbst gesprungen. Ich fand grosse Unterstützung und viel Verständnis bei meinem Kameraden von Wedel, der mit seinem Chargenpferd ‚Fandango‘ so manchen schönen Preis davongetragen hatte. So trainierten wir beide für eine Springkonkurrenz und einen Geländeritt in Breslau. ‚Fandango‘ machte sich glänzend, ‚Santuzza‘ gab sich grosse Mühe und leistete auch Gutes. Ich hatte Aussichten, etwas mit ihr zu schaffen. Am Tage, bevor sie verladen wurde, konnte ich es mir nicht verkneifen, nochmals alle Hindernisse in unserem Springgarten mit ihr zu nehmen. Dabei schlitterten wir hin. ‚Santuzza‘ quetschte sich etwas ihre Schulter, und ich knaxte mir mein Schlüsselbein an. Von meiner guten dicken Stute ‚Santuzza‘ verlangte ich im Training auch Leistungen auf Geschwindigkeit und war sehr erstaunt, als von Wedels Vollblüter sie schlug. Ein andermal hatte ich das Glück, bei der Olympiade in Breslau einen sehr schönen Fuchs zu reiten. Der Geländeritt fing an, und mein Wallach war im zweiten Drittel noch ganz und munter, so dass ich Aussichten auf Erfolg hatte. Da kommt das letzte Hindernis. Ich sah schon vom weitem, dass dies etwa ganz Besonderes sein musste, da sich eine Unmenge Volks dort angesammelt hatte. Ich dachte mir:“Nur Mut, die Sache wird schon schief gehen!“ und kam in winderder Fahrt den Damm heraufgesaust, auf dem ein Koppelrick stand. Das Publikum winkte mir immer zu, ich sollte nicht so schnell reiten, aber ich sah und hörte nichts mehr. Mein Fuchs nimmt das Koppelrick oben auf dem Damm, und zu meinem grössten Erstaunen geht’s auf der anderen Seite in die Weistritz. Ehe ich mich versah, springt das Tier in einem Riesensatz den Abhang herunter, und Ross und Reiter verschwinden in den Fluten. Natürlich gingen wir ‚über Kopf‘. ‚Felix‘ kam auf dieser Seite raus und Manfred auf der anderen. Beim Zurückwiegen nach Schluss des Geländerittes stellte man mit grossen Erstaunen fest, dass ich nicht die üblichen zwei Pfund abgenommen hatte, sondern zehn Pfund schwerer geworden war. Dass ich glitschenass war, sah man mir Gott sei Dank nicht an. Ich besass auch einen sehr guten Charger, und dieses Unglückstier musste alles machen. Rennen laufen, Geländeritte, Springkonkurrenzen, vor dem Zuge gehen, kurz und gut, es gab keine Übung, in der das gute Tier nicht ausgebildet war. Das war meine brave ‚Blume‘. Auf ihr hatte ich sehr nette Erfolge. Mein Letzter ist der im Kaiserpreis-Ritt 1913. Ich war der einzige, der die Geländestrecke ohne Fehler überwunden hatte. Mir passierte dabei eine Sache, die nicht so leicht nachgemacht werden wird. Ich galoppierte über eine Heide und stand plötzlich Kopf. Das Pferd war in ein Karnichelloch getreten, und ich hatte mir beim Sturz das Schlüsselbein gebrochen. Damit war ich noch siebzig Kilometer geritten, hatte dabei keinen Fehler gemacht und die Zeit innegehalten.“

„Als Manfred beim Ulanenregiment Nr. 1, Kaiser Alexander III., als Fahnjunker eingestellt war, ergriff ihn noch mehre, als das bisher der Fall gewesen war, die Leidenschaft für den Pferdensport. Nachdem er das Offizierspatent erhalten hatte, kaufte ihm unser Vater eine sehr schöne Stute. Auch mir gegenüber hat Manfred dies Pferd oft als ein wahres Wundertier und als unverwüstlich gerühmt. Sie ging vor seinem Zuge wie ein Lamm, und dabei sprang sie immerhin einen Meter sechzig.“

„Manfred hat so bei Springkonkurrenzen und Geländeritten viele schöne Preise erworben. Zuletzt noch im Kaiserpreisritt 1913.“

„Als Manfred 1912 Leutnant wurde, schenkte ihm sein Vater eine schöne Stute, die er Santuzza nannte. Das Leben eines jungen Offiziers in einem Uhlan-Regiment verlangte von ihm, sich auf dem Pferderücken auszuzeichnen, und von Richthofen nahm aktiv an Sprüngen und Rennen teil, gewann mehrere Preise, zog sich aber 1913 beim Kaiserpreisrennen einen Schlüsselbeinbruch zu.“

„Sein Ehrgeiz ging dahin, auch große Rennen in Breslau und in der Reichshauptstadt zu reiten. Zu diesen Zwecke hatte er einen Vollblüter, der auf den Namen Antithesis hörte, erworben. Aber an dem gleichen Tage, an dem das erste Rennen mit seinem Pferde gelaufen werden sollte, ritt er mit ihm über die russische Grenze. Er hätte gewiß manches Pferd in manchem Rennen zum Siege geritten.“

„Es war ein Sommertag, so schön er sein konnte. Starke Sonne lag über dem Wasser. Von der Terrasse des Strandhotels, über die brennendroten Geranien hinweg, blickten wir auf das tiefblaue Meer. Unsere Augen folgten den Seglern, die wie weisse Schatten vorüberglitten. Der Wind trug die Klänge der Kurkapelle heran. Wir waren sehr schweigsam geworden. Ich fand mich in einer seltsam beklemmenden Stimmung, wie an der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit. Gewiss, da waren die schlanken Gestalten der beiden Kriegsschüler vor mir, ihre knabenhaften, gebräunten Gesichter unter der helleren Stirn, in denen doch schon frühe Männlichkeit lag – da war Ilses helle, blühende Erscheinung in sommerlichen Weiss; aber auch ihre herzhafte, immer lachende Munterkeit was verstummt – da auf dem Stuhl, der dicht an den Tisch gezogen war, saß Bolko, der Jungste, und hatte den Nutzung davon, daß wir Erwachsene nicht von der Torte und dem Kuchen aßen…Ich nahm dieses Bild in mich auf und blickte wieder aufs Wasser, über dem die schmalen Segel schwankten, und in den Glast des Himmels und dachte, es könne nicht sein, daß dieses Bild trügerisch ist und daß es sich auslöfen würde in nichts vor dem, das jetzt kam, vor dem Großen Unbekannten, das sich, keiner wüßte wie, durch aller Mund ankündigte: Krieg…! Gottfried, der Neffe, blickte geradeaus, kühl und sachlich, als stände er beim Appell. Er sagte ganz unerwartet: „Zwei Paar wollene Strümpfe muß man mitnehmen“, und er nannte dies und das genau nach der Vorschrift, was zur Ausrüstung gehörte, wenn ein junger Soldat ins Feld zieht. Dieser kindhafte soldatische Eifer machte mich lächeln bei all dem Zwiespalt meiner Gefühle. Ich suchte in meines Sohnes Mienen zu lesen, Lothar aber wandte das schmale Gesicht mit den sehr dunklen Brauen, die über der Nase zusammengewachsen waren. Er mochte jetzt nicht sprechen, nur in seinen bronzefarbenen Augen blickte zuweilen etwas auf von der starken Erregung, die in ihm arbeitete. Sicherlich war sein ganzes Wesen erfaßt, das sonst zur Lebensfreude geschaffen schien. Aber er blickte weg, er wollte nicht, daß ich sah, was er empfand und dachte. Einzig Bolko – blonde, rosige, Kindheit in einem weißen Matrosenanzug – fuhr fort, von den Leckereien zu schmausen, die ihm diese Stunde bescherte, bei dem das Große Unbekannte uns alles abräumte, was vorher an Genuß und Sorglosigkeit gewesen war…Sollten wir abreisen? Manche Badegäste hatten schon – wie es schien, in unnötiger Eile – Zoppot verlassen. Auch für uns war ein Entschluß nötig, ich fühlte das. Wenn einer jetzt raten könnte! „Du solltest Manfred Fragen.“ Lothar hatte es gesagt. Und gewiß, er hatte recht. Ich sah das ruhige, fast gleichmütige Gesicht meines Ältesten vor mir. Ich spürte die Sicherheit, die von ihm ausging. Ich erinnerte mich, wie sehr es mir Bedürfnis geworden war, alle Dinge von Wichtigkeit mit ihm zu bereden, und wie er stets mit einer Vernunft, die mit seiner Jugend kaum in Einklang stand, auch in schwierigen Fragen das Wesentliche zu sagen und zu raten wußte. „Telegrafiere ihm doch!“ Lothar hatte recht, zumal Manfred bei der detachierten Schwadron an der Grenze stand, in Ostrowo, und am ehesten Wind von den Ereignissen haben mußte. Ich schrieb einige Worte auf ein Blatt und gab das Telegramm zur Beförderung. Die beiden jungen Soldaten tauschten einen Blick und erhoben sich gleichzeitig. Die Stunde der Trennung war da. Wir gingen aus die Strandpromenade. Viele Menschen waren dort, und ihre Mienen waren verändert. Eine fiebrige, aufs höchste gespannte Erwartung vibrierte in ihnen. War ses das Große Unbekannte? Ein tiefes Summen, wie ich es vorher nie gehört hatte, ging durch alle hin. Die Kapelle strahlte in patriotischen Liedern. Immer wieder wurde sie augerufen, davon zu spielen. Es war schwer, sich dieser Stimmung zu entziehen. Mit genauer Mühe gelangten wir ins Hotel. Da traf schon Manfreds Antwort ein:“Rate Euch umgebend abzureisen.“ Nun war alles klar, wir packten. Das Telefon ging. Lothars Stimme meldete sich aus Danzig. Und nun das: „Lebewohl…auf Wiedersehen…liebe Mutter…“ Lange noch schwangen diese Worte in mir nach. Am Freitag, dem 31. Juli 1914, in aller Frühe reisten wir von Zoppot nach Schweidnitz.“

„Gottlob, daß diese Reise hinter uns liegt. Das Gedränge auf dem Bahnhof war lebensgefährlich, der Zug unvorstellbar überfüllt. Wir sprangen mit mehr Verzweiflung als Mut – und natürlich verbotenerweise – in den abfahrenden Zug und gensossen so daß Glück, mitgenommen zu werden. Unser Triump war volkommen, als wir schließlich drei Plätze im Speisewagen eroberten. Der Zug fuhr sehr langsam, fast schleppend. Alle Brücken waren militärisch bewacht, die erste vage Ahnung von Krieg. Breslau! Von hier aus weiter nach Schweidnitz – ohne Fahrkarte, ohne Gepäck. Erschöpft langten wir vor unserem Hause an. Draußen, unter den hohen Bäumen vor dem Tor, ging mein Mann mit schweren Schritten auf uns ab. „Wir kommen zurück – weil es Krieg gibt.“ „Krieg?“ Nein, an den glaubte ich nicht. Wer könnte denn solche Verantwortung auf sich laden?“.“

„In allen Zeitungen stand weiter nichts als dicke Romane über den Krieg. Aber seit einigen Monaten war man ja schon an das Kriegsgeheul gewöhnt. Wir hatten schon so oft unseren Dienstkoffer gepackt, dass man es schon langweilig fand und nicht mehr an einen Krieg glaubte. Am wenigsten aber glaubten wir an einen Krieg, die wir die ersten an der Grenze waren, das ‚Auge der Armee‘, wie seinerzeit mein Kommandierender uns Kavalleriepatrouillen bezeichnet hatte. Am vorabend der erhöhten Kriegsbereitschaft saßen wir bei der detachierten Schwadron, zehn Kilometer von der Grenze entfernt, in unserem Kasino, aßen Austern, tranken Sekt und spielten ein wenig. Wir waren sehr vergnügt. Wie gesagt, an einen Krieg dachte keiner. Wedels Mutter hatte uns zwar schon einige Tage zuvor etwas stutzig gemacht; sie war nämlich aus Pommern erschienen, um ihren Sohn vor dem Kriege noch einmal zu sehen. Da sie uns in angenehmster Stimmung fand und feststellen musste, dass wir nicht an Krieg dachten, konnte sie nicht umhin, uns zu einem anständigen Frühstück einzuladen. Wir waren gerade sehr ausgelassen, als sich plötzlich die Tür öffnete und Graf Kospoth, der Landrat von Öls, auf der Schwelle stand. Der Graf machte ein entgeistertes Gesicht. Wir begrüßten den alten Bekannten mit einem Hallo! Er erklärte uns den Zweck seiner Reise, nämlich, dass er sich an der Grenze persönlich überzeugen wolle, was von den Gerüchten von dem nahen Weltkrieg stimme. Er nahm ganz richtig an, die an der Grenze müßten es eigentlich am ehesten wissen. Nun war er ob des Friedensbildes nicht wenig erstaunt. Durch ihn erfuhren wir, dass sämtliche Brücken Schlesiens bewacht wurden und man bereits an die Befestigung von einzeln Plätzen dachte. Schnell überzeugten wir ihn, dass ein Krieg ausgesclossen sei, und feierten weiter. Am nächsten Tage rückten wir ins Feld.“

„Am 2. August folgte bereits dem Mobilmachungsbefehl die Kriegserklärung. Lothar kam aus Danzig von der Kriegsschule zu seinem Regiment, den 4. Dragonern nach Lüben zurück. Und Manfred? Während hier die Garnison in einer unerwarteten Fûlle von Menschen ein fieberhaft bewegtes Bild bot und die Gedanken noch schwirrten, was werden würde, ritt er als junger Ulanenleutnant gegen den Feind im Osten. Und unter ihm ging „Antithesis“, der englische Vollblüter, den ich ihm, dem gutverlanlagten passionierten Reiter, geschenkt hatte. An dem gleichen Tage, da es ihn in Posen auf der Rennbahn zum Siege tragen sollte, trug es ihn über die Grenze – auf Patrouille gegen Rußland.“

„Ostrowo, 2. August 1914. Dieses seien in großer Eile meine letzten Zeilen. Seid recht herzlich gegrüßt. Sollten wir uns nicht mehr wiedersehen, so habt meinen allerherzlichsten Dank für alles, was Ihr an mir getan habt. Schulden habe ich nicht, sogar noch einige Hundert Mark mehr, die ich mit aber mitnehme. Es umarmt jeden einzelnen Euer dankbarer und gehorsamer Sohn und Bruder – Manfred.“

„Am 3. August erfuhren wir bereits, daß das Ulanenregiment 1 und das Infanterieregiment 155 Kalisch besezt hatten. Der erste Waffengang – der erste Erfolg. Und: Manfred ist dabeigewesen. Bei aller Sorge doch ein stolzes Gefühl.“

„Das Wort ‚Krieg‘ war uns Grenzkavalleristen zwar geläufig. Jeder wusste haarklein, was er zu tun und zu lassen hatte. Keiner hatte aber so eine rechte Vorstellung, was sich nun zunächst abspielen würde. Jeder aktive Soldat war selig, nun endlich seine Persönlichkeit und sein Können zeigen zu dürfen. Uns jungen Kavallerieleutnants war wohl die interessanteste Tätigkeit zugedacht: aufklären, in den Rücken des Feindes gelangen, wichtige Anlagen zerstören; alles Aufgaben; die einen ganzen Kerl verlangen. Meinen Auftrag in der Tasche, von dessen Wichtigkeit ich mich durch langes Studium schon seit einem Jahre überzeugt hatte, ritt ich nachts um zwölf Uhr an der Spitze meiner Patrouille zum erstenmal gegen den Feind.Die Grenze bildete ein Fluss, und ich konnte erwarten, dass ich dort zum erstenmal Feuer bekommen würde. Ich war ganz erstaunt, wie ich ohne Zwischenfall die Brücke passieren konnte. Ohne weitere Ereignisse erreichten wir den mir von Grenzritten her wohlbekannten Kirchturm des Dorfes Kielcze am nächsten Morgen. Ohne von einem Gegner etwas gemerkt zu haben oder vielmehr besser ohne selbst bemerkt worden zu sein, war alles verlaufen. Wie sollte ich es anstellen, dass much die Dorfbewohner nicht bemerkten? Mein erster Gedanke war, den Popen hinter Schloss und Riegel zu setzen. So holten wir den volkommen überraschten und höchst verdutzten Mann aus seinem Hause. Ich sperrte ihn zunächst mal auf dem Kirchturm ins Glockenhaus ein, nahm die Leiter weg und liess ihn oben sitzen. Ich versicherte ihm, dass wenn auch nur das geringste feindselige Verhalten der Bevölkerung sich bemerkbar machen sollte, er sofort ein Kind des Todes sein würde. Ein Posten hielt Ausschau vom Turm und beobachtete die Gegend. Ich hatte täglich durch Patrouillenreiter Meldungen zu schicken. So löste sich bald mein kleines Häuflein an Meldereitern auf, so dass ich schliesslich den letzten Melderitt als überbringer selbst übernehmen musste. Bis zur fünften Nacht war alles ruhig geblieben. In dieser kam plötzlich der Posten zu mir zum Kirchturm gelaufen – den in dessen Nähe hatte ich meine Pferde hingestellt – und rief mir zu: „Kosaken sind da!“. Es war pechfinster, etwas Regen, keine Sterne. Man sah die Hand nicht vor den Augen. Wir Führten die Pferde durch eine schon vorher vorsichtshalber durch die Kirchhofsmauer geschlagene Bresche auf das freie Feld. Dort war man infolge der Dunkelheit nach fünfzig Metern in volständiger Sicherheit. Ich selbst ging mit dem Posten, den Karabiner in der Hand, nach bezeichneten Stelle, wo die Kosaken sein sollten. Ich schlich an der Kirchhofsmauer entlang und kam an die Strasse. Da wurde mir doch etwas anders zumute, denn der ganze Dorfausgang wimmelte von Kosaken. Ich guckte über die Mauer, hinter der die Kerle ihre Pferde stehen hatten. Die meisten hatten Blendlaternen und benahmen sich sehr unvorsichtig und laut. Ich schätzte sie auf etwa zwanzig bis dreissig. Einer war abgesessen und zum Popen gegangen, den ich am Tage vorher aus der Haft entlassen hatte. Natürlich Verrat! zuckte es mir durchs Gehirn. Also doppelt aufpassen. Auf einen Kampf konnte ich es nicht mehr ankommen lassen, denn mehr als zwei Karabiner hatte ich nicht zur Verfügung. Also spielte ich ‚Räuber und Gendarm‘. Nach einegen Stunden Rast ritten die Besucher wieder von dannen. Am nächsten Morgen zog ich es vor, jetzt aber doch einen kleinen Quartierwechsel vorzunehmen. Am siebenten Tage war ich wieder in meiner Garnison und wurde von jedem Menschen angestarrt, als sei ich ein Gespenst. Das kam nicht etwa wegen meines unrasierten Gesichts, sondern vielmehr weil sich Gerüchte verbreitert hatten, Wedel und ich seien bei Kalisch gefallen. Man wusste Ort, Zeit und nähere Umstände so haargenau zu erzählen, dass sich das Gerücht schon in ganz Schlesien verbreitet hatte. Selbst meiner Mutter hatte man bereits Kondolenzbesuche gemacht. Es fehlte nur noch, dass eine Todesanzeige in der Zeitung stand. Eine komische Geschichte ereignete sich zur selben Zeit. Ein Pferdedoktor bekam den Auftrag, mit zehn Ulanen Pferde aus einem Gehöft zu requirieren. Es lag etwas abseits, etwa drei Kilometer. Ganz erregt kam er von seinem Auftrag zurück und berichtete selber folgendes: „Ich reite über ein Stoppelfeld, auf dem die Puppen stehen, worauf ich plötzlich in einiger Entfernung feindliche Infanterie erkenne. Kurz entschlossen ziehe ich den Säbel, rufe meinen Ulanen zu: „Lanze gefällt, zur Attacke, marsch, marsch, hurra! Den Leuten macht es Spass, es beginnt ein wildes Hetzen über die Stoppeln. Die feindliche Infanterie entpuppt sich aber als ein Rudel Rehe, die ich in meiner Kurzsichtigkeit verkannt habe.“ Noch lange hatte der tüchtige Herr unter seiner Attacke zu leiden.“

„Liebe Mama!
Wie mag es euch in diesen bewegten Zeiten ergehen? In Schweidnitz seid ihr ja ganz gewiß am sichersten. Ich bin nun schon die dritte Nacht in Rußland auf Patrouille. Vor mir sind keine deutschen Truppen, ich bin also am weitesten vorgeschoben. Man verroht mit Windeseile. Daß ich meine Sachen schon seit vier Tagen nicht mehr auszog und mich seit der Kriegerklärung nicht mehr wusch, finde ich schon ganz in der Ordnung. Schlafen tue ich mit meinen sechs Mann nur sehr wenig – natürlich nur unter freiem Himmel. Die Nächte sind ganz schön warm, aber heute, im Regen draußen, war’s weniger amüsant. Zu essen gibt es wenig; nur mit Gewalt bekommt man etwas. Von meinen Leuten ist noch keiner verwundet. Wenn dich dieser Brief trifft, bin ich vielleicht schon an der französischen Grenze. Eben donnerten wieder aus Richtung Kalisch die Kanonen, muß man mal sehen, was los ist. Herzlichen Gruß sendet euch allen aus dem nahen Rußland

Euer Manfred.“

„Heute war ein Tag, der mir noch in allen Gliedern liegt, der mich aber auch recht tief bewegt hat. Auf dem Kleinen Exerzierplatz, der auf zwei Seiten so freundlich von Grün gesäimt ist, ganz dicht bei unserem Hause, fand ein Feldgottesdienst für die ganze Garnison, die Soldaten und ihre Angehörigen statt. Es war ein großes Abschiednehmen im Angesicht des Ewigen, ein Zusammengehören, wie es nur das Schicksal schafft, das nun von allen unlösbar getragen werden muß. Noch ehe der Gottesdienst begann, war die Kriegserklärung Englands an Deutschland bekanntgeworden. Da standen sie nun, unsere Soldaten, die unser Stolz waren, wie Mauern standen sie auf drei Seiten des Platzes, auf der noch freien Flanke die Männer und Frauen in dunkler Kleidung, die Eltern, die Schwestern unserer Krieger, die heute im grauen Kleide, morgen oder übermorgen ausrücken würden. In der Mitte erhob sich der Feldaltar, bei Geistlichen sprachen, tiefer Ernst lag auf allen Gesichtern; man versuchte, sich dieses oder jenes Untlitz, das einem aus frohen Tagen liebgeworden, noch einmal einzuprägen. Vielleicht sah man es nie wieder. Der Himmel wölbte sich blau und wolkenlos über dem ernsten schönen Bild, der leichte Wind führte das Summen der Kirchenglocken heran, mit großer Inbrunst sangen wir alle das „Wir treten zum Beten…“ Es war wie ein Gelöbnis, durchschauerte uns alle, und jeder spürte: für das deutsche Volk gibt es nur Sieg – oder Untergang. Und nun widerfuhr mir etwas, was ich nicht fassen wollte. Bekannte, die uns begrüßten, taten es mit einer so scheuen Herzlichkeit, daß ich schließlich stutzig wurde. Sie fragten nach Manfred, immer wieder, mit einer so sonderbaren Anteilnahme. Ob mein Sohn denn von den Patrouillengefechten jenseits der Grenze zurückgekehrt sei? „Ja, sicherlich…“ Aber warum fragten alle sowunderlich, mein Gott. Was war denn geschehen? Die Knie wurden mir schwach, man schob mir ein Feldstühlchen hin, ich mußte mich setzen. So vernahm ich denn, Manfred sollte tot sein, auch sein Freund Webel vermißt oder gefallen. Angst zog mein Herz zusammen, aber nur einen Augenblick. Eine Gewißheit, eine Zuversicht, die durch nichts als durch sich selbst begründet war, sagte mir: es kann nicht sein, es ist alles Irrtum, er lebt ja. Und dieses Vertrauen in die innere Stimme bewirkte, daß alle Beklemmung von mir abfiel, daß ich bald getröstet, ja fröhlichen Sinnes wurde…“

„Manfred schrieb aus Schelmce, jenseits der Grenze. Der Brief war vom 5. August datiert, dem Tage also, als uns der Gottesdienst auf dem kleinen Exerzierplatz vereinigte und ich um ihn bangte. Während wir standen und sangen, schrieb er wohl diesen Gruß an die Heimat in irgendeiner Waldlichtung südwestlich von Kalisch, bei dem fernen Grollen der Kanonen, noch müde von der nächtlichen Patrouille, die nun schon seine dritte ist. Sechs Mann nur gehören noch zu dem kleinen Reitertrupp, der sich dicht an den Feind angehängt hat. Verwundet ist noch keiner von ihnen, gottlob. Aber es wird nun wohl bald anders werden. Wen ich diesen Brief erhalte, so schreibt Manfred, ist er vielleicht schon auf dem Abtransport nach dem Westen. Von dem Wege nach dort schrieb auch Lothar schon eine Karte aus Traben. Von keinem der beiden Söhne haben wir richtig Abschied nehmen können. Das stimmt ein wenig traurig. Aber wie vielen Müttern wird es so gehen!“

„Heute war Ilses Geburtstag. Wir haben ihn nicht gefeiert (wer hätte jetzt Sinn dafür!). Wir nutzten den Tag, ihre Kleider zu nähen, die sie als Pflegerin vom Roten Kreuz braucht. Die Gesellschaftskleider wurden in Koffer verpacktn sie haben in dieser Zeit nichts zu suchen. Ilse will unbedingt zufassen, wo es nur geht, das liegt so in ihrer tätigen frohen Natur. Wenn es ernst und hart wird, werden wir solche kameradschaftlichen Menschen brauchen. Es ist überhaupt schön zu beobachten, wieviel guter Wille und Tatbereitschaft in unseren Frauen steckt. Jede möchte nach ihren Kräften etwas beitragen zum Gelingen der großen Sache. Viele Frauen und junge Mädchen gehen zu allen durchfahrenden Militärzügen nach dem Bahnhof, um die Soldaten zu stärken, Semmeln, Wurst, Zigaretten, Malzbier und Postkarten werden verteilt.Des Guten wird fast zuviel getan. Als ich das letztemal auf dem Bahnhof stand, waren die Soldaten schon so satt, daß man ihnen Eßbares förmlich aufdrängen mußte. Nur für Zigaretten und Bier bestand unentwegt Nachfrage. Man ist geradezu dankbar, wenn die Feldgrauen einen Wunsch äußern, den man ihnen erfüllen kann. Sie sollen doch das Bewußtsein haben, daß die Heimat ihnen aus vollem Herzen alles Gute erweisen möchte, ehe sie vielleicht die schrecklichsten Strapazen erleiden müssen. Die Garnison ist jetzt von ihren aktiven Truppen entblößt. Auch die 10. Grenadiere und das Artillerieregiment 42 sind abgerückt. Wie es hieß, nach dem Westen. Dennoch bietet die Stadt ein bewegtes, interessantes Bild. Statt der gewohnten straffen soldatischen Erscheinungen sieht man jetzt andere Gesichter, einzelne erst und dann viele, viele. Die Freiwilligen sind auf den Plan getreten. Ich war sehr gerürht, als ich vom Fenster beobachtete, wie sie singend durch die Straßen marschierten; manche erschienen mir noch wie Knaben, sie waren in die Uniformen noch nicht recht hineingewachsen, sie waren dem Elternhaus noch nicht entwöhnt. In ihren Augen jedoch und in der Art, wie sie singend marschierten, etwas schlenkrig, aber mit großem Schneid, war echte schöne Begeisterung. – Auch unser kleiner Diener Gustav Mohaupt ist zu den Fahnen geeilt und schreibt, wie glücklich er ist, bei den Jägern in Hirschberg angekommen zu sein. Wir leben still und lauschen gespannt auf jede Nachricht vom Kriegsschauplatz. Die Einnahme von Lüttich weckte großen Jubel. Eine nicht zweifelsfreie Sensation erregten die Zeitungen durch ihre Mitteilungen, geheimnisvolle Goldautos seien von Frankreich nach Rußland unterwegs. Dieser Millardenschatz auf Rädern wurde langsam zur Landplage. Straßen wurden gesperrt, Posten oder Feuerwehrleute hielten jedes Auto an. Hier und da knallte es sinnlos und leider nicht ganz unblutig. Etliche zehn Tage währte es, bis die Psychose verschwunden war. Statt ihrer zeigen sich die Brückenwachen von wachsender Nervosität befallen. Fast jede Nacht hört man Schießen. Underntags durchlaufen die unkontrollierbarsten Gerüchte die Stadt. Gestern war ein heimliches Liebespaar, das vielleicht in gänzlicher Verblendung die Brückenvorschriften übersehen hatte, das Opfer des Reglements. „Er“ trug einen gehörigen Schrecken, „sie“ einen leichten Armschuß davon. Es lief alles nog glimpflich ab. Von Manfred kamen 700 Mark an. Ich soll sie ihm aufbewahren. Er ließe keine Schulden hinter sich – so schreibt er -, sondern er habe noch einiges gespart. Das ist ganz sein Art. Sein äußeren und inneren Verhältnisse sind stets in einem Stande, daß er jede Stunde Rechenschaft ablegen kann. Er ist immer klar, geordnet und bereit.“

„Nach Frankreich. In meinem Garnisonort wurden wir nun verladen. Wohin? – Keine Ahnung, ob West, Ost, Süd, Nord. Gemunkelt wurde viel, meistens aber vorbei. Aber in diesem Fall hatten wir wohl den richtigen Riecher: Westen. Uns stand zu viert ein Abteil zweiter Klasse zur Verfügung. Man musste sich auf eine lange Bahnfahrt verproviantieren. Getränke fehlten natürlich nicht. Aber schon am ersten Tage merkten wir, dass so ein Abteil zweiter Klasse doch verflucht eng ist für vier kriegsstarke Jünglinge, und so zogen wir denn vor, uns etwas mehr zu verteilen. Ich richtete mir die eine Hälfte eines Packwagens zur Wohn- und Schlafstätte ein und hatte damit ganz entschieden etwas Gutes getan. Ich hatte Luft, Licht usw. Stroh hatte ich mir in einer Station verschafft, die Zeltbahn wurde darauf gedeckt. Ich schlief in meinem Schlafwagen so fest, als läge ich in Ostrowo in meinem Familiebett. Die Fahrt ging Tag und Nacht, erst durch ganz Schlesien, Sachsen, immer mehr gen Westen. Wir hatten scheinbar Richtung Metz; selbst der Transportführer wusste nicht wo es hinging. Auf jeder Station, auch da, wo wir nicht hielten, stand ein Meer von Menschen, die uns mit Hurra und Blumen überschütteten. Eine wilde Kriegsbegeisterung lag im deutschen Volk; das merkte man. Die Ulanen wurden besonders angestaunt. Der Zug, der vorher durch die Station geeilt war, mochte wohl verbreitet haben, dass wir bereits amFeinde gewesen waren – undwir hatten erst acht Tage Krieg.Auch hatte im ersten Heeresbericht bereits mein Regiment Erwähnung gefunden.Ulanenregiment 1 und das Infanterieregiment 155 eroberten Kalisch. Wir waren also die gefeierten Helden und kamen uns auch ganz als solche vor. Wedel hatte ein Kosakenschwert gefunden und zeigte dies den erstaunten Mädchen. Das machte grossen Eindruck. Wir behaupteten natürlich, es klebte Blut daran, und dichteten dem friedlichen Schwert eines Gendarmeriehäuptlings ein ganz ungeheures Märchen an. Man war doch schrecklich ausgelassen. Bis wir schliesslich in Busendorf bei Diedenhofen ausgeladen wurden. Kurz bevor der Zug ankam, hielten wir in einem langen Tunnel. Ich muss sagen, es ist schon ungemütlich, in einem Tunnel in Friedenszeiten plötzlich zu halten, besonders aber im Kriege. Nun erlaubte sich ein Übermütiger einen Scherz und gab einen Schuss ab. Es dauerte nicht lange, so fing in diesem Tunnel ein wüstes Geschiesse an. Dass keiner verletzt wurde, ist ein Wunder. Was die Ursache dazu war, ist nie herausgekommen.“

„In Busendorf wurde ausgeladen. Es war eine derartige Hitze, dass uns die Pferde umzufallen drohten. Die nächsten Tage marschierten wir immer nach Norden, Richtung Luxemburg. Mittlerweile hatte ich herausgekriegt, deass mein Bruder vor etwa acht Tagen dieselbe Strecke mit ein Kavalleriedivision geritten war. Ich konnte ihn sogar noch einmal fährten, gesehen habe ich ihn erst ein Jahr später. In Luxemburg wusste kein Mensch, wie sich dieses Ländchen gegen uns verhielt. Ich weiss noch wie heute, wie ich einen Luxemburger Gendarm von weitem sah, ihn mit meiner Patrouille umzingelte und gefangennehmen wollte. Er versicherte mir, dass, wenn ich ihn nicht umgehend losliesse, er sich beim Deutschen Kaiser beschweren würde.Das sah ich denn auch ein und liess den Helden wieder laufen. So kamen wir durch die Stadt Luxemburg und Esch durch, und man näherte sich jetzt bedenklich den ersten befestigten Städten Belgiens. Auf dem Hinmarsch machte unsere Infanterie, wie überhaupt unsere ganze Division, die reinen Friedensmanöver. Man war schrecklich aufgeregt. Aber so ein Manöver-Vorpostenbild war einem ab und zu ganz bekömmlich. Sonst hätte man ganz bestimmt über die Stränge geschlagen. Rechts und links, auf jeder Strasse, vor und hinter uns marschierten Truppen von verschiedenen Armeekorps. Man hatte das Gefühl eines wüsten Durcheinanders. Plötzlich wurde aus dem Kuddelmuddel ein grossartig funtionierender Aufmarsch. Was unsere Flieger damals leisteten, ahnte ich nicht. Mich versetzte jedenfalls jeder Flieger in einen ganz ungeheuren Schwindel. Ob es ein deutscher war oder ein feindlicher, konnte ich nicht sagen.Ich hatte ja nicht einmal eine Ahnung, dass die deutschen Apparate Kreuze trugen und die feindlichen Kreise. Folglich wurde jeder Flieger unter feuer genommen. Die alten Piloten erzählen heute noch immer, wie peinlich es ihnen gewesen sei, von Freund und Feind gleichmässig beschossen zu werden.“

„Wir marschierten und marschierten, die Patrouillen weit voraus, bis wir eines schönes Tages bei Arlon waren. Es überlief mich ganz spassig den Buckel ‚runter, wie ich zum zweitenmal die Grenze überschritt. Dunkle Gerüchte von Franktireurs und dergleichen waren mir bereits zu Ohren gekommen. Ich hatte einmal den Auftrag, die Verbindung mit meiner Kavalleriedivision aufzunehmen. Ich habe an diesem Tage nicht weniger als hundertundzehn Kilometer mit meiner gesamten Patrouille geritten. Nicht ein Pferd war kaputt, eine glänzende Leistung meiner Tiere. In Arlon bestieg ich nach den Grundsätzen der Taktik des Friedens den Kirchturm, sah natürlich nichts, denn der böse Feind war noch weitab. Man war damals noch ziemlich harmlos. So hatte ich z. B. meine Patrouille vor der Stadt stehenlassen und war ganz allein mit einem Rad mitten durch die Stadt zum Kirchturm gefahren. Wie ich wieder ‚runterkam, stand ich inmitten einer murrenden und murmelnden Menge feindselig blickender Jünglinge. Mein Rad war natürlich geklaut, und ich konnte nun eine halbe Stunde lang zu Fuss laufen. Aber das machte mir Spass. Ich hätte so eine kleine Rauferei ganz gern gemocht. Ich fühlte mich mit meiner Pistole in der Hand ganz kolossal sicher. Die Einwohner hatten sich, wie ich später erfahren habe, sowohl einige Tage vorher gegen unsere Kavallerie als auch später gegen unsere Lazarette sehr aufrührerisch benommen, und man hatte eine ganze Menge dieser herren an die Wand stellen müssen. Am Nachmittag erreichte ich mein Ziel und erfuhr dort, dass drei Tage vorher, ganz in der Gegend von Arlon, mein einziger Vetter Richthofen gefallen war. Ich blieb den Rest des Tages bei der Kavalleriedivision, machte dort noch einen blinden Alarm mit und kam nachts spät bei meinem Regiment an. Man erlebte und sah eben mehr als die anderen, man war eben doch schon mal am Feind gewesen, hatte mit dem Feinde zu tun gehabt, hatte die Spuren des Krieges gesehen und wurde von jedem einer anderen Waffe beneidet. Es war doch zu schön, wohl doch meine schönste Zeit im ganzen Kriege. Den Kriegsanfang möchte ich wieder mal mitmachen.“

16 August 1914
exact date?
An der Grenze zu Belgien – Frankreich
Arlon

„Habe leider selten und dann auch wenig Zeit zum Schreiben. Sorge dich also nicht, wenn Du mal acht bis vierzehn Tage keine Nachricht von mir bekommst. Von Dir habe ich noch keinen Brief erhalten. Erlebt und gesehen habe ich viel. Bei uns Kavallerie hat der Krieg schon manchen Offizier gefordert. Besonders feindlich gegen uns benehmen sich hier die Einwohner. Durch diese kam auch Wolfram ums Leben, Lothar ist auch hier in Belgien.“

„Liebe Mama, Deinen letzten Brief erhielt ich noch in Ostrowo mit Datum vom 4. August. Die Feldpost scheint nicht besonders zu funktionieren. Ich schreibe Dir fast täglich und hoffe immer, daß die Verbindung von mir zu Dir besser ist als umgekehrt. Wir Ulanen sind leider de Infanterie zugeteilt; ich sage leider denn Lothar hat gewiß schon große Reiterschlachten mitgemacht, wie wir sie kaum liefern werden. Ich werde viel auf Patrouille geschickt und gebe mir große Mühe, mit dem Eisernen Kreuz zurückzukommen. Ich glaube, daß es noch acht bis vierzehn Tage dauert, bis wir eine große Schlacht liefern. „Antithesis“ macht sich geradezu großartig. Er ist ausbauernd, eisern, ruhig, springt jedes Koppelrick und macht wirklich alles so, als ob er bisher nichts anderes getan hätte, dabei wird er nicht magerer, sondern dicker.““

„Es war am 21. August in dem kleinen belgischen Dorf Etalle, zwanzig Meilen von der Grenze entfernt, als Richthofen den Befehl erhielt, eine Aufklärungsmission in Richtung Süden zu einem kleinen Ort namens Meix-devant-Virton zu fliegen. Seine Aufgabe bestand darin, die Stärke der französischen Kavallerie auszukundschaften, die vermutlich einen großen Wald besetzt hielt. Da der Krieg noch keine zwei Wochen alt war, waren die Bewegungen der gegnerischen Streitkräfte von dem Bestreben geprägt, einen vorteilhaften Kontakt miteinander herzustellen.“

„Die Hirschberger Jäger haben große Verluste gehabt, 300 Mann sollen tot oder verwundet sein. Manfred teilte es mit. Am Nachmittag kam die Nachricht von einer großen Schlacht zwischen Metz und Vogesen, in welcher die Truppen des Kronprinzen von Bayern die Franzosen geschlagen haben. Der fliehende Feind wird unaufhaltsam verfolgt. Darob herrscht hier größte Freude. Alles stürzte in die Stadt. Auf dem Markt war tolles Leben, aber man erfuhr keine Einzelheiten. Die Post hat geflaggt.“

„Ich hatte den Auftrag, festzustellen, wie stark die Besetzung eines großen Waldes bei Virton wohl sein mochte. Ich ritt mit fünfzehn Ulanen los und war mir klar: Heute gibt es den ersten Zusammenstoß mit dem Feinde. Mein Auftrag war nicht leicht, denn in so einem Walde kann furchtbar viel stecken, ohne daß man es sieht. Ich kam über eine Höhe. Wenige hundert Schritte vor mir lag ein riesiger Waldkomplex von vielen tausend Morgen. Es war ein schöner Augustmorgen. Der Wald lag so friedlich und ruhig, daß man eigentlich gar keine kriegerischen Gedanken mehr spürte. Jetzt näherte sich die Spitze dem Eingang des Waldes. Durch das Glas konnte man nichts Verdächtiges feststellen, man mußte also heranreiten und abwarten, ob man Feuer bekäme. Die Spitze verschwand im Waldweg. Ich war der nächste, neben mir ritt einer meiner tüchtigsten Ulanen. Am Eingang des Waldes war ein einsames Waldwärterhäuschen. Wir ritten daran vorbei. Mit einemmal fiel ein Schuß aus einem Fenster des Hauses. Gleich darauf noch [32]einer. Am Knall erkannte ich sofort, daß es kein Büchsenschuß war, sondern daß er von einer Flinte herrührte. Zur gleichen Zeit sah ich auch Unordnung in meiner Patrouille und vermutete gleich einen Überfall durch Franktireurs. Von den Pferden ’runter und das Haus umstellen war eins. In einem etwas dunkeln Raum erkannte ich vier bis fünf Burschen mit feindseligen Augen. Eine Flinte war natürlich nicht zu sehen. Meine Wut war groß in diesem Augenblick; aber ich hatte noch nie in meinem Leben einen Menschen getötet, und so muß ich sagen, war mir der Moment äußerst unbehaglich. Eigentlich hätte ich den Franktireur wie ein Stück Vieh ’runterknallen müssen. Er hatte mit dem Schuß eine Ladung Schrot in den Bauch eines meiner Pferde gejagt und einen meiner Ulanen an der Hand verletzt. Mit meinem kümmerlichen Französisch schrie ich die Bande an und drohte, wenn sich der Schuldige nicht umgehend melden würde, sie allesamt über den Haufen zu schießen. Sie merkten, daß es mir Ernst war, und daß ich nicht zaudern würde, meinen Worten die Tat folgen zu lassen. Wie es nun eigentlich kam, weiß ich heute selbst nicht mehr. Jedenfalls waren die Freischützen mit einemmal aus der Hintertür heraus und vom Erdboden verschwunden. Ich schoß noch hinterher, ohne zu treffen. Zum Glück hatte ich das Haus umstellt, so daß sie mir eigentlich nicht entrutschen konnten. [33]Sofort ließ ich das Haus nach ihnen durchstöbern, fand aber keinen mehr. Mochten nun die Posten hinter dem Haus nicht ordentlich aufgepaßt haben, jedenfalls war die ganze Bude leer. Wir fanden noch die Schrotspritze am Fenster stehend und mußten uns auf andere Weise rächen. In fünf Minuten stand das ganze Haus in Flammen. Nach diesem Intermezzo ging es weiter. An frischen Pferdespuren erkannte ich, daß unmittelbar vor uns starke feindliche Kavallerie marschiert sein mußte. Ich hielt mit meiner Patrouille, feuerte sie durch ein paar Worte an und hatte das Gefühl, daß ich mich auf jeden meiner Kerls unbedingt verlassen konnte. Jeder, so wußte ich, würde seinen Mann in den nächsten Minuten stehen. Natürlich dachte keiner an etwas anderes als an eine Attacke. Es liegt wohl im Blute eines Germanen, den Gegner, wo man ihn auch trifft, über den Haufen zu rennen, besonders natürlich feindliche Kavallerie. Schon sah ich mich an der Spitze meines Häufleins eine feindliche Schwadron zusammenhauen und war ganz trunken vor freudiger Erwartung. Meinen Ulanen blitzten die Augen. So ging es dann in flottem Trab auf der frischen Spur weiter. Nach einstündigem scharfem Ritt durch die schönste Bergschlucht wurde der Wald etwas lichter, und wir näherten uns dem Ausgang. Daß ich damit auf den Feind stoßen würde, war mir klar. Also [34]Vorsicht! bei allem Attackenmut, der mich beseelte. Rechts von dem schmalen Pfad war eine viele Meter hohe, steile Felsenwand. Zu meiner Linken war ein schmaler Gebirgsbach, dann eine Wiese von fünfzig Metern Breite, eingefaßt von Stacheldrähten. Mit einem Male hörte die Pferdespur auf und verschwand über eine Brücke in den Büschen. Meine Spitze hielt, denn vor uns war der Waldausgang durch eine Barrikade versperrt. Sofort war es mir klar, daß ich in einen Hinterhalt geraten war. Ich erkannte plötzlich Bewegung im Buschwerk hinter der Wiese zu meiner Linken und konnte abgesessene feindliche Kavallerie erkennen. Ich schätzte sie auf eine Stärke von hundert Gewehren. Hier war nichts zu wollen. Geradeaus war der Weg durch die Barrikade versperrt, rechts waren die Felswände, links hinderte mich die mit Draht eingefaßte Wiese an meinem Vorhaben, der Attacke. Zum Absitzen, um den Gegner mit Karabinern anzugreifen, war keine Zeit mehr. Also blieb nichts anderes übrig, als zurück. Alles hätte ich meinen guten Ulanen zutrauen können, bloß kein Ausreißen vor dem Feinde. – Das sollte so manchem den Spaß verderben, denn eine Sekunde später knallte der erste Schuß, dem ein rasendes Schnellfeuer aus dem Walde drüben folgte. Die Entfernung betrug etwa fünfzig bis hundert Meter. Die Leute waren [35]instruiert, daß sie, im Falle ich die Hand hob, schnell zu mir stoßen sollten. Nun wußte ich, wir mußten zurück, hob den Arm und winkte meinen Leuten zu. Das mögen sie wohl falsch verstanden haben. Meine Patrouille, die ich zurückgelassen hatte, glaubte mich in Gefahr und kam in wildem Caracho herangebraust, um mich herauszuhauen. Alles das spielte sich auf einem schmalen Waldweg ab, so daß man sich wohl die Schweinerei vorstellen kann, die sich nun ereignete. Meinen beiden Spitzenreitern gingen die Pferde infolge des rasenden Feuers in der engen Schlucht, wo der Laut jedes Schusses sich verzehnfachte, durch, und ich sah sie bloß die Barrikade mit einem Sprung nehmen. Von ihnen habe ich nie wieder etwas gehört. Gewiß sind sie in Gefangenschaft. Ich selbst machte kehrt und gab meinem guten »Antithesis«, wohl zum erstenmal in seinem Leben, die Sporen. Meinen Ulanen, die mir entgegengebraust kamen, konnte ich nur mit Mühe und Not zu erkennen geben, nicht weiter vorzukommen. Kehrt und davon! Neben mir ritt mein Bursche. Plötzlich stürzte sein Pferd getroffen, ich sprang darüber hinweg, um mich herum wälzten sich andere Pferde. Kurz und gut, es war ein wüstes Durcheinander. Von meinem Burschen sah ich nur noch, wie er unter dem Pferd lag, scheinbar nicht verwundet, aber durch das auf ihm liegende Pferd gefesselt. Der Gegner [36]hatte uns glänzend überrumpelt. Er hatte uns wohl von Anfang an beobachtet und, wie es den Franzosen nun mal liegt, aus dem Hinterhalt seinen Feind zu überfallen, so hatte er es auch in diesem Fall wieder versucht. Freude machte es mir, als nach zwei Tagen mit einemmal mein Bursche vor mir stand; allerdings zur Hälfte barfüßig, denn den einen Stiefel hatte er unter seinem Pferd gelassen. Er erzählte mir nun, wie er entkommen war: Mindestens zwei Schwadronen französischer Kürassiere waren später aus dem Walde gekommen, um die vielen gefallenen Pferde und tapferen Ulanen zu plündern. Er war gleich aufgesprungen, unverwundet die Felsenwand hinaufgeklettert und in fünfzig Metern Höhe vollständig erschöpft in einem Gebüsch zusammengebrochen. Nach etwa zwei Stunden, nachdem der Feind sich wieder in seinen Hinterhalt begeben hatte, hatte er seine Flucht fortsetzen können. Nach einigen Tagen gelangte er so wieder zu mir. Von dem Verbleib der anderen Kameraden konnte er wenig aussagen.“

„Die Schlacht von Virton war im Gange. Mein Kamerad Loen und ich hatten wieder einmal durch eine Patrouille festzustellen, wo der Feind geblieben war. Den ganzen Tag ritten wir hinter dem Feinde her, erreichten ihn schließlich und konnten eine ganz ordentliche Meldung verfassen. Abends war nun die große Frage: Wollen wir die Nacht durchreiten, um zu unserer Truppe zurückzukommen, oder unsere Kräfte schonen und uns für den nächsten Tag ausruhen? Das ist ja gerade das Schöne, daß der Kavalleriepatrouille vollständig freies Handeln überlassen sein muß. So entschlossen wir uns, die Nacht am Feinde zu bleiben und am nächsten Morgen weiterzureiten. Unseren strategischen Blicken nach war der Gegner auf Rückmarsch, und wir drängten ihm nach. Folglich konnten wir die Nacht mit ziemlicher Ruhe verbringen. Gar nicht weit vom Gegner lag ein wunderbares Kloster mit großen Ställen, so daß wir sowohl Loen als auch meine Patrouille einquartieren konnten. Allerdings saß der Gegner gegen Abend, wie wir dort unterzogen, noch so nahe dran, daß er uns mit Gewehrkugeln die Fensterscheiben hätte einschießen können. [38]Die Mönche waren überaus liebenswürdig. Sie gaben uns zu essen und zu trinken, so viel wir haben wollten, und wir ließen es uns gut schmecken. Die Pferde wurden abgesattelt und waren auch ganz froh, wie sie nach drei Tagen und drei Nächten zum erstenmal ihre achtzig Kilo totes Gewicht von ihren Rücken loswurden. Mit anderen Worten, wir richteten uns so ein, als ob wir im Manöver bei einem lieben Gastfreund zu Abend wären. Nebenbei bemerkt, hingen drei Tage darauf mehrere von den Gastgebern an dem Laternenpfahl, da sie es sich nicht hatten verkneifen können, sich an dem Krieg zu beteiligen. Aber an dem Abend waren sie wirklich überaus liebenswürdig. Wir krochen in Nachthemden in unsere Betten, stellten einen Posten auf und ließen den lieben Herrgott einen guten Mann sein. Nachts reißt plötzlich jemand die Tür auf, und die Stimme des Postens ertönt: »Herr Leutnant, die Franzosen sind da.« Ich war zu verschlafen, um überhaupt Antwort geben zu können. Loen ging es so ähnlich, und er stellte nur die geistreiche Frage: »Wieviel sind es denn?« Die Antwort des Postens, sehr aufgeregt: »Zwei haben wir schon totgeschossen; wieviel es sind, können wir nicht sagen, denn es ist stockfinster.« Ich höre Loen noch ganz verschlafen antworten: »Wenn also mehr kommen, dann weckst du mich.« Eine halbe Minute später schnarchten wir weiter. [39]Am nächsten Morgen stand die Sonne schon recht hoch, als wir von unserem gesunden Schlaf erwachten. Nach einem reichlichen Frühstück ging die Reise wieder los. Tatsächlich waren nachts an unserem Schloß die Franzosen vorbeimarschiert, und unsere Posten hatten während dieser Zeit einen Feuerüberfall auf sie gemacht. Da es aber stockfinster war, hatte sich keine größere Schlacht daraus entspinnen können. Bald ging’s in einem munteren Tal weiter. Wir ritten über das alte Schlachtfeld unserer Division und stellten mit Erstaunen fest, daß statt unserer Leute nur französische Sanitäter zu sehen waren. Französische Soldaten sah man auch noch ab und zu. Sie machten aber ebenso dumme Gesichter wie wir. An Schießen hatte keiner gedacht. Wir machten uns dann möglichst rasch dünne; denn wir kamen so sachte dahinter, daß wir, statt vorwärts zu gehen, uns etwas rückwärts konzentriert hatten. Zum Glück war der Gegner nach der anderen Seite ausgerissen, sonst säße ich jetzt irgendwo in Gefangenschaft. Wir kamen durch das Dorf Robelmont, wo wir am Tage zuvor unsere Infanterie zum letztenmal in Stellung gesehen hatten. Dort trafen wir einen Einwohner und fragten ihn nach dem Verbleib unserer Soldaten. Er war sehr glücklich und versicherte mir, die Deutschen wären »partis«. [40]Wir kamen um eine Ecke und waren Zeugen von folgendem komischem Bilde. Vor uns wimmelte es von roten Hosen – ich schätzte etwa fünfzig bis hundert –, die eifrigst bemüht waren, an einem Eckstein ihre Gewehre zu zerschlagen. Daneben stehen sechs Grenadiere, die, wie es sich herausstellte, die Brüder gefangengenommen hatten. Wir halfen ihnen noch, die Franzosen abzutransportieren, und erfuhren durch die sechs Grenadiere, daß wir nachts eine rückwärtige Bewegung angetreten hatten. Am späten Nachmittag erreichte ich mein Regiment und war ganz zufrieden mit dem Verlauf der letzten vierundzwanzig Stunden.“

29 August 1914
near Diedenhofen (Thionville)
Bouzonville
Busendorf

„Liebe Mama!
Ich will dir mal kurz schildern, was ich hier im Westen erlebt habe. – Bevor der Aufmarsch der Armee beendet war, war es natürlich ziemlich langweilig. Wir wurden nordöstlich von Diedenhofen ausgeladen und marschierten durch Luxemburg und überschritten bei Arlon die belgische
Grenze. In Etalle, etwa zwanzig Kilometer westlich Arlon, bekam ich am 13. August den Auftrag, in südlicher Richtung auf Meix-devant-Virton aufzuklären. Wie ich an den Waldrand südlich von Etalle komme, erkenne ich etwa eine Eskadron französischer Kürassiere. Ich hatte nur  ierzehn Leute mit. Nach etwa einer halben Stunde ist die feindliche Eskadron verschwunden, und ich mache mich hinterher, festzustellen, wo sie geblieben ist, und komme so in einen riesigen bergigen Wald. Ich befinde mich gerade am Ausgang im Walde in der Nähe von Meix-devant-Virton.

Rechts habe ich eine Felswand, links einen Bach, dahinter etwas fünfzig Meter breite Wiese – dann den Waldrand. Mit einem Male hält meine Spitze. Ich galoppiere voraus, um zu sehen, was los ist. Wie ich gerade mein Glas in die Augen nehme, kracht eine Salve von dem etwa fünfzig  Meter entfernt liegenden Waldrand und von vorn. Ich sah mich etwa zweihundert bis zweihundertfünfzig Karabinern gegenüber. Nach links und vorwärts konnte ich nicht, da war der Feind – rechts die steile Felswand, also zurück. Ja, wenn das so einfach gewesen wäre. Der Weg war ganz schmal, und er führte gerade an dem vom Feind besetzten Waldrand vorbei, aber was half es; zu überlegen gab es nichts, also zurück. Ich war der Letzte. Alle anderen hatten sich trotz meines vorherigen Verbots zusammengeballt und boten den Franzosen ein gutes Ziel. Vielleicht ist das der Grund, weswegen ich entkommen bin. Ich brachte nur vier Mann zurück. Diese Feuertaufe war weniger lustig, wie ich sie mir gedacht hatte. Abends kamen noch einige Leute zurück, deren Pferde tot waren, die sich zu Fuß hatten retten können. Daß mir und meinem Pferde nichts passiertem ist tatsächlich ein Wunder.

Dieselbe Nacht wurde ich noch nach Virton geschickt, kam aber nicht bis dahin, da Virton vom Feind besetzt war. Noch nachts entschloß sich der Divisionskommandeur von Below, den Feind bei Virton anzugreifen, und erschien mit seiner Spitze Ul-R. 1 am Ausgange des Waldes. Der Nebel war so stark, daß man nicht dreißig Schritt sehen konnte. Immer ein Regiment nach dem anderen entwickelte sich, wie im Manöver, aus dem engen Waldwege. Prinz Oskar stand auf einem Steinhaufen und ließ sein Regiment, die 7. Grenardiere, an sich vorbeimarschieren, sah jedem Grenardier ins Auge. Ein großartiger Moment vor der Schlacht. So kam es zur Schlacht von Virton, wo die 9. Division gegen einen sechsfach überlegenen Gegner kämpfte, sich zwei Tage lang hielt und schließlich glänzend siegte. In dieser Schlacht führte Prinz Oskar sein  egiment an der Spitze und blieb unverletzt. Ich sprach hiernach gerade mit ihm, als man ihm das Eiserne Kreuz überreichte.“

„Am 1. September 1914 erfolgte seine Versetzung als Nachrichtenoffizier zur 4. Armee, die zu diesem Zeitpunkt vor Verdun lag.“

„Ich erhielt eine Karte von Manfred. Er ist wohl und munter. Iche mußte viel an ihn denken, nun aber bin ich wieder beruhigt und froh. Wir hatten in der Kirche einen Kriegsgottesdienst. Es fiel mir auf, wie viele Menschen schon in Trauer waren – und doch dauert der Krieg erst wenige Wochen. Eine ernste und fast bedrückende Stimmung wollte nicht weichen. Als wir mit sinkender Dunkelheit aus der Kirche kamen, sahen wir noch ein Etrablatt mit einer großen Siegesnachricht. Wir gingen alle zur Zeitung, wo gerade, noch drückfeucht, die Extrablätter verteilt wurden. Zehn französische Armeekorps sind von unserer Kronprinzarmee geschlagen zwischen Reims und Verdun. Das war noch eine schöne Sedanfreude. Wir gingen nun froher nach Hause. Auch der Sieg de Generalobersten von Hindenburg in Ostpreußen stellt sich als eine großartige Waffentat heraus. 100.000 Russen – so lasen wir – wurden in die Masurischen Seen gedrängt, davon ergaben sich 70.000 Mann und 300 Offiziere. Die ganze russische Nordarmee ist damit vernichtet.“

„Habe besten Dank für Deine letzten beiden Karten vom 21. Und 24. Die Post kommt ganz unregelmäßig an. Die Karte vom 24. Bekam ich acht Tage vor der anderen. Auch bekam ich einige Pakete mit Süßigkeiten. Vielen Dank dafür. Seit etwa acht Tagen ist eine Kavalleriedivision vor Paris. Ich glaube fast, daß Lothar das Glück hat, dabei zu sein. Er wird überhaupt mehr erlebt haben als ich, da ich ja hier vor Verdun sitze. Die Armee des Kronprinzen schließt Verdun von Norden her ab, und wir müssen warten, bis es sich ergibt. Verdun wird nicht belagert, sondern nur eingeschlossen. Die Befestigungen sind zu gewaltig, würden daher zu rasende Mengen von Munition und Menschenleben fordern, wenn man sie erstürmen wollte. Der Besitz von Verdun hätte für uns nicht dementsprechende Vorteile. Es ist nur schade, daß wir Ulanen 1 dadurch  gebunden sind und den Krieg voraussichtlich hier beenden werden. Der Kampf um Verdun ist sehr schwer und verlangt täglich eine Anzahl von Menschenleben. Gestern fielen wieder bei einem Angriff acht Offiziere von den 7. Grenardieren.“

„Wir hatten Nachricht von beiden Söhnen. Lothar ist schon mit der Kavalleriedivision auf dem Anmarsch nach Paris. Manfred liegt vor Verdun. Er hat schon viel mitgemacht. Von seiner Feuertaufe – bei einem Aufklärungsritt gegen den im Wald verschanzten Feind – brachte er nur vier Mann zurück. Nun ist er zum Eisernen Kreuz eingegeben. Auch Lothar will seinen Ehrgeiz darin setzen, sich diese Auszeichnung zu erringen. Er hat erst eine einzige Karte von Haus erhalten. Alle unsere Briefe, unsere Schokoladen und Zigarettenpäckchen find nicht angekommen. Wie mag das zugehen? – Aber, wir haben wohl keinen Grund zu klagen. Unsere Söhne sind bischer durch alle Fährnisse wohlbehalten hindurchgelangt, und Lothar ist soeben Leutnant geworden. Wie lasen es in de Zeitung, das war eine angenehme Überraschung – von Manfreds Wirtin erhielt ich eine Karte, seine Wohnung würde anderweisig vermietet; ich möchte bald hinkommen, um über seine Sachen zu verfügen…“

„Liebe Mama!
Ich kann dir eine frohe Botschaft verkünden. Gestern Abend erhielt ich das Eiserne Kreuz. Wie steht es denn mit Lemberg? Ich gebe Euch einen Rat: kommen die Russen, so vergrabt alles, was ihr wiedersehen wollt, tief im Garten oder sonstwo. Was ihr zurücklaßt, seht ihr nie wieder. Du wunderst Dich, daß ich soviel Geld zurücklege, aber nach dem Kriege muß ich muß alles neu anschaffen. Was ich mitgenommen habe, ist erledigt – verloren, verbrannt, von Granaten zerfetzt usw., mein Sattelzeug mit inbegriffen. Wenn ich noch lebendig aus diesem Krieg hervorgehen sollte, hätte ich mehr Glück als Verstand.“

„…Unsere Söhne hat der Krieg gehörig hergenommen. Ich muß Gott danken, daß sie noch am leben sind. Lothar wurden auf einem Patrouillenritt Nebermann und Bordermann erschossen. Sein Pferd wurde schwer verwundet. Manfreds ganze Ausrüstung ist von Granaten zerfetzt, das Sattelzeug einbegriffen. Er spart nun – so schreibt er -, um sich nach dem Kriege alles neu anzuschaffen. Ich mußte bei allen Sorgen lächeln, als ich es las. „Nach dem Kriege“ – wann wird das sein? Aber die Bemerkung über das Sparen kennzeichnet ihn doch. Er wird niemals einer noch so aufregenden Gefahr so viel Bedeutung beimessen, daß er sein klares, zielbewußtes Handeln darüber vergißt.“

„…Ich habe Muße nachzusinnen, immer nach derselben Richtung treiben die Gedanken, immer sind die Mütter im Geiste bei ihren Söhnen im Felde. Ich darf mich stolz und glücklich schätzen. Beide Sohne sind wohlbehalten bis an diesen Tag gelangt. Eine Granate platzte auf dem Sattel von Manfreds Pferd, als er auf Patrouille zufällig abgesessen war. Ihm ist nichts geschehen, nur ein Splitter zerschnitt seinen Umhang, und ein Geschoßboden zerquetschte die schönen Liebesgaben von Tante Friedel zu einem unförmigen Brei. Nun geht gleich eine neue Sendung an ihn heraus. Übrigens – wie kann man es nur vergessen! – Manfred hat das Eiserne Kreuz bekommen. Wir freuen uns all über diese Auszeichnung…“

„Liebe Mama!

Gleich geht die Post ab; da möchte ich noch schnell einen Gruß an Dich mitsenden. In den letzten Tagen habe ich mal wieder viel erlebt. Fast hätte ich daran glauben müssen; aber ich hatte noch einmal Glück. Ich war auf Patrouille und war gerade abgesessen von meinem ganz  usgezeichneten Charger, da schlug eine Granate etwa fünf Schritt von mir ein und platzte auf dem Sattel meines Pferdes. Außer diesem blieben noch drei andere Pferde tot liegen. Mein Sattel und alles, was man gerade so braucht und ich in den Packtaschen hatte, ist natürlich in  kleine Stücke gerissen. Ein Splitter zerriß mir meinen Umhang, sonst ist mir nichts passiert. Ich las gerade einen Brief von Tante Friedel; das dazu gehörige Paketchen hatte ich noch nicht aufgemacht, sondern in meine Packtasche gesteckt – es war zu einer unförmigen Masse zerquetscht. Antithesis hatte ich auch mit; er hat einen kleinen Splitter in die Backzähne bekommen – nicht weiter schlimm.“

„MvR fast durch Artilleriebeschuss getötet; sein Pferd ist tot“.

„Liebe Mama!
Eben kommt ein Wagen hier an, beladen mit den ersten Paketen, darunter auch zwei von Dir an mich. Es ist der Pelz und ein kleines Paketchen, in dem sich meine Handschuhe befinden. Der Pelz ist prächtig und wird sich in den kalten Nächten sehr verdient machen. Habe recht  herzlichen Dank dafür. Daß Du Lothar in Posen noch einmal sehen konntest, war ja sehr schön. Die zweiundzwanzig Stunden Wartezeit auf dem Bahnhof waren ja allerdings weniger erbaulich. Ich kann es Dir nachempfinden, da ich jeden zweiten Tag vierundzwanzig Stunden im Schützengraben warte – aber auf die Franzosen. Wir, die 1. Ulanen, haben in diesem Kriege leider keine Aussicht, jemals wieder etwas anderes zu beginnen – es sei denn, in Verdun bricht die Pest aus. Lothar hat den interessanteren Teil erwischt. Ich beneide ihn wirklich. Es ist jetzt in Rußland genau in der Gegend, wo ich die ersten zehn Tage in diesem Kriege meine Patrouillen geritten habe. Ich hätte mir so gerne noch das E. K. I. verdient, habe aber keine Gelegenheit hierzu. Ich müßte dann als Franzose verkleidet nach Verdun laufen und dort einen Panzerturm in die Luft sprengen.“

„Liebe Mama!

Wir liegen jetzt immer umschichtig wie die Infanterie in den Schützengräben, zweitausend Meter vor uns die Franzosen. Auf die Dauer ziemlich langweilig, denn so vierundzwanzig Stunden ruhig dazuliegen, ist kein Vergnügen. Ab und zu kommen als einzige Abwechslung einige Granaten an, das ist alles, was ich in den letzten vier Wochen erlebt habe. Schade, daß wir nicht in der großen Feldschlacht tätig sind. Die Lage vor Verdun hat sich seit Wochen nicht um fünfzig Meter verschoben Wir liegen in einem abgebrannten Dorf. Wedel und ich wohnen in einem
Haus, wo man sich die Nase zuhalten muß. Reiten tut man selten, fast nie, da Antithesis krank ist und mein Fuchs tot ist; laufen noch weniger, mit anderen Worten: man hat garkeine Bewegung. – Essen tut man weniger gut als viel. Bei mir schlägt ja bekanntlich alles an – so bin ich denn jetzt dick wie eine Tonne. Wenn ich noch mal Rennen reiten sollte, so würde ich wohl einige Kuren brauchen müssen, bis ich mein normales Gewicht wieder habe.“

„Ilse fuhr um sieben Uhr über Breslau nach Hause, ich nach Ostrowo, Manfreds alter Garnison, um dort seine Sachen abzuholen. Die Fahrt sollte zweienhalb Stunden dauern, aber sie währte deren sechs. Es war herrliches Wetter, in anderen Jahren Hubertustag. Da hatte man oft schon gefroren, heute aber war es warm, sonnig und köstlich. Als ich in Ostrowo ankam, stand der Bahnhof gedrängt voller Flüchtlinge. Man riet mir, sogleich weiterzufahren, Skalmierzce sei bereits von allen Einwohnern entblößt, und in Ostrowo könne jeden Augenblick der Befehl kommen, die Stadt zu räumen. Ich aber wollte Manfreds Sachen nicht im Stich lassen un beschloß, in seine Wohnung zu gehen und alles mitzunehmen. Trotz der furchtbaren Fülle auf dem Bahnhof fand mich Manfreds Wirtin, eine freundliche ältere Frau. Die Wohnung lag dicht am Bahnhof, und wir päckten zusammen ein. Ein dort einquartierter Leutnant kam hinzu und half mit großem Eifer. In dem großen Koffer – einem Haus von Koffer – und in einer Kiste fanden alle seine Uniformstücke Platz. Um drei Uhr war ich fertig und saß wieder auf dem Bahnhof. Man hörte den Kanonendonner der Schlacht, die sich bei Kalisch abspielen sollte…“

„…Seit Donnerstag liegt tiefer Schnee, es ist eisig kalt.Manfred schreibt sehr froh, daß er seinen Pelz erhalten habe. Er kämpft seit Wochen in Schützengräben und ist unzufrieden, daß die Sache gar nicht vorwärtsgeht. Er liegt mit seinem Freund Webel in einem halbverbrannten Haus. Antithesis ist krank, sein zweites Pferd, ein Fuchs, tot. An der übrigen Westfront hat sich auch seit Wochen wenig oder gar nichts geändert. Allmählich wird es einem klar, daß der Krieg noch lange dauern wird. Ob er wohl bis Ostern zu Ende ist?…“

„Liebe Mama!

Nun sitze ich schon seit drei Monaten vor Verdun. Hier ändert sich nichts. Gestern nacht spielten wir gerade Karten, da klopfte wieder etwas unbescheiden eine Granate auf das Dach unseres Nebenhauses. Noch nie bin ich so schnell vom Tisch aufgesprungen wie da. Sonst liegen wir immer einen Tag um den anderen im Schützengraben. Ich habe mir ausgerechnet, daß wir gerade am 24. Dezember abends ablösen, ich also in der Nacht vom 24. Zum 25. wieder meine Schleichpatrouille an die feindlichen Schützengräben mache. Dieses ist der erste Heilige Abend, den ich nicht im Elternhause verlebe. Hoffentlich ist es der einzige, den ich in Feindesland zurbringe.“

„..Manfred liegt immer noch in Westen, zum Festliegen verurteilt (was sehr gegen seine Natur ist). Seine Gedanken sind schon bei der nahen Weihnacht…“

„MvR beobachtet, wie eine Taube von einer Nieuport über Verdun abgeschossen wird.“

„Das Leben in userem Hause ist still geworden. Manfred teilte nur kurz mit, daß er Ordonnanzoffizier bei der 18. Infanteriebrigade geworden ist.“

„Liebe Mama!

Durch eine kurze Mitteilung ließ ich Dich schon wissen, daß ich bei der 18. Inf.-Brig. Ordonnanzoffizier geworden bin. Hier erlebt man doch etwas mehr wie in Bechamp bei unserem Regiment. Im Bewegungskrieg wäre es natürlich umgekehrt. So bin ich ganz zufrieden mit meinem Posten. In den letzten Tagen war ziemlicher Betrieb oben auf der Cote. In der Nacht vom 27. Zu, 28. Nahmen wir, Grenadier-Reg. 7, den Franzosen einen Graben weg. In der Nacht vom 29. Auf den 30. wollten die Franzosen ihn sich wieder holen, wurden aber glänzend abgeschmiert. Die Verluste waren Gott sei Dank verhältnismäßig gering. Jeder Kerl hier im Schützengraben ist ein Held, und wie ein Dichter hat richtig gesagt: „Es gibt nicht so viel Eisen, wie Ihr Helden draußen seid.“ Jeder einzelne verdient das Eiserne; das muß jeder sagen, der unsere braven Leute kämpfen sieht. Lebe recht herzlich wohl, grüße Papa, Ilse und „Deutschlands Zukunft“*.

*Gemeint ist der jüngste Bruder Karl Bolko“

„Für einen so unruhigen Geist, wie ich einer bin, war meine Tätigkeit vor Verdun durchaus mit »langweilig« zu bezeichnen. Anfangs lag ich selbst im Schützengraben an einer Stelle, wo nichts los war; dann wurde ich Ordonnanzoffizier und glaubte, nun mehr zu erleben. Da hatte ich mich aber arg in die Finger geschnitten. Ich wurde vom Kämpfenden zum besseren Etappenschwein degradiert. So ganz Etappe war es noch nicht, aber das Weiteste, was ich mich vorwagen durfte, war fünfzehnhundert Meter hinter die vordere Linie. Dort saß ich wochenlang unter der Erde in einem bombensicheren, geheizten Unterstand. Ab und zu wurde ich mit nach vorn genommen. Das war eine große körperliche Anstrengung. Denn man ging bergauf, bergab, die Kreuz und die Quer’, durch unendlich viele Annäherungsgräben und Schlammlöcher hindurch, bis man dann endlich vorn dort angekommen war, wo es knallte. Bei einem so kurzen Besuch bei den Kämpfenden kam ich mir immer sehr dumm vor mit meinen gesunden Knochen. Man fing damals an, unter der Erde zu arbeiten. Wir waren uns noch gar nicht klar darüber, was es eigentlich heißt, einen Stollen [42]bauen oder eine Sappe vorschieben. Man kannte die Namen zwar aus der Befestigungslehre von der Kriegsschule her, aber das war nun mal Pionierarbeit, mit der sich ein anderer Sterblicher nicht gern beschäftigt hätte. Aber dort vorn an der Combres-Höhe buddelte alles emsig. Jeder hatte ein Grabscheit und eine Hacke und gab sich unendliche Mühe, möglichst tief in die Erde hineinzukommen. Es war ganz spaßig, die Franzosen an manchen Stellen nur auf fünf Schritt vor sich zu haben. Man hörte den Kerl sprechen, man sah ihn Zigaretten rauchen, ab und zu warf er ein Stück Papier herüber. Man unterhielt sich mit ihnen, und trotzdem suchte man sich auf alle möglichen Arten anzuärgern (Handgranaten). Fünfhundert Meter vor und fünfhundert Meter hinter den Gräben war der dichte Wald der Côte Lorraine abgemäht durch die unendlich vielen Gewehrkugeln und Granaten, die dort ständig durch die Luft sausten. Man würde nicht glauben, daß dort vorn überhaupt noch ein Mensch leben könnte. Die Truppe vorne empfand es gar nicht mal so schlimm wie die Etappenleute. Nach so einem Spaziergang, der meistenteils in den allerzeitigsten Morgenstunden stattfand, fing für mich wieder der langweiligere Teil des Tages an, nämlich Telephonordonnanz zu spielen. * [43]An meinen freien Tagen beschäftigte ich mich mit meinem Lieblingshandwerk, dem Jagen. Der Wald von La Chaussée bot mir dazu reichlich Gelegenheit. Ich hatte bei meinen Spazierritten Sauen gespürt und war nun damit beschäftigt, diese ausfindig zu machen und mich nachts anzusetzen. Schöne Vollmondnächte mit Schnee kamen mir zu Hilfe. Ich baute mir mit Hilfe meines Burschen Hochsitze an ganz bestimmten Wechseln und bestieg diese nachts. Da habe ich so manche Nacht auf Bäumen zugebracht und wurde morgens als Eiszapfen wieder vorgefunden. Aber es hatte sich gelohnt. Besonders eine Sau war interessant, sie kam jede Nacht durch den See geschwommen, brach an einer bestimmten Stelle in einen Kartoffelacker und schwamm dann wieder zurück. Es reizte mich natürlich besonders, dieses Tier näher kennenzulernen. So setzte ich mich denn an dem Ufer dieses Sees an. Wie verabredet, erschien die alte Tante um Mitternacht, um sich ihr Nachtmahl zu holen. Ich schoß, während sie noch im See schwamm, traf, und das Tier wäre mir beinahe versoffen, wenn ich nicht noch im letzten Moment hätte zugreifen können, um sie an einem Lauf festzuhalten. Ein andermal ritt ich mit meinem Burschen in einer ganz schmalen Schneise, da wechseln vor mir mehrere Stück Schwarzwild über sie. Ich schnell ’runter, den Karabiner meines Burschen [44]ergriffen und einige hundert Schritt vorgelaufen. Tatsächlich, da kam noch ein Kerl, und zwar ein mächtiger Keiler. Ich hatte noch nie einen Keiler gesehen und war nun sehr erstaunt, wie riesenhaft dieser Kerl aussah. Jetzt hängt er als Trophäe hier in meinem Zimmer; er ist eine schöne Erinnerung.“

„Manfred schreibt unter dem unmittelbaren Eindruck eines Stellungskampfes: „Liebe Mama! Ich schreibe Dir diese Zeilen bei einer ganz fürchterlichen Kanonade. Von meinem Fenster aus kann ich alles übersehen. Die Franzosen greifen eine sehr beherrschende höhe an. Der ganze Berg ist eine einzige große Rauchwolke. Die armen Kerle, die da gerade im Schützengraben liegen! Gestern wurden wir zur Hilfe gerufen, waren auch schon hinmarchiert, waren dann aber nicht mehr nötig und kamen nachts wieder zurück. Die Franzosen, Engländer und was sich sonst an der Westfront hier herumtreibt, werden jetzt wieder sehr frech. Sie glauben wohl, es sei jetzt der beste Moment, uns wieder anzugreifen, weil wir ja alles im Osten haben. Damit haben sie ja recht. Aber sie verrechnen sich immer damit, daß sie denken, ein Deutscher wird aus seiner Stellung herauslaufen – wie sie. Das liegt eben in userem Blut: wir bleiben da stehen, wo man uns hingestellt hat, und lassen uns eher totschlagen, ehe wir weichen. – Aber leider hat der Engländer dasselbe Blut.““

15 März 1915
Exact date?
Combres-sous-les-Côtes
Combres

„Liebe Mama!

Jetzt habe ich endlich eine genügende körperliche Tätigkeit. Die ganzen Tage, die ich nicht im Schützengraben verbringe, befinde ich mich auf der Jagd. Auf meine Jagdbeute, drei Stück Schwarzwird, bin ich nicht schlecht stolz. An Papa berichte ich die dazu gehörige Jagdgeschichte. Vor drei Tagen gab ich eine ganz richtige Treibjagd auf Schweine mit dreißig Treibern und fünf Schützen. Ich war der Jagdherr. Wir drückten im ganzen Acht stück heraus, aber alle wurden vorbei geschossen. Wir trieben von acht Uhr vormittags bis sieben Uhr nachmittags mit einer halben Stunde Pause. In drei Tagen will ich es noch einmal versuchen, und in zehn Tagen ist Vollmond, da hoffe ich ganz bestimmt auf einen Keiler.“

„…Manfred erlebt die Kämpfe zwischen Mass und Mosel mit. Das Geschüßfeuer rollt von früh bis in die Nacht, ununterbrochen klirren die Scheiben; aus dem Fenster seines Hauses, das durch das Skelett der Dachsparren den Unblick des Hilleks freigibt, blickt er auf die von Rauch und Feuer überwältzten Combres-Höhen, ein schaurig-schönes Bild.

„…Manfred fragt in jedem Brief nach ihm, mit großer brüderlichen Sorge. Côtes, 27. März 1915. „Liebe Mama! Von Lothar habe ich seit einem Monat keine Nachricht mehr. Seine K-D ist eingefeßt worden und hat große Verlußte gehabt. Von den 4. Dragonern fiel Hugo Freier. Er war ein guter Freund von mir. Im Kadettenkorps waren wir von Sexta an in einer Klasse gewesen. Es trifft sich immer so, das die netten Menschen zuerst sterben und fallen. ‚Unkraut aber vergeht nicht‘. Nach diesem Ausspruch denkst Du gewiß, na, dann ist Manfred ja unsterblich. – Ich komme mir auch so vor, nach all dem, was ich erlebte. Um mich herum fielen so viele ordentliche Leute, nur ich wurde von den feindlichen Kugeln wie durch ein Wunder verschont.“…“

„Liebe Mama!

Habe recht herzlichen Dank für die schönen Ostereier. Im Unterstande bei Kanonendonner haben wir sie uns gut schmecken lassen. Hier geht es in letzter Zeit ziemlich munter her. Die Franzosen versuchen, ihre Angriffe jetzt mal bei uns, nachdem sie in der Champagne so ziemlich  Haare gelassen haben. Die Woevre-Ebene, Combres-Höhe, Pont-a- Mousson ist alles hier in unserer Gegend. Man glaubt hier, daß Rußland nicht mehr lange kann. Leider kann ich Euch jetzt noch nicht besuchen, der Krieg ist nicht dazu da, auf Urlaub zu fahren, dazu ist die Zeit zu ernst. Daß wir siegen, glaubt jeder, aber wann, weiß keiner. Deshalb heißt es durchhalten. Wer hätte je geglaubt, daß ein Krieg so lange dauern könne.“

„So kam es, dass er gegen den 1. Mai den Befehl erhielt, sich auf einen weiteren Einsatz im Versorgungsdienst vorzubereiten, noch weiter hinter der Frontlinie. So stark die militärische Disziplin in ihm auch war, er explodierte, und am Tag darauf erlebte der kommandierende General seiner Division einen der Schocks seines Lebens, als er die folgende unmilitärische Mitteilung des unruhigen Ulanen las: „Meine sehr geehrte Exzellenz, ich bin nicht in den Krieg gezogen, um Käse und Eier zu sammeln, sondern aus einem anderen Grund.“

Der Rest des Briefes war ein offizieller Antrag auf seine Versetzung zum Fliegerdienst. Richthofens konstruktive Arbeit in der Infanterie, im Fernmeldedienst oder in der Versorgungsabteilung scheint ebenso wenig erfolgreich gewesen zu sein wie seine Tätigkeit als Kavallerist, und es gibt keine Hinweise darauf, dass sein Ausscheiden aus den alten Diensten von seinen Vorgesetzten mit großem Bedauern aufgenommen wurde. Sein unhöflicher Brief brachte ihm sein Ziel und seinen Wunsch ein. Ende Mai 1915 wurde er zum Fliegerdienst versetzt und zur Ausbildung nach Köln geschickt.“

„Am Freitag, dem 21. Mai, in aller Herrgottesfrühe kam Manfred nach Schweidnitz, nachdem er tags zuvor telegrafiert hatte. Das Gartentor war noch geschlossen. Plötzlich stand er vor meinem Bett, lachend und drachtig. „Wie bist du hereingekommen, Manfred?“ „Übern Zaun.“ Wir standen alle schnellstens auf und sammelten uns beim Frühstück. Manfred ist etwas breiter geworden, sieht aber frisch un spannkräftig aus. Die Sonne schien, die Vögel im wilden Wein, in den Hecken und Büschen, zwitscherten in ganzen Chören. Wir gingen in den Garten, saßen unter den alten Nußbäumen, ich wurde nicht müde, Manfreds Erzählen zuzuhören; ich tat der vielen Siege Erwähnung und daß es doch endlich zu Ende gehen müsse. Da sagte Manfred: „Ich glaube nicht, daß wir diesen Krieg gewinnen werden.“ Da stand der Satz, nüchtern und sachlich hingesprochen, ich glaube nicht recht gehört zu haben. Und Manfred sagte noch einmal: „Du ahnt ja nicht, wie stark unsere Gegner sind.“ „Aber wir siegen doch immer.“ „Habt ihr nie etwas von unserem Rückzug an der Marne gehört?“ „Nein, davon wußten wir gar nichts.“ Und Manfred abschliesend: „Es wird bestenfalls eine Partie remis werden.“ Wir sprachen nich dies und das, tauschten Ansichten und Argumente; wie immer überraschten mich seine reifen, verständigen Ansichten.Da sagte Manfred unerwartet, vor mir stehenbleibend: „Ich gehe zu den Fliegern.“ Es war etwas sehr Schönes und Frohes in seiner Stimme, als er das sagte, ich verstand nichts davon, konnte mir wenig darunter vorstellen, doch ich wußte, wenn er einmal etwas aussprach, so war es innerlich schon bei ihm Tatsache, war unwiderruflich. Ich sagte also nichts dagegen – wir waren ja auch daran gewöhnt, Manfred trotz seiner Jugend zu respektieren -, ich lauschte vielmehr vollr Interesse dem, was er von seiner neuen Waffe zu sagen wußte. Als wir aus dem Garten wieder ins Haus traten, spürte ich mit Gewißheit, daß eine neue und große Aufgabe in ihm Wurzel geschlagen hatte… Vier Tage später reiste Manfred wieder ab…“

„Als er im Mai 1915 zur Fliegerwaffe übertrat, hat er auf meine Frage, warum er sich denn dazu entschlossen habe, wörtlich geantwortet: „Nur Beobachter werden, das liegt mir nicht, Flugzeugführer will ich werden, und, wenn es glückt, der beste von allen!“ Und dabei strahlten seine blauen Augen und gaben Zeugnis von der Festigkeit des Entschlusses, der in ihm lebte.“

„So hatte ich es schon einige Monate ausgehalten, da kam eines schönen Tages etwas Bewegung in unseren Laden. Wir beabsichtigten eine kleine Offensive an unserer Front. Ich freute mich mächtig, denn nun mußte ja doch eigentlich der Ordonnanzoffizier zu seinem Ordonnanzieren kommen! Aber Kuchen! Es wurde mir etwas ganz anderes zugedacht, und dieses schlug dem Faß den Boden aus. Nun schrieb ich ein Gesuch an meinen Kommandierenden General, und böse Zungen behaupten, ich hätte gesagt: »Liebe Exzellenz, ich bin nicht in den Krieg gezogen, um Käse und Eier zu sammeln, sondern zu einem anderen Zweck.« Man hat anfangs eigentlich auf mich einschnappen wollen, aber schließlich hat man mir meine Bitte gewährt, und so trat ich Ende Mai 1915 zur Fliegertruppe. So war mir mein größter Wunsch erfüllt.“

„Am 30. Mai 1915 trat er seine Ausbildung als Beobachter bei einem Lehrgang in der Flieger-Ersatzabteilung 7 in Köln an.“

31 Mai 1915
Morgens früh um sieben Uhr sollte ich zum erstenmal mitfliegen!
Flieger-Ersatzabteilung 7
Köln

„Das erstemal in der Luft! Morgens früh um sieben Uhr sollte ich zum erstenmal mitfliegen! Ich war in einer etwas begreiflichen Aufregung, konnte mir so gar nichts darunter vorstellen. Jeder, den ich fragte, schnurrte mir etwas anderes vor. Abends ging ich zeitiger schlafen als sonst, um am nächsten Morgen für den großen Moment frisch zu sein. Wir fuhren ’rüber auf den Flugplatz, ich setzte mich zum erstenmal in ein Flugzeug. Der Propellerwind störte mich ganz ungeheuer. Eine Verständigung mit dem Führer war mir nicht möglich. Alles flog mir weg. Nahm ich ein Stück Papier heraus, verschwand es. Mein Sturzhelm verrutschte sich, der Schal löste sich, die Jacke war nicht fest genug zugeknöpft, kurz und gut, es war kläglich. Ich war noch gar nicht darauf gefaßt, schon loszusausen, da gab bereits der Pilot Vollgas, und die Maschine fing an zu rollen. Immer schneller, immer schneller. Ich hielt mich krampfhaft fest. Mit einem Male hörte die Erschütterung auf, und die Maschine war in der Luft. Der Erdboden sauste unter mir weg. Man hatte mir gesagt, wo ich hinfliegen sollte, d. h. also, wo ich meinen Führer hinzudirigieren hatte. Wir flogen erst ein Stück geradeaus, dann machte mein Führer kehrt, nochmal kehrt, [46]rechtsum, mal linksum, und ich hatte über meinem eigenen Flughafen die Orientierung verloren. Keine Ahnung mehr, wo ich mich befand! Ich fing so sachte an, mir mal die Gegend unter mir anzusehen. Die Menschen winzig klein, die Häuser wie aus einem Kinderbaukasten, alles so niedlich und zierlich. Im Hintergrund lag Köln. Der Kölner Dom ein Spielzeug. Es war doch ein erhabenes Gefühl, über allem zu schweben. Wer konnte mir jetzt was anhaben? Keiner! Daß ich nicht mehr wußte, wo ich war, war mir ganz Wurscht, und ich war ganz traurig, als mein Pilot meinte, jetzt müßten wir landen. Am liebsten wäre ich gleich wieder geflogen. Daß ich irgend welche Beschwerden, wie etwa bei einer Luftschaukel, gehabt hätte, daran ist nicht zu denken. Die berühmten Amerikanischen Schaukeln sind mir, nebenbei gesagt, widerlich. Man fühlt sich unsicher darin, aber im Flugzeug hat man das unbedingte Gefühl der Sicherheit. Man sitzt ganz ruhig auf seinem Sessel. Daß einem schwindlig wird, ist ganz ausgeschlossen. Es gibt keinen Menschen, dem im Flugzeug je schwindlig geworden wäre. Aber es ist ein verdammter Nervenkitzel, so durch die Luft zu sausen, besonders nachher, als es wieder ’runterging, das Flugzeug nach vorn kippte, der Motor aufhörte zu laufen und mit einemmal eine ungeheure Ruhe eintrat. Ich hielt mich wieder krampfhaft fest und dachte [47]natürlich: »Jetzt stürzt du.« Aber es ging alles so selbstverständlich und natürlich vor sich, auch das Landen, wie man wieder die Erde berührte, und alles war so einfach, daß einem das Gefühl der Angst absolut fehlte. Ich war begeistert und hätte den ganzen Tag im Flugzeug sitzen können. Ich zählte die Stunden bis zum nächsten Start.“

1 Juni 1915
Westfront
Combres-sous-les-Côtes
Côtes

„Liebe Mama!

Die Tage im Elternhaus waren sehr schön, aber leider zu kurz. Mit Papa war ich noch bis elf Uhr Abends zusammen. Er sieht in seiner Uniform so jugendlich aus wie keiner in seinem Alter. Wenn ich mir einer Altersgenossen ansehe, muß man wirklich sagen, daß Papa außergewöhnlich  jung aussieht. In P. war es sehr nett, ich war leider nicht ganz einen Tag da, schoß aber drei Böcke, einer davon ist abnorm; eine Stange ist nach unten gebogen.“

„MvR meldet sich bei Adjutant Hermann von FEA 7 in Köln. Er ist der Kaserne 7 mit 29 anderen Schießbeobachterlehrlingen zugeteilt. Kommandant ist Hauptmann Radhoff.“

„Liebe Mama!

Hier bin ich nun endlich angekommen. Bei der Flieger- Ers.-Abt. 7 ist ein riesiger Apparat, um uns auszubilden. Wir sind dreißig, die alle als Beobachter ausgebildet werden sollen. Davon werden dann die besten ausgesucht und behalten. Es ist unter diesen Umständen natürlich äußerst schwierig und recht zweifelhaft, ob unter diesen Auserwählten gerade ich mich befinden werde.“

„Richthofen arbeitete hart in Köln und war der Erste der dreißig, der die Ausbildung abschloss. Einige qualifizierten sich nicht. Am 10. Juni wurde er für zwei weitere Wochen Ausbildung zur Luftwaffenersatzabteilung Nr. 6 in Großenhain geschickt. Der Beobachtungskurs sollte auf zwölf Wochen verlängert werden, aber in diesem ersten Jahr, in dem man entdeckte, dass die Luftbeobachtung ein wichtiges Instrument für die Armee war, gab es nur wenige Beobachter, die so schnell wie möglich ausgebildet werden mussten. Neben dem Fliegen erhielt Richthofen Unterricht in Kartenlesen, Tarnungserkennung, Truppen- und Artilleriebeobachtung, Bombenabwurf, Kompass- und Fernrohrgebrauch, Meteorologie und Fotografie. Er musste während des Fluges Karten von dem zeichnen, was er sah, und diese fertigstellen und einsatzbereit haben, bevor die Albatros landete.“

„Der 30-tägige Lehrgang wurde durch einen anschließenden 14-tägigen Lehrgang in Großenhain nahe Dresden vervollständigt, bei dem die Praxis im Vordergrund stand.“

„Am 10. Juni 1915 kam ich nach Großenhain, um von dort aus an die Front abgeschickt zu werden. Natürlich wollte ich recht schnell ’raus, denn ich hatte Angst, ich könnte zu dem Weltkrieg zu spät kommen. Flugzeugführer-Werden hätte drei Monate in Anspruch genommen. Bis dahin konnten wir schon längst Frieden haben; also kam es nicht in Frage.“

„MvR absolviert und besteht seine Fluguntersuchung, indem er eine Fahrt in einem Zweisitzer unternimmt. Dr. Kahler besteht ihn.“

„Als Beobachter mochte ich mich vielleicht in meiner Eigenschaft als Kavallerist ganz gut eignen; denn nach vierzehn Tagen schickte man mich bereits ’raus, zu meiner größten Freude an die einzige Stelle, wo wir noch Bewegungskrieg hatten, nämlich nach Rußland. Mackensen ging gerade seinen Siegeszug. Er war bei Gorlice durchgebrochen, und ich kam dazu, wie wir Rawa Ruska nahmen. Ein Tag im Armee-Flugpark, dann kam ich zu der famosen Abt. 69, wo ich mir als Anfänger kolossal dämlich vorkam. Mein Führer war eine »Kanone« – Oberleutnant Zeumer –, jetzt auch schon krumm und lahm. Von den übrigen bin ich heute der einzige, der noch lebt. Jetzt kommt eigentlich meine schönste Zeit. Sie hatte mit dem Kavalleristischen recht große Ähnlichkeit. Jeden Tag, vor- und nachmittags, konnte ich meine Aufklärung fliegen. Ich habe manche schöne Meldung nach Hause gebracht.“

„Juni, Juli, August 1915 blieb ich bei der Fliegerabteilung, die den ganzen Vormarsch Mackensens von Gorlice nach Brest-Litowsk mitmachte. Ich war als ganz junger Beobachter dort hingekommen und hatte von Tuten und Blasen keine Ahnung. Als Kavallerist war ja meine Beschäftigung Aufklären, so schlug der jetzige Dienst in mein Fach, und ich hatte großen Spaß an den riesigen Aufklärungsflügen, die wir fast täglich unternahmen. Für den Beobachter ist es wichtig, einen gesinnungstüchtigen Führer zu finden. Da hieß es eines schönen Tages: »Graf Holck ist auf dem Anmarsch zu uns.« Sofort kam mir der Gedanke: »Das ist der Mann, den du brauchst.« Holck erschien nicht, wie man wohl glauben könnte, im 60-P.S.-Mercedes oder im Schlafwagen erster Klasse, sondern zu Fuß. Er war nach tagelanger Bahnfahrt endlich in die Gegend von Jaroslau gekommen. Dort stieg er aus, denn es war wieder mal ein unendlicher Aufenthalt. Seinem Burschen sagte er, er möchte mit dem Gepäck nachreisen, er würde vorausgehen. Er zieht los, und nach einer Stunde Fußmarsch guckt er sich um, aber kein Zug folgt ihm. So lief und lief er, ohne von seinem Zuge überholt zu werden, bis er schließlich nach fünfzig Kilometern in Rawa Ruska, seinem Ziel, ankam und vierundzwanzig Stunden später der Bursche mit dem Gepäck erschien. Das war dem Sportsmann aber weiter keine ungewohnte Arbeit. Sein Körper war derart trainiert, daß ihm fünfzig Kilometer Fußmarsch nichts weiter ausmachten. Graf Holck war nicht bloß ein Sportsmann auf dem grünen Rasen, der Flugsport machte ihm allem Anschein nach nicht weniger Vergnügen. Er war ein Führer von seltener Befähigung, und besonders eben, was ja noch eine große Hauptsache ist, er war grob Klasse über dem Feind. Manch schönen Aufklärungsflug flogen wir, wer weiß wie weit, Richtung Rußland. Nie hatte ich bei dem noch so jungen Piloten das Gefühl der Unsicherheit, vielmehr gab er mir im kritischen Moment einen Halt. Wenn ich mich umsah und in sein entschlossenes Gesicht blickte, hatte ich wieder nochmal so viel Mut wie vorher.“

„…Die Tage wurden nun schön und klar, wir faßten wieder guten Mut. Manfred hat seinen Kursus mit Erfolg hinter sich gebracht, die Fliegerei liegt ihm, kommt seinem Wesen entgegen; schon nach seinem ersten Fluge war er so begeistert, daß er „am liebsten den ganzen Tag im Flugzeug sitzen möchte“ und die Stunden bis zum nächsten Tag zählte. Er wurde denn auch als einer der ersten aus den dreißig Kursusteilnehmern ausgewählt und fliegt jetzt, während ich dies schreibe, bereits als Beobachter bei der k. u. k. Südarmee. Vor wenigen Tagen erreichte mich ein Brief: 50 Kilometer südlich Cholm, 20. Juli 1915. „Liebe Mama! Hoffentlich erreichen Dich jetzt meine Nachrichten wieder. Ich bin hier bei der Armee Mackenzen, und zwar dem österreichischen 6. Korps zugeteilt. Jetzt sind wir wieder gerade in vollem Bewegungskriege. Ich fliege fast täglich über dem Feinde und bringe Meldungen. Den Rückzug der Russen vor drei Tagen habe ich auch gemeldet. Es macht mir sehr viel Spaß, jedenfalls mehr, als Ordonnanzoffizier zu spielen. Man lebt nur in Zelten. Die Häuser sind fast alle runtergebrannt, und die noch stehen, sind derartig verlaust, daß kein Mensch hineingehen will. Ich freue mich besonders, gerade hier, auf dem wichtigsten Kriegsschauplatz, mitwirken zu können. Aller Voraussicht nach muß und wird hier die Entscheidung über kurz oder lang fallen. Ich wirke hier schon seit vierzehn Tagen. Meine Ausbildung hat also knapp vier Wochen gedauert. Von meinem Kursus bin ich der erste, der in eine Feldfliegerabteilung gekommen ist.““

„Mein letzter Flug mit ihm zusammen sollte beinahe schief gehen. Wir hatten eigentlich gar keinen bestimmten Auftrag zu fliegen. Das ist ja aber gerade das Schöne, daß man sich vollständig als freier Mensch fühlt und vollkommen sein eigener Herr ist, wenn man mal in der Luft ist. [51]Wir hatten einen Flughafenwechsel vorwärts und wußten nicht genau, welche Wiese nun eigentlich die richtige sei. Um unsere Kiste bei der Landung nicht unnötig aufs Spiel zu setzen, flogen wir Richtung Brest-Litowsk. Die Russen waren in vollem Rückmarsch, alles brannte – – ein grausig-schönes Bild. Wir wollten feindliche Kolonnen feststellen und kamen dabei über die brennende Stadt Wiczniace. Eine riesige Rauchwolke, die vielleicht bis auf zweitausend Meter hinaufreichte, hinderte uns am Weiterfliegen, da wir selbst, um besser zu sehen, nur in fünfzehnhundert Metern Höhe flogen. Einen Augenblick überlegte Holck. Ich fragte ihn, was er machen wollte, und riet ihm, drumherum zu fliegen, was vielleicht ein Umweg von fünf Minuten gewesen wäre. Aber daran dachte Holck gar nicht. Im Gegenteil: je mehr sich die Gefahr erhöhte, um so reizvoller war es ihm. Also mitten durch! Mir machte es auch Spaß, mit einem so schneidigen Kerl zusammen zu sein. Doch sollte uns unsere Unvorsichtigkeit bald teuer zu stehen kommen, denn kaum war der Schwanz des Apparates in der Wolke verschwunden, schon merkte ich ein Schwanken im Flugzeug. Ich konnte nichts mehr sehen, der Rauch biß mir in die Augen, die Luft war bedeutend wärmer, und ich sah unter mir bloß noch ein riesiges Feuermeer. Plötzlich verlor das Flugzeug das Gleichgewicht und stürzte, [52]sich überschlagend, in die Tiefe. Ich konnte noch schnell eine Strebe erfassen, um mich festzuhalten, sonst wäre ich ’rausgeschleudert worden. Das erste, was ich tat, war ein Blick in Holcks Gesicht. Schon hatte ich wieder Mut gefaßt, denn seine Mienen waren eisern zuversichtlich. Der einzige Gedanke, den ich hatte, war der: es ist doch dumm, auf so unnötige Weise den Heldentod zu sterben. Später fragte ich Holck, was er sich eigentlich in dem Augenblick gedacht hätte. Da meinte er, daß ihm doch noch nie so eklig zumute gewesen sei. Wir stürzten herunter bis auf fünfhundert Meter über die brennende Stadt. War es die Geschicklichkeit meines Führers oder höhere Fügung, vielleicht auch beides, jedenfalls waren wir plötzlich aus der Rauchwolke herausgefallen, der gute Albatros fing sich wieder und flog erneut geradeaus, als sei nichts vorgefallen. Wir hatten nun doch die Nase voll von unserem Flughafenwechsel und wollten schleunigst zu unseren Linien zurückkehren. Wir waren nämlich noch immer weit drüben bei den Russen und zudem nur noch in fünfhundert Metern Höhe. Nach etwa fünf Minuten ertönte hinter mir die Stimme Holcks: »Der Motor läßt nach.« Ich muß hinzufügen, daß Holck von einem Motor nicht ganz dieselbe Ahnung hatte wie von einem »Hafervergaser«, und ich selbst war vollständig schimmerlos. Nur eines wußte ich, daß, [53]wenn der Motor nicht mehr mitmachte, wir bei den Russen landen mußten. Also kamen wir aus der einen Gefahr in die andere. Ich überzeugte mich, daß die Russen unter uns noch flott marschierten, was ich aus fünfhundert Metern Höhe genau sehen konnte. Im übrigen brauchte ich gar nichts zu sehen, denn der Rußki schoß mit Maschinengewehren wie verfault. Es hörte sich an, als wenn Kastanien im Feuer liegen. Der Motor hörte bald ganz auf zu laufen, er hatte einen Treffer. So kamen wir immer tiefer, bis wir gerade noch über einem Wald ausschwebten und schließlich in einer verlassenen Artilleriestellung landeten, die ich noch am Abend vorher als besetzte russische Artilleriestellung gemeldet hatte. Ich teilte Holck meine Vermutungen mit. Wir sprangen ’raus aus der Kiste und versuchten, das nahe Waldstückchen zu erreichen, um uns dort zur Wehr zu setzen. Ich verfügte über eine Pistole und sechs Patronen, Holck hatte nichts. Am Waldrande angekommen, machten wir halt, und ich konnte mit meinem Glase erkennen, wie ein Soldat auf unser Flugzeug zulief. Zu meinem Schreck stellte ich fest, daß er eine Mütze trug und nicht eine Pickelhaube. Das hielt ich für ein sicheres Zeichen, daß es ein Russe sei. Als der Mann näher kam, stieß Holck einen [54]Freudenschrei aus, denn es war ein preußischer Gardegrenadier. Unsere Elitetruppe hatte wieder einmal die Stellung beim Morgengrauen gestürmt und war bis zu den feindlichen Batteriestellungen durchgebrochen. * Ich erinnere mich, daß Holck bei dieser Gelegenheit seinen kleinen Liebling, ein Hündchen, verlor. Er nahm das Tierchen bei jedem Aufstieg mit, es lag ganz ruhig in seinem Pelz unten in der Karosserie. Im Walde hatten wir es noch mit. Kurz darauf, als wir mit dem Gardegrenadier gesprochen hatten, kamen Truppen vorbeigezogen. Dann kamen Stäbe von der Garde und Prinz Eitel Friedrich mit seinen Adjutanten und Ordonnanzoffizieren. Der Prinz ließ uns Pferde geben, so daß wir beiden Kavallerieflieger mal wieder auf richtigen »Hafermotoren« saßen. Leider ging uns beim Weiterreiten das Hündchen verloren. Es muß wohl mit anderen Truppen mitgelaufen sein. Spätabends kamen wir schließlich mit einem Panjewagen in unseren Flughafen zurück. Die Maschine war futsch.“

21 August 1915
Tussen de Snaaskerkestraat en de Zomerloosstraat
Gistel

Zwischen der Snaaskerksestraat und der Zomerloosstraat, in der Nähe des Bahnhofs von Gistel, wurde ein Flugplatz angelegt. Eine Abzweigung der Eisenbahnlinie Ostende-Torhout sorgte für die Versorgung.

Im November 1914 wurde im besetzten Ostende die Brieftauben Abteilung Ostende gegründet, aber unter diesem Decknamen, der eigentlich Kampfgeschwader 1 war, führten die Deutschen Bombenangriffe durch. Dies geschah unter anderem im Januar 1915 auf belgische Stellungen in Dünkirchen. Etwa zur gleichen Zeit verließ Kagohl I den Flugplatz in Richtung Metz, kehrte jedoch bald zurück. Am 22. Juli 1916 wurde die I. Marine Feldflieger Abteilung von Ostende/Mariakerke nach Gistel verlegt. Die Einheit führte im März und April verschiedene Bombardements durch. Im Sommer 1917 zog die Einheit nach Vlissegem um. Sehr interessant ist die Tatsache, dass von diesem Flugplatz aus der allererste Bombenangriff auf London geplant wurde. Eigentlich war dies die Initiative von Flugmeister Wlather Ilges und Leutnant Paul Brandt, die an diesem Tag mit ihrer LVG CII nach England flogen und über der britischen Hauptstadt sechs Bomben von jeweils zehn Kilogramm abwarfen. Sie mussten schließlich eine Notlandung am Strand von Boulange durchführen und wurden gefangen genommen. Brieftauben Abteilung B-Typ-Flugzeuge (u. a. LVG CII) Zeitraum Juli 1915, Anfang 1916 umgewandelt in Kagohl 1 : 6 Staffeln, führte mit Zweisitzern Bombardierungen auf Verdun durch.

Der bekannte Fliegerass Manfred von Richthoven flog hier als Beobachter. 1916 flog Kagohl I mit LVG CII und Rumpler CI. Bemerkenswert ist, dass am 28. November 1916 die Besatzung Leutnant Walter Ilges und Uffz Paul Brandt mit einem LVG zum ersten Angriff auf London startete. Sie warfen sechs Bomben zu je zehn Kilogramm ab. Der Schaden war gering und beschränkte sich auf den Bereich zwischen Brompton Road und Victoria Station. Die Besatzung sollte ihre Übermut teuer bezahlen. Über Nordfrankreich hatte die LVG einen Motorschaden und die Besatzung musste eine Notlandung bei Boulogne durchführen. Beide Flieger, die den ersten Flugzeugangriff auf London durchgeführt hatten, wurden gefangen genommen.

Kagohl 3: 6 Staffeln (13 bis 18), ab März 1917 mit Gotha IV ausgerüstet, im April 1917 nach Sint-Denijs-Westrem und Melle-Gontrode verlegt, weil sie zu nahe an der Front lagen. Jasta 17: kommend aus St. Quintin-le-Petit, 24.6.1917 – Wasquehal, 28.8.1917 Jasta 2: kommend aus Bissegem, 12.8.1917 – Jabbeke, 26.8.1917

Quelle: Deneckere Bernard, De luchtoorlog boven West-Vlaanderen (Der Luftkrieg über Westflandern), Groeninghe, Kortrijk 1997″

„Er sollte sich am 21. August bei einem Flugplatz in Ghistelles, einem Dorf in der Nähe von Ostende, Belgien, zum Dienst bei der Brieftaubenabteilung melden.“

„Manfred ist zum einem Riesenflugzeug nach Ostende kommandiert. Er freut sich sehr darauf. Die kleine fliegende Festung soll eine Unmenge Bomben schleppen können, fünf bis sechs Mann bilden die Besatzung: zwei Führer, Monteure, MG-Schütze, ein Beobachter. Manfred hofft gegen England eingesetzt zu werden. Um 21., gerade nachdem mein Mann überraschend zu Besuch aus Gnadenfrei eingetroffen war, kündigte Manfred telegrafisch sein Erscheinen an. Um Mitternacht holten wir ihn von der Bahn ab; in seiner Begleitung befand sich sein Bursche, der treue Menzke, den er schon in Friedenszeiten in seiner Schwadron hatte. Manfred war großartig in Form, er strahlte und erzählte Erlebnisse von der Front, eines noch interessanter als daß andere. Wir lauschten atemlos, das freie, ungebundene Fliegerleben im Osten begeisterte uns mit, das Patrouillenfliegen in den Lüften, über viele Hunderte von Kilometern hinweg, das Überbrausen von Wäldern un Wildnissen, die vielleicht niemals das Donnern eines Motors über sich gehört hatten. Prächtige Menschen hat Manfred im Osten bei Rawa Ruska kennengelernt, gute Freundschaften hat er geschlossen. Von einem Leutnant Zeumer hat er anfangs viel gelernt, die beiden – Lehrer und Schüler – wurden ein Herz und eine Seele, viele Male durchflogen sie endlose Strecken, nachts kampierten sie unter Decken gehüllt, am häufigsten aber von ihren interessanten Fliegeraufgaben. In Ostende nun wird Manfred seinen Freund Zeumer wiedersehen, Manfred erzählt…Es wird spät, Menzke hat sich in der Küche angefreundet, man hört seine bedächtige Stimme, die so gut zu seiner eckigen, treuherzigen Erscheinung paßt, aus dem Klappern der Teller und Gläser hervor. Sicher hat auch er dankbare Zuhörerinnen. Von Holk berichtet Manfred, dem verwegenen und populären Man, der auf allen Rennplätzen jungen Ruhm erworben hatte, ehe er sein Herz an die Fliegerei hing. Die Fügung hatte die beiden zusammengebracht im gotvergessensten Osten. In Rawa Ruska war eines Tages die sehnige Reiterfigur des Grafen Holk aufgetaucht, 50 Kilometer Fußmarsch hatte er hinter sich von der letzten Bahnstation, aber es war, als hätte er nur einen Spaziergang getan, er lachte und machte witzige Bemerkungen – dem drahtigen Sportsmann machten solche Kraftleistungen nichts aus, er brauchte sie geradezu. Auch in dieser Beziehung paßte er glänzend zu Manfred, sie flogen viel zusammen (jener als „Franz“, dieser als „Emil“), trieben es oft auch wohl ein wenig bunt, wie mir scheinen will. Das Reiterblut ging einfach mit ihnen durch. Da gab es dramatische Augenblicke. Mir wurde es bei aller Amüsiertheit doch ein wenig wie dem „Reiter über dem Bodensee“ zumut, als Manfred so leichthin erzählte, wie sie beim Überfliegen eines brennendes Dorfes mit einem unaussprechlichen Namen in eine riesige Rauchsäule gerieten und plötzlich – wohl infolge der verminderten Tragfähigkeit der Luft – wie ein Stein nach unten stürtzten, bis es Holk, der eisern und ungerührt am Steuer gesessen hatte, gelang, die Machine einige hundert Meter über dem Erdboden und über den wütend feuernden russischen Batallionen abzufangen. Es wurde noch eine knappe Notlandung, zum Glück in einer deutschen Stellung, die tags zuvor noch als vom Feine besetzt gemeldet worden war. Die Tragflâchen waren hübsch von Treffern punktiert, auch der Motor hatte was abbekommen. Mit Reden und Fragen verging die halbe Nacht; wir bekamen diesmal nur wenig Schlaf. Alle möglichen Bilder, die Manfreds Erzählung hervorgerufen hatte, gingen durch meine Träume. Aber ich hatte nun begreifen gelernt, wie das Fliegen einen jungen, wagemutigen Menschen vom Schlage Manfreds sesseln kann und nicht mehr loslaßt. Manfred reiste viel zu schnell wieder ab. Er hatte es eilig, zu seinem Groß-Kampfflugzeug zu kommen. Das Leben hier zu Hause geht seinen gewohnten Gang.“

„Rußland–Ostende (Vom Zweisitzer zum Großkampfflugzeug) Nachdem in Rußland unsere Unternehmungen so sachte zum Stehen kamen, wurde ich plötzlich zu einem Großkampfflugzeug, zur B. A. O. nach Ostende versetzt (21. August 1915). Ich traf da einen alten Bekannten, Zeumer, und außerdem verlockte mich der Name »Großkampfflugzeug«. August 1915 traf ich in Ostende ein. Auf dem Bahnhof in Brüssel hatte mich mein guter Freund Zeumer abgeholt. Nun verlebte ich eigentlich eine sehr nette Zeit, die aber wenig Kriegerisches an sich hatte, aber sie war als Lehrzeit zum Kampfflieger unentbehrlich. Wir flogen viel, hatten selten Luftkämpfe und nie Erfolge. Dafür aber war das sonstige Leben reizvoll. Am Strand von Ostende hatten wir ein Hotel beschlagnahmt. Jeden Nachmittag badeten wir. Leider waren als Kurgäste nur Soldaten zu sehen. Auf den Terrassen von Ostende saßen wir, in unsere bunten Bademäntel gehüllt, und tranken nachmittags unseren Kaffee. * Wir saßen wieder mal, wie üblich, am Strande bei unserem Kaffee. Plötzlich ein Tuten, das hieß: ein englisches Seegeschwader ist gemeldet. [56]Natürlich ließen wir uns durch derartige Alarmnachrichten in unserer Gemütlichkeit nicht stören und tranken weiter. Da ruft einer: »Da sind sie!« und tatsächlich konnten wir am Horizont, wenn auch nicht sehr deutlich, einige qualmende Schornsteine und später auch Schiffe erkennen. Schnell wurden die Ferngläser geholt und beobachtet. Wir sahen eine ganz stattliche Zahl von Schiffen. Was sie eigentlich machen wollten, war uns unklar, aber bald sollten wir eines Besseren belehrt werden. Wir stiegen auf das Dach, um von dort oben mehr zu sehen. Mit einem Male pfeift’s, gleich darauf ein Riesenknall, und eine Granate schlägt am Strande ein, wo wir eben noch im Wasser waren. So schnell bin ich noch nie in den Heldenkeller gestürzt wie in diesem Moment. Das englische Geschwader schoß noch vielleicht drei-, viermal auf uns und richtete sich dann in der Hauptsache gegen den Ostender Hafen und Bahnhof. Getroffen haben sie natürlich nichts. Aber sie haben die braven Belgier in mächtige Aufregung versetzt. Eine Granate sauste mitten in das schöne Palasthotel am Strande von Ostende. Dies war der einzige Schaden. Zum Glück ist es englisches Kapital, das sie selbst vernichtet haben. * Abends wurde dann wieder feste geflogen. Bei einem unserer Flüge waren wir mit unserem Großkampfflugzeug sehr weit hinaus auf See [57]gekommen. Das Ding hatte zwei Motoren, und wir probierten hauptsächlich ein neues Steuer aus, das uns ermöglichen sollte, auch mit einem Motor weiter geradeaus zu fliegen. Wie wir ziemlich weit draußen sind, sehe ich unter uns, nicht auf dem Wasser, sondern – wie es mir schien – unter dem Wasser, ein Schiff schwimmen. Es ist ganz eigentümlich: Man kann von oben aus bei etwas ruhigem Seegang bis auf den Meeresgrund hinuntersehen. Natürlich nicht vierzig Kilometer tief, aber so einige hundert Meter Wasser kann man glatt durchschauen. Ich hatte mich auch nicht getäuscht, daß das Schiff nicht über Wasser, sondern unter Wasser schwamm, und trotzdem sah ich es so, als sei es oben. Ich machte Zeumer darauf aufmerksam, und wir gingen etwas tiefer hinunter, um Näheres zu erkennen. Ich bin zu wenig Marinemann, um gleich sagen zu können, was es gewesen ist; aber so sachte kapierte ich denn doch, daß es ein U-Boot war. Aber welcher Nationalität? Das ist nun wieder eine zweite schwierige Frage, die meiner Ansicht nach nur ein Marinemann lösen kann – und der auch nicht immer. Farbe ist so gut wie gar nicht zu erkennen. Die Flagge schon erst recht nicht. Außerdem hat ja wohl so ein U-Boot gar nichts dergleichen. Wir hatten zwei Bomben mit, und ich war mir sehr im Zweifel: sollte ich werfen, oder sollte ich nicht werfen? [58]Das U-Boot hatte uns nicht gesehen, denn es war halb unter Wasser. Wir konnten aber über dem Ding ganz ruhig herfliegen und hätten den Moment abpassen können, wo es auftauchte, um Luft zu schnappen, um unsere Eier zu legen. Das ist ganz bestimmt ein sehr kritischer Punkt für unsere Schwesterwaffe. Wie wir noch eine ganze Weile mit den Kerlen da unten ’rumgekindscht hatten, merkte ich plötzlich, wie aus dem einen unserer Kühler sich so sachte das Wasser empfahl. Dieses schien mir als »Franz« nicht ganz geheuer, und ich machte meinen »Emil« darauf aufmerksam. Der zog sein Gesicht in die Länge und machte nun, daß er nach Hause kam. Aber wir waren schätzungsweise zwanzig Kilometer von der Küste entfernt, und die wollen erst zurückgeflogen sein. Der Motor ließ so sachte nach, und ich machte mich schon im stillen auf ein kaltes und feuchtes Bad gefaßt. Aber siehe da, es ging! Der Riesenäppelkahn ließ sich mit einem Motor und dem neuen Steuer großartig deichseln, und wir erreichten noch glatt die Küste und konnten dort sehr schön auf unserem nahen Hafen landen. Glück muß der Mensch haben. Hätten wir nicht das neue Steuer an diesem Tage ausprobiert, wir wären rettungslos versoffen.“

„Ein Tropfen Blut fürs Vaterland (Ostende) Verwundet bin ich eigentlich nie worden. Ich habe wohl immer im entscheidenden Moment den Kopf weggenommen und den Bauch eingezogen. Oft habe ich mich gewundert, daß sie mich nicht gehascht haben. Einmal ging mir ein Schuß durch beide Pelzstiefel durch, ein andermal durch meinen Schal, wieder einmal an meinem Arm durch den Pelz und die Lederjacke durch, aber nie hat es mich berührt. Da flogen wir eines schönen Tages mit unserem Großkampfflugzeug los, um die Engländer etwas mit Bomben zu erfreuen, erreichten das Ziel, die erste Bombe fällt. Es ist natürlich sehr interessant festzustellen, wie der Erfolg dieser Bombe ist. Wenigstens den Einschlag möchte man immer gerne sehen. Mein Großkampfflugzeug, das sich für das Bombenschleppen ganz gut eignete, hatte aber die dumme Eigenschaft, daß man von der abgeworfenen Bombe den Einschlag schlecht sehen konnte, denn das Flugzeug schob sich nach dem Abwurf über das Ziel weg und verdeckte es mit seinen Flächen vollkommen. Dieses ärgerte mich immer, denn man hatte so wenig Spaß davon. Wenn’s unten knallt und man die lieblich grau-weiße Wolke der Explosion [60]sieht und sie auch in der Nähe des Zieles liegt, macht einem viel Freude. So winkte ich meinen guten Zeumer ein und wollte eigentlich, daß er so etwas mit dem Tragdeck beiseite ging. Dabei vergaß ich, daß das infame Ding, mein Äppelkahn, zwei Propeller hatte, die sich rechts und links neben meinem Beobachtersitz drehten. Ich zeigte ihm ungefähr den Einschlag der Bombe – und patsch! habe ich eins auf die Finger. Etwas verdutzt anfangs, stellte ich dann fest, daß mein kleiner Finger zu Schaden gekommen war. Zeumer hatte nichts gemerkt. Das Bombenwerfen war mir verleidet, schnell wurde ich meine letzten Dinger los, und wir machten, daß wir nach Hause kamen. Meine Liebe zum Großkampfflugzeug, die sowieso etwas schwach war, hatte durch diesen Bombenwurf schwer gelitten. Ich mußte nun acht Tage lang hocken und durfte nicht mitfliegen. Jetzt ist es nur noch ein Schönheitsfehler, aber ich kann doch wenigstens mit Stolz sagen: »Ich habe auch eine Kriegsverwundung.«“

„Zeumer und ich hätten zu gerne mal einen Luftkampf gehabt. Wir flogen natürlich unser Großkampfflugzeug. Schon allein der Name des Kahnes gab uns einen solchen Mut, daß wir es für ausgeschlossen hielten, ein Gegner könnte uns entgehen. Wir flogen am Tage fünf bis sechs Stunden, ohne je einen Engländer gesehen zu haben. Schon ganz entmutigt begaben wir uns eines Morgens wieder auf Jagd. Mit einemmal entdeckte ich einen Farman, der ungeniert seine Aufklärung fliegen wollte. Mir pochte das Herz, wie Zeumer auf ihn zuflog. Ich war gespannt, was sich nun eigentlich abspielen würde. Ich hatte nie einen Luftkampf gesehen und machte mir nur ganz dunkle Vorstellungen, so etwa wie du, mein lieber Leser. Ehe ich mich versah, waren wir beide, der Engländer und ich, aneinander vorbeigesaust. Ich hatte höchstens vier Schuß abgegeben, während der Engländer plötzlich hinter uns saß und uns den ganzen Laden voll schoß. Ich muß sagen, ich hatte nicht das Gefühl der Gefahr, weil ich mir auch gar nicht vorstellen konnte, wie nun eigentlich das Endresultat so eines Kampfes aussehen würde. Wir drehten uns noch einige Male umeinander, bis schließlich der Engländer [62]zu unserem größten Erstaunen ganz vergnügt kehrtmachte und weiterflog. Ich war stark enttäuscht, mein Führer auch. Zu Hause angekommen, waren wir beide sehr schlechter Laune. Er machte mir Vorwürfe, ich hätte schlecht geschossen, ich machte ihm Vorwürfe, er hätte mich nicht recht zum Schuß gebracht – kurz und gut, unsere Flugzeugehe, die sonst so tadellos war, hatte mit einemmal einen Knacks. Wir beschauten uns unsere Kiste und stellten fest, daß wir eigentlich eine ganz anständige Zahl von Treffern drinnen hatten. Noch am selben Tage unternahmen wir einen zweiten Jagdflug, der aber ebenso ergebnislos blieb. Ich war sehr traurig, denn ich hatte es mir bei einem Kampfgeschwader ganz anders vorgestellt. Ich glaubte immer, wenn ich mal zum Schuß käme, dann müßte der Bruder auch fallen. Bald mußte ich mich aber davon überzeugen, daß so ein Flugzeug ungeheuer viel verträgt. Schließlich gelangte ich zu der Überzeugung, ich könne noch so viel schießen und würde doch nie einen ’runterbekommen. An Mut hatten wir es nicht fehlen lassen. Zeumer konnte fliegen wie selten einer, und ich war ein ganz leidlicher Kugelschütze. Wir standen also vor einem Rätsel. Es ging nicht bloß mir alleine so, sondern es geht noch heute vielen anderen ebenso. Die Geschichte will eben wirklich verstanden sein.“

„Am 12. September brachte der Postbote eine seltsame Karte aus dem Feld. Sie war in ungelenker Handschrift verfaßt. Ich studierte sie und erfuhr daraus, daß Manfred leicht an der Hand verwundet ist. Da er selbst nicht schreiben konnte, so beauftragte er seinen Burschen Menzke, eine Nachricht an mich abzufassen, was der Brave denn auch in lakonischer, schmuckloser Art tat. – Erst ein späterer, humorvoller Bericht setzte mich ins Bild, wie das kleine Malheur geschah. Beim Bombenwerfen miet Leutnant Zeumer gestikulierte Manfred allzu eifrig seinem Wolkensitz – er wollte wohl seinen Piloten auf den Einschlag der Bombe aufmerksam machen – da bekam er von dem Propeller eins auf die Finger. Er ärgerte sich mächtig über sein Pech und hauptsächlich darüber, daß er nun acht Tage nicht starten konnte.“

„Die schöne Zeit in Ostende war nur sehr kurz, denn bald entbrannte die Schlacht in der Champagne, und wir flogen nach dieser Front, um uns dort weiter mit dem Großkampfflugzeug zu betätigen. Wir bemerkten bald, daß die Klamotte zwar ein großes Flugzeug war, aber niemals ein Kampfflugzeug abgab.“

„Einmal flog ich mit Osteroth, der ein etwas kleineres Flugzeug hatte als der Äppelkahn (das Großkampfflugzeug). Etwa fünf Kilometer hinter der Front trafen wir mit einem Farman-Zweisitzer zusammen. Er ließ uns ruhig ’rankommen, und ich sah zum ersten Male einen Gegner so ganz aus nächster Nähe in der Luft. Osteroth flog sehr geschickt so neben ihm her, daß ich ihn gut unter Feuer nehmen konnte. Der Gegner hatte uns wohl gar nicht bemerkt, denn ich hatte bereits meine erste Ladehemmung, wie er anfing, wiederzuschießen. Nachdem ich meinen Patronenkasten von hundert Schuß verschossen hatte, glaubte ich meinen Augen nicht trauen zu können, wie mit einem Male der Gegner in ganz seltsamen Spiralen niederging. Ich verfolgte ihn mit den Augen und klopfte Osteroth auf den Kopf. Er fällt, er fällt, und tatsächlich fiel er in einen großen Sprengtrichter; man sah ihn darin [64]auf dem Kopf stehen, Schwanz nach oben. Auf der Karte stellte ich fest: fünf Kilometer hinter der jetzigen Front lag er. Wir hatten ihn also jenseits abgeschossen. In damaliger Zeit wurden aber Abschüsse jenseits der Front nicht bewertet, sonst hätte ich heute einen mehr auf meiner Liste. Ich war aber sehr stolz auf meinen Erfolg, und im übrigen ist es ja die Hauptsache, wenn der Kerl unten liegt, also nicht, daß er einem als Abschuß angerechnet wird.“

„Zeumer verpaßte sich in dieser Zeit einen Fokker-Eindecker, und ich konnte zusehen, wie er allein durch die Welt segelte. Die Champagne-Schlacht tobte. Die französischen Flieger machten sich bemerkbar. Wir sollten zu einem Kampfgeschwader zusammengestellt werden und fuhren am 1. Oktober 1915 nach. Im Speisewagen saß am Nebentisch ein junger unscheinbarer Leutnant. Es lag auch kein Grund für ihn vor, besonders aufzufallen, nur eine Tatsache stand fest: er war von uns allen der einzige, der bereits mal einen feindlichen Flieger abgeschossen hatte, und zwar nicht nur einen, sondern schon vier. Er war sogar mit Namen im Heeresbericht genannt. Er imponierte mir auf Grund seiner Erfahrungen ganz rasend. Ich konnte mir noch so große Mühe geben, ich hatte bis dahin noch immer keinen zur Strecke, jedenfalls war mir noch keiner anerkannt worden. Zu gerne hätte ich erfahren, wie dieser Leutnant Boelcke das nun eigentlich machte. So stellte ich an ihn die Frage: »Sagen Sie mal bloß, wie machen Sie’s denn eigentlich?« Er lachte sehr belustigt, dabei hatte ich aber wirklich ernst gefragt. Dann antwortete er mir: »Ja, Herrgott, ganz einfach. Ich fliege eben ran und ziele gut, dann fällt er halt herunter.« Ich [66]schüttelte bloß den Kopf und meinte, das täte ich doch auch, bloß daß er eben bei mir nicht ’runterfiele. Der Unterschied war allerdings der, er flog Fokker und ich mein Großkampfflugzeug. Ich gab mir Mühe, diesen netten bescheidenen Menschen, der mir wahnsinnig imponierte, näher kennenzulernen. Wir spielten oft Karten zusammen, gingen spazieren, und ich fragte ihn aus. So reifte in mir der Entschluß: »Du mußt selber einen Fokker fliegen lernen, dann wird es vielleicht besser gehen.« Mein Sinnen und Trachten ging nun dahin, zu lernen, selbst »den Knüppel zu führen«. Denn ich war bisher immer nur Beobachter gewesen. Es bot sich bald Gelegenheit, auf einer alten Klamotte in der Champagne zu schulen. Ich betrieb das mit großem Eifer und war nach fünfundzwanzig Schulflügen vor dem Alleinflug.“

„Es gibt so einige Augenblicke im Leben, die einen besonderen Nervenkitzel verursachen, so z. B. der erste Alleinflug. Zeumer, mein Lehrer, erklärte mir eines Abends: »So, nun flieg’ mal alleine los.« Ich muß sagen, daß ich ihm am liebsten geantwortet hätte: »Ich habe zu große Angst.« Aber dies Wort soll ja der Vaterlandsverteidiger niemals in den Mund nehmen. Also mußte ich wohl oder übel meinen Schweinehund ’runterschlucken und mich in die Maschine setzen. Er erklärte mir noch einmal jeden Griff theoretisch; ich hörte nur noch mit halbem Ohre zu, denn ich war der festen Überzeugung: Du vergißt doch die Hälfte. Ich rollte zum Start, gab Gas, die Maschine bekam ihre bestimmte Geschwindigkeit, und mit einem Male konnte ich nicht umhin, festzustellen, daß ich tatsächlich flog. Es war schließlich kein ängstliches, sondern ein verwegenes Gefühl. Mir war jetzt alles Wurscht. Mochte passieren, was da wollte, ich wäre über nichts mehr erschrocken gewesen. Mit Todesverachtung machte ich eine Riesenlinkskurve, stellte an dem genau bezeichneten Baum das Gas ab und wartete der Dinge, [68]die sich nun ereignen würden. Nun kam das Schwierigste, die Landung. Mir waren die notwendigen Handgriffe genau in Erinnerung. Ich machte sie mechanisch nach, jedoch reagierte die Maschine ganz anders als sonst, wo Zeumer drin saß. Ich war aus dem Gleichgewicht gebracht, machte einige falsche Bewegungen, stand auf dem Kopf, und schon gab es wieder mal eine »Schulmaschine«. Sehr traurig beguckte ich mir den Schaden, der sich zum Glück bald beheben ließ, und hatte im übrigen noch den Spott auf meiner Seite. Zwei Tage später ging ich mit rasender Passion wieder an mein Flugzeug, und siehe da, es ging wunderbar. Nach vierzehn Tagen konnte ich die erste Prüfung machen. Ein Herr v. T. war Richter. Ich flog die mir vorgeschriebenen Achten und die mir befohlenen Landungen, worauf ich sehr stolz ausstieg und nun zu meinem größten Erstaunen hörte, daß ich durchgefallen sei. Mir blieb nichts anderes übrig, als später meine erste Prüfung noch einmal zu machen.“

„Liebe Mama!

Eben kommen die neuen Fliegerhandschuhe an. Du kannst Dir kaum denken, wie ich mich über sie gefreut habe. Habe recht, recht herzlichen Dank dafür. Da Du ja weißt, daß ich Änderungen und Abwechslungen sehr gern hatte, wird es Dich gewiß nicht wundern, wenn ich Dir  mitteile, daß ich beabsichtige, die schöne Champagne in nächster Zeit wieder zu verlassen. Ich bin zu einem Riesenflugzeug kommandiert, aber leider ist es noch nicht fertig. Deshalb müssen mein Führer, der Herr v. Osteroth, und ich in nächster Zeit nach Berlin, um uns mit dem Riesenkahn anzufreunden. Er soll fast so viel Bomben schleppen können wie ein Zeppelin. Fünf bis sechs Mann fliegen darauf mit: Monteur, Maschinengewehrschütze, zwei Führer, ein Beobachter. Ich bin sehr gespannt auf die Kiste. Hoffentlich werden wir uns dann auch öfters sehen. Ihr wolltet doch jetzt auch nach Berlin kommen.“

„Das Interesse an seiner Fliegertätigkeit hat womöglich noch zugenommen. Gleichzeitig aber meldet sich seine Jagdpassion. Er hat ja das fabelhafte Auge und die sichere Hand meines Mannes. Oftmals – als Manfred noch fast ein Knabe war – sind die beiden in den Nonnebusch gezogen. Manfred war immer dabei, das Wort ‚Jagd‘ faszinierte ihn; man konnte ihn mitten in der Nacht wecken. Nur einmal, als mein Mann ihn vor Tau und Tag aus dem Bett holte, brummte er ein bißchen: „Na warte nur, wenn meine Gören mal so weit sind, dann schmeiße ich sie auch so früh aus der Klappe.“ Dann aber sprang er mit beiden Füßen zugleich aus dem Bett, und die beiden Jäger zogen ab.Diese Schießkunst war gemeinsames Erbteil meines Mannes wie meiner Familie. Ich wunderte mich denn auch nicht, als Manfred schrieb, er wolle Jagdflieger werden. Dazu braucht er aber den Pilotenschein. So ist er jetzt vier bis sechs Wochen in Döberitz und läßt sich ausbilden. Zu Weihnachten will er sein Examen ablegen.“

„Um meine Examina bestehen zu können, mußte ich aber nach Berlin. Ich benutzte die Gelegenheit, um als Beobachter ein Riesenflugzeug in Berlin auf den Schwung zu bringen, und ließ mich dazu nach Döberitz kommandieren (15. November 1915). Für das Riesenflugzeug hatte ich anfangs großes Interesse. Aber es ist komisch, gerade durch das Riesending wurde mir klar, daß nur das kleinste Flugzeug für meine Zwecke als Kampfflieger etwas taugen kann. So ein großer Äppelkahn ist zum Kämpfen zu unbeweglich, und das ist ja eben die Hauptsache für mein Geschäft. Der Unterschied zwischen einem Großkampfflugzeug und einem Riesenflugzeug ist der, daß das Riesenflugzeug noch erheblich größer ist und mehr dem Zwecke für Bomben dient und weniger zum Kampfe. Meine Prüfungen machte ich nun in Döberitz, zusammen mit einem lieben Menschen, Oberleutnant v. Lyncker. Wir beide vertrugen uns gut und hatten dieselben Passionen, auch dieselbe Auffassung über unsere spätere Tätigkeit. Unser Ziel war Fokkerfliegen, um zusammen zu einer Jagdstaffel nach dem Westen zu kommen. Ein [70]Jahr später haben wir es erreicht, zusammenwirken zu können, wenn auch nur für kurze Zeit, denn meinen guten Freund ereilte bei seinem dritten Abschuß die tödliche Kugel.“

„Oft haben wir in Döberitz lustige Stunden verlebt. So war z. B. eine Bedingung: »Außenlandungen.« Ich verband bei dieser Gelegenheit das Notwendige mit dem Angenehmen. Zu meinem Außenlandeplatz suchte ich mir ein mir bekanntes Gut Buchow aus. Dort war ich auf Saujagd eingeladen, bloß vertrug sich die Sache schlecht mit meinem Dienst, denn an schönen Abenden wollte ich fliegen und trotzdem meiner Jagdpassion nachgehen. So legte ich mir meinen Außenlandeplatz so, daß ich von dort aus bequem meine Jagdgründe erreichen konnte. Ich nahm mir einen zweiten Piloten als Beobachter mit und schickte diesen abends zurück. Nachts setzte ich mich auf Sauen an und wurde am nächsten Morgen von diesem Piloten wieder abgeholt. Wenn ich nicht hätte abgeholt werden können, so wäre ich ziemlich auf dem Trockenen gewesen, da mir ein Fußmarsch von etwa zehn Kilometern geblüht hätte. So brauchte ich einen Mann, der mich bei jedem Wetter von meinem Hochsitz abholte. Es ist aber nicht jedermanns Sache, auf Wetter gar keine Rücksicht zu nehmen, doch es gelang mir, einen Gesinnungstüchtigen zu finden. Eines Morgens, nachdem ich die Nacht wieder draußen zugebracht hatte, begann ein ungeheures Schneegestöber. Man konnte nicht fünfzig Meter weit sehen. Acht Uhr war es gerade, die angegebene Zeit, zu der mich der Pilot abholen sollte. Im stillen hoffte ich, er würde es diesmal sein lassen. Aber mit einem Male hörte ich ein Summen – sehen konnte ich nichts – fünf Minuten später lag mein schöner Vogel etwas verbogen vor mir.“

„Das Schicksal meint es gut mit uns. Unsere Wünsche haben sich erfüllt. Gemeinsam feiern wir das Weihnachtsfest, fast könnte man sich in frühere, sorglose Zeiten zurückversetzt glauben. Wieder einmal stand ich mit meinen vier Kindern unter dem Lichterbaum. Ich setzte mich ans Klavier und spielte „Stille Nacht, heilige Nacht.“. Manfred und Ilse sangen prachtvoll mit, mit ihren schönen klaren Stimmen. Lothar (gänzlich unmusikalisch und ohne Stimme) hielt die Lippen geschlossen, aber um so heller strahlten seine Augen. Alle drei, auch Bolko, waren in Uniform; Ilse in ihrer Schwesterntracht… …Manfred konnte ebenfalls recht luftig, ja ausgelassen sein; es war herzerfrischend, wenn er über irgendeine komische Geschichte so unbändig lachen konnte. Ich mußte an ein luftiges, kleines Begebnis denken, Menzke, der Bursche, hatte es bei seinem letzten Hiersein in der Küche erzählt. Einmal, in Friedenszeiten, ärgerte sich Manfred darüber, daß die Gaffer in Klumpen jeden Tag am Kasernentor standen und seine Bemühungen, die Rekruten auszubilden, mit mehr oder weniger sinnvollen Kommentaren versahen. Für den nächsten Tag hatte er Menzke eine tüchtige Portion Knallfrösche bezorgt. Menzke mußte so tun, als habe er am Kasernentor zu schaffen und in gebückter Stellung – den Rücken gegen die Zuschauer – die Feuerwerkskörper zur Entzündung bringen. Knallen und Hopfen und Schreien durcheinander. Die erschreckten Gehleute rissen aus wie Schafleder, sich gegenseitig umrennend. Marktkörbe mit Äpfeln, Kohl und Eiern kollerten aufs Pflaster, die Gaffer verzogen sich, teils schimpfend, teils lachend. Um meisten aber lachten die Ulanen, Manfred schlug sich auf den Schenkel und konnte sich nicht lassen vor Heiterkeit – bisder Schwadronschef, dem selber das Lachen um die Mundwinkel zuckte, seinem erfinderischen Leutnant solche wirksamen aber allzu originellen Lektionen ein für allemal untersagte. Dieses jungenhaft übermütige tritt bei Manfred immer wieder zutage, er ist so unverbraucht, aber – es bestimmt nicht sein Wesen, etwas anderes in ihm überwiegt: männlicher Tatendrang, gepaart mit eisernem Willen und unbeirrbarem Zielbewußtsein. Ich sage absichtlich Zielsbewußtsein, denn ich glaube, daß er stets ein festumrissenes Ziel im Auge hatte, das er erreichen wollte und würde, einerlei aus welchem Gebiet. Tolles Draufgängertum war durchaus nicht Manfreds Art. Sein Lebensstil ist das „Erst wägen – dann wagen“. In einem klaren Kopf wurde ein Vorhaben gefaßt und als richtig erkannt – dann aber vermochte nichts mehr, ihn irre zu machen. An Mut und Energie, seine Pläne zu verwirklichen, fehlte es ihm nicht. Er konnte auch blitzschnell einen Entschluß fassen, er wußte immer sofort, was er tun mußte. Er schwankte niemals mit seiner Ansicht herum. Gern habe auch ich, trotz seiner Jugend, vieles mit ihm besprochen – wie man das sonst mit einem Familienoberhaupt tut. Manfred sah erstaunlich klar. Er riet mit volkommener Ruhe, die kaum zu seinem Alter zu passen schien, immer das Richtige. Es war wundervoll, etwas mit ihm durchzusprechen. Wenn man seine Ansicht hörte, konnte man beruhigt danach handeln. „Manfred hat immer recht“ – das war auch Lothars unumstößliche Ansicht. Daran konnte ihn niemand irre machen. Es war Lothars Evangelium, seine Wegweisung im Leben. Es war für ihn eine Selbstverständlichkeit, daß Manfred en erster Stelle stand. Er kannte keinen Neid, er freute sich darüber. Unter und neben diesem Bruder fühlte er sich wohl, hier war sein Platz, hier wollte er stehen – und das mit vollem, ungeteiltem Herzen. Lothar liebte Manfred mehr als sich selbst, und es sind keine leeren Worte: wenn es darauf ankam, hätte Lothar ohne Zaudern sein Leben für das seines Bruders geopfert. Ein so treuer Freund war für Manfred von unschätzbarem Wert – es war gewissermaßen die Verstärkung seines eigenen Ichs. Lothar hatte Ruhe und Todesverachtung. Er war von beispiellosem Schneid. In diesem Punkt stand er keinen Schritt hinter Manfred zurück. Und wer in der Familie liebte nicht Lothar! Rührend geduldig war er mit seinem Schwerhörigen Vater; wie verstand er es auch, dem kleinen Kadettenbruder immer wieder eine Freude zu bereiten! Wie liebevoll war er gegen Mutter und Schwester! … Dieser Heilige Abend, den ich mit all meinen Kindern, mit meinem Manne unter dem Lichterbaum verleben durfte, stimmte mich dankbar und froh.“

„Am Weihnachtstage 1915 machte ich mein drittes Examen. Ich verband damit einen Flug nach Schwerin und sah mir dort die Fokker-Werke an. Als Beobachter nahm ich mir meinen Monteur mit und flog dann später mit ihm von Berlin nach Breslau, von Breslau nach Schweidnitz, von Schweidnitz nach Lüben, von Lüben nach Berlin, überall zwischenlandend, Bekannte und Verwandte aufsuchend. Das Orientieren im Flugzeug fiel mir als altem Beobachter nicht schwer.“

„MvR fährt vier Stunden mit dem Zug zum Fokker-Werk in Schwerin, nördlich von Berlin.“

„Trifft Anthony Fokker und erhält eine zweitägige Führung durch die Maschinenfabrik.“

„Liebe Mama!

Seit ich Neujahr in Schwerin war, bin ich nicht ein einziges Mal mehr geflogen. Hier, in Berlin, regnet es dauernd; dadurch kommen wir gar nicht vorwärts. Und ich wäre so gern gerade jetzt draußen. Ich glaube, man würde etwas erleben…!“

„Die Weihnachtstage klangen lange in mir nach, und kaum, daß ich sie genossen, kam eine neue Freude über uns. Aus der Luft kam sie. Am 1. Februar hatte ich einen Anruf von Manfred, daß er am nächsten Tage mit Lothar nach Sweidnitz geflogen käme und auf dem kleinen Exerzierplatz, gegenüber unserem Hause, landen würde. Schnell gab ich die gute Botschaft an Albrecht nach Gnadenfrei durch; am nächsten Morgen um acht Uhr war mein Mann schon zur Stelle. Große Aufregung im Hause, die ihren Höhepunkt erreichte, als Manfred wiederum telefonierte, daß er in einer Stunde bei uns landen würde. Wir eilten auf den kleinen Exerzierplatz, der bereits militärisch abgesperrt war; zahlreiche Bekannte hatten sich eingefunden. Unsere Augen suchten un ablässig den Himmel ab, Albrecht war kaum zu halten, er wollte unbedingt darauf bestehen, daß ein Bettlaken als Landungszeichen angebracht würde; nur mit Mühe konnte ich ihm das Vorhaben ausreden. Diese Stunde auf dem kleinen Exerzierplatz hatte für mich etwas Besonderes, da beide Brüder, die so sehr ein Herz und eine Seele waren, nun in einem Flugzeug ankommen sollten. Wir starrten zum Himmel; man spürte leise Kopfschmerzen und verlor das Gefühl für die Umgebung. Da, um ein halb elf rief Ilse – sie hat die fabelhaften Augen wie Manfred: „Sie kommen …!“ – „Wo?“ Ich sah nichts, die anderen sahen nichts. Absolut nichts. Schließlich entdeckten wie einen winzigen schimmernden Punkt in ungeheurer Höhe. Frohe Erregung bemächtigte sich der Zuschauer, sehr bald traten die Umrisse des Flugzeuges klar hervor, es wuchs zusehends. Das Brausen des Motors, das erst ein schwaches Summen gewesen war, wurde zum Rauschen. Mit großer Sicherheit und Eleganz landete Manfred. Das Flugzeug rollte aus un stand, alle umringten den Doppeldecker. Jeder wollte mit ihnen sprechen, sie wurden geknipft und konnten sich der unzähligen Fragen, in die wir unsere mischten, nicht erwehren. Sie hatten von Breslau nicht einmal eine Viertelstunde gebraucht. Die wenigen Minuten Zwischenlandung schrumpften in ebenso viele Sekunden, dann rollte der Doppeldecker gegen den Wind in kurzen, hopfenden Sprüngen, hob sich vom Boden und war bald unseren Blicken entschwunden, so wie er gekommen war. Was zurückblieb, war ein schimmernder Punkt im Himmelsglast, nicht mehr als ein Funken, der von der Wintersonne ausgesogen wurde. In großer und freudiger Erregung gingen wir andern nach Hause.“

„Der Monat März brachte die Erlösung. Er wurde als Pilot zum Jagdgeschwader Nr. 2 versetzt. Dies war das zweite Geschwader der Carrier Pigeons; sein Hauptquartier befand sich in Metz, aber es lebte in einem Sonderzug, komplett mit Schlaf- und Speisewagen für die Offiziere und Soldaten. Die Unterkünfte waren etwas eng, aber ihre Bewohner hatten die Möglichkeit, es sich bequem zu machen, da sie nie von ihren Habseligkeiten getrennt waren. Es gab jedoch eine Reihe von Hunden, Haustiere verschiedener Piloten und Beobachter, die im Zug herumstreiften, in der Hoffnung, sich in ein Schlafabteil schleichen zu können, um dort an den Stiefeln ihres Besitzers zu knabbern. Als Richthofen dem Geschwader beitrat, wurde er gewarnt, dass er seine Schuhe auf eigene Gefahr herumliegen ließ.

Als er sich dieser Staffel anschloss, fand er den Zug mehr oder weniger dauerhaft auf einem Nebengleis irgendwo zwischen Landres und Marville in der Gegend von Verdun vor, so dass er ganz in der Nähe seiner alten Freunde, der Ostende Pigeons, war. Seine neuen Kameraden hatten ihr Bestes getan, um sich in dieser trostlosen Gegend heimisch zu fühlen. Sie säuberten eine alte, verlassene Gaststätte und verwandelten sie in eine fröhliche Kantine, in die sie das Klavier transportierten, das sie immer mit sich herumtrugen.

Das Beste an dieser Staffel war jedoch die Tatsache, dass sie von Wilhelm, dem älteren Bruder des berühmten Oswald Boelcke, kommandiert wurde. Oswald selbst war nach einer Kampfphase in Douai in die Gegend zurückgekehrt, sodass alle Chancen standen, ihn wiederzusehen.

Richthofen war mit seinem Leben zufrieden. Obwohl er einen großen Jäger flog, sah er sich seinem Ziel – dem Fokker, den er ins Herz geschlossen hatte – einen Schritt näher. Er beschloss, die endgültige Beförderung vorwegzunehmen. Er wollte sowohl kämpfen als auch fliegen und dachte, dass diese Kombination sogar für den Piloten eines großen Jägers möglich sei.“

„Ein Gewitterflug Unsere Tätigkeit vor Verdun im Sommer 1916 wurde durch häufige Gewitterstürme gestört. Nichts Unangenehmeres gibt es für einen Flieger, als durch ein Gewitter hindurch zu müssen. Während der Somme-Schlacht zum Beispiel landete ein ganzes englisches Geschwader hinter unseren Linien, weil es durch ein Gewitter überrascht wurde. Es geriet so in Gefangenschaft. Ich hatte noch nie den Versuch gemacht, durch ein Gewitter hindurchzufliegen, und konnte es mir nicht verkneifen, das doch mal auszuprobieren. In der Luft war den ganzen Tag eine richtige Gewitterstimmung. Von meinem Flughafen Mont war ich nach dem nahen Metz hinübergeflogen, um dort einiges zu erledigen. Da ereignete sich bei meinem Nachhauseflug folgendes: Ich war auf dem Flugplatz in Metz und wollte nach meinem Flughafen zurück. Wie ich meine Maschine aus der Halle zog, machten sich die ersten Anzeichen eines nahen Gewittersturmes bemerkbar. Der Wind kräuselte den Sand, und eine pechschwarze Wand zog von Norden her heran. Alte, erfahrene Piloten rieten mir dringend ab, zu fliegen. Ich hatte aber fest versprochen zu kommen, und es wäre mir furchtsam erschienen, wenn ich wegen eines dummen Gewitters ausgeblieben wäre. Also, Gas gegeben und mal probiert! Schon beim Start fing’s an zu regnen. Die Brille mußte ich wegwerfen, um überhaupt etwas sehen zu können. Das Üble war, daß ich über die Moselberge wegmußte, durch deren Täler gerade der Gewittersturm brauste. Ich dachte mir: »Nur zu, es wird schon glücken,« und näherte mich mehr und mehr der schwarzen Wolke, die bis auf die Erde herunterreichte. Ich flog so niedrig wie möglich. Über Häuser und Baumreihen mußte ich teilweise hinwegspringen. Wo ich war, wußte ich schon lange nicht mehr. Der Sturm erfaßte meinen Apparat wie ein Stück Papier und trieb ihn vor sich her. Mir saß das Herz doch etwas tiefer. Landen konnte ich nicht mehr in den Bergen, also mußte durchgehalten werden. Um mich herum war es schwarz, unter mir bogen sich die Bäume im Sturm. Plötzlich lag vor mir eine bewaldete Höhe. Ich mußte auf sie zu, mein guter Albatros schaffte es und riß mich darüber hinweg. Ich konnte nur noch geradeaus fliegen; jedes Hindernis, das kam, mußte genommen werden. Es war die reine Springkonkurrenz über Bäume, Dörfer, besonders Kirchtürme und Schornsteine, da ich höchstens noch fünf Meter hoch fliegen konnte, um in der schwarzen Gewitterwolke überhaupt noch etwas zu sehen. Um mich herum zuckten die Blitze. Ich wußte damals noch nicht, daß der Blitz nicht in das Flugzeug schlagen kann. Ich glaubte den sicheren Tod vor Augen zu haben, denn der Sturm mußte mich bei der nächsten Gelegenheit in ein Dorf oder in einen Wald werfen. Hätte der Motor ausgesetzt, so wäre ich erledigt gewesen. Da sah ich mit einem Male vor mir eine helle Stelle am Horizont. Dort hörte das Gewitter auf; erreichte ich diesen Punkt, so war ich gerettet. Die ganze Energie zusammennehmend, die ein junger, leichtsinniger Mensch haben kann, steuerte ich darauf zu. Plötzlich, wie abgerissen, war ich aus der Gewitterwolke heraus, flog zwar noch im strömenden Regen, aber fühlte mich im übrigen geborgen. Noch immer bei strömendem Regen landete ich in meinem Heimatshafen, wo schon alles auf mich wartete, da von Metz bereits die Nachricht eingetroffen war, ich sei in einer Gewitterwolke, Richtung dorthin, verschwunden. Nie wieder werde ich, wenn es nicht mein Vaterland von mir fordert, durch einen Gewittersturm hindurchfliegen. In der Erinnerung ist alles schön, so gab es auch dabei schöne Momente, die ich nicht in meinem Fliegerdasein missen möchte.“

„Das Glück war ihm hold, als er einen Infanteristen/Kfz-Mechaniker namens Josef Holzapfel traf, der bis zu jenem schicksalhaften Tag im April 1918 neben seinem Ordonnanzoffizier, Unteroffizier Menzke, sein vertrauter Mechaniker bleiben sollte.“

Josef Holzapfel in einem Interview in der „Kölner Zeitung” vom 22. April 1938: „Die Offiziere schliefen in Eisenbahnwaggons, und wir anderen schliefen in Zelten in der Nähe der Flugzeuge. Wir hatten es uns recht bequem gemacht, vor allem weil es nicht so heiß war wie in den Eisenbahnwaggons. Eines Tages kam Richthofen zu uns und fragte, ob er in unserem Zelt schlafen könne. Er wollte wissen, ob er die anderen nicht stören würde und ob sie damit einverstanden wären. Auch wenn die anderen natürlich begeistert reagierten, hatte Richthofen das starke Gefühl, dass sich die Männer in seiner Gegenwart nicht so frei fühlen würden wie allein.

Und so kam es: Eines Nachts stolperte der diensthabende Unteroffizier im Dunkeln über das Abspannseil, und eine Wasserlache, die sich in der Plane angesammelt hatte, ergoss sich über Richthofen, der in der Nähe des Eingangs kampierte. Klatschnass rief er seinen Ordonnanzoffizier, ließ seine Sachen zum Eisenbahnwagen zurückbringen und sagte lachend: „Die sind in Ordnung, die Jungs, sie haben mich auf anständige Weise losgeworden.“

Holzapfel fuhr fort: „Verstehen Sie das nicht falsch … Er war in unseren Augen ‚der Baron‘, er war Offizier, ich der Untergebene. Aber er benahm sich überhaupt nicht so. Er ging großartig mit uns um. Und das ermöglichte es uns, Höchstleistungen zu erbringen.“

25 April 1916
Heeresbericht vom 26. April 1916
über Fleury, südlich von Douaumont und westlich davon
Fleury-devant-Douamont

„Im Heeresbericht vom 26. April 1916 bin ich zum ersten Male, wenn auch nicht persönlich genannt, so doch durch eine meiner Taten erwähnt. Ich hatte mir auf meine Maschine ein Gewehr oben zwischen die Tragdecks im Geschmack, wie es der Nieuport hat, aufgebaut und war auf diese Konstruktion allein schon sehr stolz. Man lachte wohl etwas darüber, denn sie sah sehr primitiv aus. Ich schwor natürlich darauf und hatte bald Gelegenheit, sie praktisch zu verwerten. Ich begegnete einem Nieuport, der scheinbar auch [73]Anfänger war, denn er benahm sich furchtbar töricht. Ich flog auf ihn zu, worauf er ausriß. Offenbar hatte er eine Ladehemmung. Ich hatte nicht das Gefühl, als ob ich kämpfen würde, vielmehr: »Was wird jetzt erfolgen, wenn du auf ihn schießt?« Ich fliege ’ran, zum erstenmal auf eine ganz, ganz nahe Entfernung, drücke auf den Knopf des Maschinengewehrs, eine kurze Serie wohlgezielter Schüsse, mein Nieuport bäumt sich auf und überschlägt sich. Anfangs glaubten wir, mein Beobachter und ich, es sei eins der vielen Kunststücke, die einem die Franzosen vorzumachen pflegen. Dieses Kunststück wollte aber nicht aufhören, es ging immer tiefer, immer tiefer; da klopft mir mein »Franz« auf den Kopf und ruft mir zu: »Ich gratuliere, der fällt!« Tatsächlich fiel er in einen Wald hinter dem Fort Douaumont und verschwand zwischen den Bäumen. »Den hast du abgeschossen,« das war mir klar. Aber – jenseits! Ich flog nach Hause, meldete weiter nichts als: »Ein Luftkampf, ein Nieuport abgeschossen.« Einen Tag darauf las ich diese meine Heldentat im Heeresbericht. Ich war nicht schlecht stolz darauf, aber zu meinen zweiundfünfzig zählt dieser Nieuport nicht. * Heeresbericht vom 26. April 1916 Zwei feindliche Flugzeuge sind über Fleury, südlich von Douaumont und westlich davon, im Luftkampf abgeschossen.“

27 April 1916
über Fleury, südlich von Douaumont und westlich davon
Fleury-devant-Douamont

„Liebe Mama!

In aller Eile eine freudige Botschaft: Sieh Dir mal den Heeresbericht vom 26. April 1916 an! Das eine der Flugzeuge hat mein Maschinengewehr auf dem Gewissen.“

„Mit Erschütterung hörten wir, daß Graf Holk nicht mehr lebt. …Diese Luft auf dem Rücken der Pferde verband ihn eng met Manfred, der ja auch als Rennreiter vor dem Kriege schon kleine Erfolge hatte, dem man auf diesem Gebiet eine Zukunft voraussagte. Dann hatten die beiden sich im Osten getroffen, ein ungebundenes Fliegerleben miteinander gefürht, das den alten kühnen Reitergeist in die Lüfte übertrug. ..Lange hielt ich Manfreds Brief in der Hand. Er ließ keinen Zweifel: Holk war aus 3000 Meter mit Kopfschutz senkrecht in die Tiefe gestürzt; …“

„Als junger Flugzeugführer flog ich mal bei einem Jagdfluge über das Fort Douaumont hinweg, auf dem gerade heftiges Trommelfeuer lag. Da sah ich, wie ein deutscher Fokker drei Caudrons angriff. Zu seinem Pech war aber sehr starker Westwind. Also ungünstiger Wind. Er wurde im Laufe des Kampfes über die Stadt Verdun hinausgetrieben. Ich machte meinen Beobachter darauf aufmerksam, der auch meinte, das muß ein ganz schneidiger Kerl sein. Wir überlegten, ob es Boelcke sein könnte, und wollten uns nachher danach erkundigen. Da sah ich aber zu meinem Schrecken, wie aus dem Angreifer ein Verteidiger wurde. Der Deutsche wurde von den Franzosen, die sich mittlerweile auf mindestens zehn Flugzeuge verstärkt hatten, immer mehr heruntergedrückt. Ihm zu Hilfe kommen, konnte ich nicht. Ich war zu weit ab von den Kämpfenden und kam zudem in meiner schweren Maschine nicht gegen den Wind an. Der Fokker wehrte sich verzweifelt. Jetzt hatten ihn die Feinde schon mindestens auf sechshundert Meter heruntergedrückt. Da wurde er plötzlich von einem seiner Verfolger erneut angegriffen. Er verschwand in einem Sturzflug in einer Kumuluswolke. [75]Ich atmete auf, denn das war meiner Ansicht nach seine Rettung. Zu Hause angekommen, erzählte ich, was ich gesehen hatte, und erfuhr, daß es Holck, mein alter Kampfgenosse aus dem Osten, war, der vor kurzem vor Verdun Jagdflieger geworden war. Mit Kopfschuß war Graf Holck senkrecht abgestürzt. Es ging mir sehr nahe, denn er war nicht bloß ein Vorbild an Schneid, er war eben auch als Mensch eine Persönlichkeit, wie es nur wenige gibt.“

„Richthofen flog nach Sivry zur Beerdigung [von Holck], nur eine von vielen solchen Veranstaltungen, sowohl bescheidenen als auch aufwendigen, an denen er in den nächsten zwei Jahren teilnehmen würde.“

„Wie man in einem Brief vom 3. Mai 1916 lesen kann, fühlte er sich „in der neuen Beschäftigung als Kampfflieger sehr wohl“ – „Ich glaube, daß mich kein Posten im Kriege mehr reizen könnte als dieser.““

„Liebe Mama!

Habe recht herzlichen Dank für Deine Glückwünsche zu meinem Geburtstage, den ich hier sehr nett verlebte. Vormittags hatte ich drei sehr nervenkitzelnde Luftkämpfe und abends saß ich mit Zeumer, meinem ersten Piloten, bis ein Uhr nachts bei einer Maibowle unter einem  blühenden Apfelbaum. Ich fühle mich in der neuen Beschäftigung als Kampfflieger (Pilot) sehr wohl; ich glaube, daß mich kein Posten im Kriege mehr reizen könnte wie dieser. Ich fliege Fokker, das ist das Flugzeug, mit dem Boelcke und Immelmann ihre riesigen Erfolge haben.  Holcks Tod tut mir zu leid. Drei Tage bevor er fiel, hatte ich ihn noch besucht, und wir waren so lustig zusammen. Er erzählte mir von seiner Gefangennahme in Montenegro. Man kann sich gar nicht denken, daß dieser von Gesundheit und Kraft strotzende Mensch nun nicht mehr ist. Von seinem letzten Luftkampf bin ich Augenzeuge gewesen. Erst schoß er einen Franzosen in einem Geschwader herunter, hatte scheinbar Ladehemmung und wollte wieder zurückfliegen über unsere Linie. Da hängte sich ihm ein ganzer Schwarm von Franzosen an. Mit einem Kopfschuß sauste er aus dreitausend Metern in die Tiefe. – Ein schöner Tod. – Holck mit einem Arm oder einem Bein wäre nicht auszudenken. Heute fliege ich zu seiner Beerdigung.“

„Das erstemal auf einem Fokker Von Anfang meiner Pilotenlaufbahn an hatte ich nur ein Streben, und das war, in einem einsitzigen Kampfflugzeug fliegen zu dürfen. Nach langem Quälen bei meinem Kommandeur hatte ich die Erlaubnis ’rausgeschunden, einen Fokker zu schaukeln. Der Motor, der sich um sich selbst drehte, war mir etwas ganz Neues. Auch so allein in einem kleinen Flugzeug zu sitzen, war mir fremd. Ich besaß mit einem Freund, der jetzt schon lange tot ist, zusammen diesen einen Fokker. Vormittags flog ich ihn, nachmittags er. Jeder hatte Angst, der andere könne die Kiste eher zerschmeißen. Am zweiten Tage flogen wir gegen den Feind. Mir war vormittags kein Franzose begegnet, nachmittags kam der andere an die Reihe. Er kam nicht wieder, keine Nachricht, nichts. Spätabends meldete die Infanterie einen Luftkampf zwischen einem Nieuport und einem deutschen Fokker, nach dessen Verlauf der Deutsche scheinbar jenseits auf dem Toten Mann gelandet wäre. Es konnte nur Reimann sein, denn alle anderen waren zurückgekommen. Wir bedauerten unseren kühnen Kameraden, da plötzlich kam nachts die telephonische Nachricht, ein deutscher Fliegeroffizier sei mit einem Male im vordersten [80]Sappenkopf der Infanteriestellung auf dem Toten Mann erschienen. Er entpuppte sich als Reimann. Ihm war der Motor zerschossen worden, so daß er zur Notlandung gezwungen war. Er hatte dabei unsere Linien nicht mehr erreichen können und war zwischen dem Feind und uns gelandet. Schnell hatte er noch seine Maschine in Brand gesteckt und sich dann einige hundert Meter davon in einem Sprengtrichter verborgen gehalten. In der Nacht war er dann als Schleichpatrouille in unseren Gräben erschienen. So endete zum ersten Male unser Aktienunternehmen: »Der Fokker«. * Nach einigen Wochen bekamen wir einen zweiten. Diesmal fühlte ich mich verpflichtet, das gute Ding ins Jenseits zu befördern. Es war vielleicht mein dritter Flug auf der kleinen, schnellen Maschine. Beim Start setzte der Motor aus. Ich mußte hinunter, gerade in ein Haferfeld hinein, und im Umsehen war aus dem stolzen, schönen Apparat bloß noch eine unkenntliche Masse geworden. Wie durch ein Wunder war mir nichts passiert.“

„Erfreulich ist für mich, daß sich Manfred und Lothar hin und wiedr sehen und auch telefonisch in Verbindung bleiben. Nie vergißt Lothar, über solche Augenblicke zu berichten. Le Chatelet, 8. Mai 1916. „Manfred besuchte mich auf eine Stunde. Es war sehr nett, sich hier im Felde mal wiederzusehen. Einige Tage darauf schoß er einen Franzmann ab. Leider ist mir dies noch nicht gelungen, obgleich ich auch schon einige Lufkämpfe hinter mir habe. Einmal rettete ich eins unserer Flugzeuge aus den Klauen zweier Franzosen. Der Beobachter, ein Leutnant v. Schwerin von meiner Staffel, war tödlich verwundet und konnte sich nicht mehr wehren. Leider ist er nachher doch gestorben. Der Führer war nur leicht verwundet. Das Trommelfeuer am Toten Mann sehe ich jeden zweiten Tag.“

„Wie verwerteten die Milch in jeder Form, aber den Clou ihrer Bewertung herauszufinden, blieb Manfred vorbehalten. Das kam so: Wir waren Pfingsten in Trebnig bei meinem Bruder gewesen, hatten uns der üppig stehenden Saaten und des glatten Biehs erfreut; es war ein Grünen und Blühen wie im tiefsten Frieden. Als wir am nächsten Tage in Schweidnitz wieder ankamen, fanden wir liebe feldgraue Einquartierung: Manfred war da, zu kurzem Aufenthalt. Unser Herr Pilot war glänzender Laune, murrte nicht ein bißchen, daß er das Haus mit den Mädchen allein hatte hüten müssen. Er hatte sich nämlich inzwischen nüßlich und stillvergnügt in landwirtschaftlichem Sinne betätigt. Bei einer Revision der Speisekammer und der Keller war er auf den Einfall gekommen, die fette Milch buttern zu lassen. Jetzt wog er einen weißen Klumpen in der Hand, den er als feinste Süßrahm-Saanenziegenbutter bezeichnete. Er ließ nicht locker, bis wir gekostet hatten. Er strahlte aus seinen blauen Augen, als wir die ein wenig streng schmeckende Paste mit dem Prädikat „einfach ganz hervorragend“ versahen. – Am nächsten Tage reiste er wieder ab.“

„Sein Staffelführer Victor Carganico erinnerte sich: „Als er als Pilot für Zweisitzer zu meiner Staffel kam, drängte er mich bereits, ihn für zwei oder drei Tage zu Keller, dem Leiter des Flugplatzes in Montmédy, zu schicken, um dort eine Ausbildung für Einsitzer-Jäger zu absolvieren. Nach seiner Rückkehr stellte ich ihm meinen eigenen Einsitzer zur Verfügung, da er aufgrund eines Motorausfalls, der nicht seine Schuld war, in der Nähe von Verdun ‚landen‘ musste.“

„Ein Gewitterflug Unsere Tätigkeit vor Verdun im Sommer 1916 wurde durch häufige Gewitterstürme gestört. Nichts Unangenehmeres gibt es für einen Flieger, als durch ein Gewitter hindurch zu müssen. Während der Somme-Schlacht zum Beispiel landete ein ganzes englisches Geschwader hinter unseren Linien, weil es durch ein Gewitter überrascht wurde. Es geriet so in Gefangenschaft. Ich hatte noch nie den Versuch gemacht, durch ein Gewitter hindurchzufliegen, und konnte es mir nicht verkneifen, das doch mal auszuprobieren. In der Luft war den ganzen Tag eine richtige Gewitterstimmung. Von meinem Flughafen Mont war ich nach dem nahen Metz hinübergeflogen, um dort einiges zu erledigen. Da ereignete sich bei meinem Nachhauseflug folgendes: Ich war auf dem Flugplatz in Metz und wollte nach meinem Flughafen zurück. Wie ich meine Maschine aus der Halle zog, machten sich die ersten Anzeichen eines nahen Gewittersturmes bemerkbar. Der Wind kräuselte den Sand, und eine pechschwarze Wand zog von Norden her heran. Alte, erfahrene Piloten rieten mir dringend ab, zu fliegen. Ich hatte aber fest versprochen zu kommen, und es wäre mir furchtsam erschienen, wenn ich wegen eines dummen Gewitters ausgeblieben [77]wäre. Also, Gas gegeben und mal probiert! Schon beim Start fing’s an zu regnen. Die Brille mußte ich wegwerfen, um überhaupt etwas sehen zu können. Das Üble war, daß ich über die Moselberge wegmußte, durch deren Täler gerade der Gewittersturm brauste. Ich dachte mir: »Nur zu, es wird schon glücken,« und näherte mich mehr und mehr der schwarzen Wolke, die bis auf die Erde herunterreichte. Ich flog so niedrig wie möglich. Über Häuser und Baumreihen mußte ich teilweise hinwegspringen. Wo ich war, wußte ich schon lange nicht mehr. Der Sturm erfaßte meinen Apparat wie ein Stück Papier und trieb ihn vor sich her. Mir saß das Herz doch etwas tiefer. Landen konnte ich nicht mehr in den Bergen, also mußte durchgehalten werden. Um mich herum war es schwarz, unter mir bogen sich die Bäume im Sturm. Plötzlich lag vor mir eine bewaldete Höhe. Ich mußte auf sie zu, mein guter Albatros schaffte es und riß mich darüber hinweg. Ich konnte nur noch geradeaus fliegen; jedes Hindernis, das kam, mußte genommen werden. Es war die reine Springkonkurrenz über Bäume, Dörfer, besonders Kirchtürme und Schornsteine, da ich höchstens noch fünf Meter hoch fliegen konnte, um in der schwarzen Gewitterwolke überhaupt noch etwas zu sehen. Um mich herum zuckten die Blitze. Ich wußte damals noch nicht, daß der Blitz nicht in [78]das Flugzeug schlagen kann. Ich glaubte den sicheren Tod vor Augen zu haben, denn der Sturm mußte mich bei der nächsten Gelegenheit in ein Dorf oder in einen Wald werfen. Hätte der Motor ausgesetzt, so wäre ich erledigt gewesen. Da sah ich mit einem Male vor mir eine helle Stelle am Horizont. Dort hörte das Gewitter auf; erreichte ich diesen Punkt, so war ich gerettet. Die ganze Energie zusammennehmend, die ein junger, leichtsinniger Mensch haben kann, steuerte ich darauf zu. Plötzlich, wie abgerissen, war ich aus der Gewitterwolke heraus, flog zwar noch im strömenden Regen, aber fühlte mich im übrigen geborgen. Noch immer bei strömendem Regen landete ich in meinem Heimatshafen, wo schon alles auf mich wartete, da von Metz bereits die Nachricht eingetroffen war, ich sei in einer Gewitterwolke, Richtung dorthin, verschwunden. Nie wieder werde ich, wenn es nicht mein Vaterland von mir fordert, durch einen Gewittersturm hindurchfliegen. In der Erinnerung ist alles schön, so gab es auch dabei schöne Momente, die ich nicht in meinem Fliegerdasein missen möchte.“

„24. Juni 1916 Die letzten Tage hier waren sehr anstrengend. Bin oft zehn Stunden in der Luft gewesen, habe Bomben geworfen ufw. Einige Luftkämpfe habe ich auch schon hinter mir – aber leider ohne Erfolg. Kürzlich haben wir bei einem „Bomben“-Film unseren sehr netten Geschwaderfürher, einen Hauptmann von Detten, verloren. Manfred ist wieder draußen und fliegt Fokker…“

„Wenige Wochen später folgte ihm Immelmann. Abgestürzt und tot. Unfaßbar. Er lebte im ganzen Volke. …Manfred schrieb: „Auf die Dauer glaubt eben jeder mal dran.“ …“

„Ich blätter in alten Briefen aus Manfreds freier, ungebundener Fliegerzeit, als Georg Zeumer, Freund und Lehrer, ihn noch unterwies. Oft hatte ich inzwischen gefragt, was aus ihm wohl geworden sei, nachdem er das doppelte Mißgeschick hatte, über Fort Vaux abgeschossen zu werden und sich auf dem Abtransport den Schenkel zu brechen. Die Wunden heilten schlecht, Zuckerkrankheit trat auf, das Bein wurde neun Zentimeter verkürzt, Georg konnte nur noch an Stöcken gehen. Dennoch hing er mit jeder Faser seines Herzens weiter an der Fliegerei. Und nun – vor wenig Tagen – hörte ich, daß es ihm, namentlich durch Manfreds Vermittlung, gelungen ist, wieder ins Feld zu kommen, zur Jagdstaffel Boelcke. Für solche Gesinnung gibt es nicht ehrende Worte genug!“

„Häufig kam Manfred noch mit Zeumer zusammen; es war mir ein sympatischer Gedanke, die beiden alten Kampfgenossen aus dem Osten, die sich auch menschlich nahestanden, beieinander zu wissen. Leider ist der arme Z. von Pech verfolgt. über Fort Vaux wurde er abgeschossen, jedoch wie durch ein Wunder nur leicht verletzt. Da mußte es dann geschehen, daß beim Abtransport das Auto verunglückte und Z. sich an den rechten Oberschenkel brach. Nun wird es wohl mit dem Fliegen aus sein, und Manfred verliert einen seiner besten Kameraden.“

„Vor ein paar Tagen bin ich mit meiner Fokker in den Boden gekracht. Die Zeugen waren mehr als nur ein bisschen erstaunt, als ich nach geraumer Zeit völlig unverletzt aus dem Trümmerhaufen kroch. Mein guter Freund Zeumer hat mich bereits übertroffen. Zuerst wurde er von den Franzosen abgeschossen und erlitt nur leichte Streifschüsse, drei Tage später brach er sich unter ziemlich dummen Umständen den Oberschenkel. Ich spiele mit dem Gedanken, zu Bölcke zu gehen und sein Schüler zu werden. Ich brauche immer wieder Abwechslung. Das wäre wieder etwas Neues und würde mir nicht schaden.“

„Liebe Mama!

Was habt Ihr zu Immelmanns Tod gesagt? Auf die Dauer glaubt eben jeder mal dran. – Auch Boelcke. – Der Kommandeur von Lothars Kampfgeschwader ist auch von einem Bombenfilm nicht zurückgekommen. Einen Tag vorher ist der Kommandeur von meinem alten K. G. 1, ehemals B. A. O. auch abgeschossen worden. Es war ein Freiherr von Gerstorff, wohl der tüchtigste Kommandeur, den ein Kampfgeschwader je gehabt hat. Ich habe ihn immer gern gehabt.“

„Bombenflüge in Rußland. Juni hieß es plötzlich verladen. Wir wußten nicht, wo es hinging, aber den richtigen Tip hatten wir und waren deshalb nicht übermäßig erstaunt, wie uns unser Kommandeur mit der Neuigkeit überraschte, daß wir nach Rußland gingen. Wir fuhren durch ganz Deutschland mit unserem Wohnzug, aus Speise- und Schlafwagen bestehend, und kamen schließlich nach Kowel. Dort blieben wir in unseren Eisenbahnwagen wohnen. Dieses Wohnen in Zügen hat ja nun natürlich sehr viel Vorteile. Man ist stets fertig, um weiterzureisen, und man hat immer dasselbe Quartier. Aber in der russischen Sommerhitze ist so ein Schlafwagen das Fürchterlichste, was es geben kann. Deshalb zog ich es vor, mit zwei guten Freunden, Gerstenberg und Scheele, in den nahen Wald zu ziehen, wo wir uns ein Zelt aufbauten und wie Zigeuner lebten. Das waren schöne Zeiten. * In Rußland warf unser Kampfgeschwader viel Bomben. Wir beschäftigten uns damit, die Russen zu ärgern, und legten auf ihre schönsten Bahnanlagen unsere Eier. An einem dieser Tage zog unser ganzes Geschwader los, um eine sehr wichtige Bahnhofsanlage zu bewerfen. Das Nest hieß Manjewicze und lag etwa dreißig Kilometer hinter der Front, also nicht so übertrieben weit. Die Russen hatten einen Angriff geplant, und zu diesem Zweck war der Bahnhof ganz ungeheuerlich mit Zügen angefüllt. Ein Zug stand neben dem anderen, eine ganze Strecke war mit fahrenden Zügen belegt. Man konnte das von oben sehr schön sehen; an jeder Ausweichstelle stand ein Transportzug. Also ein wirklich lohnendes Ziel für einen Bombenflug. Man kann sich für alles begeistern. So hatte ich mich mal für eine Weile für dieses Bombenfliegen begeistert. Es machte mir einen unheimlichen Spaß, die Brüder da unten zu bepflastern. Oft zog ich an einem Tage zweimal los. An diesem Tage hatten wir uns also Manjewicze zum Ziele gesteckt. Jede Staffel für sich zog geschlossen gen Rußland. Die Maschinen standen am Start, jeder Flugzeugführer versuchte noch einmal seinen Motor, denn es ist eine peinliche Sache, auf der falschen Partei notzulanden und besonders in Rußland. Der Russe ist auf Flieger wie wild. Kriegt er einen zu fassen, schlägt er ihn ganz bestimmt tot. Das ist auch die einzige Gefahr in Rußland, denn feindliche Flieger gibt es da nicht, oder so gut wie gar nicht. Kommt mal einer vor, so hat er sicherlich Pech und wird abgeschossen. Die Ballonabwehrgeschütze in Rußland sind manchmal ganz gut, aber ihre Zahl nicht ausreichend. Gegen den Westen jedenfalls ist das Fliegen im Osten eine Erholung. * Die Maschinen rollen schwer bis an den Startplatz. Sie sind bis auf ihr letztes Ladegewicht mit Bomben angefüllt. Ich schleppte manchmal einhundertfünfzig Kilogramm Bomben mit einem ganz normalen C-Flugzeug. Außerdem hatte ich noch einen schweren Beobachter mit, dem man die Fleischnot gar nicht ansah, ferner »für den Fall, daß« noch zwei Maschinengewehre. Ich habe sie nie in Rußland ausprobieren können. Es ist sehr schade, daß in meiner Sammlung kein Russe vorhanden ist. An der Wand würde sich seine Kokarde gewiß ganz malerisch machen. So ein Flug mit einer dicken, schwerbeladenen Maschine, besonders in der russischen Mittagsglut, ist nicht von Pappe. Die Kähne schaukeln sehr unangenehm. Runterfallen tun sie natürlich nicht, dafür sorgen die einhundertfünfzig »Pferde«, aber es ist doch kein angenehmes Gefühl, so viel Sprengladung und Benzin bei sich zu haben. Endlich ist man in einer ruhigeren Luftschicht und kommt allmählich zu dem Genuß des Bombenfluges. Es ist schön, geradeaus zu fliegen, ein bestimmtes Ziel zu haben und einen festen Auftrag. Man hat nach einem Bombenwurf das Gefühl: Du hast etwas geleistet, während man manchmal bei einem Jagdflug, wo man keinen abgeschossen [84]hat, sich sagen muß: Du hättest es besser machen können. Ich habe sehr gern Bomben geworfen. Mein Beobachter hatte es sachte sehr ordentlich wegbekommen, das Ziel genau senkrecht zu überfliegen und mit Hilfe eines Zielfernrohres den guten Augenblick abzupassen, um sein Ei zu legen. Es ist ein schöner Flug nach Manjewicze. Ich habe ihn öfters hinter mir. Wir kamen über riesige Waldkomplexe, in denen gewiß die Elche und Luchse herumturnen. Die Dörfer sahen allerdings auch so aus, als ob sich die Füchse darin Gute Nacht sagen könnten. Das einzige größere Dorf in der ganzen Gegend war Manjewicze. Um das Dorf herum waren zahllose Zelte aufgeschlagen und am Bahnhof selbst unzählige Baracken. Rote Kreuze konnten wir nicht erkennen. Vor uns war eine Staffel dagewesen. Dieses konnte man an einzelnen rauchenden Häusern und Baracken noch feststellen. Sie hatte nicht schlecht geworfen. Der eine Ausgang des Bahnhofs war durch einen Treffer offenbar versperrt. Die Lokomotive dampfte noch. Gewiß waren die Herren Zugführer irgendwo in einem Unterstand oder so was Ähnlichem. Auf der anderen Seite fuhr gerade eine Lokomotive mit großer Fahrt heraus. Natürlich reizte einen das, das Ding zu treffen. Wir fliegen das Ding an und setzen einige hundert Meter davor eine Bombe. Der gewünschte Erfolg war da, die Lokomotive blieb stehen. Wir machen kehrt und werfen noch sauber Bombe für Bombe, fein gezielt durch das Zielfernrohr, auf den Bahnhof. Wir haben ja Zeit, es stört uns niemand. Ein feindlicher Flughafen ist zwar ganz in der Nähe, aber seine Piloten sind nicht zu sehen. Abwehrgeschütze knallen nur ganz vereinzelt und in einer ganz anderen Richtung als wir fliegen. Wir heben uns noch eine Bombe auf, um sie besonders nutzbringend beim Nachhauseflug anzuwenden. Da sehen wir, wie ein feindlicher Flieger auf seinem Hafen startet. Ob er sich wohl mit dem Gedanken trägt, uns anzugreifen? Ich glaube es nicht. Viel eher sucht er Sicherheit in der Luft, denn das ist bei Bombenflügen auf Flughäfen ganz gewiß das bequemste, sich der persönlichen Lebensgefahr zu entziehen. Wir machen noch einige Umwege und suchen Truppenlager, denn das macht besonderen Spaß, die Herren da unten mit Maschinengewehren zu beunruhigen. Solche halbwilden Völkerstämme wie die Asiaten haben noch viel mehr Angst als die gebildeten Engländer. Besonders interessant ist es, auf feindliche Kavallerie zu schießen. Es bringt ungeheure Unruhe unter die Leute. Man sieht sie mit einem Male nach allen Himmelsrichtungen davonsausen. Ich möchte nicht Schwadronschef von so einer Kosakeneskadron sein, die von Fliegern mit Maschinengewehren beschossen [86]wird. Allmählich konnten wir wieder unsere Linien sehen. Nun wurde es Zeit, daß wir unsere letzte Bombe loswurden. Wir beschlossen, einen Fesselballon, »den« Fesselballon der Russen, mit einer Bombe zu bedenken. Wir konnten ganz gemütlich auf wenige hundert Meter heruntergehen und den Fesselballon bewerfen. Anfangs wurde er mit großer Hast eingezogen, wie aber die Bombe gefallen war, hörte das Einziehen auf. Ich erklärte es mir dadurch, nicht etwa, daß ich getroffen hatte, sondern eher, daß die Russen ihren Hetman da oben in dem Korb im Stich ließen und weggelaufen waren. Wir erreichten schließlich unsere Front, unsere Gräben und waren, als wir zu Hause ankamen, doch etwas erstaunt, wie wir feststellten, daß man uns von unten doch beschossen hatte, wenigstens zeigte dies ein Treffer in der Tragfläche. * Ein andermal waren wir gleichfalls etwa in derselben Gegend auf einen Angriff der Russen angesetzt, die den Stochod zu überschreiten beabsichtigten. Wir kamen an die gefährdete Stelle, mit Bomben beladen und sehr viel Patronen fürs Maschinengewehr, und da sahen wir zu unserer großen Überraschung, wie bereits der Stochod von feindlicher Kavallerie überschritten wird. Eine einzige Brücke diente zum Nachschub. Also war es klar: Trifft man diese, so kann man dem Feind ungeheuer schaden. Außerdem wälzten sich über den schmalen Steg dicke Truppenmassen. Wir gingen auf möglichst niedrige Höhe hinunter und konnten nun genau erkennen, daß die feindliche Kavallerie in großer Geschwindigkeit über den Übergang marschierte. Die erste Bombe krachte nicht weit von ihr, die zweite, dritte folgte unmittelbar darauf. Unten entsteht eine wüste Unordnung. Die Brücke ist zwar nicht getroffen, aber nichtsdestotrotz hat der Verkehr vollständig aufgehört, und alles, was Beine hat, ist nach allen Himmelsrichtungen davon. Der Erfolg war gut, denn das waren nur drei Bomben; es kam ja noch das ganze Geschwader hinterher. Und so konnten wir noch manches erreichen. Mein Beobachter schoß feste mit dem Maschinengewehr unter die Brüder, und wir hatten einen wilden Spaß daran. Was unser positiver Erfolg war, kann ich natürlich nicht sagen. Die Russen haben es mir auch nicht erzählt. Aber eingebildet habe ich mir, daß ich den russischen Angriff allein abgeschlagen habe. Ob es stimmt, wird die Kriegschronik der Russen nach dem Kriege mir wohl mitteilen.“

„Mercy Le Bas bei Sandres, 5. Juli 1916 Wie Du aus den Zeitungen ersiehst, ist hier im Westen wieder großer Betrieb. Wir sind nach obigem Flughafen umgezogen, etwas näher an Verdun – wo Manfred zuvor gelegen hat. Jetzt ist er ja im Osten bei der Bugarmee.“

„Liebe Mama!

Vor einigen Tagen bin ich mit meinem Fokker auf die Nase gefallen. Die Zuschauer waren nicht wenig erstaunt, wie ich nach einer ganzen Weile gänzlich unbeschädigt aus dem Trümmerhaufen hervorgekrochen kam. Meinem guten Freund Zeumer geht es jetzt schon etwas besser.  Erst wird er von den Franzosen abgeschossen und bekommt nur einige leichte Streifschüsse, drei Tage darauf bricht er sich bei einer ganz dummen Geschichte den Oberschenkel. Ich trage mich mit dem Gedanken, zu Boelcke zu gehen und sein Schüler zu werden. Ich brauche eben immer
Abwechslung. Das wäre wieder einmal was Neues und keine Verschlechterung für mich.“

„Dieses Foto zeigt einen Tagesbombenangriff auf La Brayelle durch die F.E.2bs der 23. Staffel am 13. August 1916. Bombenexplosionen (die lange Schatten werfen) sind zwischen der Landezone und den Gebäuden in der Mitte des Fotos zu sehen. (H. Kilmer) (Bildquelle: Inside the victories of Manfred von Richthofen – Band 1, James F. Miller, Aeronaut Books, 2016)“

„Am 25. August überraschte uns Manfred mit seinem Besuch auf der Durchreise vom Osten nach dem Westen. Einige Monate hat das Kampfgeschwader, dem er angehört, die Bahnhöfe und Brücken am Stochod unsicher gemacht. Er war braunverbrannt von der russischen Sonne, war bester Stimmung, erzählte lebhaft, während wir im Garten unter den großen Nußbäumen saßen. Et wußte so anschaulich zu schildern, daß man die packenden Szenen vor sich zu haben glaubte. „Ich habe gern Bomben geworfen“, sagte Manfred. „Man hat immer das Gefühl, was geleistet zu haben, wenn man nach Hause fliegt.“ „Aber…?“ Manfred steht am Stamm des Nußbaumes. Etwas sehr Freudiges ist in seiner Stimme: „Jetzt geht’s zur Jagdfliegerei, Mama!“ Und ich höre nun, wie Boelcke, der „große Mann“ mit dem Pour Le Mérite, eines Tages auf dem heißen sandigen Flugplatz von Kowel erschien und ihn für die neue Jagdstaffel anwarb, die er an der Somme nach eigenem Plan zusammenstellen sollte. Am Tage darauf sind Albrecht und Manfred zur Jagd gefahren, in den Nonnenbusch. Sie schossen 15 Hühner… …Nachmittags geschieht etwas, mit dem ich mich nicht so schnell abfinden kann: eine Dame in tiefem Trauergewand besucht uns….Die Dame ist gegangen. Wir sind allein. Manfred blickt mich an mit großen Augen. „Mama“, sagt er, „um mich legst du dir einmal nicht solche Qualen auf, versprich mir das.“ Das sind seine Worte gewesen, ich sah ihn erstaunt an. Doch Manfred legte sofort seinen Arm um mich und lachte. Ein frohes, sorgloses lachen. Es scheuchte die trüben Gedanken hinweg.“

„… Neben mir hat Boelcke von hier einen jungen Uhlan-Leutnant namens von Richthofen rekrutiert, einen großartigen Kerl, der sich bereits in Verdun und hier als mutiger und zuverlässiger Flieger bewährt hat.“

„Haben Sie kein Interesse mehr daran, Kampfpilot zu werden, mein junger Freund?“, fragte Bölcke den ungläubigen Baron. „Ja, natürlich, Herr Leutnant“, platzte Manfred heraus. Er fand schnell seine gewohnte Gelassenheit wieder und bat den sächsischen Flieger, Platz zu nehmen. „Bitte setzen Sie sich, Herr Leutnant.“

In wenigen stakkatoartigen Sätzen erklärte Bölcke den Grund seines Besuchs. Der Baron war sich des Grundes wohl bewusst, hörte aber höflich und mit größtem Interesse zu. „Für unsere Flieger an der Somme-Front läuft es schlecht. Der Feind hat die Kontrolle über den Luftraum übernommen. Sie wissen, was das bedeutet. Ihre Flugzeuge leiten das Artilleriefeuer ungehindert. Ihre Kampfflugzeuge beschießen ununterbrochen unsere Infanterie. Die Auswirkungen auf die Moral unserer Männer sind katastrophal. Unser Flugdienst wird verspottet. Die Truppen an der Front sagen: ‚Möge Gott England, unsere Artillerie und unsere Luftwaffe bestrafen.‘ Und die Infanterie fragt: ‚Hat jemand einen deutschen Flieger gesehen?‘ Ich habe den Befehl erhalten, eine Gruppe ausgewählter Flieger zu rekrutieren, eine Elite-Staffel zu bilden und den Feind aus der Luft zu vertreiben. Was sagen Sie, Baron, möchten Sie mich an die Somme begleiten und echte Kampfhandlungen erleben?“

„Eines Nachmittags tauchte Oswald Bölcke auf. Er war auf dem Rückweg nach Deutschland von einer Besichtigungstour bei Luftwaffengruppen in der Türkei. Die Reise war vom Oberkommando mit dem doppelten Ziel organisiert worden, Bölcke nach seinem neunzehnten Abschuss eine Pause zu gönnen und den deutschen und türkischen Streitkräften, die auf der Arabischen Halbinsel gegen die Araber und Briten kämpften, zu zeigen, dass sie trotz der beiden anderen Fronten des Vaterlandes nicht vergessen worden waren. Bölcke hatte mehr Flugzeuge abgeschossen als jeder andere Deutsche und wurde von Berlin als der weltbeste Kampfpilot angepriesen. Beim Abendessen erzählte er den beeindruckten Bomberpiloten, dass er nur für ein paar Stunden vorbeigekommen sei, um seinen Bruder Wilhelm zu besuchen, der zufällig der Kommandant von Richthofens Geschwader war. Das stimmte nicht ganz. Der jüngere Bölcke hatte den Auftrag erhalten, eine mobile Elite-Aufklärungsstaffel aufzubauen, um den immer besser und entschlossener werdenden britischen Staffeln an der Westfront entgegenzutreten. Er war auf der Suche nach Talenten. Richthofen war einer der Piloten, die am Esstisch saßen und Bölcke jedes Mal anlächelten, wenn sich ihre Blicke trafen. Er blieb in der Gruppe, die den Brüdern Bölcke nach dem Essen in eine Lounge folgte, und hörte aufmerksam zu, als Oswald die Bedingungen in Frankreich und einige der herausragenden alliierten Piloten beschrieb, denen die Deutschen dort begegneten. Als es spät wurde, verließen die Offiziere der 2. Jagdstaffel einzeln oder zu zweit den Raum und verabschiedeten sich respektvoll, als hätten sie gespürt, dass sie sich in einer Art Vorsprechen befanden, bis die Brüder schließlich allein in einem Raum voller Zigarettenrauch und leerer Gläser zurückblieben. Oswald erklärte Wilhelm, warum er gekommen war, und fügte hinzu, dass Richthofen nach dem, was er an diesem Abend und zuvor gesehen und gehört hatte, Scout-Pilot werden wollte. Er wusste etwas über den Hintergrund des Preußen, über seine wohlhabende Familie und über seine bekannte Leidenschaft für die Jagd und seine offensichtliche Gleichgültigkeit gegenüber Frauen und Alkohol. Wie stand es um sein Temperament? Würde er in eine Jagdstaffel passen? Würde er die Geduld haben, in der Luft so zu pirschen wie am Boden, und die Gehorsamkeit, Anweisungen so schnell zu befolgen, wie es im Luftkampf notwendig war? Hatte er die Augen und Reflexe, um erfolgreich aggressiv zu sein? Wilhelm erzählte Oswald, dass Richthofen einen schwierigen Start beim Fliegen gehabt hatte und obwohl er immer noch etwas ungeschickt war, hart daran arbeitete, besser zu werden. Er wusste fast nichts über die Funktionsweise von Flugzeugen oder deren Maschinengewehre und zeigte wenig Interesse daran, etwas zu lernen. Diese Eigenschaft müsse man im Auge behalten, sagte Wilhelm, denn sie sei ein sicheres Zeichen für einen Ruhmesjäger, der sich nicht mit Details beschäftigen wolle. Details entschieden Schlachten, fügte Wilhelm hinzu, was Richthofen in der Schule hätte lernen müssen. Aber er war eifrig, und sein Hunger nach Ruhm – sogar zu groß – war keine schlechte Sache, wenn man ihm die Grundlagen in seinen Dickschädel hämmern konnte, bevor er getötet wurde. Wenn er seine ersten Patrouillen überlebte, riet der ältere Bölcke dem jüngeren, würde er wahrscheinlich ein guter Aufklärungsflieger werden. Und da war noch einer, namens Erwin Böhme, ein alter Mann von siebenunddreißig Jahren und ein außergewöhnlich geschickter und mutiger Pilot. Warum nicht auch ihn mitnehmen, fragte Wilhelm, und einen alten Tiger unter die Jungen haben. Am nächsten Morgen packte Bölcke seine Tasche und ging dann zu Richthofen und Böhme. Er lud sie ein, sich einer neuen Gruppe namens „Jagdstaffel 2“ anzuschließen, und wenn sie zustimmten, sollten sie sich am oder um den 1. September in Lagnicourt, Frankreich, einfinden. Jagd ist deutsch für „Jagen“. Sie nahmen an.“

„Endlich! Die Augustsonne war fast unerträglich auf dem sandigen Flugplatz in Kowel. Wir unterhielten uns mit den Kameraden, da erzählte einer: »Heute kommt der große Boelcke und will uns, oder vielmehr seinen Bruder, in Kowel besuchen.« Abends erschien der berühmte Mann, von uns sehr angestaunt, und erzählte vieles Interessante von seiner Reise nach der Türkei, von der er gerade auf dem Rückwege war, um sich im Großen Hauptquartier zu melden. Er sprach davon, daß er an die Somme ginge, um dort seine Arbeit fortzusetzen, auch sollte er eine ganze Jagdstaffel aufstellen. Zu diesem Zwecke konnte er sich aus der Fliegertruppe ihm geeignet erscheinende Leute aussuchen. Ich wagte nicht, ihn zu bitten, daß er mich mitnähme. Nicht aus dem Grunde heraus, daß es mir bei unserem Geschwader zu langweilig gewesen wäre – im Gegenteil, wir machten große und interessante Flüge, haben den Rußkis mit unseren Bomben so manchen Bahnhof eingetöppert – aber der Gedanke, wieder an der Westfront zu kämpfen, reizte mich. Es gibt eben nichts Schöneres für einen jungen Kavallerieoffizier, als auf Jagd zu fliegen. Am nächsten Morgen sollte Boelcke wieder wegfahren. Frühmorgens klopfte es plötzlich an [89]meiner Tür, und vor mir stand der große Mann mit dem Pour le mérite. Ich wußte nicht recht, was er von mir wollte. Ich kannte ihn zwar, wie bereits erwähnt, aber auf den Gedanken kam ich nicht, daß er mich dazu aufgesucht hatte, um mich aufzufordern, sein Schüler zu werden. Fast wäre ich ihm um den Hals gefallen, wie er mich fragte, ob ich mit ihm nach der Somme gehen wollte.“

„Drei Tage später saß ich auf der Eisenbahn und fuhr quer durch Deutschland direkt nach dem Feld meiner neuen Tätigkeit. Endlich war mein sehnlichster Wunsch erfüllt, und nun begann für mich die schönste Zeit meines Lebens. Daß sie sich so erfolgreich gestalten würde, wagte ich damals nicht zu hoffen. Beim Abschied rief mir ein guter Freund noch nach: »Komm’ bloß nicht ohne den Pour le mérite zurück!«“

„Dieses Foto wurde wahrscheinlich am 16. September 1916 aufgenommen, als Oswald Boelcke und einige seiner Piloten von Jasta 2 zum Armee-Flug-Park 1 fuhren, um ihre neuen Albatros-Jäger abzuholen. Boelcke steht in der Mitte mit einem Spazierstock, ihm gegenüber (mit gefalteten Händen) steht Alfred Keller, der Kommandant von AFP1, Richthofen steht hinter Keller und wird teilweise von ihm verdeckt.“

„Gefechtsbericht: Vickers Nr. 7018, Motor Nr. 701, Maschinengewehre Nr. 17314n 10372, bei Villers Plouich, 1100 Uhr.

Beim Patrouillenflug entdeckte ich Schrapnellwolken in Richtung Cambrai. Ich eilte los und traf auf einen Trupp, den ich kurz nach 1100 angriff. Ich wählte die letzte Maschine aus und schoss mehrmals auf kürzeste Distanz (zehn Meter). Plötzlich stand der feindliche Propeller still. Die Maschine ging im Gleitflug zu Boden, und ich folgte ihr, bis ich den Beobachter getötet hatte, der bis zum letzten Augenblick nicht aufgehört hatte zu schießen. Nun ging mein Gegner in scharfen Kurven nach unten. Auf etwa 1.200 Meter kam eine zweite deutsche Maschine und griff mein Opfer bis auf den Boden an und landete dann neben dem englischen Flugzeug. Wetter: heller Vormittag mit Wolken am Nachmittag.

Augenzeugen: Hauptmann Boelcke von oben und Hauptmann Gaede, Leutnant Pelser und andere Offiziere von unten.

Pilot: N.C.O. Rees [sic], verwundet, Krankenhaus in Cambrai.

Beobachter: Gefallen, begraben durch Jagdstaffel 4.“

„Wir standen alle auf dem Schießplatz, und einer nach dem anderen schoß sein Maschinengewehr ein, so, wie es ihm am günstigsten erschien. Am Tage vorher hatten wir unsere neuen Apparate bekommen, und am nächsten Morgen wollte Boelcke mit uns fliegen. Wir waren alle Anfänger, keiner von uns hatte bisher einen Erfolg zu verzeichnen. Was Boelcke uns sagte, war uns daher ein Evangelium. In den letzten Tagen hatte er, wie er sich ausdrückte, zum Frühstück schon mindestens einen, manchmal auch zwei Engländer abgeschossen. Der nächste Morgen, der 17. September, war ein wunderbarer Tag. Man konnte mit regem Flugbetrieb der Engländer rechnen. Bevor wir aufstiegen, erteilte Boelcke uns noch einige genaue Instruktionen, und zum ersten Male flogen wir im Geschwader unter Führung des berühmten Mannes, dem wir uns blindlings anvertrauten. Wir waren gerade an die Front gekommen, als wir bereits über unseren Linien an den Sprengpunkten unserer Ballon-Abwehrkanonen ein feindliches Geschwader erkannten, das in Richtung Cambrai flog. Boelcke war natürlich der erste, der es sah, denn er sah eben mehr als andere Menschen. Bald hatten wir auch die Lage erfaßt, und jeder strebte, dicht hinter Boelcke zu bleiben. Wir waren uns alle klar, daß wir unsere erste Prüfung unter den Augen unseres verehrten Führers zu bestehen hatten. Wir näherten uns dem Geschwader langsam, aber es konnte uns nicht mehr entgehen. Wir waren zwischen der Front und dem Gegner. Wollte er zurück, so mußte er an uns vorbei. Wir zählten schon die feindlichen Flugzeuge und stellten fest, daß es sieben waren. Wir dagegen nur fünf. Alle Engländer flogen große, zweisitzige Bomben-Flugzeuge. Nur noch Sekunden, dann mußte es losgehen. Boelcke war dem ersten schon verflucht nahe auf die Pelle gerückt, aber noch schoß er nicht. Ich war der zweite, dicht neben mir meine Kameraden. Der mir am nächsten fliegende Engländer war ein großer, dunkel angestrichener Kahn. Ich überlegte nicht lange und nahm ihn mir aufs Korn. Er schoß, ich schoß, und ich schoß vorbei, er auch. Es begann ein Kampf, in dem es für mich jedenfalls darauf ankam, hinter den Burschen zu kommen, da ich ja nur in meiner Flugrichtung schießen konnte. Er hatte es nicht nötig, denn sein bewegliches Maschinengewehr reichte nach allen Seiten. Er schien aber kein Anfänger zu sein, denn er wußte genau, daß in dem Moment sein letztes Stündlein geschlagen hatte, wo ich es erreichte, hinter ihn zu gelangen. Ich hatte damals noch nicht die Überzeugung, »der muß fallen«, wie ich sie jetzt voll habe, sondern ich war vielmehr gespannt, ob er wohl fallen würde, und das ist ein wesentlicher Unterschied. Liegt mal der erste oder gar der zweite oder dritte, dann geht einem ein Licht auf: »So mußt du’s machen.« Also mein Engländer wandte, drehte sich, oft meine Garbe kreuzend. Daran dachte ich nicht, daß es auch noch andere Engländer in dem Geschwader gab, die ihrem bedrängten Kameraden zu Hilfe kommen konnten. Nur immer der eine Gedanke: »Der muß fallen, mag kommen, was da will!« Da, endlich ein günstiger Augenblick. Der Gegner hat mich scheinbar verloren und fliegt geradeaus. Im Bruchteil einer Sekunde sitze ich ihm mit meiner guten Maschine im Nacken. Eine kurze Serie aus meinem Maschinengewehr. Ich war so nahe dran, daß ich Angst hatte, ihn zu rammen. Da plötzlich, fast hätte ich einen Freudenjauchzer ausgestoßen, denn der Propeller des Gegners drehte sich nicht mehr. Hurra! Getroffen! Der Motor war zerschossen, und der Feind mußte bei uns landen, da ein Erreichen seiner Linien ausgeschlossen war. Auch merkte ich an den schwankenden Bewegungen des Apparates, daß irgend was mit dem Führer nicht mehr ganz in Ordnung war. Auch der Beobachter war nicht mehr zu sehen, sein Maschinengewehr ragte ohne Bedienung in die Luft. Ich hatte ihn also getroffen, und er mußte am Boden seiner Karosserie liegen. Der Engländer landete irgendwo unmittelbar neben dem Flughafen eines mir bekannten Geschwaders. Ich war so aufgeregt, daß ich mir das Landen nicht verkneifen konnte, und landete in dem mir fremden Flughafen, wo ich fast im Eifer meine Maschine noch auf den Kopf stellte. Die beiden Flugzeuge, der Engländer und meines, waren nicht sehr weit voneinander entfernt. Ich lief gleich hin und sah bereits eine Menge Soldaten nach dem Gegner hinströmen. Dort angekommen, fand ich, daß meine Annahme stimmte. Der Motor war zerschossen und beide Insassen schwer verletzt. Der Beobachter starb gleich, der Führer auf dem Transport zum nahen Lazarett. Meinem in Ehren gefallenen Gegner setzte ich zum Andenken einen Stein auf sein schönes Grab. Als ich nach Hause kam, saß Boelcke mit den anderen Kameraden bereits beim Frühstück und wunderte sich sehr, wo ich so lange geblieben war. Stolz meldete ich zum ersten Male: »Einen Engländer abgeschossen.« Sofort jubelte alles, denn ich war nicht der einzige; außer Boelcke, der, wie üblich, seinen Frühstückssieg hatte, war jeder von uns Anfängern zum ersten Male Sieger im Luftkampf geblieben. Ich möchte bemerken, daß seitdem kein englisches Geschwader sich mehr bis Cambrai getraute, solange es dort eine Jagdstaffel Boelcke gab.“

„Bölcke war nicht nur der Kommandant der Jasta 2, sondern auch ihr Mentor, daher wurde die Schlacht am nächsten Tag analysiert, als das Wetter für Patrouillen zu schlecht war. Er war lange genug über dem Schlachtfeld geblieben, um einen Blick auf die Aktionen seiner Männer zu werfen, hatte aber auch Zeit gefunden, selbst einen Abschuss zu erzielen, der von Kugeln durchsiebt wurde, bei einer Notlandung gegen einen Beobachtungsballon prallte und in Flammen aufging. Er erklärte jedem seiner Jungspunde, was sie falsch gemacht hatten, und gab ihnen Lösungen. Richthofen beschrieb Bölcke seinen Kampf, der schweigend zuhörte und seine großen, nachdenklichen Augen nicht von dem Jungspund abwandte. Eine Befragung begann. Hatte Richthofen die Umstände sorgfältig abgewogen, bevor er den Zweisitzer verfolgte? Hatte er nicht vielmehr eine Reihe wilder Angriffe unternommen, anstatt einen kontrollierten Angriff? Hatte er von Zeit zu Zeit überprüft, ob ihm jemand auf den Fersen war? Warum hatte er weite Kreise um sein Opfer gezogen und damit einen Feind eingeladen, sich ihm unbemerkt zu nähern? Warum war er überhaupt so lange im Kampfgebiet geblieben, und vor allem, warum war er gelandet und hatte Zeit und fast ein Flugzeug verschwendet? Bölcke wollte Richthofen vor seinen Kameraden nicht in Verlegenheit bringen, also lobte er den letzten Angriff, der seiner Meinung nach gut abgewogen schien. Er beschloss, sich mit Richthofen unter vier Augen zu unterhalten.“

„…Manfred hat lange nichts von sich hören lassen. Immer, wenn der Briefbote kommt, steht man schon am Fenster. An der Somme finden erbitterte Kämpfe statt. Auch in der Luft; Boelckes Stern überstrahlt alles. Was für ein wundervoller Mensch muß er sein, und Manfred ist an seiner Seite! 22.September 1916 Ein ausführlicher Brief von Manfred. Jagdstaffel II, 18. September 1916. „Liebe Mama! Du hast Dich gewiß schon gewundert, daß ich Dir noch gar nicht geschrieben habe. Aber ich sitze nun zum ersten Male an meinem Tisch und nehme ein Feder zur Hand. Bisher war ich dauernd beschäftigt. Ich flog in der letzten Zeit eine Aushilfsmachine, mit der ich wenig anfangen konnte und im Luftkampf meist den kürzeren zog. Gestern endlich kam die für mich bestimmte Kiste an und, denke Dir bloß, beim Einfliegen derselben sehe ich ein englisches Geschwader auf unsere Seite. – Fliege hin – und schieße einen runter. Die Insassen waren ein englischer Offizier und ein Unteroffizier. Ich war sehr stolz auf mein Einfliegen. Der Abgeschossene ist mir natürlich angerechnet worden. Boelcke ist jedem ein Rätsel, fast bei jedem Fluge schießt er einen ab. Bei seinem vierundzwanzigsten, fünfundzwanzigsten, sechsundzwanzigsten und siebenundzwanzigsten war ich selbst in der Luft dabei und beteiligte mich an dem Kampf. Dis Slacht an der Somme ist doch nicht so, wie sie Euch wohl in der Heimat erscheint. Der Feind greift mit enormer übermacht, besonders an Artillerie, seit vier Wochen täglich an. Immer mit ganz frischen Truppen. Unsere Leute schlagen sich glänzend. In den nächsten Tagen werden wir wohl unseren Flughafen etwas weiter zurückverlegen dürfen. Das Ganze hat das Gesicht eines Bewegungskrieges. Daß mein Freund Schweinichen gefallen ist, weißt Du wohl. Ich wollte ihn gerade besuchen, da er hier ganz in meiner Nähe war. Am selben Tage war er gefallen.“ Hans v. Schweinichen war Manfreds bester Freund aus dem Kadettenkorps gewesen. Seite an Seite waren sie in Wahlstatt und Lichterfelde durch die Klassen gegangen. Bei der Einsegnung knieten sie gemeinsam vor dem Altar, auch wir Eltern saßen bei dieser Feier zusammen. Manfred bekam den schönen Spruch: „Gott ist es, der in euch wirket beides – das Wollen und das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen.“ Auch in Lichterfelde blieben die beiden unzertrennlich. Der Sonntagsurlaub in Berlin wurde meist gemeinsam verbracht. Sie bummeln durch die Museen, längst ist die Mittagszeit vorüber, da sagt Schweinichen: „Wir wollen jetzt essen, ich habe gräßlichen Hunger.“ – Manfred ist anderer Ansicht: „Erst muß ich alles gesehen haben.“ Hans brummt ein bißchen und trottet wieder mit. Nach einer weiteren Stunde sagt er wieder: „Du, jetzt halt ich’s nicht mehr aus, mein Magen knurrt entsetzlich.“ Darauf Manfred: „Gut, geh essen – ich möchte aber noch hierbleiben.“ In aller Freundschaft trennt man sich und trifft sich erst am Billettschalter zum Zuge nach Lichterfelde wieder. Dann fahren die beiden sehr zufrieden und vergnügt in die Anstalt zurück. In dieser Freundschaft gibt es keinen Mißklang, sie würde ewig halten…“

„Gefechtsbericht: 1100Uhr. Einsitzer Martinsyde, GW Nr. 174. 1100 Luftkampf über Bapaume. Gegner stürzte nach 300 Schüssen tödlich verwundet bei Beugny (Straße Bapaume – Cambrai) zu Boden. Zwei Maschinengewehre geborgen, werden ausgeliefert. Toter Insasse von der 7. Infanteriedivision begraben. Wetter: den ganzen Tag hell und klar; Bodennebel am frühen Morgen.“

„Am 25. kam Lother, ganz überraschend… …Wir verlieren uns in alte Zeiten, und alles ist wieder freundlich und hell. Einmal, da schoß Manfred in blindem Jagdeifer fünf Enten tot – die auf der Weistritz schwammen. Es waren aber nur zahme. Doch es gab keine Strafe, weil er gleich die Wahrheit sagte. Und ein andermal, als wir im Walde streiften, da steht Manfred plözlich auf einem Steg, der über ein schwarzes Wasser fürht. Er sagt zu Lothar, wie selbstverständlich: „Paß auf du, ich falle jetzt ins Wasser.“ Gleich darauf verschwand er in der wirklich pechschwarzen Flut. „Das war ein schöner Schrecken, weiß du noch?“ Lothar weißt es noch, er lacht, daß der Glühpunkt seiner Zigarette an zu tanzen fängt; es ist schon schummerig im Zimmer. „Natürlich“, sagt er, „wir gingen dan zur Mühle, denn er roch nicht gut.“ „Ja, ja, er mußte gebadet werden, mit sehr viel Seife.“ „Und dann, der Heimweg. Eine Stunde Rückfahrt – und Manfred hatte nichts auf dem Leibe als das Hemd, das die Müllerin geborgt hatte, und den Kadettenmantel darüber, dazu war er barfuß.“ „Es hat ihm nicht mal eine Erkältung eingetragen.“ Immer möchte ich mit Lothar so sitzen und sprechen, aber morgen muß er wieder fort. Dieser Tag jedoch gehört noch uns, und manchmal haben wir bis in die Nacht schon geplaudert. „Einmal wollten wir euch Jungens aber richtig auf die Mutprobe stellen, Ilse und ich. Es ging doch das Geraune, oben auf dem Boden unseres Hauses habe ich früher mal jemand erhängt, und nun spuke es, weißt du noch, Lother?“ „Fûr uns Jungens war das so nett gruselig. Nachts schurrte und polterte es oben auf dem Boden, und man hörte ein Ächzen – die Haushältersleute sagten so…“ „Manfred war ganz wild darauf, diesen Spuk zu erleben, da ließen wier dein Bett, Lothar, und das Manfreds an die Stelle tragen…“ „Wir hatten uns einen tüchtigen Knüppel mit ins Bett genommen; Manfred sagte, er woillte dem Geist schon heimleuchten.“ „Der Geist – das waren wir, nämlich Ilse und ich, wir hatten uns leise nach oben geschlichen und rollten Kastanien über die Diele.“ „Ich hörte es zuerst, ich lag mit offnen Augen vor Erregung. ‚Manfred‘ rief ich, ‚Manfred!‘ Der schlief ganz fest. Schließlich wachte er auf, ich hörte, wie er sich im Bett aufrichtete.“ „Den Rest kann ich besser erzählen, denn es ging um unsere Haut. Mit einem Satz war er aus dem Bett und rannte mit geschwungenem Knüppel auf uns los. Ich mußte schnell Licht machen, sonst hätten wir schon Prügel bezogen.“ „Manfred war damals vierzehn.“ „Nein, dreizehn.“ Lothar lacht herzlich. Am nächsten Tage habe ich ihn wieder zur Bahn gebracht…“

26 September 1916
Battle of the Somme - Es ist damals die Zeit gewesen, wo Boelcke in zwei Monaten mit seinen Abschüssen von zwanzig auf vierzig gestiegen war.
Somme Schlacht
Lagnicourt

„Ich habe in meinem ganzen Leben kein schöneres Jagdgefilde kennengelernt als in den Tagen der Somme-Schlacht. Morgens, wenn man aufgestanden, kamen schon die ersten Engländer, und die letzten verschwanden, nachdem schon lange die Sonne untergegangen war. »Ein Dorado für die Jagdflieger«, hat Boelcke einmal gesagt. Es ist damals die Zeit gewesen, wo Boelcke in zwei Monaten mit seinen Abschüssen von zwanzig auf vierzig gestiegen war. Wir Anfänger hatten damals noch nicht die Erfahrung wie unser Meister und waren ganz zufrieden, wenn wir nicht selbst Senge bezogen. Aber schön war es! Kein Start ohne Luftkampf. Oft große Luftschlachten von vierzig bis sechzig Engländern gegen leider nicht immer so viele Deutsche. Bei ihnen macht es die Quantität und bei uns die Qualität. Aber der Engländer ist ein schneidiger Bursche, das muß man ihm lassen. Er kam ab und zu in ganz niedriger Höhe und besuchte Boelcke auf seinem Platz mit Bomben. Er forderte zum Kampf förmlich heraus und nahm ihn auch stets an. Ich habe kaum einen Engländer getroffen, der den Kampf verweigert hätte, während der Franzose es vorzieht, jede Berührung mit dem Gegner in der Luft peinlichst zu vermeiden. Es waren schöne Zeiten bei unserer Jagdstaffel. Der Geist des Führers übertrug sich auf seine Schüler. Wir konnten uns blindlings seiner Führung anvertrauen. Die Möglichkeit, daß einer im Stich gelassen wurde, gab es nicht. Der Gedanke kam einem überhaupt nicht. Und so räumten wir flott und munter unter unseren Feinden auf. An dem Tage, an dem Boelcke fiel, hatte die Staffel schon vierzig. Jetzt hat sie weit über hundert. Der Geist Boelckes lebt fort unter seinen tüchtigen Nachfolgern.“

„Kampfbericht: 1150 Uhr, in der Nähe von Lagnicourt Gegen 1150 griff ich, begleitet von vier Flugzeugen unserer Staffel, über unserem Flugplatz in Lagnicourt und in 3.000 Metern Höhe eine Vickers-Staffel an. Ich wählte eine Maschine aus und nach etwa 200 Schüssen begann das feindliche Flugzeug in Richtung Cambrai zu gleiten. Schließlich begann es zu kreisen. Das Schießen hatte aufgehört und ich sah, dass die Maschine unkontrolliert flog. Da wir schon ziemlich weit von unserer Front entfernt waren, ließ ich das verkrüppelte Flugzeug stehen und suchte mir einen neuen Gegner. Später konnte ich beobachten, wie die besagte Maschine, verfolgt von einer deutschen Albatros-Maschine, in der Nähe von Fremicourt brennend zu Boden ging. Die Maschine verbrannte zu Asche. Das Wetter: den ganzen Tag über hell und schön, am Nachmittag gelegentlich Wolken.“

„Liebe Mama!

Am 30. September schoß ich meinen dritten Engländer ab. Er stürzte brennend runter. Das Herz schlägt einem doch etwas höher, wenn der Gegner, dessen Gesicht man eben noch gesehen hat, brennend aus viertausend Metern in die Tiefe saust. Unten angekommen, war natürlich  nichts mehr übriggeblieben, sowohl von dem Menschen wie vom Apparat. Ich habe mir ein kleines Schild zum Andenken aufgehoben. Von meinem zweiten habe ich das Maschinengewehr zum Andenken behalten. Es hat eine Kugel von mir im Schloß und ist unbrauchbar. Mein  Franzose von Verdun zählt leider nicht mit; er wurde damals vergessen anzugeben. Früher bekam man nach dem achten den Pour le merite, jetzt auch nicht mehr, obgleich es immer schwieriger wird, einen abzuschießen. In den letzten vier Wochen seit dem Bestehen der Jagdstaffel Boelcke haben wir von den zehn Flugzeugen schon fünf verloren.“

„Ich sitze im großen Gartenzimmer und ordne die Briefe, die Manfred schrieb. Es hat sich so viel zugetragen in diesen Wochen. Am 23. September schoß Manfred seinen zweiten Engländer ab, am 30; September den dritten. Sein Brief, der vom 5. Oktober datiert ist, macht die Auslassung: „Das Herz schlägt einem doch etwas höher, wenn der Gegner, dessen Gesicht man eben noch gesehen hat, brennend aus 4000 Meter in die Tiefe saust.““

„Kampfbericht: Maschinentyp: Neu und bis jetzt noch nicht gesehen. Flugzeug Nr. 6618: Ein Doppeldecker mit 12 Zyl. Daimler-Motor Nr. 25 226. 0910 Uhr, in der Nähe von Equancourt. Gegen 0900 Uhr griff ich in 3.000 m Höhe, begleitet von zwei weiteren Maschinen, ein englisches Flugzeug bei Rancourt an. Nach 400 Schüssen stürzte das feindliche Flugzeug nach unten, der Pilot wurde tödlich verwundet. Insasse: Leutnant Fenwick, durch Kopfschuss getötet. Wetter: tiefhängende Wolken und starker Wind – den ganzen Tag über stürmisch.“

„Erfolge im Luftkampf: Durch Leutnant von Richthofen wurde am 7.10. vorm 9.10 bei Equancourt ein engl. Rumpfdoppeldecker Einsitzer abgeschossen. Insassen Leutnant Fenwick tot. Flugzeug war ein B.E. neuer art.

Vom Feinde: Der am 7.10 von Lt. Frhr. v. Richthofen bei Equancourt abgeschossene Rumpfdoppeldecker-Einsitzer (Lt. Fenwick) gehörte zur 21. Squ. und zwar den Papieren nach zuneinem B.E. Flight. Das Flugzeug ist anseh scheinend eine neuere Konstrucktion.“

Gefechtsbericht: 1800 Uhr, Roeux, bei Arras.

Um 1800 griff ich eine Gruppe Vickers in 3.500 Metern Höhe sechs Kilometer östlich von Arras über Roeux an. Nachdem ich eine Vickers ausgemacht hatte, auf die ich 300 Schüsse abgab, begann das feindliche Flugzeug zu rauchen und begann dann, immer steiler zu gleiten. Ich folgte ihm und schoss. Der feindliche Propeller drehte sich nur noch sehr langsam, und aus dem Motor kamen Wolken von schwarzem Rauch. Der Beobachter schoss nicht mehr auf meine Maschine. In diesem Moment wurde ich von hinten angegriffen.

Wie sich später herausstellte, stürzte das Flugzeug zu Boden und der Insasse wurde getötet.

 

„Kampfbericht: 0500 Uhr, in der Nähe von Ytres. BE Einsitzer Nr. 6580. Daimler Motor, Nr. 25188. Insasse: Leutnant Capper. Zusammen mit vier Flugzeugen habe ich über Bertincourt ein feindliches Geschwader in 2.800 m Höhe ausgemacht. Nach 350 Schüssen brachte ich ein feindliches Flugzeug zum Absturz. Flugzeug stürzte auf den Boden, zertrümmert. Motor kann wahrscheinlich sichergestellt werden. Wetter: schön mit gelegentlicher Bewölkung.“

„Ich habe in meinem ganzen Leben kein schöneres Jagdgefilde kennengelernt als in den Tagen der SommeSchlacht. Morgens, wenn man aufgestanden, kamen schon die ersten Engländer, und die letzten verschwanden, nachdem schon lange die Sonne untergegangen war. „Ein Dorado für die Jagdflieger“, hat Boelcke einmal gesagt. Es ist damals die Zeit gewesen, wo Boelcke in zwei Monaten mit seinen Abschüssen von zwanzig auf vierzig gestiegen war. Wir Anfänger hatten damals noch nicht die Erfahrung wie unser Meister und waren ganz zufrieden, wenn wir nicht selbst Senge bezogen. Aber schön war es! Kein Start ohne Luftkampf. Oft große Luftschlachten von vierzig bis sechzig Engländern gegen leider nicht immer so viele Deutsche. Bei ihnen macht es die Quantität und bei uns die Qualität.

Aber der Engländer ist ein schneidiger Bursche, das muß man ihm lassen. Er kam ab und zu in ganz niedriger Höhe und besuchte Boelcke auf seinem Platz mit Bomben. Er forderte zum Kampf förmlich heraus und nahm ihn auch stets an. Ich habe kaum einen Engländer getroffen, der den Kampf verweigert hätte, während der Franzose es vorzieht, jede Berührung mit dem Gegner in der Luft peinlichst zu vermeiden.

Es waren schöne Zeiten bei unserer Jagdstaffel. Der Geist des Führers übertrug sich auf seine Schüler. Wir konnten uns blindlings seiner Führung anvertrauen. Die Möglichkeit, daß einer im Stich gelassen wurde, gab es nicht. Der Gedanke kam einem überhaupt nicht. Und so räumten wir flott und munter unter unseren Feinden auf.

An dem Tage, an dem Boelcke fiel, hatte die Staffel schon vierzig. Jetzt hat sie weit über hundert. Der Geist Boelckes lebt fort unter seinen tüchtigen Nachfolgern.“

„Liebe Mama!

Wir haben hier dauernd schlechtes Wetter, aber trotzdem schoß ich gestern meinen fünften Engländer ab.“

„Gefechtsbericht: 0935 Uhr, in der Nähe von Bapaume. BE Doppelsitzer. Gegen 0900 griff ich das feindliche Flugzeug über den Schützengräben bei Lesboefs an. Ununterbrochene Wolkendecke in 2.000 m Höhe. Das Flugzeug kam von der deutschen Seite und ging nach etwa 200 Schüssen in großen Rechtskurven zu Boden und wurde durch den starken Wind an das Südende von Bapaume zurückgetrieben. Schließlich stürzte die Maschine ab. Es war das Flugzeug Nr. 6629. Der Motor schlug in die Erde ein, daher ist die Nummer nicht lesbar. Der Insasse, ein Leutnant, wurde durch einen Schuss in die Eingeweide schwer verwundet. Das Flugzeug selbst kann nicht zurückgebracht werden, da es unter schwerem Beschuss steht. Als ich das feindliche Flugzeug zuerst sah, war keine andere deutsche Maschine in der Nähe, und auch während des Kampfes näherte sich keine Maschine dem Ort des Geschehens. Als das feindliche Flugzeug zu sinken begann, sah ich eine deutsche Rumpler-Maschine und mehrere Hallberstadter Flugzeuge. Eine dieser Maschinen stürzte zu Boden. Es war Vizefeldwebel Müller von der Jagdstaffel 5. Er behauptet, zuerst auf 300 Meter und dann auf 1.000 Meter Entfernung etwa 500 Schüsse auf das feindliche Flugzeug abgegeben zu haben. Danach habe sein Gewehr geklemmt und das Visier seines Gewehrs sei weggeflogen. Abgesehen von diesen merkwürdigen Umständen weiß ein Kind, dass man ein Flugzeug aus einer solch lächerlichen Entfernung nicht treffen kann. Dann stürzte ein zweites Flugzeug, ein Rumpler, ab und beanspruchte ebenfalls seinen Anteil an der Beute. Aber alle anderen Flugzeuge waren sich sicher, dass er nicht an dem Kampf teilgenommen hatte. Wetter: schön mit gelegentlichen Wolken.“

„Boelcke und ich hatten einen Engländer genau zwischen uns, als ein anderer Gegner, der von Freund Richthofen verfolgt wurde, vor uns abschnitt. Bei dem gleichzeitigen blitzschnellen Ausweichmanöver sahen Boelcke und ich, durch unsere Flügel behindert, uns einen Augenblick lang nicht, und da geschah es.
Wie kann ich Ihnen meine Gefühle in diesem Moment beschreiben, als Boelcke plötzlich einige Meter rechts von mir auftauchte, abtauchte, während ich hochzog, und wir uns dennoch streiften und wieder auf den Boden zurückkehren mussten! Es war nur eine leichte Berührung, aber bei einer so rasenden Geschwindigkeit war es auch ein Zusammenstoß.

„Boelcke † (28. Oktober 1916) Eines Tages flogen wir wieder einmal unter der Führung des großen Mannes gegen den Feind. Man hatte stets ein so sicheres Gefühl, wenn er dabei war. Es gab eben nur einen Boelcke. Ein sehr stürmisches Wetter. Viel Wolken. Andere Flieger flogen an dem Tage überhaupt nicht, nur der Jagdflieger. Schon von weitem sahen wir an der Front zwei freche Engländer, denen scheinbar das schlechte Wetter auch mal Spaß machte. Wir waren sechs, drüben waren zwei. Wären es zwanzig gewesen, uns hätte das Zeichen von Boelcke zum Angriff auch nicht weiter in Erstaunen gesetzt. Es beginnt der übliche Kampf. Boelcke hatte den einen vor und ich den anderen. Ich muß ablassen, weil ich von einem eigenen gestört werde. Ich sehe mich um und beobachte, wie etwa zweihundert Meter neben mir Boelcke sein Opfer gerade verarbeitet. Der Dreißigste! Der Dreißigste! Der Vierzigste! Der Vierzigste! Es war wieder das übliche Bild. Boelcke schießt einen ab, und ich kann zusehen. Dicht neben Boelcke fliegt ein guter Freund von ihm. Es war ein interessanter Kampf. Beide schossen, jeden Augenblick mußte der Engländer stürzen. Plötzlich [97]ist eine unnatürliche Bewegung in den beiden deutschen Flugzeugen zu beobachten. Es zuckt mir durchs Hirn: Zusammenstoß. Ich habe sonst nie einen Zusammenstoß in der Luft gesehen und hatte mir so etwas viel anders vorgestellt. Es war auch kein Zusammenstoß, sondern mehr ein Berühren. Aber in der großen Geschwindigkeit, die so ein Flugzeug hat, ist jede leise Berührung ein heftiger Aufprall. Boelcke läßt sofort von seinem Opfer ab und geht in großem Kurvengleitflug zur Erde hinunter. Noch immer hatte ich nicht das Gefühl eines Absturzes, aber wie er unter mir durchgleitet, erkenne ich, daß ein Teil seiner Tragflächen abgebrochen ist. Was nun folgte, konnte ich nicht beobachten, aber in den Wolken verlor er eine Tragfläche ganz. Da war das Flugzeug steuerlos, und er stürzte ab, immer begleitet von seinem treuen Freund. Als wir zu Haus ankamen, war bereits die Meldung da: »Unser Boelcke tot!« Man konnte es nicht fassen. Am schmerzlichsten empfand es natürlich derjenige, dem das Unglück zustoßen mußte. Es ist eigentümlich, daß jeder Mensch, der Boelcke kennenlernte, sich einbildete, er sei der einzig wahre Freund von ihm. Ich habe von diesen einzig wahren Freunden Boelckes etwa vierzig kennengelernt, und jeder bildete sich ein, er sei der einzige. Menschen, deren Name Boelcke [98]nie gewußt hat, glaubten, sie stünden ihm besonders nahe. Es ist eine eigentümliche Erscheinung, die ich nur bei ihm beobachtet habe. Einen persönlichen Feind hat er nie gehabt. Er war gegen jedermann gleichmäßig liebenswürdig, zu keinem mehr, zu keinem weniger. Der einzige, der ihm vielleicht etwas näher stand, hatte das eben beschriebene Unglück mit ihm. Nichts geschieht ohne Gottes Fügung. Das ist ein Trost, den man sich in diesem Kriege so oft sagen muß.“

„Jagdstaffel Boelcke, 3. November 1916. „Liebe Mama! Leider verpaßte ich nach Boelckes Beerdigung, zu der ich als Vertreter seiner Jagdstaffel befohlen war, den Zug. Nun kann ich erst Mitte des Monats zu Euch kommen. – Boelckes Tot kam folgendermaßen: Boelcke, einige andere Herren der Jagdstaffel und ich waren in einen Luftkampf mit Engländern verwickelt. Plötzlich sehe ich, wie Boelcke, einen Engländer angreifend, von einem unserer Herren in der Luft gerammt wird. Dem armen anderen Herren ist weiter nichts passiert. Boelcke ging anfangs ganz normal herunter. Ich folgte ihm sofort. Später brach die eine Tragfläche weg, und er sauste in die Tiefe. Durch den Aufschlag war sein Schädel eingedrückt, also gleich tot. Uns ging es ganz ungeheuer nah – als ob einem der Lieblingsbruder genommen würde. Bei der Leichenfeier trug ich das Ordenskissen. Die Feier war so wie bei einem regierenden Fürsten. In sechs Wochen haben wir sechs Tote und einen Verwundeten; zwei sind mit den Nerven kaputt… Ich schoß gestern meinen Siebenten ab, nachdem ich kurz vorher den Sechsten erledigte. Meine Nerven haben durch all das Pech der anderen bisher noch nicht gelitten…““

„Kofl 1. Armee Weekly Activity Report:

Weiter angemeldete Abschüsse: über welche eine Entscheidung noch aussteht. 3.11.16 Leutnant Frhr.v. Richthofen meldet 2.10 Nachm. nordöstl. Gréviller Wald diesseits der Linie den Abschüss eines Vickers Zweisitzers. Insassen 2 Engländer tot.

Erfolge im Luftkampf: Der Bericht des Leutnants Frhr.v. Richthofen, Jagdstaffel 2, über einen am 3.11.16 abgeschossenen Vickers Zweisitzer wird dem Kogen. Luft. zur Anerkennung vorgeleg.“

„Gefechtsbericht: 1410 Uhr, nordöstlich von Grevillers Wood. Vickers-Zweisitzer Nr. 7010. Begleitet von zwei Maschinen der Staffel, griff ich ein tief fliegendes Flugzeug in 1.800 m Höhe an. Nach 400 Schüssen stürzte der Gegner zu Boden. Das Flugzeug wurde zerschmettert, die Insassen getötet. Da die Absturzstelle unter schwerem Beschuss steht, können noch keine Einzelheiten festgestellt werden. Wetter: den ganzen Tag über sehr starker Wind, vormittags tief hängende Wolken, nachmittags aufklarend.

„Gefechtsbericht: 1030 Uhr, BE-Doppelsitzer, Nr. 2506. Motor: Daimler Nr. 22082. Insassen: Schwer verwundet, Pilot sehr schwer; Beobachter, Schulter.

Über Beugny. Gegen 1030 griff ich mit mehreren anderen Flugzeugen ein feindliches Bombengeschwader über Mory in 2.500 m Höhe an. Nach vorausgegangenem Kurvenkampf stürzte mein Opfer in der Nähe von Beugny zu Boden.

Wetter: hell und klar fast den ganzen Tag.“

„Der Achte Acht war zu Boelckes Zeiten eine ganz anständige Zahl. Jeder, der heutzutage von den kolossalen Zahlen der Abschüsse hört, muß zu der Überzeugung kommen, daß das Abschießen leichter geworden ist. Ich kann ihm nur eins versichern, daß dieses von Monat zu Monat, ja, von Woche zu Woche schwieriger wird. Natürlich bietet sich die Gelegenheit jetzt öfters, abzuschießen; aber leider wird die Möglichkeit, selbst abgeschossen zu werden, ebenfalls größer. Die Bewaffnung des Gegners wird immer besser, seine Zahl immer größer. Als Imelmann seinen ersten abschoß, hatte er sogar das Glück, einen Gegner zu finden, der gar kein Maschinengewehr bei sich hatte. Solche Häschen findet man jetzt höchstens noch über Johannisthal. Am 9. November 1916 flog ich mit meinem kleinen Kampfgenossen, dem achtzehnjährigen Imelmann, gegen den Feind. Wir waren zusammen bei der Jagdstaffel Boelcke, kannten uns schon vorher und hatten uns immer sehr gut vertragen. Kameradschaft ist die Hauptsache. Wir zogen los. Ich hatte schon sieben, Imelmann fünf. Für damalige Zeiten eine ganze Menge. Wir sind ganz kurze Zeit an der Front, da sehen wir ein Bombengeschwader. Es kommt sehr [100]frech geflogen. In ungeheurer Zahl kommen sie natürlich wieder an, wie überhaupt immer während der Somme-Schlacht. Ich glaube, in dem Geschwader waren etwa vierzig bis fünfzig, genau kann ich die Zahl nicht angeben. Sie hatten sich gar nicht weit weg von unserem Flughafen ein Ziel für ihre Bomben ausgesucht. Kurz vor dem Ziel erreichte ich den letzten der Gegner. Wohl gleich meine ersten Schüsse machten den Maschinengewehrschützen im feindlichen Flugzeug kampfunfähig, mochten wohl auch den Piloten etwas gekitzelt haben, jedenfalls entschloß er sich zur Landung mitsamt seinen Bomben. Ich brannte ihm noch einige auf den Bast, dadurch wurde das Tempo, in dem er die Erde zu erreichen suchte, etwas größer, er stürzte nämlich ab und fiel ganz in die Nähe unseres Flughafens Lagnicourt. Imelmann war zur selben Zeit gleichfalls in einen Kampf mit einem Engländer verwickelt und hatte auch einen Gegner zur Strecke gebracht, gleichfalls in derselben Gegend. Schnell flogen wir nach Hause, um uns unsere abgeschossenen Maschinen ansehen zu können. Wir fahren im Auto bis in die Nähe meines Gegners und müssen dann sehr lange durch tiefen Acker laufen. Es war sehr heiß, deshalb knöpfte ich mir alles auf, sogar das Hemd und den Kragen. Die Jacke zog ich aus, die Mütze ließ ich im Auto, dafür nahm ich einen großen Knotenstock mit, die Stiefel [101]waren bis an die Knie voll Schmutz. Ich sah also wüst aus. So komme ich in die Nähe meines Opfers. Natürlich hat sich schon eine Unmenge Menschen drumrum angesammelt. Eine Gruppe von Offizieren steht etwas abseits. Ich gehe auf sie zu, begrüße sie und frage den ersten besten, ob er mir nicht erzählen könnte, wie der Luftkampf ausgesehen habe, denn es interessiert hinterher immer sehr, von den anderen, die von unten zugesehen haben, zu erfahren, wie der Luftkampf ausgesehen hat. Da erfahre ich, daß die Engländer Bomben geworfen haben und dieses Flugzeug noch seine Bomben bei sich hatte. Der betreffende Herr nimmt mich am Arm, geht auf die Gruppe der anderen Offiziere zu, fragt noch schnell nach meinem Namen und stellt mich den Herren vor. Es war mir nicht angenehm, denn ich hatte, wie gesagt, meine Toilette etwas derangiert. Und die Herren, mit denen ich jetzt zu tun hatte, sahen alle totschick angezogen aus. Ich wurde einer Persönlichkeit vorgestellt, die mir nicht so ganz geheuer erschien. Generalshosen, einen Orden zum Hals heraus, dafür aber ein verhältnismäßig jugendliches Gesicht, undefinierbare Achselstücke – kurz und gut, ich wittere etwas Außerordentliches, knöpfe mir im Laufe der Unterhaltung Hose und Kragen zu und nehme eine etwas militärischere Form an. Wer es war, wußte ich nicht. Ich verabschiede mich [102]wieder, fahre nach Hause. Abends klingelt das Telephon, und ich erfahre nun, daß dies Seine Königliche Hoheit der Großherzog von Sachsen-Koburg-Gotha war. Ich werde zu ihm befohlen. Es war bekannt, daß die Engländer die Absicht hatten, auf seinen Stab Bomben zu werfen. So hätte ich dazu beigetragen, ihm die Attentäter vom Leibe zu halten. Dafür bekam ich die Sachsen-Koburg-Gothaische Tapferkeitsmedaille. Sie macht mir jedesmal Spaß, wenn ich sie sehe.“

„Kofl 1. Armee Weekly Activity Report:

Erfolge im Luftkampf: B.E. Zweisitzer abgeschossen 9.11.16 vorm. 10.30 bei Beugny von Leutnant Frhr. von Richthofen, Jagdstaffel 2“.

„Einer von ihnen schien eine besonders wichtige Persönlichkeit zu sein. Er trug seltsame Schulterklappen und die charakteristischen Hosen eines Generals. Sein Gesicht war jung, und an seinem eng anliegenden, steifen Militärkragen baumelte ein Stern eines hohen Ordens. Richthofen, der mit Fett, Öl, Schweiß und Schlamm bedeckt war, fühlte sich in der Gegenwart dieser Person, deren Identität er erst am Abend erfuhr, als ein Adjutant ihn anrief und ihm mitteilte, dass Seine Königliche Hoheit, der Großherzog von Sachsen-Coburg-Gotha, sich über das Treffen mit ihm gefreut habe und seine Anwesenheit im Hauptquartier in Vraucourt angeordnet habe, unwohl. Für mindestens eine Ladung Bomben, die nicht auf Seine Königliche Hoheit abgefeuert worden waren, erhielt Richthofen an diesem Abend die Tapferkeitsmedaille des Großherzogtums.“

„(von links nach rechts) Sandel, Müller, MvR, Günther, Kirmaier, Imelmann, König, Höhne, Wortmann, Collin.“

„Manfred telegrafierte, daß er den Hohenzollernorden bekommen habe. Er schoß seinen siebenten und achten Gegner ab. Als Boelcke den achten abschoß, bekam er dafür den ‚Pour le mérite‘. Wir freuten uns sehr und waren stolz auf unseren Jungen.“

Eine große, unerwartete Freude! In aller herrgottesfrühe kam Manfred an. Er sah schlank und kernig aus. Und was er alles erlebt hat! Den ganzen Tag mußte er erzählen. – Boelckes Tod ging ihm sehr nahe. Er rühmte noch einmal die innere Klarheit und volkommene Beherrschtheit dieses Mannes, das freundliche Gleichmaß seinens Wesens, das den Gedankten einer Bevorzugung auch nicht von fern aufkommen ließ. (Aus allem glaubte ich zu spüren, daß Boelcke und Manfred von Natur aus viel Gemeinsames hatten.) Manfred sagte: „Jeder glaubte, er wäre sein bester Freund gewesen.“ Und doch zeigte seine Neigung weder nach dieser noch nach jener Seite hin den leisesten Ausschlag; er ware eben Achse, Mittelpunkt. Der einzige, von dem man hätte annehmen können, er stände Boelcke etwas näher als die anderen, wäre der Mann gewesen, der das Mißgeschick hatte, mit ihm in der Luft zu kollidieren. Es sei nur ein leises Berühren der Tragflächen gewesen; von einer Schuld könne keine Rede sein. Manfred sprach mit großer Wärme von diesem Leutnant Böhme als von einer durchgereiften, wertvollen Persönlichkeit. Etwa ein Dutzend Jahre mochte er älter sein als die Kameraden (deren Alter wenig über zwanzig war); er hatte schon etwas hinter sich, ehe er zum Fliegen kam. Er hatte sein Pioniertum für Deutschland schon betätigt, lange vor dem Krieg in Ostafrika von den Hochgebirgen in die Ebene kühne Schwebebahnen gebaut. Als Boelcke in Rowel bei Manfred anklopfte, verpflichtete er auch Leutnant Böhme für die neue Kampfeinzitzerstaffel an der Somme. Böhme war seinem Meister sehr ergeben; seine reife und stille Männlichkeit genoß Ansehen in dem kleinen Kreise. Jetzt litt er sehr unter diesem grausamen Schicksal, die Freunde fürchteten das Schlimmste, suchten ihm auf jede unauffällige Art ihre kameradschaftliche, Verbundenheit nahezubringen. Doch war es der Vater Boelckes, der nach Cambrai zur Überführung gekommen war, dem der letzte und tiefste Trost vorbehalten blieb. Er besuchte Erwin Böhme auf dem Flugplatz und sprach ihm in Güte zu. Eine tiefe Verbundenheit würde künstig zwischen den beiden Familien sein. Fast unvermittelt gibt Manfred dann Schilderungen von seinen eigenen Kämpfen. Es ist jedesmal ein Duell auf Du oder Ich. Manfred sieht es anders; es ist für ihn der letzte Rest einer alten Ritterlichkeit in diesen Kämpfen Mann gegen Mann. Er hält nicht viel von fliegerischen Kunststücken in der Luft. „Das ist nur etwas fürs Auge“, urteilt er. Er fliegt für gewönlich in 5000 Meter höhe dicht heran, schießt erst auf 30 Meter. Aber ein Schießkünstler brauche man nicht zu sein, meint er. (Er selbst ist allerdings ein vorzüglicher Kugelschütze.) Er verweist auf Boelcke; sie waren ein paarmal zusammen auf der Hühnerjagd, Boelcke traf nie etwas. – Und trifft doch immer in der Luft! Das Herz macht den Jagdflieger – darin waren wohl beide einig.- Der Gegner tritt neuerdings in ungeheuren Mengen auf. Den achten schoß Manfred aus einem Geschwader von 40 oder 50 Bombenflieger heraus. Oft sind die eigenen Tragflächen von feindlichen Treffern durchsiebt. In der ersten Zeit wurden diese Stellen eingehend betrachtet, jetzt achtet kein Mensch mehr darauf. Es geschehen viele Wunder in den Lüften. „Das größte ist wohl, daß du gesund und lebend vor uns stehte?“ „Ja, das ist es“, erwidert er einfach. Am nächsten Tage fuhren wir alle nach Trebnig, wo eine Tochter meines Bruders Hochzeit hatte. Es war schön, in dieser harten Zeit ein so blühendes Glück zu sehen. Das Leben geht weiter, es ist immer die stärkere Macht. Wir wurden alle froh. Manfred wurde sehr gefeiert. Noch am Hochzeitsabend reiste er wieder ab.

„Kofl 1. Armee Weekly Activity Report:

Erfolge im Luftkampf: am 20.11.16 vorm. 9.40 südl. Grandcourt durch Lt. Frhr. v. Richthofen, Jagdstaffel2.“

„Gefechtsbericht: Jagdstaffel Boelcke. 0940 Uhr, südlich von Grandcourt. Vickers Doppelsitzer. Zusammen mit mehreren Maschinen unserer Staffel griffen wir auf der Feindseite über Grandcourt in 1.800 m Höhe mehrere tief fliegende Artillerieflugzeuge an. Nachdem wir einen BE-Zweisitzer eine Zeit lang bedrängt hatten, verschwand das Flugzeug in den Wolken und stürzte dann zwischen den Gräben südlich von Grandcourt auf den Boden. Die Maschine wurde sofort unter Artilleriefeuer genommen und zerstört. Wetter: tiefhängende Wolken, starker Wind und Regenschauer.

„Es gibt Hinweise darauf, dass Jasta 2-Staffelführer Stefan Kirmaier der tatsächliche Sieger über 2767 gewesen sein könnte. Sowohl ihm als auch Richthofen wurde an diesem Tag ein Sieg zugeschrieben, aber laut den Aufzeichnungen der RFC ging nur ein Flugzeug über den Linien auf die gleiche Weise wie 2767 verloren. Die Siege von Richthofen und Kirmaier wurden innerhalb von zehn Minuten und zwei Meilen voneinander entfernt gemeldet – also fast gleichzeitig und am selben Ort – und neun Jahre nach dem Krieg erklärte Clarke, dass er und Cunningham von fünf deutschen Flugzeugen angegriffen worden seien. Es ist nicht bekannt, ob Richthofen 2767 in den Wolken verlor und dann dessen Absturz vermutete oder ob Kirmaier 2767 nach Richthofen angriff und keiner von beiden den Angriff des anderen im Nebel des Krieges gesehen oder außer Acht gelassen hatte. Auf jeden Fall scheint es, dass beiden Männern der Abschuss desselben Flugzeugs zugeschrieben wurde.

„Kofl 1. Armee Weekly Activity Reoprt:

Erfolge im Luftkampf: am 20.11.16 nachm. 4.15 bei Gueudecourt (sic) durch Lt. Frhr. v. Richthofen, Jagdstaffel 2.“

„Gefechtsbericht: 1615 Uhr, über Grandcourt. Vickers-Zweisitzer, abgestürzt bei Grandcourt, Nr. 4000 Motor Nr. 36574. Flugzeug kann nicht gesichert werden, da unter Beschuss. Insassen: Ein Toter: Leutnant George Doughty. Leutnant Gilbert Stall, schwer verwundet, gefangen. Zusammen mit vier Flugzeugen griff ich einen Vickers-Zweisitzer über den Wolken in 2.500 m Höhe an. Nach 300 Schüssen brach der Gegner durch die Wolken und wurde von mir verfolgt. In der Nähe von Grandcourt schoss ich ihn ab. Wetter: tiefhängende Wolken, starker Wind und Schauer.“

„Der Pilot der Albatros mit der kugelförmigen Nase, der nun Hawker in einem engen Kreis in 3.000 Fuß Höhe in der Nähe von Bapaume, zwei Meilen hinter den deutschen Linien, folgte, wusste nicht, wer sein Gegner war, aber er kannte das Flugzeug des Lords sehr gut. Er war einer von mehreren deutschen Piloten gewesen, die die erste D.H.2 testflogen, die in Frankreich angekommen war, nachdem sie eineinhalb Jahre später fast unbeschädigt hinter den deutschen Linien abgestürzt war. Er hatte seine Manövrierfähigkeit und absolute Geschwindigkeitsgrenze in allen Höhen beim Steigflug, Sturzflug und in Kurven getestet, ebenso wie die Zuverlässigkeit, Reichweite und Genauigkeit seines Maschinengewehrs und die Anzahl der Minuten, die sein durstiger Motor ihm erlaubte, in der Luft zu bleiben. Dann, während ein anderer deutscher Pilot es flog und Verteidigungsmaßnahmen ergriff, führte er simulierte Angriffe gegen es durch, um seine verwundbarste Seite zu finden. Der Deutsche wusste daher, dass sein Gegner sich nicht von hinten verteidigen konnte. Es bestand keine Gefahr, beschossen zu werden, wenn er hinter und etwas oberhalb des Engländers blieb. Das war die wichtigste Voraussetzung, und nachdem er diese erfüllt hatte, konnte er über den Abschuss nachdenken. Er wusste, dass sein Albatros in der aktuellen Höhe etwa 20 Meilen pro Stunde schneller war als die D.H.2, dass er schneller steigen konnte und dass er zwei Maschinengewehre hatte, während der Engländer nur eines hatte. Allerdings konnte es keine engeren Kreise fliegen als die D.H.2, was es schwierig machen könnte, ihr auf den Fersen zu bleiben. Aber der Deutsche wusste, dass sie langsam an Höhe verlieren würden, wenn er mit seinem Gegner im Kreis bleiben könnte, während der Wind sie immer weiter hinter die deutschen Linien blies, bis dem Engländer das Benzin ausging. In diesem Fall müsste der Lord entweder landen und sich gefangen nehmen lassen oder abgeschossen werden. Kein Pilot würde sich in eine solche Lage begeben. Er würde daher versuchen zu entkommen. Der Deutsche wusste also, dass er nur darauf warten musste, dass der Engländer den Kreis durchbrach und nach Hause flog. Dann hätte er ihn. Dann würde er ihn töten. Hawker erkannte sofort, dass er es nicht mit einem „nervösen Typ“ zu tun hatte, wie seine Piloten sagten. Der Hunne machte alles richtig. Er hatte sich noch nicht von seinem Hunger nach einem Sieg zu einem Fehler verleiten lassen. Noch nicht. Aber es war noch Zeit. Zehn Minuten zuvor hatte Hawker seinen Motor abgestellt, um ein Abwürgen zu verhindern, und einen langen Sturzflug aus 11.000 Fuß Höhe begonnen, um die beiden Zweisitzer einzuholen, die nach Osten gerast waren. Kaum hatte er den Motor abgestellt, hörte er Maschinengewehrfeuer von oben und fast im selben Moment flogen Kugeln knapp an ihm vorbei. Zum Teufel mit diesen Zweisitzern. Er brachte seinen Scout in eine Rolle und dann in eine blattartige Spirale. Gleichzeitig drückte er sein Kraftstoffventil auf „volle Geschwindigkeit“, um den Motor wieder in Gang zu bringen, und zog mit etwas weniger als voller Kraft in 10.000 Fuß Höhe aus der Spirale heraus. Da stieß er auf diesen schlauen Hunnen, der die ganze Zeit unter ihm gewesen war und wahrscheinlich auf ihn gewartet hatte. Hawker feuerte ein paar wirkungslose Schüsse auf den Deutschen ab, während beide versuchten, in Schussposition zu kommen, aber keiner wollte sich einen Vorteil verschaffen, also positionierten sie sich auf gegenüberliegenden Seiten eines 300 Fuß breiten Kreises. Sie drehten etwa zwanzig Mal nach links. Dann flog Hawker eine Acht und führte den Deutschen in etwa dreißig weitere Kreise nach rechts, wobei er auf 6.000 Fuß sank. Sie machten so weiter, drehten sich im Kreis, wie zwei Hunde, die sich gegenseitig in den Schwanz beißen, während die Minuten vergingen und sie sich 3.000 Fuß näherten. Der Deutsche befand sich nun etwas höher auf seiner Seite des Kreises und hatte einen klaren Blick auf den Engländer, der in seinem Cockpit kauerte. Er schaute nach unten und beobachtete genau den Mann, den er töten wollte. Er registrierte jede Bewegung des Kopfes des Engländers und versuchte angestrengt, durch die Brille zu blicken, die die Augen verdeckte, die zu ihm aufschauten. Aber wegen der Brille und der braunen Lederkappe konnte er den Ausdruck auf Hawkers Gesicht nicht sehen, und das bedauerte er. Ein Arm kam aus dem Cockpit des Engländers und winkte ihm kühl zu. Der Deutsche lächelte, winkte aber nicht zurück. „Kein Anfänger“, dachte er. Als Hawkers Höhenmesser 1.500 Fuß anzeigte, begann er verzweifelt zu werden. Eine halbe Stunde war vergangen, der Treibstoff war fast aufgebraucht, und er schätzte, dass er weit über zwei Meilen hinter die Linien abgedriftet war. Wenn er in diesem verrückten Kreis blieb, würde er in zehn Minuten in den Armen der deutschen Infanterie sein.

Wo war Saundby? Und wo waren eigentlich Long und Pashley? Er konnte jetzt Bäume, Häuser und Straßen vorbeiziehen sehen, wo vor einer Ewigkeit noch ein grenzenloser, freier Himmel gewesen war. Er blickte weiter zu den Deutschen hinauf, aber der dunkle Fleck, den er im Augenwinkel wahrnahm – die Erde -, erschien ihm jetzt wie ein riesiger Mund, der ihn verschlingen wollte. Der Kreis musste durchbrochen werden. Den Deutschen immer noch im Blick, zog Hawker den Steuerknüppel ruckartig zurück und brachte seinen D.H.2 in ein paar hohe, gedrehte Loopings. Als er aus der letzten Runde herauskam, rollte er auf die eine, dann auf die andere Seite, und als sein Höhenmesser 300 Fuß anzeigte, begann er den Rückflug. Jetzt“. Der Deutsche schnappte mit seiner Albatros in eine enge Kurve und flog direkt auf das Heck des Engländers zu. Beide Flugzeuge flogen 150 Fuß über flache, pockennarbige Felder. Sie flogen über Gruppen von deutschen Soldaten in grauer Uniform hinweg, die sich die Hände vor die Augen hielten, um die Sonne auszublenden, während sie dem Terrier bei der Jagd auf die Ratte zusahen. Die meisten von ihnen hatten das schon einmal gesehen, aber es war immer wieder interessant, und so hörten sie auf, Sandsäcke zu stapeln und Kisten zu öffnen, und beobachteten die Flugzeuge, so lange sie konnten. Das war eine gute Ausrede für eine Zigarette. Einige der Soldaten wollten mit ihren Gewehren oder Maschinengewehren auf den Engländer schießen, aber er stand zu dicht vor ihrem Mann, also schauten sie einfach zu. Hawker versuchte, das Ziel des Deutschen abzulenken, indem er mit der Ruderstange hin und her schlug und seinen Späher in eine Reihe von Zickzackkursen brachte. Zwei blaugraue Augen folgten ihm, erst zur einen Seite, dann zurück über den schwarzen Spandaus zur anderen. Dann wieder zurück. Die Augen schickten das Bild zur Analyse an das Gehirn. Es war ein Kompromiss, dachte der Deutsche. Der Engländer fuhr im Zickzack, um ein schwierigeres Ziel darzustellen. Aber er verlor dabei jedes Mal an Geschwindigkeit. Ob es ihm gelang, den Kugeln lange genug auszuweichen, hing davon ab, wie nah sie an den Linien waren. Der Deutsche war sich sicher, dass der Engländer es nicht schaffen würde. Jedes Mal, wenn das ausweichende Flugzeug vor seinem Spandaus vorbeiflog, drückte der Deutsche auf den Abzug und sah zu, wie eine kurze Reihe von Kugeln auf das wachsende Ziel zuflog – er mochte das Geräusch der Kanonen, den plötzlichen Geruch des Schießpulvers und vor allem das Gefühl, dass seine Kugeln das Segeltuch durchschlugen, die Holzverstrebungen zertrümmerten, die Steuerkabel durchschnitten und sich vielleicht sogar ins Fleisch bohrten. Aber der Engländer wollte immer noch nicht fallen, und die Frontlinien lagen jetzt 1.000 Yards vor ihm. Der Deutsche war jetzt bis auf sechzig Meter an den Engländer herangekommen und feuerte fast ununterbrochen. Wenn die D.H.2 es bis zu den britischen Linien schaffte, würde ihr Pilot sofort zu einer sicheren Landung ansetzen, und der Deutsche wäre seiner schwer verdienten Beute beraubt. Als 900 seiner 1.000 Schuss verschossen waren und die erste Reihe britischer Schützengräben in Sicht kam, klemmten die Geschütze des Deutschen. Er fluchte und versuchte verzweifelt, sie zu entschärfen. Sie waren wieder frei. Vorsichtig richtete er das kleine Visier zwischen seinem Spandaus und dem Motor des Engländers aus. Die behandschuhte Hand umschloss den Steuerknüppel der Albatros, und die Stiefel, die zart auf den Ruderpedalen ruhten, bewegten sich um Bruchteile von Zentimetern in exakter Übereinstimmung mit der Hand und den Stiefeln des Flugzeugs vor ihm. Der Deutsche drückte erneut den Abzug. Mehr Kugeln kamen aus den beiden Spandaus. Ein weiterer schneller Geschmack von Pulver. Dann sah der Deutsche, wie sich der englische Späher plötzlich aufrichtete, eine Sekunde lang schlaff in der Luft hing und dann fiel. Er schlug mit der Nase voran auf dem Boden auf, vergrub sein Maschinengewehr im Schlamm, spaltete und knirschte Holz und zerriss Stoff. Es blieb einen Moment lang in dieser Position, das Heck nach oben gerichtet, und stürzte dann in einem Gewirr von Kabeln und einer dünnen Staubwolke zu Boden. Das Wrack prallte einmal ab und kam in einem mit Wasser vollgesogenen Granatenloch 500 Meter innerhalb der deutschen Frontlinien zum Liegen. Sein Pilot lag irgendwo in den Trümmern mit einer Kugel im Kopf. Der junge Deutsche brachte seine Albatros in eine enge, steigende Kurve, bis sie nach Osten zeigte. Er schaute sich nach anderen Flugzeugen um, und da er keine sah, blickte er auf sein Opfer hinunter. Er bemühte sich, ruhig zu bleiben, während er betrachtete, was er getan hatte. Aber sein Herz pochte vor Aufregung. Es gab kein anderes Gefühl wie dieses. Er spürte, wie die Potenz durch seinen Körper strömte und in seinen Fingern darauf wartete, wieder benutzt zu werden. Zwei von ihnen hatten um den Himmel gekämpft. Einer war der Sieger. Er war der Sieger, und deshalb gehörte ihm der Himmel, so weit er sehen konnte und so weit seine Gewehre reichten. Er zog den Steuerknüppel leicht zurück und richtete seinen Albatros auf eine größere Höhe aus, wo er den wunderbaren Wind einfangen würde, der ihn immer nach Hause trug. Er dachte, der Wind könnte ihn in den Himmel tragen. Es war das elfte Mal, dass Baron Manfred von Richthofen dieses Gefühl hatte.“

…Ehe ich zu Bett ging, las ich noch einmal die Briefe meiner Söhne. Der elfte Engländer, den Manfred abschoß, ist ein Major Hawker, 26 Jahre alt. Gefangene sagten aus, daß er der „englische Immelmann“ gewesen sei. Er wehrte sich verzweifelt; Manfred schreibt wörtlich: „Ich habe mit ihm den schwersten Kampf gehabt, der mir bisher vorgekommen ist.“ Der Kampf raste durch 3500 Meter, in immer enger werdenden Wirbeln. Leider verlor auch Manfreds Jagdstaffel wieder zwei Flugzeuge, darunter ihren Führer; also acht Flugzeuge in acht Wochen. Hoffentlich bewahrheitet sich, was mir Manfred in seinem Briefe wünscht: daß dies mein letzter Kriegsgeburtstag sei!

„Gefechtsbericht: 1500 Uhr, südlich von Bapaume. Vickers Einsitzer, Flugzeug liegt in der Nähe von Bapaume. Insasse: Major Hawker, tot Ich griff zusammen mit zwei anderen Flugzeugen einen Vickers-Einsitzer in 3.000 Meter Höhe an. Nach einem langen Kurvenkampf von drei bis fünf Minuten hatte ich meinen Gegner auf 500 Meter heruntergedrängt. Er versuchte nun zu entkommen und flog zur Front. Ich verfolgte ihn und brachte ihn nach 900 Schüssen zu Fall. Zeugen: Leutnant Wortmann, Leutnant Collin, usw. Wetter: den ganzen Tag schön.“

„Major Hawker Am stolzesten war ich, als ich eines schönen Tages hörte, daß der von mir am 23. November 1916 abgeschossene Engländer der englische Immelmann war. Dem Luftkampf nach hätte ich mir’s schon denken können, daß es ein Mordskerl war, mit dem ich es zu tun hatte. Ich flog quietschvergnügt eines schönen Tages wieder mal auf Jagd und beobachtete drei Engländer, die scheinbar auch nichts anderes vorhatten als zu jagen. Ich merkte, wie sie mit mir liebäugelten, und da ich gerade viel Lust zum Kampfe hatte, ließ ich mich darauf ein. Ich war tiefer als der Engländer, folglich mußte ich warten, bis der Bruder auf mich ’runterstieß. Es dauerte auch nicht lange, schon kam er angesegelt und wollte mich von hinten fassen. Nach den ersten fünf Schüssen mußte der Kunde schon wieder aufhören, denn ich lag bereits in einer scharfen Linkskurve. Der Engländer versuchte, sich hinter mich zu setzen, während ich versuchte, hinter den Engländer zu kommen. So drehten wir uns beide wie die Wahnsinnigen im Kreise mit vollaufendem Motor in dreitausendfünfhundert Metern Höhe. Erst zwanzigmal linksrum, dann dreißigmal rechtsrum, jeder darauf bedacht, über und [104]hinter den anderen zu kommen. Ich hatte bald spitz, daß ich es mit keinem Anfänger zu tun hatte, denn es fiel ihm nicht im Traum ein, den Kampf abzubrechen. Er hatte zwar eine sehr wendige Kiste, aber meine stieg dafür besser, und so gelang es mir, über und hinter den Engländer zu kommen. Nachdem wir so zweitausend Meter tiefer gekommen waren, ohne ein Resultat erreicht zu haben, mußte mein Gegner eigentlich merken, daß nun die höchste Zeit für ihn war, sich zu drücken, denn der für mich günstige Wind trieb uns immer mehr auf unsere Stellen zu, bis ich schließlich beinahe über Bapaume, etwa einen Kilometer hinter unserer Front, angekommen war. Der freche Kerl besaß nun noch die Unverschämtheit und winkte mir, als wir bereits in tausend Meter Höhe waren, ganz vergnügt zu, als wollte er sagen: »Well, well, how do you do?« Die Kreise, die wir umeinander machten, waren so eng, daß ich sie nicht weiter als achtzig bis hundert Meter schätzte. Ich hatte Zeit, mir meinen Gegner anzusehen. Ich guckte ihm senkrecht in die Karosserie und konnte jede Kopfbewegung beobachten. Hätte er nicht seine Kappe aufgehabt, so hätte ich sagen können, was für ein Gesicht er schnitt. Allmählich wurde selbst dem braven Sportsmann dies doch etwas zu bunt, und er mußte sich schließlich entscheiden, ob er bei uns landen wollte [105]oder zu seinen Linien zurückfliegen. Natürlich versuchte er letzteres, nachdem er durch einige Loopings und solche Witze vergeblich probiert hatte, sich mir zu entziehen. Dabei flogen meine ersten blauen Bohnen ihm um die Ohren, denn bis jetzt war keiner zu Schuß gekommen. In hundert Metern Höhe versuchte er, durch Zickzackflüge, während deren sich von dem Beobachter bekanntlich schlecht schießen läßt, nach der Front zu entkommen. Jetzt war der gegebene Moment für mich. Ich folgte ihm in fünfzig bis dreißig Metern Höhe, unentwegt feuernd. So mußte der Engländer fallen. Beinahe hätte mich eine Ladehemmung noch um meinen Erfolg gebracht. Mit Kopfschuß stürzte der Gegner ab, etwa fünfzig Meter hinter unserer Linie. Sein Maschinengewehr rannte in die Erde und ziert jetzt den Eingang über meiner Haustür.“

„Kofl 1. Armee Weekly Activity Report:

Erfolge im Lufkampf: am 23.11 nachm. 3.00 bei Bapaume durch Lt. Frhr. v. Richthofen, Jagdstaffel 2.“

„Liebe Mama!

Zu Deinem Geburtstag sende ich Dir meine herzlichsten Glückwünsche uns hoffe, daß dies Dein letzter Kriegsgeburtstag sein wird. Mein elfter Engländer ist Major Hawker, sechsundzwanzig Jahre alt, und Kommandeur eines englischen Geschwaders. Gefangene haben ausgesagt,  daß er der englische Boelcke gewesen sei. Ich habe mit ihm den schwersten Kampf gehabt, der mir bisher vorgekommen ist. Bis ich ihn schließlich doch noch abschoß. Leider verloren wir vor drei Tagen unseren Führer und vor acht Tagen ebenfalls ein Flugzeug von unserer Staffel.“

„Wir gingen alle zusammen ins Kino, um den Film von Boelckes Begräbnis zu sehen. Manfred trug das Ordenskissen, er war deutlich zu erkennen… … Nach Tisch ging meine Schwester mit den Verwandten ins Kino, wo der Film von Boelckes Beerdigung immer noch lief. Sie ließen sich den Streifen ganz langsam vorführen, waren sehr interessiert und hatten auf diese Art ein seltsames Wiedersehen mit Manfred gefeiert…“

„Kofl 1. Armee Weekly Activity Report:

Erfolge im Luftkampf: Ein Vickers-Einsitzer am 11.12.16 vorm. 11.55 bei Mercatel s.Arras Sieger Lt. Frhr. v. Richthofen, Jagdstaffel 2.“

„Gefechtsbericht: 1155 Uhr, über Mercatel, nahe Arras. Vickers Einsitzer, Nr. 5986. Umlaufender Motor 30372. Insasse: gefangen genommen, verwundet, Leutnant Hund. Gegen 1145 griff ich mit Leutnant Wortmann in 2.800 m Höhe und südlich von Arras eine feindliche einsitzige Vickers-Staffel von acht Maschinen an. Ich wählte eine Maschine aus und nach einem kurzen Kurvenkampf zerstörte ich den Motor des Gegners und zwang ihn zur Landung hinter unseren Linien bei Mercatel. Der Insasse wurde nicht ernsthaft verwundet. Wetter: schöner Morgen mit etwas Nebel; später Regen.“

„In der Mitte des Monats sah ich Manfred einige Stunden auf der Durchfahrt in Breslau. Er war in Kattowitz beim Feldflugchef wegen neuer Machinen gewesen, er war sehr eilig, man merkte ihm an, daß es ihn drängte, weiterzureisen.“

„Gefechtsbericht: 1130 Uhr, über Menchy. Vickers Einsitzer Nr. 7929. Motor: Gnôme 30413. Insasse: Arthur Gerald Knight, Leutnant RFC, getötet. Wertgegenstände eingeschlossen; ein Maschinengewehr erbeutet. Gegen 11.30 Uhr griff ich zusammen mit vier Flugzeugen und in 3.000 Metern Höhe eine feindliche Einsitzer-Staffel über Menchy an. Nach einigen Kurvenkämpfen gelang es mir, den Gegner auf 1.500 Meter herunterzudrücken, wo ich ihn auf kürzeste Entfernung (Flugzeuglänge) angriff. Ich sah sofort, dass ich den Gegner getroffen hatte; erst ging er in Kurven zu Boden, dann stürzte er zu Boden. Ich verfolgte ihn bis 100 Meter über dem Boden. Dieses Flugzeug war nur von mir angegriffen worden. Wetter: schön den ganzen Tag.“

„Gefechtsbericht: 1345 Uhr, über Moreuil. Vickers Doppelsitzer: A5446. Motor: Beardmore Nr. 791. Insassen: Pilot Lieutnant D’Arcy, Beobachter, unbekannt, hatte keine Erkennungsmarke. Insassen tot, Flugzeug zertrümmert, ein Maschinengewehr erbeutet, Wertsachen bitte beifügen.

Gegen 1345 griff ich mit vier Flugzeugen unserer Staffel in 3.000 m Höhe das feindliche Geschwader über Moreuil an. Die englische Staffel war bis dahin noch nicht von Deutschen angegriffen worden und flog etwas abseits. Ich hatte also die Gelegenheit, die letzte Maschine anzugreifen. Ich war an vorderster Front von unseren eigenen Leuten und andere deutsche Flugzeuge waren nicht zu sehen. Schon nach dem ersten Angriff begann der feindliche Motor zu rauchen; der Beobachter war verwundet worden. Das Flugzeug stürzte in großen Kurven ab, ich folgte und schoss aus nächster Nähe. Dabei hatte ich, wie sich später herausstellte, auch den Piloten getötet. Schließlich stürzte das Flugzeug auf den Boden. Das Flugzeug liegt zwischen Queant und Lagnicourt. Wetter: den ganzen Tag schön.“

„Weihnachten bei Jasta 11: Von links: Jürgen Sandel, Ewin Böhme, Dieter Collin, Lothar von Richthofen (damals mit FEA 11 als Pilot in Ausbildung), ALbrecht von Richthofen, MvR, Franz Walz (CO), Hans Wortmann, unbekannt, Erich König, Karl Bodenschatz.“

25 Dezember 1916
Es 'weihnachtet' nun wieder sehr
Władysława Sikorskiego 19, 58-105 Świdnica, Polen
Swidnica
Schweidnitz

„Es ‚weihnachtet‘ nun wieder sehr; es ist eine heimliche Geschäftigkeit im ganzen Haus. So schön wie im vorigen Jahr wird es diesmal nicht werden – weder Manfred noch Lothar noch mein Mann können kommen. Ich darf aber hoffen, daß sie alle drei im Felde zusammen sein werden, das ist auch schon etwas…“

„Gefechtsbericht: 1625 Uhr, über Ficheux, südlich von Arras. FE-Zweisitzer wurde zertrümmert, Nummer etc. nicht erkennbar.

Um 1615 griffen fünf Flugzeuge unserer Staffel das feindliche Geschwader südlich von Arras an. Der Feind näherte sich unseren Linien, wurde aber zurückgeworfen. Nach einigen Kämpfen gelang es mir, einen sehr mutig geflogenen Vickers-Zweisitzer anzugreifen. Nach 300 Schüssen begann das feindliche Flugzeug unkontrolliert abzustürzen. Ich verfolgte den Plan bis auf 1.000 Meter über dem Boden. Das feindliche Flugzeug stürzte auf der feindlichen Seite zu Boden, einen Kilometer hinter den Schützengräben bei Ficheux. (möglicherweise) Capt. JB Quested (WIA); Lt. HJH Dicksee (unverletzt) (Einige Quellen behaupten, es handele sich um Sgt. James McCudden von der No.29 Squadron in einer DH.2). Quested/Dicksee wurden um 11.20 Uhr 12 km östlich von Ficheux abgeschossen (wahrscheinlich gegen Jasta 1) – innerhalb der alliierten Linien. Richthofen behauptete, um 16.25 Uhr abgeschossen worden zu sein [2] McCudden, der zur Basis zurückkehrte, passt die Zeitangabe. Wetter: Nebel am Morgen, später aufklarend.

„Zunächst eine Liste der sechs Piloten der 29, die an dieser Patrouille teilnahmen und um 13:50 Uhr von ihrem Stützpunkt in Le Hameau starteten:

Name DH2 Zeit der Landung
Captain H. J. Payn 7849 15:35
Lieutenant Dickson A2591 landete in Le Bellevue
Leutnant C. H. B. Readman 7855 14:30 Uhr – Probleme mit der Zündkerze
Flight Sergeant J. T. B. McCudden 5985 16:15 Uhr
Leutnant A. Jennings 5957 16:15 Uhr
Leutnant G. R. T. Hill 7939 1520 – Motorprobleme

Obwohl der Baron seinen Gegner als zweisitzige FE verzeichnet, waren die einzigen FE-Verluste an diesem Tag eine Maschine der 11. Staffel – aber der Kampf fand um 11:15 Uhr statt – und, wie bereits erwähnt, eine Maschine der 20. Staffel, die von Bodenfeuer getroffen wurde, in der Nähe von Berthen westlich der Linien abstürzte und von der Besatzung verbrannt wurde. Berthen liegt im Landesinneren von Calais, also zu weit nördlich, und die Staffel war in Clairmarais stationiert. Ich glaube, dass die britische Übersetzung von Manfreds Bericht durch die Annahme beeinflusst war, dass es sich bei dem erwähnten „Gitterrumpf” um eine FE und nicht um eine DH.2 handeln musste.

Bericht von Captain Payn:
Gegen 14:40 Uhr, während einer Offensivpatrouille zwischen Neuville Vitasse und Ayette, sah ich in 8.500 Fuß Höhe zwei Maschinen, die dicht beieinander über Boiry St. Rictrude flogen. Ich stürzte mich auf sie und feuerte, und der Rest der Patrouille folgte mir. Beide H.A. [feindliche Flugzeuge] wurden abgeschossen, eines schien außer Kontrolle zu sein, verschwand jedoch aus dem Blickfeld, bevor es den Boden erreichte. Sie tauchten in der Umgebung unserer Patrouille nicht wieder auf.
Später (gegen 15:00 Uhr) patrouillierten sechs Albatros-Aufklärer in 12.000 Fuß Höhe östlich von uns. Unsere Flugabwehrbatterien feuerten zahlreiche Warnschüsse ab.
Die Patrouille bestand dann aus drei De Havillands und zwei Nieuports. Ich feuerte mehrere Salven auf die H.A.-Aufklärer ab, in der Hoffnung, sie auf unsere Höhe zu bringen, die damals bei etwa 11.000 Fuß lag.
Gegen 15 Uhr sah ich einen Walfish-Aufklärer, der in 9.000 Fuß Höhe nach Süden flog. Ich stürzte mich im Sturzflug auf ihn und feuerte mehrere Salven aus einer Entfernung von etwa 150 Yards ab.
Als ich wieder auf 10.500 Fuß war, stürzte sich die H.A., die eine hervorragende Formation hielt, auf die nächste De Havilland. Eine H.A. verließ die Formation und griff an, wobei sie im Sturzflug einige Schüsse abgab. Schließlich griffen die sechs Scouts an und es wurden viele Schüsse aus einer Entfernung von weniger als 50 Yards abgefeuert. Ich beobachtete bei diesem Angriff nur drei De Havillands und eine Nieuport. Eine De Havilland ging in einer Linksdrehung zu Boden, gefolgt von der H.A.-Scout. Ich stürzte mich auf Letztere und feuerte meine restlichen Schüsse auf sie ab, woraufhin sie die De Havilland verließ.
Da ich keine Munition mehr hatte und den Haupttank nicht benutzen konnte, feuerte ich eine grüne Leuchtrakete ab und kehrte nach Hause zurück.

Bericht von Leutnant A. Jennings:
Sechs HA patrouillierten parallel zu uns auf und ab und näherten sich allmählich. Gegen 15 Uhr begannen sie, Sturzflüge auf uns zu machen und aus großer Entfernung zu schießen. Ich feuerte einige Schüsse zurück, dann drehte eine unserer Maschinen, während wir über Adinfer Wood waren, und flog nach Süden. Der Rest der Patrouille folgte. Zwei H.A. stürzten sich auf die führende De Havilland. Ich stürzte mich auf eine der HA und feuerte etwa 20 Schüsse ab. Währenddessen tauchte eine weitere 11.A. von rechts auf. Ich drehte mich zu ihr um und feuerte aus sehr kurzer Entfernung. Ich konnte den Piloten deutlich sehen, dann kamen zwei HA hinter mir her und eine weitere De Havilland vertrieb sie. Mein Motor ging aus, und da ich dachte, die Benzinleitung sei durchtrennt, flog ich zu den Linien. Nach etwa einer Minute sprang mein Motor wieder an. Ich drehte mich um und sah eine De Havilland, die sich offenbar im Trudeln befand, verfolgt von einer H.A.. Ich ging runter, und die H.A. flog davon. Die De Havilland gewann die Kontrolle zurück, dann tauchten zwei Nieuports auf, und die H.A. zog sich zurück.

NIcCuddens Bericht:
Östlich von Adinfer sah ich fünf H.A. Lt. Jennings griff eine H.A. an, und eine weitere H.A. näherte sich von hinten. Ich feuerte etwa 15 Schüsse ab und vertrieb ihn. Er drehte sich um und kam auf mich zu, während er feuerte. Ich eröffnete das Feuer aus 100 Yards Entfernung, und nach etwa acht Schüssen blieb meine Waffe aufgrund einer Querzuführung stehen. Da die feindliche Maschine mich aus nächster Nähe angriff, drehte ich mich auf den Rücken und tauchte senkrecht ab, in einer langsamen Drehung, und erreichte so unsere Linien wieder. In 800 Fuß Höhe über Passeux ließ mich der H.A. in Ruhe. Ich behob schnell die Störung und folgte dem H.A. in 2.000 Fuß Höhe über die Schützengräben hinweg. Aufgrund seiner Geschwindigkeit und seines Steigfluges distanzierte er mich und schloss sich in etwa 5.000 Fuß Höhe wieder seiner Patrouille an. Die feindliche Patrouille zog sich dann zurück.

Es scheint, dass McCudden von Richthofens Angriff auf Jennings abgewehrt hatte, und kurz darauf sah Jennings, wie McCudden sich in Richtung Erde drehte, gefolgt vom Baron. Zweifellos erkannte dieser, dass er sich in der Nähe der Frontlinien befand, und beschloss schnell, in das von den Deutschen gehaltene Gebiet zurückzukehren, wobei er wahrscheinlich nicht wusste, dass McCudden, der sich aus seiner Drehung befreit hatte, versuchte, ihm zu folgen. Es scheint auch, dass von Richthofen, der glaubte, sein Gegner stünde kurz davor, auf den Boden aufzuschlagen, diese Wunschvorstellung in seinen Kampfbericht einfließen ließ. Als die Jasta die Beobachter an der Front anrief, um zu fragen, ob sie einen Gitterrumpf im Sturzflug gesehen hätten, und diese dies bejahten, war die „Bestätigung” vollständig. Hätten sie auch berichtet, dass es sich bei der feindlichen Maschine um eine DH.2 handelte, hätte von Richthofen dies in seinem Bericht vermerkt und nicht eine FE.2, d. h. einen Einsitzer statt eines Zweisitzers. Es gibt natürlich keine Antwort darauf, dass er sagte, die Maschine sei zerschmettert und daher die Seriennummer nicht mehr erkennbar gewesen. Da sie innerhalb der britischen Linien „gestürzt” wäre, hätte er nicht wissen können, wie unkenntlich sie war.

In seinem Buch Flying Fury schreibt McCudden:
Ich feuerte nun auf den nächsten Hunnen, der Jennings verfolgte, und dieser Hunne kam sofort mit der Nase auf mich zu, und wir feuerten beide gleichzeitig, aber nach etwa zwanzig Schüssen bekam meine Waffe eine schlimme Doppelzuführung, die ich zu diesem Zeitpunkt nicht beheben konnte, da ich mich nun inmitten von fünf D.I Albatroses befand, also machte ich eine halbe Rolle. Als ich herauskam, hielt ich die Maschine einige hundert Fuß lang über der Vertikalen und begann wieder auszugleichen, als hinter mir ein „Cack, Cack, Cack, Cack“ ertönte. Ich machte sofort wieder eine halbe Rolle, aber der Hunne blieb immer noch da, und so flog ich während der halben Rolle weiter in Richtung unserer Linien, denn der Kampf hatte östlich von Adinfer Wood begonnen, das wir von unseren früheren kleinen Vergnügungsflügen so gut kannten.
Ich machte weiter halbe Rollen und überquerte die Schützengräben in etwa 2.000 Fuß Höhe, wobei der Hunne mich immer noch verfolgte, und der Schurke trieb mich eine Meile westlich der Linien auf 800 Fuß herunter, als er nach Osten abbog und von unseren Flugabwehrgeschützen beschossen wurde. Ich behob schnell die Störung und wandte mich der Verfolgung des Hunnen zu, aber zu diesem Zeitpunkt befand sich der Hune bereits viel höher und schloss sich sehr bald seiner Patrouille an, die etwa 5.000 Fuß über Rancourt auf ihn wartete.“

An der Somme, 28. Dezember 1916 „Liebe Mama! Papa und Lothar waren zum Heiligen Abend beide bei mir. – Es war ein denkwürdiges Fest. So ein Weihnachten im Felde macht doch mehr Spaß, als Ihr es Euch in der Heimat wohl denkt. Unsere Feier bestand nur in einem Christbaum und einem sehr guten Essen. Lothar hat am Tage darauf seinen ersten Alleinflug gemacht. Ein ähnliches Ereignis ist nun der erste Abschuß. Gestern schoß ich nun meinen fünfzehnten Engländer ab, nachdem ich zwei Tage vor Weihnachten eine Dublette gemacht hatte, Nr. 13 und 14. Dein gerhorsamer Sohn Manfred.“

1 Januar 1917
Vroeg in 1917
Near Douai
La Brayelle

„Zeugnis von Herman Lohmeyer (Mechaniker von Oblt. Wolff, Jasta 11): Anfang 1917 kam ich zur Jagdstaffel 11 in der Gegend von Douai-Arras, zu der Zeit war Manfred von Richthofen unser Staffelführer. Von dort ging es nach Flandern, nach Harelbeke und dann in die Markebeke bei Kortrijk.“

„Gefechtsbericht: 1615 Uhr, bei Metz-en-Coûture. Sopwith-Einsitzer (südlich dieses Ortes liegend), Nr. LTR5193. Motor: 80 PS Le Rhône Nr. 5187. Ein neuer Flugzeugtyp, noch nie gesehen, aber da die Flügel gebrochen sind, kaum zu erkennen. Insasse: Leutnant Todd, getötet, Papier und Wertsachen eingeschlossen.

Gegen 1615, als wir gerade aufbrachen, sahen wir über uns in 4.000 Metern Höhe vier Ebenen, die von unserer Artillerie unbehelligt blieben. Da die Bogenschützen nicht schossen, hielten wir sie für unsere eigenen. Erst als sie sich uns näherten, bemerkten wir, dass es Engländer waren. Eines der englischen Flugzeuge griff uns an, und wir sahen sofort, dass das feindliche Flugzeug dem unseren überlegen war. Nur weil wir drei gegen einen waren, konnten wir die Schwachstellen des Feindes erkennen. Es gelang mir, hinter ihn zu gelangen und ihn abzuschießen. Das Flugzeug brach im Sturzflug auseinander. Wetter: morgens tief hängende Wolken und Regen, nachmittags hell.“

„Der Sechzehnte ist gefallen. Ich stand somit an der Spitze sämtlicher Jagdflieger. Dieses war das Ziel, das ich erreichen wollte. Das hatte ich scherzeshalber mal vor einem Jahr zu meinem Freund Lynker gesagt, als wir zusammen schulten und er mich fragte: »Was ist denn Ihr Ziel – was wollen Sie erreichen als Flieger?« Da meinte ich so scherzhaft: »Nun, so an der Spitze der Jagdflieger zu fliegen, muß doch ganz schön sein!« Daß dies mal Tatsache würde, habe weder ich mir zugetraut noch andere Menschen mir. Bloß Boelcke soll einmal gesagt haben – natürlich nicht mir direkt persönlich, aber man hat es mir nachher erzählt – wie er gefragt wurde: »Wer hat denn Aussicht, mal ein guter Jagdflieger zu werden?« da soll er mit dem Finger auf mich gezeigt und gesagt haben: »Das ist der Mann!« Boelcke und Immelmann hatten mit dem Achten den Pour le mérite bekommen. Ich hatte das Doppelte. Was wird sich nun ereignen? Ich war sehr gespannt. Man munkelte, ich würde eine Jagdstaffel bekommen.“

„Aus irgend welchen Gründen kam ich eines schönen Tages auf den Gedanken, mir meine Kiste knallrot anzupinseln. Der Erfolg war der, daß sich mein roter Vogel jedem Menschen unbedingt aufdrängte. Auch meinen Gegnern schien dies tatsächlich nicht ganz unbekannt geblieben zu sein. Gelegentlich eines Kampfes, der sich sogar an einer anderen Frontstelle abspielte wie die übrigen, glückte es mir, einen zweisitzigen Vickers, der ganz friedlich unsere Artilleriestellung photographierte, anzuschießen. Der Gegner kam gar nicht dazu, sich zu wehren, und mußte sich beeilen, auf die Erde zu kommen, denn er fing schon an, verdächtige Zeichen des Brennens von sich zu geben. Wir nennen das: »er stinkt.« Wie sich herausstellte, war es auch tatsächlich Zeit, denn der Apparat fing kurz über der Erde an, in hellen Flammen zu brennen. Ich fühlte ein menschliches Mitleid mit meinem Gegner und hatte mich entschlossen, ihn nicht zum Absturz zu bringen, sondern ihn nur zur Landung zu zwingen, zumal ich das Gefühl hatte, daß der Gegner schon verwundet war, denn er brachte keinen Schuß ’raus. In etwa fünfhundert Metern Höhe zwang mich ein Defekt an meiner Maschine, im normalen Gleitflug, ohne eine Kurve machen zu können, gleichfalls zu landen. Nun ereignete sich etwas ganz Komisches. Mein Feind landete mit seiner brennenden Maschine glatt, während ich als Sieger unmittelbar daneben in den Drahthindernissen der Schützengräben einer unserer Reservestellungen mich überschlug. Es folgte eine sportliche Begrüßung der beiden Englishmen mit mir, die wegen meines Bruches nicht wenig erstaunt waren, da sie, wie bereits erwähnt, keinen Schuß auf mich abgegeben hatten und sich den Grund meiner Notlandung gar nicht vorstellen konnten. Es waren dies die ersten Engländer, die ich lebendig heruntergebracht habe. Deshalb machte es mir besonders Spaß, mich mit ihnen zu unterhalten. Ich fragte sie unter anderem, ob sie meine Maschine schon einmal in der Luft gesehen hätten. »Oh yes,« sagte der eine, »die kenne ich ganz genau. Wir nennen sie ›le petit rouge‹.« Nun kommt eine echt englische – in meinen Augen – Gemeinheit. Er fragte mich, weshalb ich mich vor der Landung so unvorsichtig benommen hätte. Der Grund lag darin, daß ich nicht anders konnte. Da sagte der Schurke, er hätte versucht, in den letzten dreihundert Metern auf mich zu schießen, habe aber Ladehemmung gehabt. Ich gebe ihm Pardon – er nimmt es an und vergilt es mir nachher mit einem hinterlistigen Überfall. Seitdem habe ich noch keinen meiner Gegner wieder sprechen können, aus einem naheliegenden Grund.“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report:

Organisatorisch Veraenderungen: Die Fuehrung von Jagdstaffel 11 uebernahm am 20.1.1917 Lt. Frhr. v. Richthofen (Jagdstaffel Boelcke). Bisheriger Fuehrer der Jagdstaffel 11, Oberlt. Lang, uebernahm am gleichen Tage die Fuehrung von Jagdst. 28 bei 4. Armee.

Besonderes: Dem Lt. Frh. v. Richthofen, Jagdstaffel 11 wurde am 21.1.1917 der Orden Pour le Mérite verliehen fuer erfolgreichen anerkannten Abschuss 16 feindlicher Flugzeuge.“

„Da kommt eines Tages das Telegramm: »Leutnant v. R. zum Führer der Jagdstaffel 11 ernannt.« Ich muß sagen, ich habe mich geärgert. Man hatte sich so schön mit den Kameraden der Jagdstaffel Boelcke eingearbeitet. Nun wieder ganz von neuem anzufangen, das Einleben usw. war langweilig. Außerdem wäre mir der Pour le mérite lieber gewesen.“

„Ein großer Tag für uns. Früh um sieben Uhr wurde ich durch ein Telegramm geweckt. Ich öffnete es mit Zögern und nicht ohne das beklemmende Gefühl, das uns Telegramme jetzt im Kriege einflößen. Ich las, während meine Hände zitterten: „S. M. der Kaiser hat dem Leutnant von Richthofen den Orden Pour le Mérite verliehen. Jagstaffel Boelcke.“ Das war herrlich! Das war wundervoll! Noch fehlen mir die Einzelheiten. Ich weiß nur, daß er 16 Engländer im Luftkampf besiegt hat und mit dieser Zahl an der Spitze von Deutschlands Jagdfliegern steht. Es hat sich erfüllt, was ihm einst ein Kamerad bei seinem Abschied aus Rußland scherzend nachrief: „Komm ja nicht ohne den Pour le Mérite zurück!“ Die große Freude trieb mich, das Ereignis an alle Verwandten zu telefonieren. Ilse gab in ihrem Lazarett eine Bowle für ihre Pfleglinge und für die sechs Schwestern. Sie verlas das Telegramm und brachte ein Kaiserhoch aus. – Sofort stand einer der Soldaten auf und brachte ein Hoch auf Manfred aus und natürlich – auf Schwester Ilse. Die folgenden Tage brachten viele reizende Briefe, Glückwünsche und Telegramme. Die Nachbarschaft, ganz Sweidnitz freut sich mit uns, alle sprechen von ihm; wir treten in keinen Laden, wo wir nicht beglückwünscht werden. Alle Blicke sind auf ihn gerichtet, und wieviel Gebete begleiten ihn!“

„Nach zwei Tagen – wir sitzen gemütlich bei der Jagdstaffel Boelcke und feiern meinen Abschied –, da kommt das Telegramm aus dem Hauptquartier, daß Majestät die Gnade hatte, mir den Pour le mérite zu verleihen. Da war die Freude natürlich groß. Es war ein Pflaster auf das Vorangegangene. * Ich hatte es mir nicht so nett vorgestellt, selbst eine Jagdstaffel zu führen, wie es nachher in Wirklichkeit geworden ist. Ich habe mir nie träumen lassen, daß es mal eine Jagdstaffel Richthofen geben würde.“

„Um ihnen zu zeigen, wie es gemacht wird, führte er sie am 23. Januar zum ersten Mal über die englischen Linien und „schoss“ das erste Opfer ab, das in das Siegesbuch der Einheit eingetragen wurde. Für Richthofen war es sein siebzehnter „Abschuss“. Beim Abendessen, als sich seine zwölf Offiziere um den Messtisch versammelten, erklärte er die Technik seiner ersten Demonstration, wies auf einige Flugfehler hin, die seine Schüler gemacht hatten, und beantwortete ihre Fragen. Nach dem Essen und dem Vortrag zogen sich der fliegende Ulan und seine Schüler in ihre Quartiere zurück, in dem Wissen, dass sie am nächsten Morgen wieder „über die Front fliegen“ würden.“

„Gefechtsbericht: 1610 Uhr, über den Schützengräben südwestlich von Lens. Keine Angaben, Flugzeug fiel auf die gegnerische Seite.

Gegen 1610 Uhr griff ich mit sieben meiner Flugzeuge ein feindliches Geschwader westlich von Lens an. Das Flugzeug, das ich ausgewählt hatte, fing nach 150 Schüssen, die aus einer Entfernung von 50 Metern abgegeben wurden, Feuer. Das Flugzeug stürzt brennend ab. Der Insasse stürzte in 500 Metern Höhe aus dem Flugzeug. Unmittelbar nach dem Aufprall des Flugzeugs auf den Boden konnte ich eine schwere schwarze Rauchwolke aufsteigen sehen. Das Flugzeug brannte noch eine ganze Weile mit häufigem Aufflackern der Flammen. Wetter: schön den ganzen Tag.“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report:

Erfolge im Lufkampf: Am 23.1 1 engl. Flugzeug durch Lt. Frh. von Richthofen, J. St. 11, ueber Lens in Brand geschossen um jenseits der Linie zum Absturz gebracht. (17. Flugz.)“

„Sieg 18 und Notlandung nach Verlust des oberen Flügels

Gefechtsbericht: 1215 Uhr, westlich von Vimy. Fester Motor: Flugzeug Nr. 6937; Motor Nr. 748. Insassen: Pilot – Kapitän Craig. (Beobachter) Leutnant McLennan.

In Begleitung von Feldwebel (Hans) Howe griff ich gegen 1215 Uhr das Führungsflugzeug einer feindlichen Formation an. Nach einem langen Kampf zwang ich meinen Gegner zur Landung in der Nähe von Vimy. Die Insassen verbrannten ihr Flugzeug nach der Landung. Ich selbst musste landen, da ein Flügel in 300 Metern Höhe gebrochen war. Ich flog eine Albatros DIII. Nach Aussage der englischen Besatzung ist mein rot lackiertes Flugzeug für sie nicht unbekannt, denn auf die Frage, wer sie heruntergeholt habe, antworteten sie: „Le petit rouge“. Zwei Maschinengewehre wurden von meiner Staffel beschlagnahmt. Das Flugzeug war nicht mehr zu retten, da es völlig verbrannt war. Wetter: den ganzen Tag schön.“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report:

Am 23.1. 1 engl.F.e. DD. 160 PS. Durch Lt. Frh. von Richthofen, J. St. 11, bei Vimy zur Landung gezwungen. (18 Flugzeug) Besatzung 2 engl. Iffiziere gefangen, Flugzeug verbrannt.“

„…Nach meiner Rückkehr fand ich einen Brief vor, in dem Manfred mitteilt, daß er seine „liebe Jagdstaffel Boelcke“ verließe, um als Führer die Jagdstaffel 11 in Douai zu übernehmen. Die Zahl seiner Abschüsche ist auf 18 gestiegen. Als er den letzten Gegner niederrang, wäre er beinahe selbst das Opfer geworden. In 300 Meter Höhe brach ihm eine Tragfläche weg; wie durch ein Wunder erreichte er die Erde. „Auf Urlaub darf ich leider nicht kommen“, schreibt er zum Schluß „gern hätte ich Euch einmal den Pour le mérite gezeigt.“ Er konnte sich noch von Herzen freuen, er war noch nicht abgestumpft, noch ganz unverbraucht. Er war 24 Jahre alt!“

„Liebe Mama!

Du wunderst Dich gewiß, weshalb ich nicht schreibe. Es ist in der Zwischenzeit derartig viel passiert, daß ich nicht weiß, was ich zuerst schreiben soll. Ich bin Führer der Jagdstaffel 11 in Douai geworden. Nur ungern ging ich von meiner Jagdstaffel Boelcke weg. All mein Sträuben half
nichts. Die Staffel 11 besteht ebenso lange wie meine alte, nur hat sie bisher noch keinen abgeschossen, und der Betrieb macht mir vorderhand noch sehr wenig Freude. Das mir unterstellte Offizierskorps besteht aus zwölf Herren. – Ich hatte Glück. Am ersten Tage schoß ich Nr. 17  ‚runter, und am zweiten Nr. 18. Wie ich meinen achtzehnten Abschoß, brach mir im Luftkampf die Tragfläche durch. Wie durch ein Wunder erreichte ich die Erde, ohne dabei kaputt zu gehen. Am gleichen Tage fielen bei der Jagdstaffel Boelcke drei Flugzeuge, dabei auch der nette kleine Immelmann – ein Jammer! Es es ist nicht ausgeschlossen, daß ihnen dasselbe passierte wie mir. Auf Urlaub darf ich leider nicht kommen, gern hätte ich Euch einmal den Pour le merite gezeigt.“

„Es geschah zu einer Zeit, als die deutsche Jagdfliegerstaffel Probleme mit der Albatros D.II bekam. Seine eigene Maschine hatte am Vortag einen Flügelbruch erlitten, sodass er am 1. Februar begann, eine Halberstadt Scout zu fliegen, was er einige Wochen lang tun würde.“

„Zwanzig Minuten nachdem der Pilot und sein Beobachter, beide tödlich verwundet, aus ihrem Flugzeug gezogen worden waren, sprengte eine kanadische Artillerie-Batterie es in Stücke, um es den Deutschen vorzuenthalten. Die Besatzung starb am nächsten Tag.“

„Gefechtsbericht: 1600 Uhr. BE-Doppelsitzer Nr. 6742. Über Schützengräben, einen Kilometer südwestlich von Thelus. Insassen: Leutnant Murray – Leutnant McBar, beide verwundet und am 2. Februar gestorben.

Gegen 1600 Uhr entdeckte ich, zusammen mit Leutnant Allmenröder fliegend, in 1.800 m Höhe einen Artillerieflieger. Es gelang mir, mich ihm mit meiner Halberstädter Maschine scheinbar unbemerkt bis auf 50 Meter zu nähern. Aus dieser Entfernung, die nur bis zur Länge eines Flugzeugs reichte, gab ich 150 Schüsse ab. Das feindliche Flugzeug stürzte daraufhin in großen, unkontrollierten Rechtskurven ab, verfolgt von Allmenröder und mir. Das Flugzeug stürzte in den Stacheldraht unserer Frontlinien. Die Insassen waren beide verwundet und wurden von der Infanterie gefangen genommen. Es ist unmöglich, das Flugzeug zu bergen. Wetter: morgens bewölkt, aber für den Rest des Tages schön.

„Englische und französische Fliegerei (Februar 1917) Zurzeit bin ich bemüht, der Jagdstaffel Boelcke Konkurrenz zu machen. Abends legen wir uns gegenseitig die Strecke vor. Aber es sind verteufelte Kerls da drüben. Zu schlagen sind sie nie. Höchstens, daß man der Staffel gleichkommt. Hundert haben sie ja schon Vorsprung. Diesen Vorsprung muß ich ihnen lassen. Es hängt ja viel davon ab, welchem Gegner man gegenüber liegt, ob man die laurigen Franzosen oder die schneidigen Kerls, die Engländer, gegenüber hat. Mir ist der Engländer lieber. Der Franzose kneift, der Engländer selten. Oft kann man sogar hier von Dummheit sprechen; sie bezeichnen dies dann wohl als Draufgängertum. Es ist das Schöne beim Jagdflieger, daß es auf keinerlei Kunststücke bei ihm ankommt, sondern lediglich persönlicher Schneid das Ausschlaggebende bleibt. Es kann einer ein ganz herrlicher Sturz- und Loopingflieger sein. Er braucht deshalb noch lange keinen abzuschießen. Meiner Ansicht nach macht das Draufgehen alles, und das liegt uns Deutschen ja. Deshalb werden wir stets die Oberherrschaft in der Luft behalten. Dem Franzosen liegt es, aus dem Hinterhalt zu überfallen und einem anderen aufzulauern. [111]Das läßt sich in der Luft schlecht machen. Überrumpeln läßt sich nur ein Anfänger. Auflauern geht nicht, da man sich ja nicht verstecken kann, auch ist das unsichtbare Flugzeug noch nicht erfunden. Ab und zu braust wohl mal das gallische Blut in ihm auf. Dann setzt er zum Angriff an; aber es ist wohl mit einer Brauselimonade zu vergleichen. Für einen Augenblick furchtbar viel Mut, der ebenso schnell vollständig schwindet. Das zähe Durchhalten fehlt ihm. Dem Engländer dagegen merkt man eben doch ab und zu noch etwas von seinem Germanenblut an. Auch liegt dem Sportsmann das Fliegen sehr, aber sie verlieren sich zu sehr in dem Sportlichen. Sie haben genug Vergnügen daran, Loopings, Sturzflüge, Auf-dem-Rücken-fliegen und ähnliche Scherze unseren Leuten im Schützengraben vorzumachen. Dies macht wohl bei der Johannisthaler Sportswoche Eindruck, aber der Schützengraben ist nicht so dankbar wie dieses Publikum. Er verlangt mehr. Es soll immer englisches Pilotenblut regnen.“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report:

Am 1.2.1917 ein engl. B.E. Zweisitzer 1 km s.w. Thelus durch Lt. Frh. v. Richthofen, Fuehrer von J. St. 11 abgeschossen (als 19.). Besatzung: Fuehr. Captain Murray, Beobachter Lt. McBar tot. Zugehoerigkeit nicht festzustellen.“

4 Februar 1917
die Uhr zeigt auf sieben Uhr morgens
Władysława Sikorskiego 19, 58-105 Świdnica, Polen
Swidnica
Schweidnitz

„Es ist noch frühn das Haus schläft, die bittere Kälte läßt im Bette wohl sein. Ich glaube ein Klingeln gehört zu haben. Ich mache Licht, die Uhr zeigt auf sieben Uhr morgens. Da wird die Tür schnell geöffnet, und Manfred steht vor meinem Nett, frisch und froh, keine Spur von Müfigkeit nach der langen Nachtfahrt. Der blaue Stern glitzert an seinem Halse – der Pour le mérite. Ich fasse seine Hand, spreche, wie wenn ich den Knaben lobte: „Bravo, das hast du gut gemacht, Manfred.“ Und frage: „Wie bist du denn hereingekommen? War das Gartentor schon offen?“ Nein, das war es nicht, aber das tat nichts. Der Ritter des Ordens pour le mérite war über den Zaun gestiegen. Schnellstens erscheinen wir beim Frühstück, zum Morgenkaffee. Keine Kriegsbrühe, bitte! Eine Handvoll Kaffeebohnen wird noch zusammengekratzt. Sie waren für einen besonders festlichen Anlaß aufgespart. Diese Stunde ist jetzt da. Ein unerschöpfliches Fragen und Erzählen hebt an. Daß man Manfred gar keine Müdigkeit anmerkt! Er sieht so frisch aus wie selten. Ich beobachte ihn mit Stolz. Sein Gesicht, scheint mir, ist noch geschlossener geworden. Ein Willensgesicht. Aber der liebenswürdige, gutgeschnittene Mund hat noch seinen Charme. „Wo bist du gewesen, Manfred?“ – Eine umständliche, wenig erfreuliche Sache. Es ist in letzter Zeit öfter vorgekommen, daß den deutschen Fliegern in der Luft die Tragflächen weggebrochen sind. Er wollte in Berlin bei der zuständigen Stelle auf diesen Konstruktionsfehler aufmerksam machen. (Oder war es vielleicht Materialschwäche?) Manfred erzählte, wir hörten gespannt zu. „Le petit rouge“ nennen die Feinde sein Flugzeug, weil er es leuchtend rot angestrichen hatte. Ich fand das leichtsinnig, er aber meinte: „Man kann sich in der Luft doch nicht unsichtbar machen, und so erkennen mich wenigstens die Unseren.“ Im Augenblick kam mir ein schönes Bild. Trug nicht einst auch Dietrich von Bern einen feuerroten Schild? Und verband man nicht die Vorstellung von Mut und Kraft damit? Als der Abend kam, wurde es erst recht gemütlich. Das Thermometer draußen zeigte 23 Grad Kälte. Die Zimmer im Hause waren nur mäßig warm, aber der große Roksofen im Oßtzimmer spendete behagliche Wärme. So setzten wir uns denn im Kreise um ihn herum und lauschten unserem Lufthelden mit ungeteilter Aufmerksamkeit, mochte der Uhrzeiger auch langsam auf Mitternacht rücken. Was Manfred in seiner schlichten, einfachen Art berichtete, war wie das Hohelied des Jagdfliegers. Einsamer Stolz und Ritterlichkeit – auch bei den englischen Gegern; wie denn jener Major Hawker, der britische Immelmann, im tollen Wirbel des Kampfes Manfred noch grüßend zuwinkte und lächelte, ehe ihn die Maschinengewehrgarbe aus der Luft riß. Das war Haltung, die Alt-Englands würdig war und die von einem schönen Geist des Royal Flying Corps zeugte. Weniger gefiel mir dagegen das Verhalten jenes achtzehnten Gegners, den Manfred bezwang, ehe ihm die eine Tragfläche brach. Er schoß das englische Flugzeug schwer an, gab aber den beiden Insassen Pardon und begnügte sich damit, sie zur Notlandung zu zwingen. Dann hatte er das Pech mit seiner Maschine und kam gerade noch im langsamen Gleitflug herunter. Als er sich nach der Landung mit den beiden Gefangenen unterhielt, sagten sie aus, sie würden beim Landen noch auf ihn geschossen haben, wenn sie nicht Ladehemmung gehabt hätten… Der brave Ofen meint es wirklich gut. Er hält uns fest mit seiner Wärme. Der Wind geht ums Haus. Wir trinken noch eine Tasse Tee; eine Schale mit Rüssen steht auf dem Tisch. Manfred hat eine Berliner Zeitung hervorgeholt, mit dem Datum von gestern, und reicht sie uns. Da steht zu lesen, daß er seinen neunzehnten Gegner abschoß. Eine späte Ûberraschung, kurz vor Mitternacht. Ich kann es mir nicht versagen, eine Frage zu stellen, die vielleicht nicht recht überlegt war. „Warum setzt du dein Leben in dieser eise täglich aufs Spiel? Warum tust du das, Manfred?“ Er sieht mich groß an; Ernst steht auf seinem Gesicht geschrieben. „Für den Mann im Schützengraben“, sagt er schlicht. „Ich will ihm sein hartes Los erleichtern, ihm feindliche Flieger fernhalten.“ Und er spricht nun von dem einfachen Soldaten vorn im Graben, von der großen, heldenhaften Passion des Unbekannten mit seinem entsagungsvollen Kämpfen und Sterben. Seine Worte sind zwingend, sie machen uns sehend. Der graue Bruder in der Erde steigt ans Licht. Die vielen, die kein Heeresbericht mit Namen nennt. Wir blicken in ihre erdfarbenen Gesichter, die so voller Runen sind, wie es Tage im Kriege gibt. Der Rauch der Materialschlacht geht über sie hin, das Grollen der Geschütze ist wie eingewachsen in ihren Ohren…Für einen Augenblick aber ist ein Geräusch stärker als das Tofen der Artillerie, es schwillt an und rauscht wie eine Orgel und reißt ihre Köpfe nach oben – ein deutscher Jagdflieger, der eben noch im Älterblau kreiste und einen Gegner im Feuerrauch zur Erde schickte, schießt über die vordesten Stellungen. Blutrot ist sein Rumpf. Er streicht tief über den deutschen Graben – ein brausender Gruß euch da unten! – ehe er sich wieder, ein leuchtender Pfeil, gegen die blaue Scheibe des Himmels wirft und entschwindet. Die aber unten, auf ihren Schützenbänken, hinter ihren Sandsäcken und Brustwehren folgen dem roten Flieger mit den Augen, solange sie können, auf ihren halbgeöffneten Lippen noch der Schrei der Begeisterung… Ich verstand in dieser Nacht, was das Wesen des Kampffliegers ausmacht und was diese jungen Leute, die kaum dem Jünglingsalter entwachsen waren, befähigte, Leistungen zu vollbringen, die den Tod zum Schemen machten.“

Auszug aus Kurt Wolffs Tagebuch:

„Am 6. griff ich eine B.E. an derselben Stelle mit 50 Schüssen aus nächster Nähe an, aber sie ging nicht zu Boden. Am 10. schoss ich sie mit zwei Sopwiths (40 Schüsse) ab, aber Richthofen, der dazukam, konnte sie auch nicht abschießen. Am 11. kam es zu einem Kampf mit einem F.E.-Einsitzer, aber ich konnte keinen Schuss abgeben.“

„Die Armee mag sich in der Defensive befinden, ebenso wie die Luftwaffe, aber nicht Richthofen. Er verbrachte die ersten beiden Februarwochen damit, mit seinem Geschwader Taktiken durchzugehen und sich einzeln mit den Mitgliedern zu treffen, um ihre Fehler zu besprechen. Er entwickelte Bölckes Fähigkeit, während eines Kampfes fast alles um sich herum zu sehen, selbst wenn er selbst im Einsatz war, und er behielt alles im Gedächtnis, was er sah. Es gab keine Entschuldigung dafür, nicht ständig nach hinten zu schauen, warnte er die Jasta 11, und jeder Pilot, der mit Löchern im Heck zurückkehrte, musste eine gute Erklärung dafür haben. Es entsprach jedoch nicht der Wahrheit, dass später Geschichten kursierten, wonach schon ein einziges Loch im Heck eines Aufklärers für Richthofen Grund genug war, den Piloten versetzen zu lassen. Dennoch nahm man ihn beim Wort. Nach der Rückkehr von einem Kampf täuschte ein Pilot der Jasta 11 mit zahlreichen Einschusslöchern einen Motorschaden vor und landete auf dem Flugfeld einer anderen Staffel, wo die Löcher geflickt wurden, bevor er nach Hause weiterflog. Die Piloten verehrten Richthofen im Allgemeinen nicht so sehr wie Bölcke, und das wusste er. Aber er wusste auch, dass sie ihn respektierten, und seine Ausbildung hatte ihn gelehrt, dass das ausreichte. Er machte es sich zur Regel, Piloten niemals etwas zu verlangen, was er selbst nicht tun würde, und es erfüllte ihn mit Zufriedenheit, dass sie das auch wussten.“

„Er sagte in seinem Bericht, dass der Pilot in der Luft ums Leben gekommen sei und der Beobachter schwer verletzt worden sei, als die B.E.2 in deutsche Schützengräben stürzte. Das Gegenteil war der Fall. Der Beobachter, Leutnant H. A. Croft, war wahrscheinlich sofort tot. Der Pilot, Leutnant C. D. Bennett, erlitt bei dem Absturz jedoch eine Fraktur der Schädelbasis, wodurch alle Erinnerungen an seine Begegnung mit Richthofen ausgelöscht wurden. Er wurde schließlich Geschäftsmann in London, verlor jedoch für immer die Erinnerung an die Ereignisse des 14. Februar 1917.“

„Richthofen flog wieder eine Halberstadt und hatte, wie gesagt, seine alte Jasta 2 (Boelcke) in Lagnicourt besucht und war auf dem Rückweg über die Front nach Brayelles.“

„Gefechtsbericht: 1200 Uhr. BE Doppelsitzer. Straße Lens-Hulloch, westlich von Loos. Insassen: einer getötet, der andere schwer verwundet. Name des Piloten: Leutnant Bonnet (gefallen). Keine Angaben zum Flugzeug, da Wrackteile in der Brandzone gelandet sind.

Nach dem Rückflug von einer Konferenz mit Jasta Boelcke entdeckte ich westlich von Loos in 2.000 m Höhe einen feindlichen Artillerieflieger. Ich griff den Feind an und näherte mich ihm unbemerkt bis auf etwa 50 Meter. Nach mehreren hundert Schüssen stürzte das Flugzeug ab und fiel in unsere Schützengräben. Der Pilot wurde in der Luft getötet, der Beobachter bei der Landung schwer verletzt. Wetter: gut.“

„(wahrscheinlich) Capt. George Cyril Bailey DSO (WIA); 2/Lt. George William Betts Hampton (unverletzt).Flugzeug kehrte tatsächlich sicher zur Basis zurück.

Gefechtsbericht: 1645 Uhr, BE Doppelsitzer. Station, 1.500 Meter südwestlich von Mazingarbe. Keine Einzelheiten, da Flugzeug auf der Seite des Feindes gelandet.

Gegen 1645 griff ich mit meiner Staffel von fünf Flugzeugen, Artilleriefliegern, in niedriger Höhe bei Lens an. Während meine Herren eine zweite BE angriffen, griff ich diejenige an, die am nächsten zu mir flog. Nach den ersten 100 Schüssen stellte der Beobachter das Schießen ein. Das Flugzeug begann zu rauchen und drehte sich in unkontrollierten Kurven nach rechts. Da mir dieses Ergebnis, vor allem über der feindlichen Linie, nicht gefiel, schoss ich auf das abstürzende Flugzeug, bis sich der linke Teil der Tragflächen ablöste. Da der Wind mit einer Geschwindigkeit von 20 Metern pro Sekunde wehte, war ich weit auf die feindliche Seite abgedriftet. So konnte ich beobachten, dass das feindliche Flugzeug südwestlich von Mazingarbe den Boden berührte. Von der Stelle, wo das Flugzeug lag, konnte ich eine dicke Rauchwolke im Schnee aufsteigen sehen. Da es neblig und schon ziemlich dunkel war, habe ich keine Zeugen, weder aus der Luft noch vom Boden aus. Wetter: schön, später neblig.“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report:

1 Uhr N. ein engl. DD-Zweisitzer, östl. Loos innerhalb unserer Linien durch Lt. Frhr.v.Richthofen (als20).“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report:

Ausserdem 5 Uhr N. ein weiteres engl. Flugzeug im Loosbagen, jenseits der Linien (als 21) durch Lt. Frhr. von Richthofen abgeschossen.“

„Wie er einem Offizier des Generalstabs sagte: „Ich hatte nie etwas mit ‚Kanonen‘ zu tun, also mit kampferprobten, erfahrenen Fliegern. Nur mit Anfängern. Ich bekomme nicht immer … Ich bitte darum; es ist nicht so, wie man sich das allgemein vorstellt. Meine Herren kommen immer frisch aus der Flugschule. Ich betone ausdrücklich, dass sie zunächst unter meiner Führung stehen müssen, hier in meiner Staffel … Die wichtigsten Elemente des Fliegens sind meiner Meinung nach die Fähigkeit zum Starten und Landen und der persönliche Mut, mit dem ein Mann den Feind verfolgt. Für mich ist es tausendmal besser, einen waghalsigen Kerl zu haben, der vielleicht Schwierigkeiten hat, eine Linkskurve zu fliegen, aber den Feind mit voller Kraft verfolgt, als den elegantesten Johannisthal-Flugshow-Flieger, den ich nicht an die Front bringen kann. Wir brauchen Draufgänger, keine Luftakrobaten.“

Unter Berufung auf seine eigenen Erfahrungen fuhr Richthofen fort: „Ich bin einmal mit einem Herrn geflogen, der rasante Kurven flog und einen absolut großartigen Eindruck machte. Aber im Luftkampf schien es mir, dass er den Feind nicht so geschickt verfolgte. Und als ich einmal mit ihm zusammenarbeitete und ihm besondere Aufmerksamkeit schenkte, war er verschwunden. Ich war in einer verdammt schwierigen Lage und schoss einen Feind ab, kam aber nur knapp davon. Als ich nach Hause zurückkehrte, berichtete er mir, dass ihm in dem Moment, als der Kampf begann, so übel wurde, dass er sofort abbrechen musste. Das konnte man ihm ansehen. Luftkämpfe erfordern besondere Nerven. ‚Ich bitte Sie, sofort zu verschwinden. Ich kann keine Leute gebrauchen, die ihre Kameraden im Stich lassen. Und wenn Sie sich krank fühlen, dann sagen Sie es uns verdammt noch mal sofort.“ Es gibt natürlich immer Leute, die versuchen, Dinge hinauszuzögern und denken: „Niemand wird es bemerken.“

„An den Kommandeur der Luftstreitkräfte der Sechsten Armee:

Der Gegner gleitet oft über einen Flügel nach unten oder lässt sich wie ein totes Blatt fallen, um einen Angriff abzuschütteln. Um an einem Gegner dranzubleiben, darf man auf keinen Fall seiner Taktik folgen, da man beim Fallen wie ein totes Blatt keine Kontrolle über das Flugzeug hat.

Sollte der Gegner jedoch versuchen, einem Angriff durch solche Tricks auszuweichen, muss man einen Sturzflug machen, ohne das feindliche Flugzeug aus den Augen zu verlieren.

Wenn man wie ein totes Blatt fällt oder absichtlich Flügel über Flügel fällt, verliert selbst der beste Pilot für ein oder zwei Sekunden die Kontrolle über seine Maschine, daher ist dies ein Manöver, das vermieden werden sollte.

Looping ist in Luftkämpfen schlimmer als wertlos. Jeder Looping ist ein großer Fehler. Wenn man sich einem Gegner zu sehr genähert hat, verschafft ein Looping dem Gegner nur einen großen Vorteil. Um die gewünschte Position zu halten, sollte man sich auf Geschwindigkeitsänderungen verlassen, was am besten durch mehr oder weniger Gas gegeben wird.

Die beste Methode, gegen den Feind zu fliegen, ist folgende: Der Kommandant der Gruppe, egal wie groß sie ist, sollte am niedrigsten fliegen und alle Maschinen durch Drehen und Kurvenfliegen im Blick behalten.

Kein Flugzeug sollte vorrücken oder zurückbleiben dürfen. Mehr oder weniger sollte die gesamte Staffel in Kurven vorrücken. Ein gerader Flug über der Front ist gefährlich, da selbst Flugzeuge desselben Typs unterschiedliche Geschwindigkeiten entwickeln. Überraschungen können nur vermieden werden, wenn in enger Formation geflogen wird. Der kommandierende Offizier ist dafür verantwortlich, dass weder er noch einer seiner Piloten vom Feind überrascht wird. Wenn er das nicht gewährleisten kann, ist er als Anführer ungeeignet.“

„Lothar von Richthofen erinnerte sich an die ersten Kampfeinsätze seines Bruders mit Karl Allmenröder und Kurt Wolff:

„Damals hatten beide noch keinerlei Erfahrung, und Anfänger im Luftkampf haben mehr Angst als Liebe zum Vaterland. In den ersten Tagen flog mein Bruder mit ihnen los, griff zahlreiche Briten an, und seine Maschine erhielt eine enorme Anzahl von Treffern, ohne dass Erfolge dies wettmachen konnten, und beide halfen nicht. Natürlich kam mein Bruder etwas verärgert zurück, aber er machte ihnen keine Vorwürfe; im Gegenteil, er sagte kein Wort darüber. Wie Wolff und Allmenröder mir erzählten, hat sie das mehr beeinflusst als die härteste Zurechtweisung.“

Bei der Vorbereitung seiner Piloten auf den Kampf ging Richthofen mit gutem Beispiel voran, was ebenfalls zu ihrem späteren Erfolg als Kämpfer und Anführer beitrug. Er war sich seiner Rolle als Staffelführer sehr bewusst; er versuchte nicht, „einer von den Jungs” zu sein, indem er in seiner Freizeit viel sang und zechte, aber er hatte Spaß an guten Witzen und trank in Maßen. Er rauchte gelegentlich eine Zigarette, achtete aber ansonsten auf seine Gesundheit. Da es zu dieser Zeit noch keine Nachtjägeroperationen gab, ging Manfred von Richthofen früh zu Bett – meist vor 22 Uhr –, um sicherzustellen, dass er am nächsten Morgen ausgeruht und in Topform war. Er war sowohl zu Offizieren als auch zu Soldaten freundlich; tatsächlich forderte er seine Piloten auf, ein gutes Verhältnis zu den Mechanikern zu pflegen, die ihre Flugzeuge warteten.“

„…Es wurden dann doch noch gemütliche Stunden. Lothar fühlt sich zu Hause so wohl; er ist ein „Familienmensch“. Am n¨chsten Tag lud ich ihm einige Säfte zum Kaffee ein. Es wurde viel von Manfred gesprochen. Er ist ihm Vorbild, Ansporen. Von seinen eigenen Plänen sprach er wenig. Aber ich kenne ihn: wenn von Luftkämpfen die Rede war, dann blitzte oft etwas in seinen seltsamen Augen auf, wie damals am Vorabend der Kriegserklärung, als wir in Zoppot saßen. Er sah sich wohl schon im Jagdflugzeug, Auge in Auge mit dem Gegner. Ich dachte daran, was Manfred schrieb: „Lothar hat sich als Flugzeugführer glänzend entwickelt…“ Und seinen Schneid kenne ich, er steht dem Manfreds in nichts nach; vielleicht ist er impulsiver, plötztlicher…“

„Von Zeit zu Zeit wurden die Jasta-Führer zu Konferenzen einberufen, um die veränderten Umstände an der Front zu besprechen. Diese besondere Zusammenkunft fand in der Jastaschule in Famars statt. Richthofen ist der sechste von links in seinem Pelzmantel. Einige bekannte Gesichter sind zu erkennen, vor allem der hintere Offizier mit der hellen Mütze, 7. von rechts. Es ist Karl Bolle, der Kommandant der Jasta 2 Boelcke. Josef Mai von der Jasta 5 steht in der Tür, links.“

„Die englischen Einsitzer-Piloten fliegen bei Verfolgungsmissionen immer in Staffelformation. Aufklärungsflüge und Artilleriefeuer werden nun ebenfalls von Staffeln aus Zweisitzern durchgeführt, die manchmal bis zu zwanzig Maschinen umfassen. Viele englische Flieger versuchen, sich durch Flugkunststücke im Kampf Vorteile zu verschaffen, aber in der Regel sind es gerade diese rücksichtslosen und nutzlosen Stunts, die sie in den Tod führen.

Wenn sie in großen Staffeln fliegen, halten die englischen Flugzeuge engen Abstand zueinander, um sich jederzeit gegenseitig helfen zu können. Bei Angriffen halten sie eine noch engere Formation. Wenn ein englisches Flugzeug, das zurückgefallen ist, angegriffen wird, machen die ersten Flugzeuge der feindlichen Formation Links- und Rechtskurven und eilen ihm zu Hilfe. Nachdem der Rest der Formation an ihnen vorbeigeflogen ist, schließen sie als letzte Flugzeuge die Formation nach hinten.“

„… Unser Schwarm II war am Morgen ausgeflogen, ohne etwas erreicht zu haben. Schwarm I machte sich bereit. Richthofen wollte mitkommen, musste aber wegen eines kleinen Defekts zu Hause bleiben. Daher übernahm ich die Führung.“…

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report:

12.50 Nach. 1. Fdl. B.E. DD noerdl. Loos durch Lt.Frh.v.Richthofen, Fuehrer J.St. 11.“

„Das Flugzeug kehrte tatsächlich sicher zur Basis zurück.

Gefechtsbericht: 1250 Uhr, einen Kilometer nördlich von Loos. BE Doppelsitzer. Details unbekannt, Flugzeug fiel auf Feindseite.

Ich war ganz allein gestartet und suchte gerade meine Staffel, als ich eine einzelne BE entdeckte. Mein erster Angriff war offensichtlich ein Fehlschlag, da mein Gegner versuchte, durch Kurven und Sturzflüge zu entkommen. Nachdem ich meinen Gegner von 2.800 auf 1.200 Meter heruntergedrängt hatte, wähnte er sich in Sicherheit und flog wieder geradeaus weiter. Das nutzte ich aus, stellte mich hinter ihn und feuerte etwa 500 Schüsse auf ihn ab. Mein Gegner tauchte ab, aber so steil, dass ich ihm nicht folgen konnte. Nach den Beobachtungen unserer Infanterie stürzte das Flugzeug vor unseren Schützengräben zu Boden. Das Wetter: schön.

„Gefechtsbericht: 1620 Uhr, Acheville. Sopwith Doppelsitzer. Insassen: Leutnant W. Reid und Leutnant H. Green, beide gefallen, vom örtlichen Kommando in Bois Bernard beigesetzt.

In Begleitung von fünf meiner Flugzeuge griff ich ein feindliches Geschwader über Acheville an. Die Sopwith, die ich ausgemacht hatte, flog eine ganze Weile unter meinem Feuer. Nach dem 400. Schuss verlor das Flugzeug in einer Kurve einen Flügel. Die Maschine stürzte nach unten. Es lohnt sich nicht, das Flugzeug zurückholen zu lassen, denn die Teile liegen überall in Acheville und Umgebung herum. Zwei Maschinengewehre wurden von meiner Staffel beschlagnahmt. (Ein Lewis-Geschütz Nr. 20024 und ein Maxim (Vickers)-Geschütz L7500) Wetter: gut.“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report:

4.20 Nach. 1 fdl. Sopwith bei Acheville durch Lt. Frh.v.Richthofen (als23)“

…„Gestern hat die Staffel nicht weniger als fünf englische Flugzeuge abgeschossen, von denen zwei in Flammen abstürzten, eines in der Luft explodierte und zwei weitere auf den Boden krachten. Die Lords müssen begeistert gewesen sein. Richthofen hat nun die Zahl 23 erreicht.“…

„Während Manfred von Richthofen am Nachmittag des 6. März seinen 24. Sieg errang, hätte sie den Vormittag fast nicht überlebt. Wie er sowohl in seinem Buch als auch in einem Brief nach Hause festhielt, wurde er zu diesem Zeitpunkt abgeschossen. Das Datum ist nie eindeutig geklärt worden, einige Historiker haben sich für den 9. März entschieden, aber es scheint wahrscheinlicher zu sein, dass es der 6. März war. Beide Tage und beide Aktionen betrafen die FE8 der 40 Squadron, aber Richthofen nennt Lens als Gebiet. Die 40 Squadron hatte am neunten März um 0930 Uhr (1030 Uhr deutscher Zeit) einen Kampf mit feindlichen Flugzeugen östlich von Loos. Der Kampf am 6. März (um 1050 Uhr deutscher Zeit) fand jedoch über Givenchy-en-Gohelle auf der anderen Seite von Lens statt, einem günstigeren Standort. Am 6. März wurden die Sopwiths der 43 Squadron von Jasta 11 angegriffen und die 40 Squadron kam ihnen zu Hilfe. Von Richthofen war mittendrin und näherte sich einem Gegner, doch dabei übersah er einen Moment lang den Blick nach hinten. Plötzlich hörte er einen gewaltigen Knall, kurz nachdem er zu schießen begonnen hatte. Er wusste sofort, dass seine Maschine getroffen worden war, und es stank fürchterlich nach Benzin – sein Tank war durchschossen worden. Er tauchte schnell ab und schaltete den Motor aus, wobei ihm das Benzin um Beine und Füße spritzte. Als er zurückblickte, sah er, dass er eine weiße Spur hinterließ, als das Benzin verdampfte. Während er zu Boden ging, ging der Kampf über ihm weiter, und er sah, wie ein britisches Flugzeug in Flammen aufging und eines der 43 Squadron abstürzte (A978, abgeschossen von Schäfer). Dann sah er, wie ein deutsches Kampfflugzeug ins Trudeln geriet, aber der Pilot brachte sein Flugzeug wieder auf Kurs und setzte zur Landung an. Richthofen landete in der Nähe von Henin Liétard und nahm sich Zeit, um den Schaden zu begutachten. Beide Treibstofftanks waren leergelaufen und der Motor war beschädigt. Er hatte Glück gehabt, dass die Halberstadt kein Feuer gefangen hatte. Die andere Halberstadt, die er hatte abstürzen sehen, wurde von Leutnant Eduard Lübbert geflogen, der durch einen Streifschuss in die Brust leicht verwundet worden war, aber er kam sicher herunter. Er würde am 30. September getötet werden. Wer hatte von Richthofen abgeschossen? Zwei Piloten der 40 Squadron meldeten Kampfhandlungen, derselbe Leutnant E. L. Benbow (A4871), der an dem Kampf vom 23. Januar teilgenommen hatte, bei dem John Hay getötet worden war, und Hauptmann Robert Gregory (6384). Benbow hatte einen Schuss auf 50 bis 20 Meter auf eine überwiegend grün gestrichene Maschine abgefeuert. Dann habe er gezoomt und beim Blick zurück eine Maschine in Flammen aufgehen sehen. Er sagt jedoch nicht, dass es sich dabei um sein Opfer handelte, und es könnte auch der Strutter gewesen sein, der unterging. Hauptmann Bob Gregory hatte unterdessen eine Halberstadt angegriffen und gesehen, wie seine Kugeln in das feindliche Jagdflugzeug einschlugen, das dann senkrecht – und schnell – abtauchte. Offensichtlich hatte einer von ihnen von Richthofen angegriffen. Benbow wurde ein in Flammen stehendes feindliches Flugzeug gutgeschrieben, Gregory ein „außer Kontrolle geratener“ Sieg. Wenn Benbow die Halberstadt, die weißen Rauch hinter sich herzieht, für eine „Flamme“ hielt, dann könnte das von Richthofen gewesen sein, während Gregory Lübber verwundet hatte. Weitere Verluste der Jasta 11 gab es nicht. Frühere Vermutungen, es sei der 9. März gewesen, ein Tag, an dem die 40 Squadron drei FE8 verloren und einen weiteren Piloten verwundet hatte, waren falsch; es war nicht diese Aktion (die um 1020 deutscher Zeit stattfand), obwohl es Jasta 11 gewesen war, die sie erwischt hatte: Schäfer zwei, Allmenröder und Wolff je einen. Es wurde auch behauptet, von Richthofen sei bei der letztgenannten Aktion abgeschossen worden, dann zum Stützpunkt zurück geeilt, habe ein anderes Flugzeug geflogen und Pearson von der 29 Squadron abgeschossen; diese Ereignisse stimmen nicht mit der Tatsache überein, dass Richthofen eindeutig festhielt, dass er nach dem Abschuss ein wenig schlief und dann mit den Fronttruppen zu Mittag aß, bevor er zum Stützpunkt zurückkehrte. Da Pearson um 10.20 Uhr deutscher Zeit abgeschossen wurde, würde dies nicht zu von Richthofens bekannten Bewegungen passen.“

„06-Mar-17: Leutnant E L Benbow in FE8 A4871, ein Albatros-Aufklärer in Flammen. Im RFC Communique Nr. 24 heißt es: Lt E L Benbow, 40 Squadron, hat eine feindliche Maschine abgeschossen, die ebenfalls in der Nähe von Givenchy in Flammen aufging.“

„Gefechtsbericht: 1700 Uhr, BE Doppelsitzer. Souchez. Einzelheiten unbekannt, da Flugzeug auf der Feindseite gelandet.

Zusammen mit Leutnant Allmenröder griff ich zwei feindliche Artillerieflieger in niedriger Höhe über der anderen Seite (der Linien) an. Die Tragflächen des angegriffenen Flugzeugs lösten sich; es stürzte ab und schlug auf dem Boden auf. Wetter: gut.“

„Selbst abgeschossen (Mitte März 1917) Abgeschossen ist eigentlich ein falscher Ausdruck für das, was mir heute passiert ist. Ich nenne abgeschossen im allgemeinen nur den, der ’runterplumpst, aber heute habe ich mich wieder gefangen und kam noch ganz heil ’runter. Ich bin im Geschwader und sehe einen Gegner, der gleichfalls im Geschwader fliegt. Etwa über unserer Artilleriestellung in der Gegend von Lens. Ich habe noch ein ganzes Stückchen zu fliegen, bis ich die Gegend erreiche. Es ist das der nervenkitzelndste Augenblick, das Anfliegen an den Gegner, wenn man den Feind schon sieht und noch einige Minuten Zeit hat, bis man zum Kampf kommt. Ich glaube, ich werde dann immer etwas bleich im Gesicht, aber ich habe leider noch nie einen Spiegel mitgehabt. Ich finde diesen Augenblick schön, denn er ist überaus nervenkitzelnd, und all so etwas liebe ich. Man beobachtet den Gegner schon von weitem, hat das Geschwader als feindlich erkannt, zählt die feindlichen Apparate, wägt die ungünstigen und günstigen Momente ab. So zum Beispiel spielt es eine ungeheure Rolle, ob der Wind mich im Kampfe von meiner Front abdrängt oder auf meine Front zudrückt. So habe ich mal einen [113]Engländer abgeschossen, dem ich den Todesschuß jenseits der feindlichen Linien gegeben habe, und ’runtergeplumpst ist er bei unseren Fesselballons, so weit hat ihn der Sturm noch ’rübergetrieben. Wir waren fünf, der Gegner war dreimal so stark. Wie ein großer Mückenschwarm flogen die Engländer durcheinander. So einen Schwarm, der so gut zusammenfliegt, zum Zersprengen zu bringen, ist nicht leicht, für den einzelnen ausgeschlossen, für mehrere äußerst schwierig, besonders, wenn die Zahlenunterschiede so ungünstig sind wie in unserem Falle. Aber man fühlt sich dem Gegner derartig überlegen, daß man keinen Augenblick an dem sicheren Erfolg zweifelt. Der Angriffsgeist, also die Offensive, ist die Hauptsache, wie überall, so auch in der Luft. Aber der Gegner dachte ebenso. Das sollte ich gleich merken. Kaum sah er uns, so machte er umgehend kehrt und griff uns an. Da hieß es für uns fünf Männeken: Aufgepaßt! Hängt einer ab, so kann es ihm dreckig gehen. Wir schlossen uns ebenfalls zusammen und ließen die Herren etwas nähertreten. Ich paßte auf, ob nicht einer von den Brüdern sich etwas von den anderen absentierte. Da – einer ist so dumm. Ich kann ihn erreichen. »Du bist ein verlorenes Kind.« Auf ihn mit Gebrüll. Jetzt hab’ ich ihn erreicht oder muß ihn gleich erreichen. Er fängt bereits an zu schießen, ist also etwas nervös. Ich dachte mir: »Schieß’ du [114]nur, du triffst ja doch nicht!« Er schoß mit einer Leuchtspurmunition, die an mir sichtbar vorbeiflog. Ich kam mir vor wie in dem Spritzenkegel einer Gießkanne. Nicht angenehm, aber die Engländer schießen fast durchweg mit diesem gemeinen Zeug, also muß man sich daran gewöhnen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, denn in diesem Augenblick, glaube ich, habe ich gelacht. Bald sollte ich aber eines Besseren belehrt werden. Jetzt bin ich beinahe ganz heran, etwa hundert Meter, das Gewehr ist entsichert, ich ziele noch einmal Probe, gebe einige Probeschüsse, die Gewehre sind in Ordnung. Nicht mehr lange kann es dauern. Im Geiste sah ich den Gegner schon plumpsen. Die Aufregung von vorhin ist vorüber. Man denkt ganz ruhig und sachlich, wägt die Treffwahrscheinlichkeiten von ihm und von mir ab. Überhaupt ist der Kampf selbst am wenigsten aufregend in den meisten Fällen, und wer sich dabei aufregt, macht einen Fehler. Er wird nie einen abschießen. Auch ist es wohl Gewohnheitssache. Jedenfalls habe ich in diesem Falle keinen Fehler gemacht. Nun bin ich auf fünfzig Meter ’ran, jetzt einige gute Schüsse, dann kann der Erfolg nicht ausbleiben. So dachte ich mir. Aber mit einem Male gibt es einen großen Knall, ich habe kaum zehn Schuß heraus, gleich darauf klatscht es wieder in meiner Maschine. Es ist mir klar, ich bin getroffen. Wenigstens meine Maschine, ich für [115]meine Person nicht. Im selben Augenblick stinkt es ganz ungeheuerlich nach Benzin, auch läßt der Motor nach. Der Engländer merkt es, denn er schießt nun um so mehr. Ich muß sofort ablassen. Senkrecht geht es ’runter. Unwillkürlich habe ich den Motor abgestellt. Es war auch höchste Zeit. Wenn der Benzintank durchlöchert ist und das Zeug einem so um die Beine spritzt, ist die Gefahr des Brennens doch groß. Vor sich hat man einen über einhundertundfünfzig »Pferde« starken Explosionsmotor, also glühend heiß. Ein Tropfen Benzin, und die ganze Maschine brennt. Ich hinterlasse in der Luft einen weißen Streifen. Ich kenne ihn beim Gegner genau. Es sind dies die Vorzeichen der Explosion. Noch bin ich dreitausend Meter hoch, habe also noch ein ganzes Ende bis auf die Erde. Gott sei Dank hört der Motor auf zu laufen. Die Geschwindigkeit, die das Flugzeug erreicht, kann ich nicht berechnen. Sie ist jedenfalls so groß, daß ich nicht den Kopf herausstecken kann, ohne durch den Windzug hintenüber gedrückt zu werden. Bald bin ich den Gegner los und habe nun noch Zeit, bis ich auf die Erde komme, zu sehen, was denn meine vier anderen Herren machen. Sie sind noch im Kampf. Man hört das Maschinengewehrfeuer des Gegners und das der eignen. Plötzlich eine Rakete. Ist es das Leuchtsignal eines Gegners? Aber nein. Dafür ist es zu groß. [116]Es wird immer größer. Es brennt einer. Aber was für einer? Die Maschine sieht genau so aus wie unsere. Gott sei Dank, es ist ein Gegner. Wer mag ihn abgeschossen haben? Gleich darauf fällt aus dem Geschwader ein zweites Flugzeug heraus, ähnlich wie ich, senkrecht nach unten, überschlägt sich sogar, überschlägt sich immer noch – da – jetzt hat es sich gefangen. Fliegt geradeaus genau auf mich zu. Auch ein Albatros. Gewiß ist es ihm so gegangen wie mir. Ich bin wohl noch einige hundert Meter hoch und muß mich so sachte umgucken, wo ich denn landen will. Denn so eine Landung ist meistenteils mit Bruch verbunden. Und so ein Bruch läuft nicht immer günstig ab, also – aufpassen. Ich finde eine Wiese, nicht sehr groß, aber sie genügt gerade, wenn man etwas vorsichtig zu Werke geht. Außerdem liegt sie mir günstig, direkt an der Chaussee bei Hénin-Liétard. Dort will ich auch landen. Es geht alles glatt. Mein erster Gedanke ist: Wo bleibt der andere? Er landet einige Kilometer von mir entfernt. Ich habe nun Zeit, mir den Schaden zu beschauen. Einige Treffer sind darin, aber der Treffer, der mich veranlaßt hat, den Kampf abzubrechen, ist einer durch beide Benzintanks. Ich habe keinen Tropfen Benzin mehr drin, der Motor ist gleichfalls angeschossen. Schade um ihn, er lief noch so gut. Die Beine lasse ich herausbaumeln aus der Maschine und mag wohl ein ziemlich törichtes [117]Gesicht gemacht haben. Sofort hat sich eine große Menge Soldaten um mich versammelt. Da kommt ein Offizier. Er ist ganz außer Atem. Sehr aufgeregt! Gewiß ist ihm was Schreckliches passiert. Er stürzt auf mich zu, schnappt nach Luft und fragt: »Hoffentlich ist Ihnen nichts passiert? Ich habe die ganze Sache beobachtet und bin ja so aufgeregt! Herrgott, das sah schrecklich aus!« Ich versicherte ihm, daß mir gar nichts fehlte, sprang herunter, stellte mich vor. Selbstverständlich verstand er keinen Ton von meinem Namen. Aber er forderte mich auf, mit seinem Automobil in das nahe Hénin-Liétard hineinzufahren, wo sein Quartier war. Es war ein Pionieroffizier. Wir sitzen bereits in dem Wagen und fahren gerade an. Mein Gastgeber hat sich noch immer nicht beruhigt. Plötzlich erschrickt er und fragt: »Herrgott, wo ist denn Ihr Kraftfahrer?« Zuerst wußte ich nicht recht, was er meinte, guckte ihn wohl etwas verwirrt an. Dann wurde mir klar, daß er mich für den Beobachter eines zweisitzigen Flugzeuges hielt und nach meinem Flugzeugführer fragte. Schnell faßte ich mich und sagte ganz trocken: »Ich fahre allein.« Das Wort »fahren« ist in der Fliegertruppe verpönt. Man fährt nicht, man »fliegt«. In den Augen des braven Herrn war ich ganz entschieden durch die Tatsache, daß ich allein »fahre«, sichtbar gesunken. Die Unterhaltung wurde etwas spröder. [118]Da kommen wir in seinem Quartier an. Ich habe noch immer meine schmutzige Öllederjacke an, einen dicken Schal um. Unterwegs hat er mich natürlich mit unendlich vielen Fragen bestürmt. Überhaupt war der ganze Herr bedeutend mehr aufgeregt als ich. Da zwang er mich, auf einem Sofa mich hinzulegen, oder wollte dies tun mit der Begründung, daß ich doch von meinem Kampf noch ganz echauffiert sein müßte. Ich versicherte ihm, daß ich schon manchmal luftgekämpft hätte, was ihm aber gar nicht in den Kopf kommen wollte. Ich sah gewiß nicht sehr kriegerisch aus. Nach einiger Unterhaltung kommt er natürlich mit der berühmten Frage: »Haben Sie schon einmal einen abgeschossen?« Meinen Namen hatte er, wie gesagt, nicht gehört. »Ach ja,« sagte ich, »ab und zu.« »So – so haben Sie etwa schon zwei abgeschossen?« »Nein, aber vierundzwanzig.« Er lächelt, wiederholt seine Frage und meint, unter »abgeschossen« verstehe er einen, der ’runtergefallen sei und unten liegenbliebe. Ich versicherte ihm, das wäre auch meine Auffassung davon. Jetzt war ich ganz unten durch, denn jetzt hielt er mich für einen mächtigen Aufschneider. Er ließ mich sitzen und sagte mir, daß in einer Stunde gegessen würde, und wenn es mir recht sei, könne ich ja mitessen. Nun machte ich doch von seinem Anerbieten Gebrauch und schlief eine Stunde fest. Dann gingen wir ’rüber ins [119]Kasino. Hier pellte ich mich aus und hatte zum Glück meinen Pour le mérite um. Leider aber keine Uniformjacke darunter, sondern nur eine Weste. Ich bitte um Entschuldigung, daß ich nicht besser angezogen bin, und mit einem Male entdeckt mein guter Häuptling an mir den Pour le mérite. Er wird sprachlos vor Erstaunen und versichert mir, daß er nicht wüßte, wie ich heiße. Ich sagte ihm nochmals meinen Namen. Jetzt schien ihm etwas zu dämmern, daß er wohl schon mal von mir gehört hatte. Ich bekam nun Austern und Schampus zu trinken und lebte eigentlich recht gut, bis schließlich Schäfer kam und mich mit meinem Wagen abholte. Von ihm erfuhr ich, daß Lübbert wieder mal seinem Spitznamen Ehre gemacht hatte. Er hieß nämlich unter uns »Kugelfang«, denn in jedem Luftkampf wurde seine Maschine arg mitgenommen. Einmal wies sie vierundsechzig Treffer auf, ohne daß er selbst verwundet war. Diesmal hatte er einen Streifschuß an der Brust bekommen und lag bereits im Lazarett. Seine Maschine flog ich gleich nach dem Hafen. Leider ist dieser hervorragende Offizier, der das Zeug dazu hatte, einmal ein Boelcke zu werden, einige Wochen später den Heldentod fürs Vaterland gestorben. Am Abend kann ich meinem Gastgeber aus Hénin-Liétard noch Bescheid sagen, daß ich heute ein Viertelhundert voll gemacht habe.“

„Schwarm I unter dem Kommando von Richthofen startete gegen 10:00 Uhr, und wie Schäfer später schrieb: ‚Es war ziemlich dunstig an diesem Morgen. Geschwader II unternahm einen langen Flug, ohne einen einzigen Engländer zu sehen. Schwarm I startete um 10:00 Uhr und sah nur ein paar Wetterballons, die friedlich in geringer Höhe standen. Aber weit, weit hinter den Linien herrschte reges Treiben über den britischen Flugplätzen. Die Lords waren einzeln und in kleinen Gruppen zu sehen, wie sie in geringer Höhe kreisten, und keiner kam näher. Wir alle erwarteten, dass Richthofen entschlossen warten würde, vielleicht stundenlang und bis zum letzten Tropfen Treibstoff, bis sie sich näherten, denn das Wetter war schön geworden und die Aktion musste nun sicherlich beginnen. Umso größer war die Überraschung, als unser Führungsflugzeug plötzlich eine scharfe Kurve in Richtung Heimat machte. Vielleicht hatte er Motorprobleme oder hatte die Engländer dort drüben nicht gesehen. Also blieben ich und zwei andere vor Ort. Aber Richthofen war wieder da, kreiste um uns herum und signalisierte unmissverständlich mit einer Handbewegung: Heimat. Er rief uns auf dem Flugplatz zusammen: „Meine Herren, wir brauchen zehn Minuten zum Auftanken. In weniger als einer halben Stunde wird es an der Front blutig werden, und ich möchte eine größere Anzahl von Flugzeugen einsetzen. Bitte sorgt dafür, dass alles bereit ist, wenn wir starten.“ Bald wurde klar, wie recht er hatte.““

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report:

5.0 Nach. 1 fdl. F.E. Zweisitzer bei souchez durch Lt.Frhr.v.Richthofen (als24)“

„…Manfreds Siegeskurve fürht steil aufwärts. Ich erlebe all das mit, aber – wie sollte es anders sein ! – es mischt sich auch Unruhe und Sorge genug in meine Gedanken. Ich weiß ja nur zu genau, wie oft der Tod des Jagdfliegers letzter Pilot ist. Dennoch: das Herz schlägt jedesmal höher, wenn ein neuer Sieg Manfreds auf die Ehrentafel springt. Am 8. März war es der fünfundzwanzigste, und ich konnte vor Aufregung nicht slafen, da ich das Telegramm erst abends um halb elf erhielt.“

„Kampfbericht: 1155 Uhr, Vickers Einsitzer. Nr. am Heck AMC 3425a. Zwischen Roclincourt und Bailleul, diesseits der Linie, 500 m hinter den Schützengräben. Insasse: Nicht zu erkennen, da völlig verbrannt.

Mit drei meiner Flugzeuge habe ich mehrere feindliche Flugzeuge angegriffen. Die Maschine, die ich herausgegriffen hatte, fing bald Feuer und stürzte nach 100 Schüssen in die Tiefe. Das Flugzeug liegt auf unserer Seite, kann aber nicht geborgen werden, da es fast völlig verbrannt ist und zu nahe an der Front liegt. Wetter: tiefhängende Wolken und Schneesturm den ganzen Tag.

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report:

12.00 Mitt. 1 fdl. Vickers-Einsitzer bei Roclincourt durch Lt.Freiherr von Richthofen, Führer von J.ST. 11 (als25.)“

„Gefechtsbericht: 1200 Uhr, BE-Zweisitzer, südlich des La-Folie-Waldes, nahe Vimy. Insassen: Leutnant Byrne und Leutnant Smythe, 40 Squadron. Beide getötet. Flugzeug Nr. 6232, Angaben zum Motor nicht verfügbar, da dieser in die Erde gerast ist; kann nicht ausgegraben werden, da der Ort unter schwerstem Artilleriefeuer steht. Ich hatte meinen Trupp verloren und flog allein, wobei ich seit einiger Zeit einen feindlichen Artillerieflieger beobachtete. In einem günstigen Moment griff ich die BE-Maschine an, und nach 200 Schüssen brach der Rumpf der Maschine in zwei Teile. Das Flugzeug fiel rauchend in unsere Linien. Das Flugzeug liegt in der Nähe des Waldes von La Folie westlich von Vimy, nur wenige Schritte hinter den Schützengräben. Wetter: vormittags schön, nachmittags bewölkt.“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report:

12.00 Mitt. 1 B.E. Zweisitzer bei Vimy diesseits unsere Linie durch Lt.Freherr von Richthofen (als26.).“

Am 11. März 1917 stattete Generaloberst Ludwig von Falkenhausen der Jagdstaffel 11 auf ihrem Flugplatz La Brayelle einen Besuch ab. Hier ist er zusammen mit MvR am Eingang der Feldbüro-Hütte bei dieser Gelegenheit abgebildet.

Wahrscheinlich eine der ersten Erwähnungen von MvR in der Presse. (G. Vanwyngarden). Der Text auf dem Bild lautet: „Leutnant Frhr. v. Richthofen (im Pelz links), der ausgezeichnete Fliegeroffizier, der bisher 26 feindliche Flugzeuge im Luftkampf besiegte.“

„Gefechtsbericht: 1130 Uhr, Oppy, Vickers Doppelsitzer Nr. A3439. Motor Nr. 854. Maschinengewehre: 19633 und 19901.

Gegen 1130 Uhr griff ich mit neun meiner Maschinen ein feindliches Geschwader von 15 Flugzeugen an. Während des Kampfes gelang es mir, einen Vickers-Zweisitzer zur Seite zu drängen, den ich dann nach 800 Schüssen zum Absturz brachte. Durch mein Maschinengewehrfeuer verlor das Flugzeug seinen durchbrochenen Rumpf. Die Insassen kamen ums Leben und wurden vom örtlichen Kommandanten nach Oppy gebracht, wo sie beerdigt wurden. Wetter: den ganzen Tag schön; Bodennebel am frühen Morgen.“

„Gefechtsbericht: 1700 Uhr, über den Schützengräben westlich von Vimy. BE Doppelsitzer. Keine Einzelheiten, da Flugzeug zwischen den Linien gelandet. Ich hatte einen feindlichen Infanterieflieger gesichtet. Mehrere von oben geführte Angriffe blieben erfolglos, zumal mein Gegner keinen Kampf annahm und von oben durch andere Maschinen geschützt wurde. Deshalb ging ich auf 700 Meter hinunter und griff meinen Gegner, der auf 900 Meter flog, von unten an. Nach einem kurzen Kampf verlor die Maschine meines Gegners beide Flügel und stürzte ab. Die Maschine stürzte ins Niemandsland und wurde von unserer Infanterie beschossen. Wetter: den ganzen Tag schön; Bodennebel am frühen Morgen.“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report:

5.00 Nach. bei Souchez (jenseits) durch Lt. Frhr v. Richthofen (als 28.)“

„Am 19. März wies der Heeresbericht den siebenundzwanzigsten und achtundzwanzigsten aus, und der Schlesische Provinziallandtag schickte ein Glückwunschtelegramm ins Feld: „Des heldenmütigen Streiters, einses Sohnes unserer schlesischen Heimat, gedenken wir mit Stolz und Freude. 56. Provinziallandtag. Herzog von Ratibor.““

„Richthofen sah die Leichen seiner Opfer nur selten. Sanitäter wurden zu den Absturzstellen geschickt, um die für Berichte notwendigen Informationen zu sammeln und Souvenirs einzusammeln. Einige Tage nach seinem Doppelsieg am 17. März erhielt er jedoch eine Fotopostkarte, die den verstümmelten Körper des F.E.2-Piloten, Leutnant A. E. Boultbee, zeigte, der in den Trümmern seines Flugzeugs lag. Die Inschrift auf der Rückseite lautete: „Sehr geehrter Herr, ich habe am 17. März 1917 Ihren Luftkampf miterlebt und dieses Foto aufgenommen, das ich Ihnen mit herzlichen Glückwünschen zusende, da Sie selten Gelegenheit haben, Ihre Beute zu sehen. Vivat sequens! (Auf den nächsten!) Mit brüderlichen Grüßen, Baron von Riezenstein, Oberst und Kommandeur des 87. Reserve-Infanterieregiments.“

„Kampfbericht: 1730 Uhr, BE Doppelsitzer. Hügel 123, nördlich von Neuville. Flugzeugdetails unbekannt, da Flugzeug auf feindlichem Gebiet abgestürzt. Es kam die Meldung, dass trotz schlechten Wetters und starkem Ostwind feindliche Flugzeuge in 1.000 m Höhe gesichtet worden waren. Ich ging allein hinauf, um ein Infanterie- oder Artillerieflugzeug abzuschießen. Nach einer Stunde entdeckte ich in 800 Metern Höhe eine große Anzahl von feindlichen Artilleriefliegern jenseits der Linien. Sie näherten sich manchmal unserer Front, passierten sie aber nie. Nach mehreren vergeblichen Versuchen gelang es mir, halb von Wolken verdeckt, einen dieser BEs zu überrumpeln und ihn auf 600 Meter, einen Kilometer hinter unseren Linien, anzugreifen. Der Gegner machte den Fehler, in einer geraden Linie zu fliegen, als er versuchte, mir auszuweichen, und so war er nur einen Wimpernschlag zu lange in meinem Feuer (500 Schüsse). Plötzlich machte er zwei unkontrollierte Kurven und stürzte rauchend auf den Boden. Das Flugzeug war völlig zerstört; es fiel in Abschnitt F.3. Wetter: niedrige Wolken und Regen während des Vormittags; am Nachmittag klarte es stellenweise auf.

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report:

5.25 nach bei Neuville (jenseits) durch Lt. Frhr.v.Richthofen (als 29.).“

Der Autor Ed Ferko gibt in seinem Buch „Richthofen“ ohne Angabe einer Quelle an, dass dieses Treffen am 15. April 1917 stattfand. Laut Bildunterschrift im Fotoalbum von Lt. Oskar Müller, Offizier z. b. V. der Jagdstaffel 12, wurden die Fotos am 23. März 1917 aufgenommen. Fotoalbum Oskar Müller, Sammlung Bruno Schmäling und M. Schmeelke.

„Ein Fliegerstückchen (Ende März 1917) Der Name Siegfried-Stellung ist wohl jedem Jüngling im Deutschen Reiche bekannt. In den Tagen, in denen wir uns gegen diese Stellungen zurückzogen, gab es natürlich in der Luft auch eine rege Tätigkeit. Der Gegner hatte zwar unser verlassenes Gebiet auf der Erde bereits besetzt, die Luft dagegen überließen wir den Engländern nicht so bald, dafür sorgte Jagdstaffel Boelcke. Nur ganz vorsichtig wagten sich die Engländer aus ihrem bisherigen Stellungskrieg in der Luft hervor. Es ist das die Zeit, wo unser lieber Prinz Friedrich Karl sein Leben dem Vaterland opferte. Bei einem Jagdflug der Jagdstaffel Boelcke hatte Leutnant Voß einen Engländer im Luftkampf besiegt. Er wurde von seinem Bezwinger auf die Erde gedrückt und landete in dem Gebiet, das man wohl als neutrales Gebiet bezeichnen kann. Wir hatten es zwar schon verlassen, der Gegner aber noch nicht besetzt. Nur Patrouillen, sowohl englische wie deutsche, hielten sich in dieser unbesetzten Zone auf. Das englische Flugzeug stand zwischen den Linien. Der brave Englishman hatte wohl geglaubt, daß dieses Gebiet bereits von den Seinen besetzt wäre, zu welcher Annahme er auch berechtigt war. Voß war aber anderer Meinung. Kurz entschlossen landete er neben seinem Opfer. Mit großer Geschwindigkeit montierte er die feindlichen Maschinengewehre und sonst noch brauchbare Teile aus der Maschine ab und verfrachtete sie in der seinen, griff zum Streichholz, und in wenigen Augenblicken stand die Maschine in hellen Flammen. Eine Minute später winkte er den von allen Seiten herbeiströmenden Engländern aus seinem sieggewohnten Luftroß freundlich zu.“

„Gefechtsbericht: 1155 Uhr, Givenchy. Spad Nr. 6607, mit Hispano Suiza 140 PS Motor. Der erste, der hier angetroffen wurde. Maschinengewehr Nr. 4810. Insasse: Leutnant Baker. Ich flog mit einigen meiner Herren, als ich ein feindliches Geschwader beobachtete, das unsere Front passierte. Außer diesem Geschwader flogen in der Nähe zwei neue Einsitzer, die ich nicht kannte. Sie waren extrem schnell und handlich. Ich griff einen von ihnen an und stellte fest, dass meine Maschine die bessere war. Nach einem langen Kampf gelang es mir, den Panzer des Gegners zu treffen. Der Propeller hörte auf zu laufen. Das Flugzeug musste zu Boden gehen. Da der Kampf über den Schützengräben stattfand, versuchte mein Gegner zu fliehen, aber es gelang mir, ihn zur Landung hinter unseren Linien bei Givenchy zu zwingen. Das Flugzeug stürzte in einem Granatenloch auf den Kopf und wurde von unseren Truppen übernommen. Wetter: den ganzen Tag schön.“

3947 Flt Sgt E P Critchley (Wia) & 12708 1/AM F Russell (Kia), 23 Sqn, FE2b A5485 – zwangsgelandet Achiet-le-Grand nach Gefecht mit HA während Eskorte zu Fotoaufklärung; Ltn d R Werner Voss, Ja2, 21.

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report:

11.55 vorm. 1 Nieuport-Spad Einsitzer mit Hispano-Suizia-Motor bei Vimy (diesseits) dch. Oblt. Frhr.v.Richthofen, J.St. 11 (als 30) Insasse gefangen, Apparat zertrümmert.“

„Gefechtsbericht: 0820 Uhr, Tilloy. Nieuport Einsitzer – verbrannt. Insasse: Leutnant Grivert – Engländer. Ein feindliches Geschwader hatte unsere Linien passiert. Ich ging hoch und überholte ihre letzte Maschine. Nach nur wenigen Schüssen hörte der Propeller des Feindes auf, sich zu drehen. Der Gegner landete in der Nähe von Tilloy und stürzte sein Flugzeug um. Ich beobachtete, dass das Flugzeug einige Augenblicke später zu brennen begann. NB. Ab diesem Datum stimmen die deutschen und britischen Zeiten überein, und zwar bis zum 16. April, so dass in den nächsten Berichten die Zeiten übereinstimmen sollten. Wetter: Morgens klar mit gelegentlichen Wolken“.

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report:

8.20 vorm. 1 Nieuport-Einsitzer bei Tilloy (diesseits) durch Oblt.Frhr.v.Richthofen J.St.11, (als 31.) 1 engl. Offizier gefangen, Apparat verbrannt.“

„Liebe Mama!

Gestern schoß ich den einundreißigsten ab, vorgestern den dreißigsten. Vor drei Tagen wurde ich durch einen Kabinettsbefehl Oberleutnant. – Habe also ein gutes halbes Jahr gewonnen. Meine Staffel macht sich. Ich habe viel Freude an ihr. Lothar hatte gestern seinen ersten  Luftkampf. Er war sehr befriedigt, denn der Gegner war angeschossen. Wir nennen es „er stank“, weil er eine schwarze Rauchfahne hinter sich herließ. Runtergefallen ist er natürlich noch nicht, denn das wäre zuviel Schwein beim erstenmal gewesen. Lothar ist sehr ordentlich und wird seine Sache
machen. Wie geht es Papa, und was sagst du zum gestrigen Heeresbericht?“

31 März 1917
Jagdstaffel 11, 6. Armee. Im Felde, den 31.3.1917
La Brayelle

„Sehr geehrter Herr Brauneck! Eben erhalte ich Ihren Brief und will ihn gleich beantworten. Ich entsinne mich, dass Lynker mir bereits von Ihnen geschrieben hatte und eine Empfehlung von diesem famosen Menschen genügt mir. Deshalb bin ich bereit, Sie sofort anzufordern. Heute noch geht ein Telegramm an Ihren Kofl., dem ein Telegramm an Kogen. folgt. Die Sache liegt an Ihnen, bei Ihrem Vorgesetzten es durchzudrücken, dass Sie dort losgelassen werden, denn ohne die Einwilligung seinerseits ist beim Kogen. nichts zu machen. Hier ist viel los. Wir schiessen täglich bei Flugwetter mindenstens einen ab. Auch finden Sie hier einen sehr netten Kameradenkreis. Ich erwarte sobald wie möglich Ihre Antwort. Mit bestem Gruss.“

„Der fliegende Ulan machte ein Foto von dem zerstörten Flugzeug, in dem er Leutnant J. C. Powell und Bordschütze P. Bonner getötet hatte. Es befindet sich zusammen mit seinen Notizen auf der Rückseite in einem seiner zahlreichen Sammelalben im Haus seiner Mutter in Schweidnitz. An diesem Tag (so schrieb Lothar) war unsere Gruppe zu einem frühen Start am Morgen eingeteilt worden, das heißt, sie musste jederzeit bereit sein, als Erste in die Luft zu gehen. Unser Dienst begann zwischen 4 und 5 Uhr morgens. Wir waren gerade aufgestanden und saßen im Aufenthaltsraum, als das Telefon klingelte. „Sechs Bristols kommen aus Richtung Arras in Richtung Douai“, lautete die Nachricht. Wir sprangen in unsere Flugzeuge und starteten. Hoch über uns, in etwa 9.000 Fuß Höhe, gab es eine durchbrochene Wolkendecke. Wir konnten die englischen Flugzeuge unter den Wolken nicht weit von unserem Flugplatz entfernt sehen. Das rote Flugzeug meines Bruders stand bereit vor den Türen seines Hangars, aber mein Bruder war nicht zu sehen. Wir kamen mit dem Feind in Kontakt, aber die Engländer waren mit ihren Maschinen zu geschickt, und wir konnten keines von ihnen abschießen. Immer wenn wir dachten, wir hätten eines von ihnen, verschwand es in den Wolken. Nachdem wir eine Stunde lang herumgeflogen waren, ohne ein einziges Flugzeug abgeschossen zu haben, flogen wir zurück und landeten. Das rote Flugzeug meines Bruders stand in der offenen Hangartür, offenbar an derselben Stelle, an der wir es zuletzt gesehen hatten, aber jeder konnte anhand der Aktivitäten der Mechaniker, die daran arbeiteten, erkennen, dass es in der Luft gewesen war. Wir fragten die Mechaniker. Sie erzählten uns, dass der Leutnant fünf Minuten nach unserem Start gestartet war und zwanzig Minuten später zurückgekehrt war, nachdem er ein englisches Flugzeug abgeschossen hatte. Wir gingen zurück zu unseren Unterkünften und stellten fest, dass mein Bruder wieder ins Bett gegangen war und schlief, als wäre nichts geschehen. Nur ein paar Einschusslöcher in seiner Maschine und die Meldung, dass er einen weiteren Engländer abgeschossen hatte, deuteten darauf hin, dass er geflogen war. Wir schämten uns ein wenig. Wir waren zu dritt gewesen, waren früher gestartet und später gelandet als mein Bruder und konnten keine Ergebnisse vorweisen. Während wir uns für unseren nächsten Start bereit machten, tauchte mein Bruder auf, und mir schien, dass er wütend auf die Engländer war, die seinen Schlaf unterbrochen und friedliebende Männer gezwungen hatten, zu unpassenden Zeiten ihre Betten zu verlassen.“

„Erste Dublette Der 2. April 1917 war wieder einmal ein heißer Tag für meine Staffel. Von meinem Platze aus konnten wir deutlich das Trommelfeuer hören, und gerade heute war es mal wieder sehr heftig. Ich lag noch im Bett, da kommt mein Bursche zu mir hereingestürzt mit dem Ausruf: »Herr Leutnant, die Engländer sind schon da!« Noch etwas verschlafen gucke ich zum Fenster ’raus, und tatsächlich, da kreisen über dem Platz bereits meine lieben Freunde. Ich ’raus aus meinem Bett, die Sachen angezogen, war eins. Mein roter Vogel stand zur Morgenarbeit am Start. Meine Monteure wußten, daß ich diesen günstigen Augenblick wohl nicht ungenützt vorübergehen lassen würde. Alles war fertig. Schnell noch die Warmpelze, dann geht’s los. Ich war als letzter gestartet. Meine anderen Kameraden waren dem Feind viel näher. Ich fürchtete schon, daß mir mein Braten entgehen würde, so daß ich von weitem zusehen müßte, wie vor meinen Augen sich einige Luftkämpfe abspielen. Da plötzlich fällt einem der frechen Kunden ein, auf mich herunterzustoßen. Ich lasse ihn ruhig herankommen, und nun beginnt ein lustiger Tanz. Bald fliegt mein Gegner auf dem Rücken, [123]bald macht er dies, bald jenes. Es war ein zweisitziges Jagdflugzeug. Ich war ihm über, und so erkannte ich denn bald, daß er mir eigentlich nicht mehr entgehen konnte. In einer Gefechtspause überzeugte ich mich, daß wir uns alleine gegenüberstanden. Also, wer besser schießt, wer die größere Ruhe und den besseren Überblick im Augenblick der Gefahr hat, der gewinnt. Es dauerte nicht lange, da hatte ich ihn ’runtergedrückt, ohne ihn wirklich ernstlich angeschossen zu haben, mindestens zwei Kilometer von der Front entfernt. Ich denke, er will landen, aber da habe ich mich in meinem Gegner verrechnet. Mit einem Male sehe ich, wie er, nur wenige Meter über dem Erdboden, plötzlich wieder geradeaus fliegt und mir zu entkommen sucht. Das war mir doch zu bunt. Ich griff ihn nochmals an und zwar so niedrig, daß ich fast fürchtete, die Häuser eines unter mir liegenden Dorfes zu berühren. Der Engländer wehrte sich bis zum letzten Augenblick. Noch ganz zum Schluß spürte ich einen Treffer in meiner Maschine. Nun ließ ich aber nicht mehr locker, jetzt mußte er fallen. Er rannte mit voller Fahrt in einen Häuserblock hinein. Viel war nicht mehr übrig. Es war wieder ein Fall glänzenden Schneids. Er verteidigte sich bis zum Letzten. Aber meiner Ansicht nach war es zum Schluß doch mehr Dummheit von ihm. Es war eben mal wieder der Punkt, wo ich eine [124]Grenze zwischen Schneid und Dummheit ziehe. Runter mußte er doch. So hatte er seine Dummheit mit dem Leben bezahlen müssen. * Sehr vergnügt über die Leistungen meines roten Stahlrosses bei der Morgenarbeit kehrte ich zurück. Meine Kameraden waren noch in der Luft und waren sehr erstaunt, als wir uns beim Frühstück trafen und ich ihnen von meiner Nummer Zweiunddreißig erzählen konnte. Ein ganz junger Leutnant hatte seinen Ersten abgeschossen, wir waren sehr vergnügt und bereiteten uns für neue Kämpfe vor. Ich hole meine versäumte Morgentoilette nach. Da kommt ein guter Freund – Leutnant Voß von der Jagdstaffel Boelcke – zu mir, um mich zu besuchen. Wir unterhalten uns. Voß hatte am Tage vorher seinen Dreiundzwanzigsten erledigt. Er stand also mir am nächsten und ist wohl zurzeit mein heftigster Konkurrent. Wie er nach Hause fliegt, wollte ich ihn noch ein Stückchen begleiten. Wir machen einen Umweg über die Front. Das Wetter ist eigentlich sehr schlecht geworden, so daß wir nicht annehmen konnten, noch Weidmannsheil zu haben. Unter uns geschlossene Wolken. Voß, dem die Gegend unbekannt war, fing es schon an, ungemütlich zu werden. Über Arras traf ich meinen Bruder, der gleichfalls bei meiner Staffel ist und [125]sein Geschwader verloren hatte. Er schließt sich uns auch an. Er wußte ja, daß ich es bin (roter Vogel). Da sehen wir von drüben ein Geschwader ankommen. Sofort zuckt es mir durch den Kopf: »Nummer Dreiunddreißig!« Trotzdem es neun Engländer waren und auf ihrem Gebiet, zogen sie es doch vor, den Kampf zu meiden. (Ich werde nächstens doch mal die Farbe wechseln müssen.) Aber wir holten sie doch ein. Schnelle Maschine ist eben die Hauptsache. Ich bin dem Feind am nächsten und greife den hintersten an. Zu meinem größten Entzücken merke ich, daß er sich gleich in den Kampf mit mir einläßt, und mit noch viel größerem Vergnügen, daß ihn seine Kameraden im Stich lassen. Ich habe ihn also bald allein vor. Es ist wiederum derselbe Typ, mit dem ich es vormittags zu tun hatte. Er machte es mir nicht leicht. Er weiß, worauf es ankommt, und besonders aber: der Kerl schoß gut. Das konnte ich zu meinem Leidwesen nachher noch ziemlich genau feststellen. Der günstige Wind kommt mir zu Hilfe und treibt uns beide Kämpfenden über unsere Linien. Der Gegner merkt, daß die Sache doch nicht so einfach ist, wie er sich wohl gedacht hat, und verschwindet in einem Sturzflug in einer Wolke. Beinahe war es seine Rettung. Ich stoße hinter ihm her, komme unten heraus und – Anlauf muß eben [126]der Mensch haben – ich sitze wie durch ein Wunder genau hinter ihm. Ich schieße, er schießt, aber kein greifbares Resultat. Da – endlich habe ich ihn getroffen. Ich merke es an dem weißen Benzindunst, der hinter seinem Apparat zurückbleibt. Er muß also landen, denn sein Motor bleibt stehen. Er war aber doch ein hartnäckiger Bursche. Er mußte erkennen, daß er ausgespielt hatte. Schoß er nun noch weiter, so konnte ich ihn sofort totschießen, denn wir waren mittlerweile nur noch dreihundert Meter hoch. Aber der Kerl verteidigte sich genau wie der von heute morgen, bis er unten gelandet war. Nach seiner Landung flog ich nochmals über ihn hinweg in zehn Metern Höhe, um festzustellen, ob ich ihn totgeschossen hatte oder nicht. Was macht der Kerl? Er nimmt sein Maschinengewehr und zerschießt mir die ganze Maschine. Voß sagte nachher zu mir, wenn ihm das passiert wäre, hätte er ihn nachträglich noch auf dem Boden totgeschossen. Eigentlich hätte ich es auch machen müssen, denn er hatte sich eben noch nicht ergeben. Er war übrigens einer von den wenigen Glücklichen, die am Leben geblieben sind. Sehr vergnügt flog ich nach Hause und konnte meinen Dreiunddreißigsten feiern.“

„Kampfbericht: 0835 Uhr, Dorf Farbus. BE Doppelsitzer Nr. 5841, Motor: PD 1345/80. Insassen: beide getötet. Name des einen – Leutnant Powell. Der zweite Insasse hatte keine Dokumente oder Ausweise. Ich griff einen feindlichen Artillerieflieger an. Nach einem langen Kampf gelang es mir, den Gegner fast zu Boden zu zwingen, ohne ihn jedoch außer Gefecht zu setzen. Der starke und böige Wind hatte das feindliche Flugzeug über unsere Linien getrieben. Mein Gegner versuchte zu entkommen, indem er über Bäume und andere Objekte sprang. Dann zwang ich ihn zur Landung in dem Dorf Farbus, wo die Maschine gegen ein Haus prallte. Der Beobachter schoss weiter, bis die Maschine auf dem Boden aufschlug. Das Wetter: Wind, Regen und tief hängende Wolken. Lothar: „Es war ein trauriger Anblick, den wir sahen. Die Hälfte der Maschine hing von einem Dach, die andere Hälfte lag auf dem Boden. Nachdem wir die Überreste inspiziert hatten, gingen wir nach Hause. Die Soldaten in der Umgebung hatten inzwischen meinen Bruder erkannt und jubelten uns wahnsinnig zu.““

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report:

8.35 vorm. 1 F.E. Zweisitzer bei Farbus (diesseits) durch Oblt. Frhr.v.Richthofen, J.St. 11, (als 32.) 2 Insassen tot.“

„Über den Besuch der beiden Brüder am Ort des tödlichen Unfalls von Powell und Bonner schrieb Lothar: „Es war ein trauriger Anblick, der sich uns bot. Die Hälfte der Maschine hing vom Dach herunter, die andere Hälfte lag auf dem Boden. Nachdem wir die Überreste inspiziert hatten, gingen wir nach Hause. Die Soldaten, die sich in der Nähe aufhielten, hatten inzwischen meinen Bruder erkannt und jubelten uns begeistert zu.“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report: 11.20 vorm. ,1 Sopwith-Zweisitzer bei Givenchy (diesseits) durch Oblt.Frhr.von Richthofen, J.St.11 (als 33.) 1 insasse tot, der andere gefangen.“

„Gefechtsbericht: 1115 Uhr Givenchy. Sopwith Doppelsitzer A2401. Motor: Clerget Blin ohne Nummer, Typ 2. Insassen: Sergeant Dunn und Leutnant Warrens. Zusammen mit den Leutnants Voss und Lothar von Richthofen griff ich ein feindliches Geschwader von acht Sopwiths über der geschlossenen Wolkendecke auf der Feindseite an. Das Flugzeug, das ich ausgemacht hatte, wurde von seiner Staffel vertrieben und kam allmählich auf unsere Seite. Das feindliche Flugzeug versuchte zu entkommen und sich in den Wolken zu verstecken, nachdem ich seinen Benzintank durchlöchert hatte. Unterhalb der Wolken griff ich ihn sofort wieder an und zwang ihn so, 300 Meter östlich von Givenchy zu landen. Aber mein Gegner wollte sich noch nicht ergeben, und selbst als seine Maschine am Boden lag, schoss er weiter auf mich und traf meine Maschine in fünf Metern Höhe sehr schwer. Ich griff ihn noch einmal am Boden an und tötete einen der Insassen. Wetter: Wind, Regen, Schneegestöber und tief hängende Wolken.“

„Nun folgt jedoch die dritte Schilderung des Vorfalls, und diese stammt von Leutnant Peter Warren, dem Piloten des Flugzeugs, das Richthofen abgeschossen hat. Sein Beobachter war Sergeant R. Dunn, der kurz nach der Landung des Flugzeugs starb. Der Tod trat infolge einer Kugel ein, die seinen Bauch durchschlagen hatte, aber diese Kugel hatte er in 12.000 Fuß Höhe erhalten und nicht, nachdem er auf dem Boden gelandet war. „Ich fürchte, Richthofen muss uns in seinem Bericht über seinen Kampf mit Dunn und mir mit jemand anderem verwechselt haben“, sagt Peter Warren. „Ich wünschte wirklich, Dunn und ich hätten so viel Widerstand leisten können, wie der Baron uns zuschreibt, aber tatsächlich war es eher eine einseitige Angelegenheit, die fast ausschließlich zu Richthofens Gunsten verlief. Der arme Dunn wurde zu Beginn des Kampfes getroffen und war fast die ganze Zeit bewusstlos. Es war das erste Mal, dass ich Dunn mitgenommen hatte, obwohl er ein erfahrener Beobachter war, der, glaube ich, drei deutsche Maschinen abgeschossen hatte. Mein regulärer Beobachter, ein Infanterieoffizier, der seit etwa drei Monaten in der Luft war, war am Tag zuvor von einem Pferd gefallen und hatte sich das Knie gebrochen. Dunn wurde als Ersatz eingesetzt. Die Tatsache, dass wir noch nie zusammen geflogen waren, würde ein Nachteil sein, wenn wir angegriffen würden. Wir verließen den Flugplatz um halb elf Uhr morgens. Das Wetter war schlecht – Regen und Hagel, mit fast stürmischem Wind in Richtung der deutschen Linien. Unsere Gesichter waren mit Walöl eingerieben, um Erfrierungen zu verhindern. So viele Flieger waren mit erfrorenen Gesichtern außer Gefecht gesetzt worden, dass die Verwendung des Fettes obligatorisch war, und ein Fall von Erfrierungen wurde zu einem Vergehen, das vor ein Kriegsgericht gebracht werden konnte. Unser Flug bestand aus sechs Maschinen der 43. Staffel mit Major Dore als Patrouillenführer. Unsere Flugzeuge waren zweisitzige Sopwiths, die mit Lewis- und Vickers-Maschinengewehren bewaffnet waren, die nach vorne und hinten feuerten. Unsere Aufgabe war es, einen Abschnitt der zweiten Hindenburg-Linie östlich von Vimy Ridge zu fotografieren, die, wie Sie sich erinnern, nur eine Woche später angegriffen wurde. Mein Flugzeug und ein weiteres trugen die Kameras. Die anderen vier waren Begleitflugzeuge. Wir flogen in einer V-Formation in etwa zwölftausend Fuß Höhe und unsere Richtung war nach Norden. Ich flog am Ende der V-Formation, in der letzten Position, wodurch ich am höchsten war. Richthofen tauchte aus der Sonne herunter und überraschte Dunn. Das erste Anzeichen für den Angriff war, dass ich Dunn von seinem Sitz hinter mir etwas zu mir rufen hörte und gleichzeitig eine Salve von Kugeln von hinten über meine Schulter hinwegflog und das Armaturenbrett fast vor meinem Gesicht zersplitterte. Ich trat das Ruder um und tauchte sofort ab und erhaschte gerade noch einen Blick auf die rote Maschine, die unter mir nach hinten flog. Ich wusste nicht, dass es Richthofens Maschine war. Ich schaute über meine Schulter zurück, aber Dunn war nicht zu sehen. Ich wusste nicht, ob er bei meinem schnellen Sturzflug aus dem Flugzeug geschleudert worden war oder tot am Boden seines Cockpits lag. Mir wurde jedoch klar, dass er außer Gefecht gesetzt war und ich von hinten völlig schutzlos war. Ich versuchte, mein vorderes Maschinengewehr auf das rote Flugzeug zu richten, aber Richthofen war ein zu erfahrener Pilot und seine Maschine war zu schnell für meine. Er schoss wieder nach oben und war in weniger als einer halben Minute hinter mir. Eine weitere Salve flog über meine Schulter hinweg, und die Glasflächen der Instrumente auf dem Armaturenbrett sprangen mir ins Gesicht. Ich tauchte erneut ab, aber er folgte jeder meiner Bewegungen. Ich hatte mehrere tausend Fuß verloren, aber unter mir befand sich immer noch eine Wolkendecke in etwa neuntausend Fuß Höhe. Ich tauchte darauf zu, in der Hoffnung, darin hochzuziehen und ihn im Dunst abzuschütteln. Wieder Pech. Die Wolken waren nur eine dünne Schicht, und statt in ihnen zu bleiben, flog ich komplett durch sie hindurch, kam unter ihnen wieder heraus und stellte fest, dass der rote Albatros mit den beiden stotternden Maschinengewehren mit mir durchgekommen war. Eine weitere Salve von hinten, und die Kugeln spritzten in den Verschluss meines eigenen Maschinengewehrs und durchtrennten den Patronengurt. Gleichzeitig stellte sich mein Motor ab, und ich wusste, dass die Treibstofftanks getroffen worden waren. Unter mir befanden sich weitere Wolken in etwa 6000 Fuß Höhe. Ich tauchte auf sie zu und versuchte, in ihnen aufzusteigen, sobald ich sie erreicht hatte. Kein Glück! Meine Höhenruder reagierten nicht auf den Steuerknüppel. Die Steuerleitungen waren weggeschossen worden. Ich konnte nichts anderes tun, als zu sinken und zu hoffen, dass ich so gut wie möglich aus der Drehung herauskam. Ich rutschte seitwärts ab und ging dann in einen Sturzflug über, der schnell zu einer Spirale wurde. Ich weiß nicht, wie ich da wieder herausgekommen bin. Ich war die ganze Zeit mit den unbrauchbaren Steuerelementen beschäftigt und sank mit erschreckender Geschwindigkeit, aber die rote Maschine schien sich die ganze Zeit direkt über und hinter mir halten zu können, und ihre Maschinengewehre feuerten ununterbrochen. Später stellte ich fest, dass Kugeln meine beiden Ärmel und meine beiden Stiefelbeine durchschlagen hatten, aber trotz des gesamten Beschusses hatte mich keine einzige getroffen, obwohl sie mir unangenehm nahe gekommen waren. Ich schaffte es irgendwie, bei der Landung flach zu bleiben und stürzte mit einem schrecklichen Krachen zu Boden. Als ich auf dem Boden aufschlug, schoss die rote Maschine über mich hinweg, aber ich kann mich nicht erinnern, dass sie auf mich geschossen hat, als ich am Boden lag. Ich schaute in die Überreste des Cockpits des Beobachters und sah den armen alten Dunn zusammengesunken auf dem Boden liegen. Er war ziemlich schwer, und ich hatte einige Schwierigkeiten, ihn herauszuheben. Er war bewusstlos. Ich legte ihn auf den Boden und riss seinen Mantel auf. Er war offenbar von hinten durch den Bauch getroffen worden. Ich hob seinen Kopf und sprach ihn an. „Ich glaube, ich bin am Ende“, murmelte er und verlor dann das Bewusstsein. Deutsche Infanteristen eilten aus nahe gelegenen Unterständen herbei; einige von ihnen brachten eine Trage mit. Wir trugen Dunn zu einer Verbandsstation in einer Steinhütte. Ich wurde draußen unter Bewachung gehalten. Der Arzt kam heraus und sagte mir, dass Dunn noch lebte, aber nicht mehr lange durchhalten würde. Ich habe ihn nie wieder gesehen. Später erzählte man mir, dass er sechs Stunden später gestorben war. Er war ein kräftiger Kerl. Meine Wachen marschierten mich ein Stück zurück zu einem Hauptquartier, wo ich in ein Auto gesetzt und nach Douai gebracht wurde. Dort wurde ich in einem Raum in der alten französischen Kaserne untergebracht. Die schmutzigen Gipswände waren mit vielen Namen bedeckt, sodass ich davon ausgehe, dass schon viele Gefangene vor mir dort gewesen waren. In einer Ecke stand ein Bett mit einer Decke darauf. Eine Glühbirne hing in der Mitte der Decke. An einer Wand befand sich ein hohes vergittertes Fenster, und an einer der Seitenwände stand ein kleiner Holzofen. Der deutsche Wachposten, der mich häufig durch ein Guckloch in der Tür beobachtete, kam zweimal herein und entfachte das Feuer im Holzofen wieder, das ich hatte ausgehen lassen. Ich saß auf einem Holzhocker vor dem Ofen und fühlte mich ziemlich elend. Ich nehme an, das lag an meinen Nerven. Ich konnte meine Gedanken nicht von dem armen alten Dunn losreißen. Ich fühlte mich völlig niedergeschlagen. Gegen sechs Uhr abends, als es schon ziemlich dunkel geworden war, hörte ich, wie jemand die Tür aufschloss. Ich schaute auf, als sie geöffnet wurde. Ein riesiger Dogge – der größte, den ich je gesehen hatte – kam in den Raum und ging direkt auf mich zu. Er wedelte mit dem Schwanz, steckte seine Nase in mein Gesicht und begann, das Walfett abzulecken, das ich noch auf den Wangen hatte. Wir waren sofort Freunde. Ich musste mich sowieso dringend waschen. Das elektrische Licht ging an, und in seinem gelben Schein sah ich den Besitzer des Hundes in der Tür stehen und mich anlächeln. Er war ein schlanker, dunkelhäutiger Mann von mittlerer Größe, mit einem schmalen, intelligenten Gesicht, einer Zwickerbrille und einem gepflegten Schnurrbart. Er trug eine sehr elegante und gepflegte Uniform mit hochglanzpolierten Stiefeln und sah aus, als wäre er etwa fünfzig Jahre alt. „Guten Abend“, sagte er in einwandfreiem Englisch. „Ich bin Kapitän Baron von Karg Bebenburg. Ich muss Ihnen wohl nicht sagen, dass ich vom Geheimdienst bin. Ich bin gekommen, um mit Ihnen zu sprechen und Sie zu fragen, ob ich etwas für Sie tun kann. Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Kamerad, Sergeant Dunn, tot ist.“ Ich konnte nichts sagen. Ich schwieg. Er bot mir eine Zigarre an, die ich annahm, und wiederholte sein Angebot, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um mir den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Ich sagte ihm, dass ich Seife, Wasser und ein Handtuch gut gebrauchen könnte. Er schickte mir diese Dinge spät in der Nacht, zusammen mit einer Packung Zigaretten und einem französischen Roman. Natürlich beantwortete ich keine seiner Fragen zur Nummer meiner Staffel, ihrer Stärke, dem Standort ihres Flugplatzes und dem Grund für unsere erneuten Flugaktivitäten in der letzten Woche. „Ich schätze Ihre Zurückhaltung“, sagte er, „aber tatsächlich verfügen wir über die meisten dieser Informationen. Unser Nachrichtendienst funktioniert an dieser Front recht gut. Ich habe gerade eine neue Organisation von Karten und Telefonverbindungen perfektioniert, durch die unsere Flugplätze benachrichtigt werden, sobald Ihre Staffeln zu einem Einsatz über den Linien starten. Anhand meiner Karten Ihrer bisherigen Einsätze weiß ich fast genau, wo Ihr Ziel liegt und wann Sie dort ankommen werden. Ihre Fliegerstaffel operiert so genau nach Zeitplan und mit solcher Regelmäßigkeit, dass wir Ihre Absichten nun erkennen können, bevor Sie Zeit haben, sie auszuführen. Ich sagte ihm, dass dies alles sehr interessant sei, äußerte mich aber nicht dazu. Er erzählte mir, dass er Bayer sei und Professor für Geschichte an der Universität München gewesen sei. Er war ein äußerst interessanter Gesprächspartner, und die Unterhaltung mit ihm wurde fast zu einer Versuchung. „Was die Welt heute braucht“, sagte er, „sind zwei gute, starke Nationen, die sie aufteilen und so regieren, wie sie regiert werden sollte. Deutschland und Großbritannien sind die einzigen Nationen, die dazu in der Lage sind. Frankreich – Paris – könnte einfach ein gemeinsamer Spielplatz für uns alle sein. Was denken Sie darüber?“ Ich sagte ihm, dass ich darüber noch nie nachgedacht hätte. „Wie schätzen Sie den Verlauf des Krieges ein?“, fragte er. Sehr günstig für die Alliierten, antwortete ich, es scheint fast sicher, dass Amerika sich uns anschließen wird. Wenn ich mich heute an dieses Gespräch zurückerinnere, erscheint es mir seltsam, dass Amerika tatsächlich nur vier Tage später in den Krieg eintrat. Meine Meinung damals schockierte oder beunruhigte meinen Gesprächspartner jedoch nicht. „Ja“, sagte er, „wir sind uns dieser Möglichkeit bewusst und haben entsprechende Vorkehrungen getroffen. Unsere intensive U-Boot-Kampagne wird alle Auswirkungen der Vereinigten Staaten neutralisieren.“ Er lächelte, streichelte aber einfach weiter den Hund. Er verließ mich, und ich sah ihn nie wieder. Am nächsten Tag wurde ich in das Gefangenenlager in Karlsruhe und später nach Schwarmstadt verlegt, wo ich einen Fluchtversuch unternahm, aber gefasst wurde. Den Rest des Krieges verbrachte ich in Gefangenschaft.“

„Gefechtsbericht: 1615 Uhr, zwischen Lens und Lieven. Vickers-Doppelsitzer, NO. 6382. Motor unerkennbar. Insassen: Pilot: Leutnant O’Beirne, getötet. Beobachter: McDonald. Zusammen mit Leutnant Schäfer und Leutnant Lothar von Richthofen habe ich drei feindliche Flugzeuge angegriffen. Das Flugzeug, das ich selbst angegriffen hatte, musste bei Lieven landen. Nach einem kurzen Kampf begann der Motor zu rauchen und der Beobachter stellte das Schießen ein. Ich verfolgte den Gegner bis zum Boden. Wetter: Sturm und niedrige Wolken.“

„…Wie Hämmerschläge kamen die weiteren Berichte, am 3. April der zweiunddreitzigste Sieg;…“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report: nachm.  F.E. Zweisitzer bei Lens (diesseits) durch Oblt. Frhr.von Richthofen, J.St.  (als 34.)“

„La Brayelle wurde in der Nacht vom 7. auf den 8. April von F.E.2 der No. 100 Sqn angegriffen.

Royal Flying Corps Communiqué No.83:

Beim ersten Angriff wurden eine Phosphorbombe und fünfundvierzig 20-lb-Bomben abgeworfen. Drei Hangars (sic) wurden zerstört und Gebäude in der Nähe des Flugplatzes wurden getroffen.

Beim zweiten Angriff, der gegen 2.40 Uhr morgens stattfand, wurde ein vierter Hangar zerstört. Die Bomben wurden aus einer durchschnittlichen Höhe von 600 Fuß abgeworfen.

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report: 11.00 vorm. 1 fdl.Flz. bei Quincy (diesseits) durch Oblt.Frhr.von Richthofen. J.St.11 (als 35.)“

„Gefechtsbericht: 1115 Uhr, Lewarde, südlich von Douai. Bristol-Doppelsitzer Nr. 3340. Motor Nr. 10443. Insassen: Leutnant McLickler und Leutnant George; beide schwer verwundet. Es war neblig und insgesamt sehr schlechtes Wetter, als ich eine feindliche Staffel angriff, die zwischen Douai und Valenciennes flog. Bis zu diesem Punkt war es ihr gelungen, vorzurücken, ohne beschossen zu werden. Ich griff mit vier Flugzeugen meiner Staffel an. Die letzte Maschine, die ich persönlich auswählte, zwang ich nach einem kurzen Kampf bei Lewarde zur Landung. Die Insassen verbrannten ihre Maschine. Es war ein neuer Flugzeugtyp, den wir noch nicht gesehen hatten; er scheint schnell und ziemlich handlich zu sein. Ein starker Motor, V-förmig, 12 Zylinder; sein Name war nicht zu erkennen. Die DIII ist sowohl in der Geschwindigkeit als auch in der Steigfähigkeit zweifelsohne überlegen. Von der feindlichen Staffel, die aus sechs Flugzeugen bestand, wurden vier von meiner Staffel zur Landung auf unserer Seite gezwungen. Wetter: neblig und bewölkt.“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report: 11.00 vorm. 1 fdl.Flz. bei Lewarde (diesseits) durch Oblt.Frhr.von Richthofen. J.St.11 (als 36.)“

„Gefechtsbericht: 1130 Uhr, Cuincy. Bristol Doppelsitzer. Insassen: Pilot: Leutnant Adams, Beobachter: Leutnant Steward – unverwundet. Angaben zum Flugzeug liegen nicht vor, da die Maschine verbrannt ist. Nachdem ich den ersten Gegner in der Nähe von Lewarde außer Gefecht gesetzt hatte, verfolgte ich den restlichen Teil des feindlichen Geschwaders und holte das letzte Flugzeug über Douai ein. Ich zwang es zur Landung bei Cuincy. Die Insassen verbrannten ihre Maschine zu Asche.“

„…am 6. April wurde mir von der Schweidnitzer „Täglichen Rundschau“ bereits die Meldung über den sechsunddreitzigsten Abschuß durchgegeben.“

„Gefechtsbericht: 1745 Uhr, Mercatel, auf der anderen Seite unserer Linien. Nieuport-Einsitzer, englisch; Einzelheiten sind nicht bekannt. Ich griff zusammen mit vier meiner Herren ein feindliches Geschwader von sechs Nieuport-Maschinen südlich von Arras und hinter den feindlichen Linien an. Das Flugzeug, das ich herausgegriffen hatte, versuchte sechsmal durch verschiedene Manöver zu entkommen. Als es dies zum siebten Mal tat, gelang es mir, es zu treffen, woraufhin der Motor zu rauchen begann und das Flugzeug selbst kopfüber abstürzte und sich drehte und drehte. Zuerst dachte ich, es handele sich um ein weiteres Manöver, aber dann sah ich, dass das Flugzeug, ohne sich zu fangen, in der Nähe von Mercatel auf den Boden stürzte. Wetter: tiefhängende Wolken und Regen.“

„Englischer Bombenangriff auf unseren Flughafen Die Vollmondnächte sind für den Nachtflieger am geeignetsten. In den Vollmondnächten des Monats April betätigten sich unsere lieben Engländer besonders emsig. Natürlich war es mit der Arras-Schlacht in Verbindung zu bringen. Sie mochten wohl herausbekommen haben, daß wir in Douai auf einem sehr, sehr schönen, großen Flugplatz uns häuslich eingerichtet hatten. Eines Nachts, wir sitzen im Kasino, klingelt das Telephon, und es wird mitgeteilt: »Die Engländer kommen.« Natürlich großes Hallo. Unterstände hatten wir ja; dafür hatte der tüchtige Simon gesorgt. Simon ist unser Bausachverwalter. Also alles stürzt in die Unterstände, und man hört tatsächlich – zuerst noch ganz leise, aber ganz sicher das Geräusch eines Flugmotors. Die Flaks und Scheinwerfer scheinen auch eben die Mitteilung bekommen zu haben, denn man merkt, wie sie sachte lebendig werden. Der erste Feind war aber noch viel zu weit, um angegriffen zu werden. Uns machte es einen Heidenspaß. Wir befürchteten nur immer, die Engländer würden unseren Platz nicht finden, denn das ist nachts gar nicht so einfach, besonders, da wir nicht an einer [134]großen Chaussee lagen oder an einem Wasser oder an einer Eisenbahn, die des Nachts die besten Anhaltspunkte bilden. Der Engländer flog scheinbar sehr hoch. Erst einmal um den ganzen Platz herum. Wir glaubten schon, er hätte sich ein anderes Ziel gesucht. Mit einem Male aber stellt er den Motor ab und kommt herunter. »Nun wird’s Ernst,« meinte Wolff. Wir hatten uns zwei Karabiner geholt und fingen an, auf den Engländer zu schießen. Sehen konnten wir ihn ja noch nicht. Aber allein der Knall beruhigte schon unsere Nerven. Jetzt kommt er in den Scheinwerfer herein. Auf dem ganzen Flugplatz überall ein großes Hallo. Es ist eine ganz alte Kiste. Wir können den Typ genau erkennen. Er ist höchstens noch einen Kilometer von uns entfernt. Er fliegt genau auf unseren Platz zu. Er kommt immer niedriger. Jetzt kann er höchstens noch hundert Meter hoch sein. Da stellt er wieder den Motor an und kommt genau auf uns zugeflogen. Wolff meint noch: »Gott sei Dank, er hat sich die andere Seite des Flugplatzes ausgesucht.« Aber es dauerte nicht lange, da kommt die erste, und dann regnet es einige Bömbchen. Es war ein wunderbares Feuerwerk, das uns der Bruder vormachte. Einem Angsthasen konnte er auch Eindruck machen. Ich finde überhaupt, Bombenwerfen in der Nacht ist nur moralisch von [135]Bedeutung. Hat einer die Hosen voll, so ist es für ihn sehr peinlich, für die anderen aber nicht. Wir empfanden einen großen Spaß und meinten, die Engländer könnten doch recht oft kommen. Also, mein guter Gitterschwanz warf seine Bomben ab, und zwar aus fünfzig Metern Höhe. Das ist eine ziemliche Frechheit, denn auf fünfzig Meter mute ich mir zu, auch des Nachts bei Vollmond einem Keiler einen ganz anständigen Blattschuß zu verpassen. Warum sollte ich nicht auch einen Engländer treffen? Es wäre doch mal etwas anderes gewesen, so einen Bruder von unten abzuschießen. Von oben hatten wir schon mehreren die Ehre gegeben, aber von unten hatte ich es nicht probiert. Wie der Engländer weg war, gingen wir wieder ins Kasino und besprachen uns, wie wir den Brüdern in der nächsten Nacht einen Empfang bereiten wollten. Tags darauf sah man die Burschen usw. sehr emsig arbeiten. Sie beschäftigten sich damit, Pfähle in der Nähe des Kasinos und der Offizier-Wohnbaracken einzurammen, die in der kommenden Nacht als Maschinengewehrstände benutzt werden sollten. Wir schossen uns mit erbeuteten englischen Flugzeug-Maschinengewehren ein, machten uns ein Nachtkorn drauf und waren sehr gespannt, was nun werden würde. Die Zahl der Maschinengewehre will ich nicht verraten, aber es sollte genügen. [136]Jeder von meinen Herren war mit so einem Ding bewaffnet. Wir sitzen wieder im Kasino. Gesprächstoff sind natürlich die Nachtflieger. Da kommt ein Bursche hereingestürzt und schreit nur: »Sie kommen, sie kommen!« und verschwindet, etwas spärlich bekleidet, im nächsten Unterstand. Jeder von uns stürzt an die Maschinengewehre. Einige tüchtige Mannschaften, die gute Schützen sind, sind auch damit bewaffnet. Alle übrigen haben Karabiner. Die Jagdstaffel ist jedenfalls bis an die Zähne bewaffnet und bereit, die Herren zu empfangen. Der erste kam, genau wie am Abend vorher, in größerer Höhe, geht dann auf fünfzig Meter herunter, und zu unserer größten Freude hat er es diesmal gleich auf unsere Barackenseite abgesehen. Er ist im Scheinwerfer. Jetzt ist er höchstens noch dreihundert Meter von uns entfernt. Der erste fängt an zu schießen, und zur selben Zeit setzen alle übrigen ein. Ein Sturmangriff könnte nicht besser abgewehrt werden als dieser Angriff des einzelnen frechen Kunden in fünfzig Metern Höhe. Ein rasendes Feuer empfängt ihn. Hören konnte er das Maschinengewehrfeuer ja nicht, daran verhinderte ihn sein Motor, aber das Mündungsfeuer eines jeden sah er, und deshalb finde ich es auch diesmal sehr schneidig von dem Bruder, daß er nicht abbog, sondern starr seinen Auftrag durchführte. Er flog genau [137]über uns weg. In dem Augenblick, wie er über uns weg war, springen wir natürlich schnell in den Unterstand, denn durch so ’ne dämliche Bombe erschlagen zu werden, wäre für einen Jagdflieger ein selten dämlicher Heldentod. Kaum ist er über uns weg, wieder ’ran an die Gewehre und feste hinter ihm hergefeuert. Schäfer behauptete natürlich: »Ich habe ihn getroffen.« Der Kerl schießt ganz gut. Aber in diesem Fall glaubte ich ihm denn doch nicht, und außerdem hatte jeder andere ebenso gute Chancen. Wir hatten wenigstens das erreicht, daß der Gegner seine Bomben ziemlich planlos in die Gegend warf. Eine allerdings platzte ein paar Meter neben dem »petit rouge«, tat ihm aber nicht weh. Dieser Spaß wiederholte sich in der Nacht noch mehrere Male. Ich lag bereits im Bett und schlief fest, da hörte ich im Traum Ballonabwehrfeuer, wachte davon auf und konnte nur feststellen, daß der Traum Wahrheit war. Ein Kunde flog so niedrig über meine Bude weg, daß ich mir vor lauter Angst die Bettdecke über den Kopf zog. Im nächsten Augenblick ein wahnsinniger Knall, ganz in der Nähe meines Fensters, und meine Scheiben waren ein Opfer der Bombe. Schnell im Hemd ’rausgestürzt und noch einige Schuß hinter ihm her. Draußen wurde er schon kräftig beschossen. Ich hatte aber diesen Herrn leider verschlafen. [138]Am nächsten Morgen waren wir sehr erstaunt und hocherfreut, als wir feststellten, daß wir nicht weniger wie drei Engländer von der Erde aus abgeschossen hatten. Sie waren nicht weit von unserem Flughafen gelandet und gefangengenommen worden. Wir hatten meist die Motoren getroffen und sie dadurch gezwungen, auf unserer Seite ’runterzugehen. Also hatte sich vielleicht Schäfer doch nicht geirrt. Wir waren jedenfalls sehr zufrieden mit unserem Erfolg. Die Engländer dafür etwas weniger, denn sie zogen es vor, nicht mehr unseren Platz zu attackieren. Eigentlich schade, denn sie haben uns viel Spaß damit gemacht. Vielleicht kommen sie nächsten Monat wieder.“

„Aus: Briefen eines deutschen Kampffliegers an ein junges Mädchen von Erwin Böhme.

Heute morgen war ich bei Richthofen, der jetzt Rittmeister geworden ist. Er hatte gerade nummer 38 heruntergeholt. Es ist erstaunlich, auf welche Höhe er seine Staffel in der kurzen Zeit gebracht hat. Er hat leuter Prachkerle um sich, die für ihn durchs Feuer gehen; auch sein jüngerer Bruder Lothar ist seit kurzem bei der Staffel. Richthofen selbst ist in vollster Frische, man merkt ihm, obwohl er an manchen Tagen fünfmal aufsteigt,keine Spur von Ermüdung an. Was mich freut, ist, daß er so ganz ohne Prahlerei ist, ein vornehmer, aber ganz natürlicher Mensch – gegen mich ist er immer besonders herzlich. Es wäre gut, wenn man ihn bald an die Spitze der gesamten Jagdfliegerei stellen würde. Er wäre, nach Boelcke – der damals schon den Heldentod gestorben war – „dazu der gegebene Mann.““

 

„Es gibt nur eine Zeitung. Darin steht zu lesen, daß wir uns im Kriegszustand mit Amerika befinden. Ich nehme das Blatt zur Hand, das auf meinem Deckbett liegt, und lese wieder. Hier! Die feindliche Luftmacht hat einen großen systematischen Angriff unternommen. Sie wurde aber von unseren Fliegern gut empfangen. Die Feinde haben vierundvierzig Flugzeuge verloren…Ganze Geschwader sollen vernichtet sein. Die Leutnants Voß und Berthold sind in der Zeitung als siegreich erwähnt… Aber was ist das? – „Fünf unserer Flieger sind nicht zurückgekehrt…“ Warum ist Manfred nicht erwähnt?“

„Gefechtsbericht: 1140 Uhr, in der Nähe von Farbus. Sopwith Doppelsitzer. Insassen: Leutnant Heagerty, verwundet; Leutnant Heath-Cantle, getötet. Einzelheiten über das Flugzeug liegen nicht vor, da es im Granatfeuer liegt und ebenfalls in Stücke zerschmettert wurde. Mit drei meiner Flugzeuge griff ich drei Sopwiths über Farbus an. Das Flugzeug, das ich auswählte, machte bald eine Rechtskurve nach unten. Der Beobachter stellte das Schießen ein. Ich verfolgte den Gegner bis zum Boden, wo er in Stücke zerschellte. Wetter: schön, aber bewölkt.“

„Gefechtsbericht: 1640 Uhr, Vimy, diesseits der Linien. BE2 Nr. A2815. Insassen: Beide getötet, Name des einen – Davidson. Trümmer über mehr als einen Kilometer verteilt. Ich bin geflogen und habe einen englischen Artillerieflieger überrascht. Nach wenigen Schüssen zerbrach das Flugzeug und stürzte in der Nähe von Vimy, auf dieser Seite der Linien, ab.“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report:

11.40 vorm. 1 Sopwith-Zweisitzer bei Farbus (diesseits) durch Rittm.Frhr.von Richthofen, J.St.11 (als 38.)“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report: 4.40 nachm. 1 Bristol-D.D. bei Vimy (diesseits) durch Rittm.Frhr.von Richthofen, J.ST.11 (als 39.)“

„An die Ingenieurabteilung, Berlin, Adlershof, über C.O. Luftwaffe, 6. Armee.

Betreff: Bruch des Flügels einer Albatros D.III am 23.02.1916.

Am 8. April 1917 brach bei einer Höhe von 13.000 Fuß ohne vorherige Belastung der linke Unterflügel der Maschine von Sergeant Festner. Trotz der Tatsache, dass der Flügel in Stücke gerissen und um mehr als ein Drittel seiner Fläche verkleinert wurde, legt Sergeant Festner einen detaillierten Bericht darüber vor, wie es dazu kam.

Technische Untersuchung: Von der zweiten Rippe bis zur V-Strebe war die Unterseite nach oben gebogen.

Ursache: Bruch der Rippen.

Ort des Bruchs: vollständig im vorderen Teil des Flügels, wo der Hersteller spezielle Rippenstützen angebracht hatte. Die Stoffbespannung der Flügel wurde durch den Luftstrom durch die gebrochenen Teile in Stücke gerissen. Der freiliegende Flügel wurde somit vorne durch den Wind belastet, wodurch er sich nach hinten bog und dann wieder locker nach vorne bewegte. Dies war natürlich eine zu große Belastung für die V-Strebe. Die Maschine wird als für den Kriegseinsatz unbrauchbar nach Hause geschickt.“

„“Rittmeister Manfred Freiherr von Richthofen schoß den achtunddreißigsten und neununddreißigsten Geger ab.“ Ich muß vor freudigem Schreck die Augen schließen.“

„Zu den wichtigsten Eigenschaften eines guten Jagdflugzeugs (so schrieb er in einer geheimen Stellungnahme an das technische Personal) gehören die folgenden: Ein gutes Flugzeug darf auch bei Kurvenflügen und nach mehreren Rückenflügen und Drehungen nicht an Höhe verlieren, vorausgesetzt natürlich, der Motor läuft mit voller Leistung.

Ideal wäre es, wenn ein Flugzeug bei diesen Manövern sogar an Höhe gewinnen könnte, aber das ist beim Albatros DIII nicht der Fall, und das ist sein größter Nachteil. Beim Bewegen der Seiten- oder Höhenruder muss selbst die geringste Veränderung eine große Bewegung bewirken. Beim Albatros sind die Querruder nicht ganz ausreichend, und das ist ein äußerst wichtiger Faktor bei einem Jagdflugzeug.

Hohe Geschwindigkeit und große Höhe sind beide notwendig. Die Möglichkeit, durch Regulierung des Motors langsam zu fliegen, ist sehr wichtig.

Ein Jagdflugzeug muss in der Lage sein, die Belastung eines Sturzfluges aus 3.000 Fuß Höhe zu bewältigen. Die Albatross schafft dies nicht immer.“

„fiel innerhalb der alliierten Linien

Gefechtsbericht: 0925 Uhr, Willerval, diesseits der Linien. BE Zweisitzer; Einzelheiten können nicht angegeben werden, da die Engländer diesen Teil der Front angegriffen haben, wodurch die Kommunikation mit den Frontlinien unmöglich wurde. Insassen: Keine Angaben. Mit Leutnant Wolff fliegend, griff ich ein englisches Infanterieflugzeug in niedriger Höhe an. Nach einem kurzen Kampf stürzte das feindliche Flugzeug in ein Granatenloch. Beim Aufprall auf den Boden brachen die Tragflächen des Flugzeugs ab. Wetter: starker Wind, niedrige Wolken und Schnee.“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report: 9.25 vorm. 1 B.E. D.D. bei Willerval (diesseits) durch Rittm.Frhr. v.Richthofen, J.St.11 (als 40.)“

„Am Abend des 11. April war Prof. Dr. Georg Wegener, Korrespondent der Kölnischen Zeitung, in La Brayelle eingetroffen. Um diesen Gast zu beeindrucken, ließ Richthofen ein Fernrohr aufstellen, damit Wegener die Staffel bei ihrem Aufbruch zu ihrem ersten Einsatz am nächsten Tag beobachten konnte. Wie sich herausstellte, hatte der Journalist einen Logenplatz für einen der größten Triumphe der Jasta 11.

Zunächst beobachtete Prof. Dr. Wegener mit großer Faszination die Aufstellung der bunten Flugzeuge und die jungen Flieger, die sie in die Schlacht flogen:

… Nacheinander, bis der Starttermin feststand, zogen sie ihre Flugkleidung an, die wie eine Kombination aus einem Taucheranzug und einer holländischen Fischeruniform aussah, und schlenderten mit den Händen in den tiefen Taschen, lachend und scherzend, zwischen ihren Bodenmannschaften umher, die ihre Maschinen für den Start vorbereiteten, oder gingen zum großen Fernrohr, um den Himmel sorgfältig zu beobachten. Sogar Richthofen hatte bereits seine Ausrüstung angezogen und musterte den Himmel sorgfältig mit bloßem Auge.

Plötzlich – ich selbst sah nicht die geringste Bewegung am klaren blauen Himmel – wandte er sich schnell einer in der Nähe hängenden Glocke zu und läutete Alarm. Sofort rannten alle Mechaniker zu ihren Maschinen; jeder Pilot eilte zu seiner eigenen, kletterte auf den Sitz, die Propeller dröhnten, eines nach dem anderen rannten die kleinen schnellen Flugzeuge über eine Strecke auf dem Boden, hoben ab und stiegen schnell in den blauen Himmel auf. Das letzte war Richthofens Flugzeug …

„Der gute Freund unten auf dem Boden war mehr als nur ein wenig erstaunt“, schrieb Richthofen später. „Er hatte sich das Ereignis ganz anders vorgestellt, viel dramatischer. Er fand, dass alles recht harmlos aussah, bis plötzlich einige der Flugzeuge, eines davon brennend wie eine Rakete, abstürzten. Ich habe mich allmählich an diesen Anblick gewöhnt, aber ich muss sagen, dass der erste Engländer, den ich herunterstürzen sah, einen schrecklichen Eindruck auf mich machte und ich lange davon träumte.“…

…Prof. Dr. Wegener schloss sich den Staffelmitgliedern an, als sie ihre zurückkehrenden Kameraden begrüßten. Er berichtete:

…„Niemand wurde verletzt. Es sah alles so aus, als hätte es ein erfolgreiches Sportereignis sein können. Aber Richthofens Maschine zeigte, wie wenig das der Realität entsprach. Eine feindliche Maschinengewehrsalve traf den linken unteren Flügel, und der Stoff sah etwa anderthalb Meter lang aus, als wäre er mit einem großen Messer aufgeschlitzt worden. Und auf der äußeren Holzverkleidung in der Nähe des Pilotensitzes verlief eine zweite Narbe, die zeigte, dass ein weiterer Schuss ihm beinahe das Leben gekostet hätte.“

Nach einem späten Frühstück startete Richthofen erneut, diesmal über die britischen Linien, um RFC-Flugzeuge abzufangen, die von Einsätzen über deutschen Stellungen zurückkehrten.“

„Lothar schreibt: Die Staffel war in zwei Gruppen eingeteilt, das heißt es flog immer die halbe Staffel zusammen. Mein Bruder flog als Staffelführer mal mit der einen, mal mit der anderen Gruppe. Meine Gruppe führte Schäfer, und außer mir flogen noch Wolff, Allmenröder und Lübbert. Das war damals so die günstigste Zahl zum Zusammenfliegen. Diese ganze Gruppe hat sich dann später den Pour le mérite verdient, nur Leutnant Lübbert fiel leider vor der Zeit. Er hatte bei seiner Feldfliegerabteilung schon die fabelhaftesten Sachen geleistet. Nur der Tod konnte unseren lieben Kameraden daran hindern, sich den Pour le mérite zu holen. Die Gruppe hatte an dem Tag Frühstart, das heißt wir mußten uns vom Morgengrauen an bereit halten, jeden Augenblick starten zu können; das war schon sehr zeitig, zwischen vier und fünf Uhr. Wir saßen, gerade aufgestanden, im Starthaus, da klingelt das Telephon: „Sechs Bristol von Arras nach Douai.“ Nun waren wir schon aufgestanden, also los. In dreitausend Metern Höhe eine durchbrochene Wolkendecke. Als wir gerade starten, sehen wir die Engländer genau unter der  Wolkendecke schon in der Nähe unseres Flugplatzes. Der rote Vogel meines Bruders steht startbereit auf dem Platz, seine Monteure dabei. Von meinem Bruder nichts zu sehen. Wir bekamen die Engländer noch zu fassen, aber die Kerls flogen so geschickt in den Wolkenschichten, daß keiner von uns einen abschießen konnte. Immer wenn man hinter einem auf Schußentfernung saß, verschwand er nach unten oder oben in den Wolken. Es war dies mein erster Luftkampf, und ich war sehr stolz, als ich mal einen vorhatte, der in meinem M.-G.-Feuer anfing zu stinken. Ich hatte ihm einen Benzintank durchschossen; aber im nächsten Augenblick verschwand er wieder in den Wolken. Da fast sämtliche Maschinen einen Reservetank haben, hatte er wahrscheinlich den anderen Benzintank eingeschaltet. Wenigstens flog der Kerl weiter. Ich war
natürlich sehr traurig, daß er nicht ‚runterfiel; aber das war, wie mir nachher mein Bruder sagte, zuviel verlangt vom ersten Luftkampf.

Wir hatten alle keinen abgeschossen und landeten etwa nach einer Stunde auf unserem Platz. Unten stand wieder der rote Vogel meines Bruders, aber man konnte schon von weitem an dem Arbeiten der Monteure und an der Lage der Maschine sehen, daß er unterwegs gewesen war. Da wird uns auch gleich erzählt: Ja, der Herr Rittmeister war etwa fünf Minuten nach uns gestartet. Er hatte noch im Bett gelegen, als die Meldung kam. Schnell über den Schlafanzug die Fliegerbekleidung und los. Nach zwanzig Minuten war er zurückgekehrt und hatte dabei einen Engländer diesseits abgeschossen. Als wir nun wieder zurück. kamen, lag er im Bett und schlief bereits wieder, als ob nichts passiert sei. Nur einige Treffer in seiner Maschine und Meldungen über das abgeschossene Flugzeug, die einliefen, zeugten von seinem Fluge. Wir schämten uns doch alle ein bißchen; wir waren zu fünfen gewesen, waren früher gestartet, später gelandet und hatten nichts herunterbekommen.

Als wir uns gegen acht Uhr zum zweiten Start versammelten, erschien mein Bruder. Er schimpfte über die Engländer, diese nächtlichen Ruhestörer, die friedliebende Menschen mitten in der Nacht aus dem Bett trommelten. Wir gratulierten ihm herzlich, erzählten ihm unsere Erlebnisse, er uns seine. Er war direkt nach der Front zu gestartet. Wenige Kilometer vor der Front stieß plötzlich ein Engländer durch die Wolken und setzte sich direkt vor meinen Bruder. In wenigen Sekunden war der Kampf entschieden. Brennend stürzte der Engländer ab. Die Reste seines Flugzeuges fielen noch auf unserer Seite zur Erde. Durch das soeben eingenommene Frühstück hatten wir wieder neuen Mut gesammelt und zogen unsere Fliegerbekleidung an.

Die Jagdfliegerei trägt mit Recht diesen Namen, denn es ist eine richtige Jagd auf feindliche Flieger. Das Wild bat wohl seinen beständigen Wechsel, aber diesen benutzt es zu möglichst unbestimmten Zeiten. Wir hatten dieses Mal Pech. Die Engländer saßen wohl noch beim  Frühstück. Ich hatte mir vorgenommen, immer fünfzig Meter neben meinem Bruder zu fliegen, denn ich sagte mir, daß ich auf diese Weise am ersten zu Schuß kommen würde. Ich hielt mich auch immer dicht an ihn heran und freute mich schon, daß es so gut ging. Ein einzelner englischer Infanterieflieger hatte die Front überflogen. Ich hatte noch genug mit meiner Maschine und allem möglichen anderen zu tun, wie das einem so die ersten Male geht, und hatte nichts von dem Engländer gesehen, dafür mein Bruder aber desto mehr. Ganz plötzlich stellte er seine Maschine auf den Kopf, ist in ganz kurzer Zeit hinter dem Engländer, und in demselben Augenblick bricht das englische Flugzeug auseinander. Mit der M.-G.-Garbe war ihm die eine Tragfläche direkt abgesägt worden. Als ob man einen Sack mit kleinen und großen Papierfetzen ausschüttet, so sehen die Reste des Engländers aus. Das Bild sah ich mir aus einer Entfernung von etwa eintausend Metern an, trotzdem ich doch so nahe an meinen Bruder hatte heranbleiben wollen. Dies war mir nicht gelungen. Wir flogen dieselben Maschinen, d. h. denselben  Flugzeugtyp, mit demselben Motor, also mußte es an mir liegen.

Das schnelle Fliegen muß erst richtig gelernt werden. Man kann nämlich langsam und schnell fliegen. Man kann so langsam fliegen, daß man beinahe auf einer Stelle steht; dann muß man den Motor ganz langsam laufen und die Maschine in derselben Lage lassen; dann kommt das Flugzeug allmählich kaum noch vorwärts, dafür sackt es durch, d. h. es senkt sich allmählich, und dadurch wird die Maschine getragen. Sehr unangenehm ist in diesem Falle, daß die Steuer nicht mehr ordentlich reagieren, da ja kein Luftdruck mehr darauf ist. So eine Übung ist  natürlich in niedrigen Höhen für Anfänger nicht zu empfehlen. Dies ist das langsamste Fliegen. Dann kann man immer etwas schneller fliegen bis zur normalen Geschwindigkeit. Bei der normalen Geschwindigkeit steigt eine Maschine immer noch. Wenn ich nun das Flugzeug immer mehr auf den Kopf stelle mit vollaufendem Motor, so kann ich eine erhebliche Geschwindigkeit erreichen, wenn auch nicht die doppelte, so doch einen ganz erheblichen Zuwachs. Natürlich ist das eine sehr starke Beanspruchung von Maschine und Motor. Dies muß erst gelernt sein. Es klingt sehr leicht. Ich kenne aber viele, die das nie lernen. Ich halte dies aber für wichtiger als manches andere Fliegerkunststück, z. B. den Looping. Der Looping ist mehr etwas für Zuschauer. Er sieht sehr schön aus, hat aber für den Kampf keinen Wert. Der Zweck des Looping ist der, sich von Laien bewundern zu lassen, und wird meistens in der Heimat oder vor Zuschauern geübt.

Nachdem so der einzige Engländer, der an der Front war, abgeschossen war, flogen wir nach Hause. Nach den Flügen unterhielt man sich naturgemäß über die soeben erlebten Luftkämpfe. Ein sehr komisches Bild ist dabei, daß derjenige, der einen Luftkampf beschreibt, mit den  Armen herumfuchtelt; er redet mit den Händen. Um uns etwas beizubringen, um zu sagen, was wir falsch und richtig gemacht hatten, folgte den Luftkämpfen meist eine Besprechung. Aber auch auf andere Weise erreichte mein Bruder sein Ziel. Wie er z. B. die Staffel übernahm,  befanden sich dort Wolff und Allmenröder. Die beiden hatten damals noch gar keine Erfahrung, und Anfänger haben bei einem Luftkampf mehr Angst als Vaterlandsliebe. In den ersten Tagen flog mein Bruder mit den beiden los, griff mehrere Engländer an, und seine Maschine erhielt eine Unmenge Treffer, ohne selbst Erfolg zu haben, da die beiden nicht halfen. Mein Bruder kam natürlich darüber ziemlich verärgert nach Hause, machte aber den beiden keinen Vorwurf, sondern verlor kein Wort darüber. Wie mir Wolff und Allmenröder, die sich ja später beide den Pour le mérite verdienten, sagten, hätte das mehr gewirkt als die größte Standpauke. Nach der Besprechung kamen für meinen Bruder die Staffelführersorgen. Zum Mittag hatten wir einen Kriegsberichterstatter bei uns. Ich weiß nicht, war Manfred mehr von seinen Kameraden oder von dem Gast als Laien bewundert. Gleich nach dem Essen wurde für gewöhnlich, soweit der Flugbetrieb es zuließ, eine halbe Stunde Nachmittagsruhe gehalten; denn in der Hauptbetriebszeit, wie sie damals war, flogen wir manchmal fünf- bis siebenmal am Tage. Um das  durchhalten zu können, war Grundbedingung: essen, schlafen und keinen Tropfen Alkohol.

Gegen Abend schoß mein Bruder noch einen englischen Doppelsitzer mit Gitterrumpf ab. Das Flugzeug machte noch einen normalen Gleitflug, trotzdem die Insassen schon lange durch viele Kugeln tödlich getroffen waren. Das Flugzeug setze aber den Gleitflug in das Dach eines  Hauses fort und zertrümmerte vollständig. Da es ganz in unserer Nähe war, fuhr mein Bruder mit uns im Auto an die Absturzstelle, um Nummer des Flugzeuges und anderes festzustellen. An der Stelle angekommen, bot sich uns kein schöner Anblick. Die Hälfte des Flugzeuges hing noch auf dem Dach, die andere lag auf der Straße. Die Engländer hatten in der Nähe Bomben geworfen, so daß der Luftkampf von vielen beobachtet war, und eine Menge Feldgrauer besah sich die Trümmer des Engländers. Als wir alles festgestellt hatten, traten wir den Heimweg an. Mein Bruder war inzwischen von den Soldaten erkannt worden, und unter donnerndem Hurra verließen wir den Ort.“

„Tatsächlich durfte ich nur einundvierzig Abschüsse verbuchen. Jeder kann sich denken, warum die Zahl auf einundvierzig festgelegt wurde. Genau aus diesem Grund wollte ich diese Zahl vermeiden. Ich bin nicht darauf aus, Rekorde zu brechen. Außerdem denken wir Piloten im Allgemeinen überhaupt nicht an Rekorde. Wir denken nur an unsere Pflicht.

Bölcke hätte ohne seinen Unfall vielleicht hundert Flugzeuge abgeschossen, und viele andere meiner lieben toten Kameraden hätten ohne ihren plötzlichen Tod ihre Beute vielleicht erheblich vergrößert.“

„Lothar ein »Schießer« und nicht ein Weidmann Mein Vater macht einen Unterschied zwischen einem Jäger (Weidmann) und einem Schießer, dem es nur Spaß macht, zu schießen. Wenn ich einen Engländer abgeschossen habe, so ist meine Jagdpassion für die nächste Viertelstunde beruhigt. Ich bringe es also nicht fertig, zwei Engländer unmittelbar hintereinander abzuschießen. Fällt der eine herunter, so habe ich das unbedingte Gefühl der Befriedigung. Erst sehr, sehr viel später habe ich mich dazu überwunden und mich zum Schießer ausgebildet. Bei meinem Bruder war es anders. Wie er seinen vierten und fünften Gegner abschoß, hatte ich Gelegenheit, ihn zu beobachten. Wir griffen ein Geschwader an. Ich war der erste. Mein Gegner war bald erledigt. Ich gucke mich um und sehe, wie mein Bruder hinter einem Engländer sitzt, aus dem gerade die Flamme herausschlägt und dessen Maschine explodiert. Neben diesem Engländer fliegt ein zweiter. Er machte weiter nichts, als daß er von dem ersten, der noch gar nicht mal ’runtergefallen war und sich noch in der Luft befand, sein Maschinengewehr auf den nächsten richtete und sofort weiterschoß, kaum daß er absetzte. Auch dieser fiel nach kürzerem Kampf. Zu Hause fragte er mich stolz: »Wieviel hast du abgeschossen?« Ich sagte ganz bescheiden: »Einen.« Er dreht mir den Rücken und sagt: »Ich habe zwei,« worauf ich ihn zur Nachsuche nach vorn schickte. Er mußte feststellen, wie seine Kerle hießen usw. Am späten Nachmittag kommt er zurück und hat nur einen gefunden. Die Nachsuche war also schlecht, wie überhaupt bei solchen Schießern. Erst am Tage darauf meldete die Truppe, wo der andere lag. Daß er ’runtergefallen war, hatten wir ja alle gesehen.“

13 April 1917
begin april, jasta 11 vanaf 13/4/1917 in Roucourt
Roucourt

„Auszug aus einem Brief von Elisabeth Papendieck (geb. Brauneck), Schwester von Leutnant Otto Brauneck (Jasta 11) an Albert Flipts: …er meldete sich zusammen mit einem Freund beim MvR…. Er erhielt dann Anfang April einen Brief von von Richthofen, von dem ich Ihnen eine Kopie sende, in dem er behauptete, Otto…“

„Mein bisher erfolgreichster Tag Wunderbares Wetter. Wir stehen auf dem Platz. Ich habe Besuch von einem Herrn, der noch nie einen Luftkampf oder so etwas Ähnliches gesehen hat und mir gerade versichert, daß es ihn ungeheuer interessieren würde, einen solchen Luftkampf zu sehen. Wir steigen in unsere Kisten und lachen sehr über ihn, und Schäfer meint: »Den Spaß können wir ihm machen!« Wir stellen ihn an ein Scherenfernrohr und fliegen los. Der Tag fing gut an. Wir waren kaum zweitausend Meter hoch, da kamen uns schon die ersten Engländer in einem Geschwader von fünf entgegen. Ein Angriff, der mit einer Attacke zu vergleichen war – und das feindliche Geschwader lag vernichtet am Boden. Von uns war nicht ein einziger auch nur verwundet. Die Gegner waren – zwei brennend und drei so – auf unserer Seite abgestürzt. Der gute Freund unten auf der Erde hatte nicht wenig gestaunt. Er hatte sich die Sache ganz anders vorgestellt; viel dramatischer. Er meinte, die Sache hätte so harmlos ausgesehen, bis plötzlich einige Flugzeuge, einer Rakete gleich, brennend abstürzten. Ich habe mich an den Anblick so allmählich gewöhnt, aber ich muß sagen, mir hat es auch einen Mordseindruck gemacht, und ich habe noch lange davon geträumt, wie ich den ersten Engländer habe in die Tiefe sausen sehen. Ich glaube, wenn es mir noch einmal passieren würde, es wäre mir nicht mehr so schrecklich wie damals. Nachdem dieser Tag so gut angefangen hatte, setzten wir uns erst mal zu einem ordentlichen Frühstück hin, da wir alle einen Mordshunger hatten. In der Zwischenzeit wurden unsere Maschinen wieder in Schuß gebracht, neue Patronen geladen, und dann ging’s weiter. Am Abend konnten wir die stolze Meldung machen: Dreizehn feindliche Flugzeuge durch sechs deutsche Apparate vernichtet. Eine ähnliche Meldung hatte nur einmal die Jagdstaffel Boelcke machen können. Acht Flugzeuge waren es, die wir damals abschossen, heute hatte einer sogar vier Gegner zum Absturz gebracht. Es ist ein Leutnant Wolff, ein zartes, schlankes Kerlchen, in dem niemals einer einen solchen Massensieger erblicken würde. Mein Bruder hatte zwei, Schäfer zwei, Festner zwei, ich drei. Abends legten wir uns kolossal stolz, andererseits aber auch recht müde in unsere Klappen. Am Tage darauf lasen wir unter großem Hallo im Heeresbericht von den Taten des Tages vorher. Im übrigen schossen wir am Tage darauf acht ab. * Leutnant Schaefers Notlandung zwischen den Linien Leutnant Schaefers Notlandung zwischen den Linien Weihnachten 1916 Weihnachten 1916 Der »alte Herr« (X) bei der Jagdstaffel Boelcke Eine sehr niedliche Geschichte ereignete sich noch: Einer von unseren abgeschossenen Engländern war gefangen und kommt ins Gespräch mit uns. Natürlich erkundigte er sich auch nach der roten Maschine. Selbst bei der Truppe unten im Schützengraben ist sie nicht unbekannt und geht unter dem Namen »le diable rouge«. Bei seiner Squadron hat sich das Gerücht verbreitet, daß in der roten Maschine ein Mädchen säße, so etwas Ähnliches wie Jeanne d’Arc. Er war sehr erstaunt, wie ich ihm versicherte, daß das vermutete Mädchen zurzeit vor ihm stünde. Er hatte damit keinen Witz machen wollen, sondern war selbst überzeugt, daß tatsächlich in der pervers angestrichenen Kiste nur eine Jungfrau sitzen konnte.“

„Gefechtsbericht: 0858 Uhr, zwischen Vitry und Brebières. New Body DD: Flugzeug verbrannt. Insassen: Leutnant M. A. Woat und Steward (Thomas), beide getötet. Motor Nr. 3759; fester Motor V-förmig, 12 Zylinder. Mit sechs Flugzeugen meiner Staffel griff ich ein feindliches Geschwader derselben Stärke an. Das von mir ausgesuchte Flugzeug stürzte zwischen Vitry und Brebières nach kurzem Kampf zu Boden. Beim Aufsetzen verbrannten beide Insassen und die Maschine zu Asche. Wetter: schön, aber bewölkt.“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report: 8.56 (sic) vorm. 1 F.E. (sic) D.D. bei Vitry (diesseits) durch Rittm. Frhr.von Richthofen, J.St. 11 (als 41.)“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report: 12.45 nachm. 1 F.E. D.D. westl. Monchy (jenseits) durch Rittm. Frhr. von Richthofen, J.St.11 (als42.)“

„Gefechtsbericht: 1245 Uhr, zwischen Monchy und Feuchy. Vickers-Zweisitzer, Einzelheiten unbekannt, da Flugzeug hinter den feindlichen Linien abgeschossen. Zusammen mit Leutnant Simon griff ich einen Vickers-Zweisitzer an, der aus deutschem Gebiet zurückkam. Nach einem ziemlich langen Kampf, bei dem ich so manövrierte, dass mein Gegner keinen einzigen Schuss abgeben konnte, stürzte das feindliche Flugzeug zwischen Monchy und Feuchy zu Boden. Wetter: schön, aber bewölkt.“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report: 7.30 N. 1F.E. -D.D. bei Henin-Lietard (diess.) durch Rittm. Frhr.v.Richthofen, J.St.11 (als 43.)“

13 April 1917
Noyelles-Godault, near Hénin-Liétard
Noyelles-Godault

„Gefechtsbericht: 1935 Uhr, Noyelles-Godault, bei Henin Liétard. Vickers-Zweisitzer, Nr. 4997. Motor Nr. 917, 8-Zylinder-Stand. Motor. Insassen: Leutnants Bates und Barnes, beide getötet. Mit drei Flugzeugen meiner Staffel griff ich ein feindliches Bombengeschwader bestehend aus Vickers (alter Typ) über Henin Liétard an. Nach einem kurzen Kampf begann mein Gegner zu gleiten und stürzte schließlich in ein Haus bei Noyelles-Godault. Die Insassen wurden beide getötet und die Maschine zerstört.“

“ Das schönste Wesen, das je die Welt geschaffen hat, ist die echte Ulmer Dogge, mein »kleines Schoßhündchen«, der »Moritz«. Ich habe ihn in Ostende von einem braven Belgier für fünf Mark gekauft. Die Mutter war ein schönes Tier, einer seiner Väter auch, also ganz »rasserein«. Davon bin ich überzeugt. Ich hatte die Auswahl und suchte mir den niedlichsten heraus. Zeumer nahm sich einen zweiten und nannte ihn »Max«. Max fand ein jähes Ende unter einem Auto, Moritz aber gedieh vortrefflich. Er schlief mit mir im Bett und wurde vorzüglich erzogen. Er hat mich von Ostende ab auf Schritt und Tritt begleitet und ist mir sehr ans Herz gewachsen. Von Monat zu Monat wurde Moritz groß und größer, und es entwickelte sich so allmählich aus dem zarten Schoßhündchen ein ganz ungeheuer großes Tier. Ich habe ihn sogar einmal mitgenommen. Er ist mein erster »Franz« gewesen. Er benahm sich dabei sehr vernünftig, und sehr interessiert beäugte er sich die Welt von oben. Nur meine Monteure schimpften nachher, daß sie das Flugzeug von einigen unangenehmen Dingen reinigen mußten. Moritz war aber nachher wieder sehr vergnügt. [131]Er ist nun schon über ein Jahr alt und immer noch das kindische Tier von einigen Monaten. Er spielt sehr gut Billard. Leider geht dabei so manche Kugel, besonders aber so manches Billardtuch flöten. Er hat auch eine Riesen-Jagdpassion. Meine Monteure sind darüber sehr glücklich, denn er fängt ihnen so manchen schönen Hasenbraten. Von mir kriegt er immer dafür etwas Senge, denn ich bin weniger erbaut von dieser Passion. Er hatte eine dumme Eigenschaft. Er liebte es, die Flugzeuge bei jedem Start zu begleiten. Der normale Tod eines Fliegerhundes ist bei dieser Gelegenheit der Tod durch den Propeller. Wieder einmal jagte er vor einem startenden Flugzeug einher, wird natürlich eingeholt und – ein sehr schöner Propeller war hin. Moritz heulte schrecklich, und eine von mir versäumte Maßnahme wurde auf diese Weise nachgeholt. Ich habe mich immer gesträubt, ihn koupieren zu lassen, d. h. im besonderen ihm die Ohren beschneiden zu lassen. Auf der einen Seite hat es nun der Propeller nachgeholt. Die Schönheit hat ihn nie gedrückt, aber das eine Klappohr und das andere halbkoupierte stehen ihm recht gut. Überhaupt, wenn der Ringelschwanz nicht wäre, wäre es eine richtige, echte Ulmer Dogge. Moritz hat den Weltkrieg und unsere Feinde richtig erfaßt. Wie er zum erstenmal im Sommer 1916 russische Eingeborene sah – der Zug hielt, [132]und Moritz wurde etwas spazieren geführt –, verjagte er die hinzugelaufene russische Jugend mit ungeheurem Gekläff. Auch Franzosen schätzt er nicht, trotzdem er ja eigentlich selbst ein Belgier ist. Ich gab mal in einem neuen Quartier Einwohnern den Auftrag, das Haus zu säubern. Wie ich abends wiederkam, war nichts gemacht. Verärgert lasse ich mir einen Franzosen kommen. Kaum macht er die Tür auf, begrüßt ihn Moritz etwas unliebenswürdig. Nun konnte ich mir erklären, weshalb die Herren mein Château gemieden hatten.“

„Gefechtsbericht: 09.15 Uhr, einen Kilometer südlich des Bois Bernard, diesseits der Linien. Nieuport-Einsitzer, Nr. 6796; Motor Nr. 8341/IB Rotary. Besatzung: Leutnant W. O. Russell, gefangen genommen. Über Harlex wurde eines unserer Beobachtungsflugzeuge von mehreren Nieuports angegriffen. Ich eilte zum Ort des Geschehens, griff eines der Flugzeuge an und zwang es einen Kilometer südlich von Bois Bernard zur Landung. Wetter: schöner Vormittag; nachmittags bewölkt.“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report: 9.15 vorm. 1 Nieuport Einsitzer bei Fresnoy (diess.) durch Rittm. Frhr. von Richthofen. J.St.11 (als 44.)“

„Als der junge Held Boelcke fiel, ging ein tiefes Trauern durch das deutsche Volk und das Gefühl: „Wir werden nimmer seinesgleichen sehen.“

Aber das Gelöbnis, das die Fliegertruppe am Grabe Boelckes ablegte, seinen Geist lebendig zu erhalten und ihm allezeit nachzueifern mit allen Kräften des Geistes und Körpers, dieses Gelöbnis hat sie treulich gehalten.

Aus der großen Zahl seiner Schüler sind neue erfolggekrönte Kämpfer erstanden, und mit ihnen als erster der, den das Volk in den letzten Monaten mit einem ebenso jähen Flug zur Sonnenhöhe des Ruhmes hat emporsteigen sehen, und der ganz wie Boelcke neben sich auch einen Kreis glänzender, von demselben Geist durchglühter, von ihm zur erfolgreichsten Nacheiferung angespornter engerer Genossen herangebildet hat.

Ich brauche seinen Namen nicht erst zu nennen; jedermann im Volk jauchtzt heute dem Freiherrn von Richthofen zu, den der Kaiser jüngst zum Rittmeister gemacht hat. Und ehrenvoll hebt der heutige Heeresbericht neben ihm seine ganze Jagdstaffel hervor, die gestern von den an der ganzen Westfront herabgeschossenen feindlichen 24 Flugzeugen allein 14 zur Strecke gebracht hat.

Ein glücklicher Zufall führte mich gerade am Abend von diesem Tage als Gast zu der jagdstaffel Richthofen.

Es dunkelte bereits, und so sah ich an diesem Abend nur die hübschen Kafinoräume, die ein kunstverständiges Mitglied der Staffel selber mit Sorgfalt und Geschmack durch Wandbespannungen, Teppiche und Bilder wohnlich und behaglich gestaltet hatte.

Ähnlich behaglich waren auch die einzelnen Wohnzimmer der Offiziere eingerichtet.

Richthofens Wohnung wurde mir von seinem Kameraden mit besonderem Stolz gezeigt. Sie war mit den Trophäen seiner Laufbahn, den farbigen Nationalzeichen der von ihm abgeschossenen Flugzeuge und anderen Teilen derselben verziert. An der Decke hing, geschickt zu einem mehrarmigen Kronleuchter umgearbeitet, ein feindlicher Gnome-Motor, über der Tür das Maschinengewehr seines gefährlichsten Gegners, des englischen Majors Hawker, der einer der erfolgreichsten englischen Kampfflieger gewesen sein soll.

Diese Wohnlichkeit des Heims – die sie sich übrigens gegen die stete Gefahr feindlichen Bombenwurfs verteidigen müssen – ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Denn nur die unbedingteste, durch körperliches und geistiges Wohlbefinden gewährleistete Herrschaft über die Nerven ermöglicht es, den außerordentlichen Anforderungen des Luftkampfes zu entsprechen.

Dem historischen Sinn macht es Freude, in der Geschichte unseres Volkes immer wieder dieselben Namen alter Geschlechter mit Auszeichnung hervortreten zu sehen. Wie sind, um nur etwas herauszugreifen, die Familien der Bülow, Goeben, Alvensleben usw. mit den Kriegen Preußens verknüpft und auch sonst mit seinem Leben und Wesen; wer Fontane kennt, der weiß das.

Auch die Richthofens sind unserem Volk schon viel gewesen. Vor allem für die engere schlesische Landschaft, wo sie mit vielen Zweigen sitzen. Sie find bisher weniger auf soldatischem als auf anderen Gebieten hervorgetreten. Jetzt war durch diesen jungen Offizier vor mir auch das geschehen.

Ich sah ihn mir während des Abendessens mit heimlicher Freude an. Er war wie Boelcke nur mittelgroß, kräftig gebaut, sein Kopf mit der gewölbten Stirn und den germanisch hellen und blauen Augen – deren Ausdruck auffallend an die Boelckes erinnerte – setzte mich in Verwunderung durch die fast rosige frische der Farbe. Da stand nichts geschrieben von der ungeheuren Nervenanspannung, die mit den täglichen Einzelkämpfen auf Tod und Leben verbunden gewesen ist.

Auch sein ganzes Wesen war von einer überraschend ruhigen, zurückhaltenden, fast zarten Art, überaus wohltuend sein und ganz einfach, ohne einen Schatten von Ruhmredigkeit, wenn auch der freudige Stolz auf seinen jungen Glanz in der Seele erkennbar war – und seine Ruhe hätte gemacht sein Mûssen, wenn das nicht so gewesen wäre. Einzig das stark gebildete Kinn vielleicht verriet, wie er auf seine ganze Umgebung wirkte, die an ihrem Führer sichtlich mit einer ganz eigenartigen Mischung von froher Kameradschaft, begeisterter Bewunderung und absolutem Fügen hing…

Meine Frage, ob er seine Erfolge einer besonderen Technik im Luftkampf zuschreibe, verneinte er ganz entschieden. Irgend etwas Derartiges habe er nicht. Natürlich müsse man seine Machine beherschen; auf besondere Kunstfliegerei, überraschende Sturzflüge, „Loopings“ und dergleichen lege er aber kein Gewicht und fördere sie auch in seiner Staffel nicht. „Rangehen“, das sei alles.

In Fliegerkreisen hatte ich früher als die physische Grundlage der Erfolge Boelckes wie Immelmanns eine eigentümliche Fähigkeit dieser beiden schildern hören, plötzliche Stürze durch große Höhen- und damit Luftdruckunterschiede, die bei anderen sekundenlange Benommenheiten hervorbrächten, ohne jede Bewußtseinsstörung zu überstehen. Sie sollten daher imstande gewesen sein, den Gegner unversehens von oben her zu überfallen und zu erlegen, ehe er selbst recht zum Erfassen seiner Lage gelangte.

Richthofen lächelte darüber. Er glaubt nicht, daß Boelcke durch eine besondere physische Gewappnetheit gegen atmosfärische Einflüsse einen rein körperlichen Vorsprung vor anderen gehabt habe; Boelcke sei ja vielmehr sogar Asthmatiker gewesen.

Ihm selbst sei die ganze Vorstellung einer Bewußtseinstrübung durch rasche Druckunterschiede überhaupt unbekannt; er verspüre auch bei den größten und raschesten Höhenabstürzen nicht die geringsten körperlichen Beeinträchtigungen.

Im Laufe des Gespräches fragte ich ihn, ob er nach solchem Luftkampf sich in außergewöhnlicher Erregung, in einer Vibration des ganzen Nervensystems befinde. „Nein“, meinte er, „das kann ich durchaus nicht sagen. Ich bin nur am Ende eines Tages, wo ich mehrmals geflogen bin, einfach ganz hundemäßig müde und sehne mich nach dem Bettzipfel.“

Er geht in der Tat stets sehr früh zu Bett. Auch heute tat er es bereits vor zehn Uhr. Nachher sagten mir seine Kameraden, die an ihrem Führer mit einer ganz eigentümlichen und wunderhübschen Mischung von Freundschaft, Bewunderung und Stolz hingen, einiges, worin sie das Geheimnis seiner Überlegenheit sähen.

Vor allem habe er ein fabelhaftes Auge, das geradezu ein Phänomen sei. Er sehe stets doppelt und dreimal so viel und so scharf wie die anderen. Wenn noch niemand am fernen Himmel feindliche Flieger gewahren könne, er entdecke sie, ihre Zahl und Art genau, und sein Auge lasse sie in dem flimmern der Luft nicht wieder los. Dieses Jägerauge helfe ihm auch bei Flug und Schuß.

Ein zweites sei seine unbändige Entschlossenheit und Zähigkeit. Er gehe immer sofort und geradeswegs auf den ins Auge gefaßten Gegner los und lasse ihn nicht wieder locker, bis er erledigt sei; der Gedanke, daß auch er getroffen werden könne, scheine gar nicht in seinen Sinn zu kommen.

Wie bei Boelcke erschöpft sich Richthofens Wirksamkeit und Wert für uns aber, wie schon gesagt, nicht in seinen persönlichen Kampfleistungen, sondern er hat sich in seiner Staffel auch eine Schüler- und Gehilfenschar geschaffen, die er, von Boelckeschem Geist erfüllt, zu den höchsten Leistungen anspornt.

Neben der im August vorigen Jahres aufgestellten Jagdstaffel Boelcke, die seitdem diesen Namen weiterträgt und ihm Ehre macht und heute – das heißt, am Tage, von dem ich rede – mit 130 gefällten Gegern weitaus an der Spitze unserer Kampfflugzeuggeschwader steht, hat sich die Jagdstaffel Richthofen seit Januar bereits zur zahl 70 erhoben.

Von der etwas größeren Schar der Staffel waren heute neun Fliegeroffiziere zugegen. Alle ganz junge Menschen, keiner anscheinend älter als der Führer, die meisten schienen etwa 22 bis 23 Jahre.

Unter ihnen dem Fûhrer an Fliegerruhm am nächsten kam Leutnant Schäfer, ein hoch und schlank gewachsener Mann, der 16 Feinde besiegt hatte. Sodann der junge, bewegliche und humoristische Leutnant Wolff mit 9. Seit kurzem hatte der Führer auch seinen jüngeren Bruder, Leutnant Freiherr Lothar von Richthofen, in seine Staffel ausgenommen und flog gern gemeinsam mit ihm.

Auch in den anderen, die noch nicht die gleichen Leistungen aufweisen konnten, lebte doch unverkennbar der Stolz, zu dieser Staffel zu gehören. Es war eigentlich ein ganz merkwürdiger Eindruck, zumal für mich als Hochschullehrer, der gewöhnt war, Jünglinge dieses Alters als Studenten um sich zu sehen, diesen Kreis junger Männer hier zu beobachten, die in ihrem jugendlichen Äußeren, in der frische und harmlosen Heiterkeit ihres Wesens, in ihrem Scherz und ihrer Wärmen sich ganz so wie einfache, fröhliche, gute Jungen darstellten, und das auch ohne Frage sind – und die jetzt doch zugleich bewunderte Helden waren, die doch jeder von ihnen mehr als einen Menschen in gefahrvollstem Einzelkampf hoch über dem Erdboden besiegt hatten.

Eines erkannte ich: es ist doch eben gerade die große Jugend, die im Vollbesitz ihrer Nervenelastizität ist und nur lebt und handelt, die das leisten kann, was wir von unseren Kampffliegern leisten sehen…

Sehr verschieden war die Charakteristik, die sie ihren französischen und englischen Gegnern zuteil werden ließen.

Den französischen Flieger schienen sie als Gegner weniger hochzuachten als den englischen. Der Franzose fliege geschickt, sie aber überaus vorsichtig, und es komme darauf an, ihn zum Luftkampf überhaupt zu stellen oder ihn zu überraschen.

Ganz umgekehrt der Engländer, der immer und unbedingt jeden Kampf annehme, den man ihm biete; in dessen Hirn der Gedanke, daß es anders sein könnte, gar nicht möglich scheine, oft, wenn es sogar geradezu dumm wäre, nicht aus dem Wege zu gehen. Die englischen Flieger seien durch die Bank außerordentlich verwegen, oft besser eigentlich unbesonnen, so daß man annehmen müsse, es herrsche bei ihnen eine äußert harte Diziplin, oder sie denken überhaupt nicht viel und gehen, wenn ein Befehl vorliegt, einfach los…

In der Morgenfrühe des 13. spannte sich frosthelle Luft und ein wolkenloser Himmel über dem Flugplatz und der weiten Ebene. Flugwetter ! Der Kanonendonner der Arrasschlacht hatte in den letzten Tagen abgeebt; während der nacht hatte es nur ab und zu ein wenig gerollt, obwohl wir von der Front nur wenige Kilometer entfernt waren, und heute in der Frühe war in der heiteren, sonnendurchglänzten Luft überhaupt nichts zu hören. Aber die Flieger blinzelten in die flimmernde Bläue hinauf, wie in animalischer Witterung, und schauten ihren Führer an.

„Heute wird es regnen“, sagten sie und lachten. Als wir zum Startplatz schritten, glänzten rings im tauenden Reif die niedrigen Schuppen und Häuschen des Flugplatzes wie frisch gewaschen. Am Rand des freien Flugfeldes standen fünf Doppeldecker in einer Reihe zum Abflug bereit; ein sechster, der des Freiherrn von Richthofen, etwas vorwärts zur Seite. Alle waren eines Typs, kurz und gedrungen und kleiner, als ich sie bisher gesehen.

Und, was noch mehr gegen frühere Zeiten abstach, alle verschieden bemalt. Wie bunte schillernde Rieseninsekten, wie ein Schwarm leuchtender Schmetterlinge, die sich mit ausgebreiteten Flügeln am Boden sonnen, sahen sie von weitem aus. Das Prinzip, sich möglichst luftfarbig zu machen, war hier ganz verlassen.

„Unsichtbarkeit“, erklärte mann mir, „erreicht man doch nicht, wohl aber läuft man Gefahr einer Verwechslung feindlicher und befreundeter Flugzeuge. Diese verschiedenen Zeichen auf den Rümpfen sind in der Luft deutlich sichtbar, man erkennt sich während des Kampfes und kann sich unterstützen.“ Deshalb hatte jeder der Flieger siener persönlichen Maschine, mit der er immer flog und mit der er verwuchs wie mit einem lebenden Wesen, eine besondere Zeichnung gegeben, die es seinen Kameraden erlaubte, ihn beim Luftkampf im Auge zu behalten und stets zu wissen, wer die Maschine lenkte. Das eine Flugzeug hatte einen weißen oder roten oder sonstwie gefärbten Streifen, ein anderes trug ihn quer oder längs und so weiter. Aus Richthfofens Augen lachte etwas wie der Stolz des Ritters, der seinen Schild und seine Helmzier beim Gegner gekannt und gefürchtet weiß. „Ich erreiche so, daß mein Geschwader stets sieht, wo ich bin.“

Wirklich, wir empfinden schon sowieso sehr stark, wieviel alte Ritterlichkeit im modernen Luftkampfwesen wieder lebendig geworden ist; hier die persönliche Kennzeichnung der Rüstungen durch weit leuchtende Zeichen vermehrte den Eindruck noch. Diese jungen Streiter zogen wirklich ganz so ninaus wie die mittelalterlichen Herren, von denen der Chronist Froissart aus dem 14. Jahrhundert so farbenreich erzählt, mit ihren Schimmernden Bändern, Wappen und Standarten, die sie und ihren Stolz kenntlich machten auch bei geschlossenem Vizier.

Einer nach dem anderen, die zum Starten bestimmt waren, warf sich in seine Fliegerkleidung, die wie ein Mittelding von Taucher und holländischem Fischer aussah, und schlenderte, die Hände in den weiten Hosentaschen, lachend und scherzend zwischen den von den Flugzeugwarten startbereit gehaltenen Maschinen herum oder umstand das große Fernrohr, mit dem der Himmel sorgsam beobachtet wurde.

Auch Richthofen hatte die Tracht bereits angelegt und durchmusterte bloßen Auges aufmerksam das Firmament. Mit einem Male – ich selbst gewahrte oben im flirrenden Blau nirgends das geringste – wandte er sich rasch zu einer aufgehängten Glocke und läutete Alarm. Im Nu sprangen sämtliche Monteure zu ihren Apparaten; jeder Flieger eilte zu dem seinigen, gestieg den Sitz, die Propeller donnerten los, eins nach dem anderen der kleinen, schnellen Flugzeuge rannte anfahrend eine Strecke über den Erdboden dahin, löste sich los von ihm und stieg dann rasch ins Blau empor. Zuletzt Richthofens Maschine.

Die zurückgebliebenen Flieger, die Flugzeugwarte, die Ordonnanzen und Wachmannschaften, alles verfolgte nun mit größter Spannung die Vorgänge am Himmel. Jetzt erkannte auch ich, erst durch das Glas, dann ohne das, ein Geschwader englischer Flugzeuge; mindestens sechs, vielleicht mehr. Ich muß te sie scharf im Auge behalten, sosnt verlor ich sie sogleich wieder in der flimmernden Helle.

Die Flieger sahen anders. Sie erkannten und benannten die einzelnen Typen, und sie riefen empört: „Welche Frechheit! Die kommen in kaum mehr als 2000 Meter Höhe hier an! Was stellen die sich denn vor?“

Die Engländer schienen jetzt zu stutzen und die Gefahr, die ihnen nahte, zu erkennen; sie kreisten unruhig durcheinander. Es dauerte nur wenige Minuten, da hatten die Unsrigen die gleich oder eine noch größere Höhe erreicht. Aus der Luft erklang das scharfe Geknatter des Maschinengewehrs; der Gegner hatte den Kampf angenommen. Alle Flugzeuge bildeten einen weit ausgezogenen Schwarm heller, durcheinanderkreisender Punkte.

Meine Nachbarn begleiteten mit lebhaften Reden und Gebärden alle Phasen des Kampfes. „Da ist Richthofen! Sehen Sie ihn nicht? Dort oben!‘ „Da ist Schäfer! Donnerwetter, er ist dicht hinter dem Kerl! Er lߨt nicht locker!“ „Das da muß Wolff sein! Ja, das ist er!“

So und ähnlich flogen die Rufe durcheinander. Plötzlich ein gemeinsamer Triumphschrei – hoch am Firmament leuchtete ein stark flammender Punkt auf. „Ein Engländer brennt!“

Bei Gott, welch phantastisches, furchtbares Schauspiel! Der Feuerpunkt vergrößerte sich rasch. Was für ein Glut mußte das sein, die das augenblendede Himmelslicht so überstrahlte und weißglühend am Himmel stand. Dann glitt der leuchtende Fleck abwärts, er zog sich aus zu einer langen Flammenlinie, die wie ein riesiges, orangefarbenes Meteor über den Himmel strich – über den Tageshimmel.

Es war unleugbar schön, so schön, wie ich kaum je etwas gesehen. Und es war doch so entsetzlich zugleich, daß der Atem stockte. Wenige Sekunden später sonderte sich am oberen Ende des Flammenstreifens ein tiefschwarzeer Rauchstreifen ab, so daß das Ganze wie eine schaurliche Fackel am Himmel loderte. Am unteren Ende aber löste sich aus der Flamme, die dann am Himmel stehenblieb und erlosch, die Gestalt eines Flugzeuges los und sank taumelnd und kreisend abwärts.

Es schien sich manchmal noch wieder aufzurichten, im Gleitflug sich herunterretten zu wollen. Allein vergeblich. Langsam näherte es sich dem Erdboden. Dann stürzte es, aus mehreren hundert Metern Höhe noch, senkrecht ab und verschwand hinter einer Bodenfalte – zu fern von uns, als daß wir hätten hineilen können.

„Da fällt ein zweiter!“ scholl es wieder durcheinander. Schaukelnd und pendelnd sah man ein anderes feindliches Flugzeug, in ähnlichen verzweifelten Kampf um Wiederaufrichtung, zur Erde sinken, umkreist von einem der Unsrigen, der es nicht losließ. Ohne zu brennen, stürzte es schließlich ebenfalls ab und verschwand hinter der einige Kilometer entfernten Bodenerhebung. Unmittelbar darauf aber kündete eine große, schwarze, hinter der Bodenfalte aufsteigende Wolke die Stelle, wo die feindliche Maschine zur Erde geschlagen und explodiert war.

Jetztglitt aus den Lüften ein Doppeldecker hernieder und landete auf unserem Flugplatz. Ein Deutscher, aber nicht von unsrer Staffel. Eine laute Stimme aus dem Rumpfe – oder Sitz – rief: „Verwundet!“ Sofort erklang schallend das Kommando: „Sanitäter heran!“

In eiligem Lauf rannte eine Schar von Sanitätersmannschaften herzu. Zwei Leute saßen in dem Flugzeug, das einem benachbarten Geschwader angehörte und sich mit in den Kampf gemischt hatte. Der eine von ihnen, ein Unteroffizierflieger, blutete stark und schien große Schmerzen zu haben. Er wurde sorgfältig aus dem Sitz gehoben und in den Verbandsraum gebracht. Rasche Untersuchung ergab, daß er einen Schuß durch den Oberschenkel hatte, der allerdings schmerzhaft, aber nicht lebensgefährlich war.

Inzwischen ging droben in den Lüften der wilde Kampf weiter, mit Kreisen und Maschinengewehrgeknatter. „Seht, da brennt wieder einer!“ Von neuem wiederholte sich das fürchterliche Schauspiel des aufblitzenden Feuerpunktes, des im Sinken lang sich ausziehend orangegeglühenden Meteors und der daraus hervorwachsenden schwarzen Rauchfackel. Wieder löste sich aus der zuletzt stehenbleibenden und verlöschenden Flamme deutlich das taumelnde Flugzeug los. Durch das große Fernrohr schien ein Mann erkennbar, der sich aus dem Führersitz auf den einen Tragflügel geflüchtet hatte und sich dort festklammerte. Dann war er aber nicht mehr sichtbar.

Plötzlich begannen rings um das sinkende Flugzeug zahlreiche farbige Punkte herumzuspringen und langsam in der Luft zu verglühen. „Das sind seine Leuchtsignalkugeln, die sine in Brand geraten!“ Auch dieser Gegner zerschmetterte binnen kurzem rettungslos am Boden. „Da kommt Leutnant Schäfer zurück!“ Die Maschine schoß in schrägem Gleitflug heran und hielt. Wie eilten zu. Aus dem Sitz erhob sich Leutnant Schäfers lange Gestalt und zog die Kappe von dem schweißbedeckten Antlitz. „Na, wie steht’s?“ scholl die Frage.

Von den Lippen des Ankömmlings aber klang eine Flut zorniger Ausrufe: „Himmelherrgottsakra, so eine Schweinerei! Ich hatte ihn, ich hatte ihn ganz sicher, ich war auf ein paar Dutzend Meter an ihm und ließ ihn nicht los – und da muß das verdammte Maschinengewehr Ladehemmung haben – ausgerechnet!“ Er war außer sich vor Grimm. „Und das schönste ist, sie haben mir das – „er nannte einen Maschinenteil“ – weggeschossen. Ich kann meine Maschine wahrscheinlich drei Tage lang nicht fliegen. Es ist zum…“ Wütend ging er von dannen, um sich umzuziehen…

Und noch zwei feindliche Flieger, wieder ohne in Brand zu geraten, stürzten vor meinen Augen vom Himmel herunter; zu fern, als daß wir von hier aus uns um ihre Bergung selbst bemühen konnten; wie mußten das den in der Nachbarschaft des Absturzortes liegenden Truppenteilen überlassen, wie es ja meist bei Luftkämpfen der Fall ist.

Der letzte Engländer – es schien nur noch einer – flüchtete gegen Arras zu, der Kampf war zu Ende. Noch einige Minuten, und wie große Vögel aus verschiedenen Himmelsrichtungen zu einem Beuteplatz kommen, erschien hier und da und dort aus dem Himmelsblau über unserem Flugplatz eine unserer heimkehrenden Maschinen, zog in raschem Gleitflug lautlos heran und stand auf dem Rasen vor den Schuppen still.

Kaum eine halbe Stunde war vergangen, da waren sie alle wieder da. Die Kämpfer stiegen aus ihren Sitzen und standen lachend, stolz, glücklich, lebhaft erzählend inmitten ihrer sie beglückwünschenden Kameraden und der mit Begeisterung um ihre Offizier gescharten Mannschaften. Niemand war verltezt. Das ganze hätte wie ein frohes Sportspiel erscheinen können.

Wie wenig es das aber war, sah ich an Richthofens Maschine. Ein gegnerischer Maschinengewehrschuß hatte die linke untere Tragfläche getroffen und ihre Stoffbespannung auf etwa anderthalb Meter Länge wie der Schnitt eines großen Messers aufgeschilitzt. Und dicht am Führersitz lief an der äußeren Holzverkleidung eine zweite Schramme dahin, die zeigte, daß ein anderes Geschoß hart an seinem Leben vorübergegangen war.

Es ergab sich, daß von den fünf im Kampf gefällten Gegnern einer auf den Führer Manfred von Richthofen kam. Damit hatte dieser den einundvierzigsten Feind herabgeholt. Boelcke ist gefallen, nachdem er seinen vierzigsten Gegner besiegt. Nur der Tod hinderte ihn, noch öfter zu fliegen.

Richthofens jüngerer Bruder Lothar, bisher noch Anfänger, hatte sogar das Glück gehabt, zwei der Feinde herunterholen. Den vierten hatte Leutnant Wollf abgeschossen und damit seinen zehnten Gegner; den fünften der tüchtige Vizefeldwebel Festner, der sich auch in jüngster Zeit schon mehrfach ausgezeichnet hatte.

Während sich die Flugzeugwarte sofort an den Maschinen zu schaffen machten, um entstandene Schäden zu beseitigen, suchte der Führer durch Befragung den Verlauf des Luftkampfes möglichst zweifelsfrei festzustellen und an der Hand der Karte den Ort der Abstürze zu ermitteln. Den Vizefeldwebel Festner, der darüber die bestimmtesten Angaben machen konnte, sandte er mit dem Motorrad dorthin. Dann ging er zum Fernsprecher, um seine Meldung zu machen.

Es war nocht nicht zehn Uhr vormittags, als ich von der Jagdstaffel Richthofen Abschied nehmen mußte, um weiterzureisen.

Der Tag war noch lang und der Himmel hell. Ich schied mit dem Gefühl, daß „noch mehr in der Luft lag“. Und wahrhaftig, so ist es gekommen. Was ich hatte mit ansehen dürfen, war nur der Anfang eines noch größeren Tages gewesen, bisher wohl des glänzendsten in der Geschichte einer unserer Kampfstaffeln.

Denn der Leser weiß es selbst – am nächsten Tage enthielt der amtliche deutsche Heeresbericht für den 13. April die nachstehenden Worte: „Der Gegner verlor im Luftkampf 24 Flugzeuge, davon gingen 13 diesseits unserer Linien nieder. Die von Rittmeister Freiherrn von Richthofen geführte Jagdstaffel vernichtete allein 14 Flugzeuge; dabei schoß Freiherr von Richthofen selbst seinen 41., 42. und 43. Gegner ab. Leutnant Wollf schoß 4 feindliche Flugzeuge ab und erhöhte damit die Zahl seiner Siege auf 14. Leutnant Schäfer besiegte 3 (also doch), Leutnant Freiherr von Richthofen, Leutnant Klein und Vizefeldwebel Festner je 2 Gegner.“

Möge das Glück, das ihnen an diesem Tage lächelte, den jungen Helden auch weiterhin hold sein, daß sie sich dereinst im Frieden ihres Ruhmes freuen können, und des Dankes, den ihnen das Vaterland zollt!

(Diesen Beitrag stellte aus seinem Buche „Der Wall von Eisen und Feuer“ Prof. Dr. Wegener dankenswerterweise zur Verfügung (Brockhaus, Leipzig), er berziste die Westfront als Kriegsberichterstatter der „Kölnischen Zeitung“. Es handelt sich hier um einen der aufschlußreichsten Aufs¨tze, die noch während des Krieges über die Richthofen-Staffel erschienen.)“

 

 

„Mit der Zeit kommt man an viele Fronten. Was ich hier erzähle, spielte sich bei Cambrai ab. Bei wunder schönem Wetter flog ich mit meinem Bruder allein an die Front. Im Norden sind Sprengpunkte zu sehen. Als wir in die Nähe kommen, flüchtet gerade ein einzelner Engländer über die Front. Sonst ist vorläufig nichts zu sehen. Wir fliegen unbeschossen über die englischen Linien. Es ist Ostwind, für einen Luftkampf sehr ungünstig, da man im Kampfe vom Wind stark abgetrieben wird. Der Einsitzer ist nur im Angriff im Vorteil. Das ergibt sich aus seiner  ewaffnung. Wird man im Luftkampf durch den Wind weit in Feindesland getrieben, so muß einmal der Moment kommen, wo man zurückfliegen, d. h. zur Defensive übergehen muß. Für einen Einsitzer, der nur nach vorn schießen kann, ein sehr fataler Moment, der schon für viele verhängnisvoll geworden ist! Plötzlich sehen mein Bruder und ich, daß aus einer Riesenhöhe fünf englische Einsitzer auf uns herunterstoßen. Ich habe im Fluge mit anderen nie dasselbe Gefühl der Überlegenheit gehabt, als wenn ich mit meinem Bruder flog. So auch diesmal. Die fünf Lords trauen sich vorläufig nicht recht an uns heran, sondern bleiben über uns und machen ihre Schießübungen auf die beiden deutschen Flugzeuge. Jetzt wird einer etwas dreister, stößt auf mich herunter. Kurz kehrt! Schon sitze ich hinter ihm. Aus dem Angreifer wird der Verfolgte. Der Engländer versucht, sich durch seine schnelle Maschine nach Westen zu retten. Durch dauerndes Zickzackfliegen bietet er mir kein sicheres Ziel. Er rafft sich zu keiner Verteidigung mehr auf. Der Insasse scheint mir schon verwundet. Der Engländer „stinkt“ schon, ein Fliegerausdruck für die  Rauchfahne aus einem durchschossenen Benzin- oder Öltank. Gerade will ich dem Engländer den Rest geben, da habe ich Ladehemmung. Tieftraurig lasse ich von ihm ab und mache kehrt. Im Laufe des Kampfes bin ich viele Kilometer von unserer Front abgekommen. Plötzlich kommt mir ein furchtbarer Gedanke: Wo find die anderen vier Engländer, und wo ist mein Bruder geblieben? Da sehe ich auch schon ein schaurig schönes Bild! In wildem Kampfe die vier Engländer und mein Bruder, sich in Kurven umeinander drehend! Mein Herz bleibt mir vor Angst um Manfred beinahe stehen: Ich habe ja Ladehemmung und kann nicht mehr schießen! Das macht nichts, hier muß geholfen werden! Hat doch mein Bruder die vier Engländer, die mich schon lange abgeschnitten hatten, dauernd beschäftigt, so daß keiner mir hat folgen können! Jetzt bin ich also an der Reihe zu helfen. Mitten unter die Kämpfenden platze ich hinein. Die vier Engländer, die bisher nur den einen Gegner vor sich gehabt hatten, ließen plötzlich von uns ab und flogen nach Hause, trotzdem sie noch in der doppelten Anzahl waren. Daß ich  Ladehemmung außerdem hatte, konnten sie ja nicht wissen. Wie mein Bruder hinterher sagte, hatte er für unser beider Leben nichts mehr gegeben.“

MvR wird das Ritterkreuz des sächsischen ‚Militär-St. Heinrichs-Ordens‘ verliehen. Die höchste sächsische Tapferkeitsauszeichnung (vergleichbar dem preussischen Orden ‚Pour le Mérite‘)

16 April 1917
Between Bailleul and Gavrelle-Allied side of Lines.
Bailleul

„Gefechtsbericht: 1730 Uhr, zwischen Bailleul und Gavrelle. BE Doppelsitzer. Keine Einzelheiten, da das Flugzeug auf die andere Seite fiel. Beim Verfolgungsflug (Wolkenhöhe 1.000 m) beobachtete ich einen Artillerieflieger in 800 m Höhe, näherte mich ihm unbemerkt und griff ihn an, worauf er rauchend zu Boden fiel. Der Pilot fing die Maschine noch einmal auf, verlor dann aber in 100 Metern Höhe die Kontrolle. Das Flugzeug stürzte zwischen Bailleul und Gavrelle in die Tiefe. NB: An der Westfront werden die Uhren erneut umgestellt, und die deutsche Zeit ist der alliierten Zeit erneut um eine Stunde voraus. Dies sollte bis zum 9. März 1918 so bleiben. Wetter: Regen und niedrige Wolken den ganzen Tag über.“

„Richthofen ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit, die uns in ihren Bann gezogen hat. Er versteht es, uns zu inspirieren und zu einer sehr engen Gemeinschaft zu formen. Jeder achtete auf den anderen, und Richthofen achtete auf uns alle. Er forderte Mut, Engagement, Selbstaufopferung und Loyalität und ging mit gutem Beispiel voran. Man konnte sich immer darauf verlassen, dass er einen Luftkampf unterbrach und einem Kameraden zu Hilfe kam, der in einem anderen Kampf Schwierigkeiten hatte. Das schuf Vertrauen und ein Gefühl der Sicherheit unter uns. Er schenkt jedem von uns persönliche Aufmerksamkeit, auch wenn er anfangs nicht sehr erfolgreich war, so wie ich. Jeder bekam die Chance, sich zu beweisen. Privat ist er ein echter Kamerad, humorvoll und alles andere als ein steifer Adelsoffizier.“

„Schäfers Notlandung zwischen den Linien Am Abend des 20. April machen wir einen Jagdflug, kommen sehr spät nach Hause und haben Schäfer unterwegs verloren. Natürlich hofft jeder, daß er vor Dunkelheit noch den Platz erreicht. Es wird Neun, es wird Zehn, Schäfer kommt nicht. Benzin kann er nicht mehr haben, folglich ist er irgendwo notgelandet. Daß einer abgeschossen ist, will man sich nie zugeben. Keiner wagt es in den Mund zu nehmen, aber jeder fürchtet es im stillen. Das Telephonnetz wird in Bewegung gesetzt, um zu ermitteln, wo ein Flieger gelandet ist. Kein Mensch kann uns Auskunft geben. Keine Division, keine Brigade will ihn gesehen haben. Ein ungemütlicher Zustand. Schließlich gehen wir schlafen. Wir waren alle fest überzeugt, er würde sich noch einfinden. Nachts um Zwei werde ich plötzlich geweckt. Die Telephonordonnanz teilt mir strahlend mit: »Schäfer befindet sich im Dorf Y und bittet um Abholung.« Am nächsten Morgen zum Frühstück öffnet sich die Tür, und mein braver Pilot steht in so verdrecktem Anzug vor mir, wie ihn der Infanterist nach vierzehn Tagen Arras-Schlacht am Leibe hat. Großes Hallo! Schäfer ist quietschvergnügt und [140]muß seine Erlebnisse zum besten geben. Er hat einen Bärenhunger. Nachdem er gefrühstückt hat, erzählt er uns folgendes: »Ich fliege nach Hause an der Front entlang und sehe in ganz niedriger Höhe drüben scheinbar einen Infanterieflieger. Ich greife ihn an, schieße ihn ab und will wieder zurückfliegen, da nehmen mich die Engländer unten aus den Schützengräben mächtig vor und beknallen mich ganz unheimlich. Meine Rettung war natürlich die Geschwindigkeit des Flugzeugs, denn daß sie beim Schießen vorhalten müssen, daran denken die Kerle natürlich nicht. Ich war vielleicht noch zweihundert Meter hoch, aber ich muß doch versichern, daß ich gewisse Körperteile mächtig angespannt habe, aus erklärlichen Gründen. Mit einem Male gibt es einen Schlag, und mein Motor bleibt stehen. Also landen. Komme ich noch über die feindlichen Linien, oder komme ich nicht? Das war sehr die Frage. Die Engländer haben es bemerkt und fangen wie wahnsinnig an zu schießen. Jetzt höre ich jeden einzelnen Schuß, denn mein Motor läuft nicht mehr, der Propeller steht still. Eine peinliche Situation. Ich komme herunter, lande, meine Maschine steht noch nicht, da werde ich aus einer Hecke des Dorfes Monchy bei Arras ganz kolossal mit Maschinengewehrfeuer beschossen. Die Kugeln klatschen nur so in meine Maschine herein. Ich ’raus aus der [141]Kiste und in das nächste Granatloch ’rein, war eins. Dort besann ich mich mal erst, wo ich mich befinde. So allmählich wird mir klar, daß ich über die Linien ’rüber bin, aber noch verdammt nahe bei ihnen. Gott sei Dank ist es etwas spät abends. Das ist meine Rettung. Es dauert nicht lange, da kommen die ersten Granaten an. Natürlich sind es Gasgranaten, und eine Maske hatte ich selbstverständlich nicht mit. Also mir fingen die Augen ganz erbärmlich an zu tränen. Die Engländer schossen sich vor Dunkelheit auch noch mit Maschinengewehren auf meine Landungsstelle ein, ein Maschinengewehr offenbar auf mein Flugzeug, das andere auf meinen Granattrichter. Die Kugeln klatschten oben immer dagegen. Ich steckte mir daraufhin, um meine Nerven zu beruhigen, erst mal eine Zigarette an, ziehe mir meinen dicken Pelz aus und mache mich zum Sprung auf! Marsch, marsch! bereit. Jede Minute erscheint eine Stunde. Allmählich wurde es dunkel, aber nur ganz allmählich. Um mich herum locken die Rebhühner. Als Jäger erkannte ich, daß die Hühner ganz friedlich und vertraut waren, also war keine Gefahr, daß ich in meinem Versteck überrascht wurde. Schließlich wurde es immer finsterer. Auf einmal geht ganz in meiner Nähe ein Pärchen Rebhühner hoch, gleich darauf ein zweites, und ich [142]erkannte daraus, daß Gefahr im Anzuge war. Offenbar war es eine Patrouille, die mir Guten Abend sagen wollte. Nun wird’s die höchste Zeit, daß ich mich aus dem Staube mache. Erst ganz vorsichtig auf dem Bauche kriechend, von Granatloch zu Granatloch. Ich komme nach etwa anderthalb Stunden eifrigen Kriechens an die ersten Menschen. Sind es Engländer, oder sind es Deutsche? Sie kommen heran, und beinahe wäre ich den Musketieren um den Hals gesprungen, als ich sie erkannte. Es war eine Schleichpatrouille, die sich im neutralen Zwischengelände herumtreibt. Einer der Leute führte mich zu seinem Kompagnieführer, und hier erfuhr ich denn, daß ich am Abend zuvor etwa fünfzig Schritte vor der feindlichen Linie gelandet sei und unsere Infanterie mich bereits aufgegeben hatte. Ich nahm mal erst ein ordentliches Abendbrot zu mir und trete dann den Rückmarsch an. Hinten wurde viel mehr geschossen als vorn. Jeder Weg, jeder Annäherungsgraben, jedes Gebüsch, jeder Hohlweg, alles lag unter feindlichem Feuer. Am nächsten Morgen griffen die Engländer an, sie mußten also heute abend ihre Artillerievorbereitung beginnen. Ich hatte mir also einen ungünstigen Tag für mein Unternehmen ausgesucht. Erst gegen zwei Uhr morgens erreichte ich das erste Telephon und konnte mich mit meiner Staffel in Verbindung setzen.« [143]Wir waren alle glücklich, unseren Schäfer wieder zu haben. Er legte sich ins Bett. Jeder andere hätte mal für die nächsten vierundzwanzig Stunden auf den Genuß des Jagdfliegens verzichtet. Mein Schäfer attackierte aber bereits am Nachmittag desselben Tages wiederum über Monchy einen ganz tieffliegenden B. E.“

Otto Brauneck, der am 9. April 1917 zur Jasta 11 versetzt wurde, schrieb am 20. April 1917 an seine Eltern: „Alle sind sehr nett, besonders Richthofen, den man nicht mit Rittmeister, sondern nur mit seinem Namen anspricht, der klein und kräftig gebaut und voller Gesundheit ist, mit sehr hellem blondem Haar und großen blauen Augen …“ (Original im Privatbesitz von Frau Papendiek, Schwester von Otto Brauneck, Kopie Sammlung Michael Schmeelke)

„Ich habe den „älteren“ Richthofen am 17. bei Jasta 4 in Douai getroffen. Aber das ist natürlich die falsche Bezeichnung, und er hat einen großen Eindruck auf mich gemacht. Er ist eigentlich noch recht jung, 24 Jahre alt, und sehr charmant im Umgang. Wenn man ihn erst einmal kennengelernt hat, kann man kaum glauben, dass er einen so rauen Beruf ausübt. Aber er inspiriert einen so sehr, dass man sich nur wünschen kann, ihn als Lehrer zu haben. Er ist sehr energisch und hat seinen fabelhaften Erfolg dadurch erreicht, dass er seine Staffel zu brillanter Zusammenarbeit ausgebildet hat. (veröffentlicht von der Familie von Alvensleben als Buch, Kopie Sammlung Schmäling)

Der kommandierende General der Luftstreitkräfte, Ernst von Hoeppner, besucht die Jagdstaffel 11 in Roucourt. Richthofens Luftsieg ist der 100. der Staffel. Auch den ersten Luftsieg der Staffel am 23. Januar 1917 hatte Manfred von Richthofen erzielt.

„Gefechtsbericht: 1710 Uhr, in der Nähe von Lagnicourt. Vickers Doppelsitzer. Keine Einzelheiten, da Flugzeug auf der anderen Seite der Linie abgestürzt. Als meine Staffel das feindliche Geschwader angriff, griff ich persönlich das letzte der feindlichen Flugzeuge an. Unmittelbar nachdem ich meine ersten Schüsse abgegeben hatte, begann das Flugzeug zu rauchen. Nach 500 Schüssen stürzte das Flugzeug ab und zerschellte auf dem Boden. Der Kampf hatte über unserer Seite begonnen, aber der vorherrschende Ostwind hatte die Flugzeuge nach Westen getrieben. Wetter: schön, aber bewölkt.“

„kofl 6. Armee Weekly Activity Report: 5.10 N. 1 fdl. Flugzeug bei Cagnicourt (jenseits) dch. Rittm. Frhr. v. Richthofen, J.St.11 (als 46.)“

„Lothar erzählt: Beim zehnten Abschuß erhielten wir damals bei der Staffel ein Bild von meinem Bruder mit seiner Unterschrift. Dies hatte ich gerade drei Tage vorher verdient und erhalten.“

„Liebe Mama!

Ich beabsichtige, anfangs Mai nach Hause zu kommen, will aber vorher noch eine Auerhahn Expedition unternehmen, zu der ich bereits eine Einladung habe, und mich sehr darauf freue. Dann bin ich zum Kaiser zum Frühstück eingeladen. Ich bin jetzt auf Nr. 44 angelangt und will bei fünfzig halt machen. Lothar hat bereits seinen zehnten Luftsieg, die Staffel, seit ich hier bin, ihren hundertsten. Onkel Lex kommt mich in den nächsten Tagen besuchen. Wedel war auch hier, außerdem habe ich den ganzen Tag das Haus voller Gäste.“

„Jasta 11 Festner, Schäfer, Manfred, Lothar, Kurt Wolff. Bild als Postkarte gefertigt: Sanke Karte 511.“

„Gefechtsbericht: 1205 Uhr, Mericourt, diesseits der Linien. BE Doppelsitzer. Keine Einzelheiten, da das Flugzeug in der Luft zerbrach und im Fallen zerstreut wurde. Ich beobachtete einen Artillerieflieger, näherte mich ihm unbemerkt und schoss aus nächster Nähe auf ihn, bis sich sein linker Flügel löste. Die Maschine zerbrach in Stücke und stürzte in der Nähe von Mericourt ab. Wetter: schön.“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report: 12.13 N. 1 B.E.D.D. bei Avion (jenseits) dch, Rtm. Frhr.v.Richthofen,J.St11 (als47.)“

„MvRs Vater besucht ihn in Douai.“

„Inzwischen hat auch Lothar eingegriffen. Ich hatte es längst erwartet. Aber das Tempo, daß er anschlägt, befürzt mich doch.

25. April 1917, im Felde. „Ich habe nun glücklich den zehnten Abschuß erreicht. Manfred fährt in den nächsten Tagen auf Urlaub. Hoffentlich kann er lange bleiben, denn er muß unbedingt einmal ganz heraus aus diesem anstrengenden Betriebe. Für mich ist es natürlich sehr schade, denn ich konnte viel von ihm lernen. Und doch bin ich glücklich, daß er mal ausspannt. Ich kann jetzt nicht auf Urlaub kommen…““

„Das Anti-Richthofen-Geschwader (25. April 1917) Die Engländer hatten sich einen famosen Witz ausgedacht, nämlich mich zu fangen oder abzuschießen. Zu diesem Zwecke hatten sie tatsächlich ein besonderes Geschwader aufgestellt, das in dem Raum flog, in dem wir uns meistens ’rumtrieben. Wir erkannten es daran, daß es hauptsächlich gegen unsere roten Flugzeuge offensiv wurde. Ich muß bemerken, daß wir unsere ganze Jagdstaffel rot angemalt hatten, da den Brüdern doch allmählich klar geworden war, daß ich in dieser knallroten Kiste säße. So waren wir jetzt alle rot, und die Engländer machten recht große Augen, wie sie statt der einen ein ganzes Dutzend solcher Kisten sahen. Das hielt sie aber nicht ab, den Versuch zu machen, uns zu attackieren. Es ist mir ja viel lieber, die Kundschaft kommt zu mir, als daß ich zu ihr hingehen muß. Wir flogen an die Front, in der Hoffnung, unsere Gegner zu finden. Nach etwa zwanzig Minuten kamen die ersten an und attackierten uns tatsächlich. Das war uns schon seit langer Zeit nicht mehr passiert. Die Engländer hatten ihren berühmten Offensivgeist doch etwas eingeschränkt, da er ihnen wohl etwas zu teuer zu stehen gekommen war. Es waren drei Spad-Einsitzer, die sich infolge ihrer guten Maschinen uns sehr überlegen glaubten. Es flogen zusammen: Wolff, mein Bruder und ich. Drei gegen drei, das paßte also ganz genau. Gleich zu Anfang wurde aus dem Angriff eine Verteidigung. Schon hatten wir überhand. Ich kriegte meinen Gegner vor und konnte noch schnell sehen, wie mein Bruder und Wolff sich jeder einen dieser Burschen vorbanden. Es begann der übliche Tanz, man kreist umeinander. Der gute Wind kam uns zu Hilfe. Er trieb uns Kämpfende von der Front weg, Richtung Deutschland. Meiner war der erste, der stürzte. Ich hatte ihm wohl den Motor zerschossen. Jedenfalls entschloß er sich, bei uns zu landen. Pardon kenne ich nicht mehr, deshalb attackierte ich ihn noch ein zweites Mal, worauf das Flugzeug in meiner Geschoßgarbe auseinanderklappte. Die Flächen fielen wie ein Blatt Papier, jede einzeln, und der Rumpf sauste wie ein Stein brennend in die Tiefe. Er fiel in einen Sumpf. Man konnte ihn nicht mehr ausgraben. Ich habe nie erfahren, wer es war, mit dem ich gekämpft habe. Er war verschwunden. Bloß noch die letzten Reste des Schwanzes verbrannten und zeigten die Stätte, wo er sich selbst sein Grab gegraben hatte. Gleichzeitig mit mir hatten Wolff und mein Bruder ihre Gegner angegriffen und nicht weit von dem meinigen zur Landung gezwungen. Wir flogen sehr vergnügt nach Hause und meinten: »Hoffentlich kommt recht oft das Anti-Richthofen-Geschwader.«“

„Am Donnerstag, dem 26. April, brachte der tägliche Nachrichtenverkehr der Jasta 11 die Nachricht, dass die Einheit auf Befehl von Kaiser Wilhelm fortan den Namen Jagdstaffel Richthofen tragen würde. Die Jasta 11 war erst die zweite Fliegereinheit, der diese Ehre zuteilwurde, doch sie wurde nur für kurze Zeit verwendet. In den Berichten der Kofl 6. Armee vom 4. bis 18. Mai werden der Jagdstaffel Richthofen Luftsiege zugeschrieben; danach verwendeten die Kofl und alle anderen Berichte nur noch die einfache Bezeichnung Jasta 11.

Kofl 6. Armee 50790.

Besonderes: Auf Befehl S.M hat die Jagdstaffel 11 den Namen Jadgstaffel ‚Richthofen‘ zu fuehren.“

„Gefechtsbericht: 0930 Uhr, Wald östlich von Pelves, südöstliche Ecke des Platzes 6998, diesseits der Linie. BE2. Pilot: Leutnant Follit, getötet. Beobachter: F. I. Kirckham, leicht verletzt. Bei einem Verfolgungsflug griff ich gegen 9.30 Uhr ein feindliches Infanterie- oder Artillerieflugzeug in 600 m Höhe über den Schützengräben an. Über dem Wald von Pelves brachte ich das feindliche Flugzeug zum Absturz. Der Gegner konnte vom Anfang bis zum Ende des Kampfes nie aus der Reichweite meiner Geschütze kommen. Wetter: niedrige Wolken.“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report: 9.30 V. 1 fdl. Flugzeug bei Pelves (diess.) dch. Rittm. Frhr. v. Richthofen Jagdstaffel Richthofen (als 48.)“

„Eine Schilderung des Berliner Korrespondenten des „Allgemeen Handelsblad“

Der Berichterstatter beobachtete das kokette Spiel eines englischen Fliegers, der, von den platzenden Schrapnells der deutschen Abwehrgeschütze eingehüllt, die deutschen Flieger herauszufordern schien. Plötzlich schoß über den feindlichen Flieger hinaus ein auffallend gefärbtes  Flugzeug mit schwarzen Kreuzen auf den Flügeln. „Richthofen!“ riefen die Soldaten. Es begann nun eine wilde Jagd mit Schlangenwindungen, Schleifen und Kreisen. Das deutsche Flugzeug aber blieb dauernd über dem Engländer und drückte seinen Gegner immer tiefer gegen den Boden, so geschickt er auch manövrierte. Die Abwehrgeschüße schwiegen. Wie zwei verliebte Vögel an einem Frühlingsabend spielten die beiden Flugzeuge miteinander. Das lockende Flöten beider aber klang greulich: hart und grausam ertönte mit rasender Geschwindigkeit das tat-tak-tak ihrer Bordgeschüße. Plötzlich jedoch schoß der Engländer in schräger Richtung erdwärts. Immer tiefer… Mehrere Kilometer von meinem Beobachtungsposten entfernt, kam er zu Boden. Zermalmt lag er unter seiner Maschine. Richthofen hatte seinen fünfzigsten Gegner
unschädlich gemacht. Am selben Abend noch fügte er zwei weitere Opfer seiner ruhmreichen Serie hinzu.

Wenige Tage später sprach ich den Rittmeister in Person. Ein junger Mann noch, von höchstens fünfundzwanzig Jahren, mit hellblauen, gutmütig blickenden Augen und einem gemütlich lachenden Munde. Was konnte er mir viel erzählen? Er flog erst seit kurzer Zeit. Er hatte Glück gehabt. Die jetzt verwendeten deutschen Flugzeuge stehen den französischen und englischen in nichts nach. An Kühnheit gebricht es den deutschen Fliegern auch nicht. Und daß gerade sein Geschwader besonderes Glück hatte – es brachte einhundertvierzig Feinde nieder, während von seiner Staffel nur zwei nicht zurückkehrten – , schreibt von Richthofen in der Hauptsache dem besseren Schießen der deutschen Flieger zu. Alle Achtung aber vor den englischen Fliegern. Mutige Kerle, zähe Sportsleute, die jetzt indessen das Fliegen nicht mehr als Sport allein,  sondern auch als Wissenschaft betrachten. Sie sind als Gegner ernster zu nehmen als die Franzosen, denen es allerdings an Mut und Sicherheit auch nicht gebricht, die sich aber zu sehr auf ihren eleganten Spürsinn verlassen. Der junge Rittmeister erzählte alles das ohne jede Prahlerei. Ein Mann, der in Hunderten von Luftgefechten den Ernst des Lebens kennengelernt hat, ist sich seines Ruhmes wohl voll bewußt, er weiß jedoch, daß auch für ihn der Augenblick kommen kann, der einem Boelcke und Immelmann nicht erspart blieb. Wer Tag und Nacht bereitstehen muß, das gefährlichste Wagnis des Krieges zu unternehmen, kennt, so jung und noch so berühmt er auch sein mag, kein Verständnis für Prahlerei. Seine Nerven find wie die Spanndrähte seines Flugzeuges, kräftig und stets gespannt. Sein Mund bleibt verschlossen, fein Blick ruhig. Es hielt deshalb auch sehr schwer, von Richthofen zum Sprechen zu bewegen. Warum sind die Maschinen seiner Staffel so grell gestrichen? Zufall. Seine ersten Flugzeuge hatten, der Himmel weiß, warum, eine grelle Farbe. Die Engländer erkennen daher ihn und seine Genossen auf den ersten Blick. Seine schnellste Tat vollführte er erst vor wenigen Wochen. Er lag in einer nahen Stadt eines Morgens noch im Bett. Man weckte ihn mit der Nachricht, es sei ein feindlicher Flieger in Sicht. Aufstehen? Liegen bleiben? Er aus dem Bett. Über den Pyjama wird der Pelz geworfen und der Sturzhelm schnell aufgestülpt. In einem Auto wird nach dem Schuppen gerast. Hinauf in die Lüfte. Eine Viertelstunde später lag von Richthofen wieder in seinem Bett. Der Engländer hatte daran glauben müssen. In dem Schuppen von Richthofens stand kurze Zeit darauf eine „Spad“-Maschine, das jüngste Modell der Ententeflieger. Der Sitzplatz des Führers, die Tragflächen, das Maschinengewehr voller Blutflecke. Dem Engländer mußte die Kugel durch eine Schlagader geflogen sein. Mit solchen Bildern vor Augen wurde aus dem verwegenen Jüngling ein ernster, schweigsamer Mann.“

„Ein herrlicher, heißer Aprilmorgen! Wir stehen gerade vor unseren Vögeln und warten auf Meldung. Da rattert das Telephon. Reger Flugbetrieb südlich Arras! Ein Wink dem Startunteroffizier, die Alarmglocke ertönt, und plötzlich kommt Leben in die Bude! Die Monteure eilen aus allen Ecken zu den nebeneinander aufgestellten Maschinen, um sie laufen zu lassen. Auch die Piloten eilen herbei. Welches Führerflugzeug? – Mein Bruder! – Los! Südlich Arras in etwa dreitausend Metern Höhe angekommen! Nichts zu sehen! Doch da sind drei Engländer. Und nun unser  Staunen! Die drei greifen uns an, indem sie aus großer Höhe auf uns herunterstoßen. Mein Bruder nimmt sich den ersten vor, Wolff den zweiten, und mich greift der dritte an. Solange der Engländer über mir ist, schießt er. Ich muß warten, bis er in meine Höhe kommt, um überhaupt  schießen zu können. So, jetzt ist er an mich heran. Gerade will ich schießen, da will er mir was vormachen und läßt sich abtrudeln. Ich denke: Das kannst du auch! Zehn Meter seitwärts lasse ich mich gleichfalls abtrudeln.. Jetzt fliegt er wieder geradeaus. Schon sitze ich hinter ihm. Kaum merkt er das, als er anfängt, wie wild Kurven zu drehen. Wir haben Westwind, also muß sich der Kampf, der an der Front anfing, immer weiter diesseits abspielen. Ich folge ihm also. Sobald er versucht, geradeaus zu fliegen, gebe ich einige Schreckschüsse ab. Schließlich wird mir die Sache langweilig. Ich versuche, ihn in der Kurve zu treffen, und schieße und schieße.

Inzwischen sind wir in etwa fünfhundert Meter Höhe hinter unseren vordersten Linien angelangt. Ich zwinge den Engländer, weiter zu kurven. Beim Kurven kommt man im Luftkampf immer tiefer, bis man landen muß, oder es bleibt nur noch der Versuch, geradeaus nach Haus zu fliegen. Mein Engländer entschließt sich zu letzterem. Blitzschnell kommt mir der Gedanke: Jetzt hat für dich armen Kerl die Stunde geschlagen! Ich sitze hinter ihm. Auf die nötige Entfernung,
etwa fünfzig Meter, heran, ziele ich sauber und drücke auf meine M.-G.-Knöpfe. Nanu! Es kommt kein Schuß heraus. Ich denke: Ladehemmung, lade durch, drücke wieder auf die M.-G.- Knöpfe: kein Schuß! Verzweifelt! Dem Erfolg so nahe! Ich sehe mir nochmals meine M.-G.s an. Donnerwetter! Ich habe mich bis auf den letzten Schuß verschossen. Die leeren Gurte habe ich in den Händen. Tausend Schuß! Soviel habe und hatte ich noch nicht gebraucht. Den darfst du unter keinen Umständen fortlassen, war mein einziger Gedanke. Beinahe eine Viertelstunde mit einer roten Maschine gekämpft zu haben und dann entronnen zu sein, das wäre ein Triumph für den Engländer gewesen! Ich fliege immer näher und näher heran. Die Entfernung von meinem Propeller zum Seitensteuer des Engländers verringert sich ständig. Ich schätze: zehn Meter, fünf Meter, drei, jetzt nur noch zwei Meter! Schließlich kommt mir ein verzweifelter Gedanke: Soll ich ihm mit dem Propeller das Seitensteuer abschlagen? Dann fällt er, aber ich wahrscheinlich mit ihm. Eine andere Theorie: Wenn ich nun in dem Augenblick, wo ich ihn berühre, den Motor abstelle, was passiert dann? Da sieht sich mein Engländer um, sieht mich direkt hinter sich, wirft mir einen entsetzten Blick zu, stellt seinen Motor ab und landet im Sturzflug ungefähr bei unserer dritten Stellung. Unten auf der Erde läßt er den Motor langsam weiter laufen. Wenn man beim Gegner landen muß, versucht man, sein Flugzeug durch Verbrennen zu vernichten. Um dies als Verfolger zu verhindern, schießt man in solchen Fällen in die Nähe des gelandeten Flugzeuges, bis die Insassen vom Apparat weglaufen. So fliege ich ihm so dicht um den Kopf herum, daß er merkt, daß ich aufpasse. Der Engländer springt aus seiner Maschine heraus, winkt mir noch zu, hebt dann die Hand hoch und läßt sich von unserer herbeieilenden Infanterie festnehmen. Wie ich an einem anderen Fall später gesehen habe, wäre ich übrigens sicher abgestürzt, wenn ich den Engländer mit meinem laufenden Propeller in der Luft berührt hätte. Zu seiner Entschuldigung muß ich sagen, er konnte nicht wissen, daß ich keine Patronen mehr hatte. Eine Patrone hätte genügt, um ihn aus so unmittelbarer Nähe sicher treffen zu können. Er selbst hätte nur Kehrt zu machen brauchen, dann hätte ich ausreißen müssen. Er hatte höchstens fünfzig Schuß auf mich verfeuert, und ich war ohne Patronen vollkommen wehrlos. Aber die Sache war gelungen, das bleibt die Hauptsache. Ich flog am nächsten Tag zu der Abteilung, die das Flugzeug, einen Spad, einen damals sehr guten, englischen Kampfeinsitzer, geborgen hatte, sah mir die Maschine an und suchte und suchte nach Treffern. Bei meinen tausend Schuß muß ich ihn doch einmal getroffen haben! Ich fragte, ob der Insasse verwundet war, worauf mir prompt die Antwort kam: „Nein!“ Nicht ein einziger Treffer war im ganzen Flugzeug zu finden! Nicht einmal die Achse war verbogen, was sonst bei schlechter Landung oder bei ungünstigem Terrain leicht passieren kann! Nun mußte ich doch lachen. So war also der
Engländer tatsächlich aus Angst vor mir gelandet!

In meiner Erfolgliste steht heute: „Am 29. April 1917 vormittags bei Izel ein Spad-Einsitzer, Insasse ein englischer Offizier.“ Ich habe ihn nicht gesprochen, da unser Flugplatz weit weg lag von seiner Landungsstelle. Also hat er nie erfahren, daß ich keine Patronen mehr gehabt hatte, und daß er bloß aus Angst gelandet war. Zu Hause bei meiner Staffel angekommen, sagte ich mir: Das kannst du doch niemandem erzählen, daß du mit tausend Schuß keinen einzigen Treffer erzielt hast!

Mein Bruder und Wolff hatten ihre beiden abgeschossen. Ich weiß nicht, ob ich es überhaupt jemandem in der Staffel erzählt habe, so schämte ich mich damals ob meiner schlechten Schießleistung. Bei dieser Gelegenheit ist es ganz interessant zu erwähnen, wieviel Schuß man im allgemeinen braucht, um einen Engländer abzuschießen. Wie ich die ersten Male mit meinem Bruder flog und zusah, da hatte ich noch gar nicht gemerkt, daß mein Bruder angefangen hatte  zu schießen, als der Engländer schon fiel. Im allgemeinen hatte mein Bruder dann noch nicht einmal zwanzig Schuß gebraucht. Man kann das aber nicht als die Regel nehmen. Man greift einen Engländer meist von hinten an, um in der Flugrichtung schießen zu können. Fliegt der Engländer ruhig geradeaus, und ein guter Schütze sitzt hinter ihm, dann fällt der Engländer bei den ersten Schüssen. Fängt aber der Gegner an zu kurven, so daß man ihn nicht vor sich, geradeaus fliegend, zu Schuß bekommt, dann trifft man ihn entweder nie oder nur durch einen Zufallstreffer.“

Der »alte Herr« kommt uns besuchen Für den 29. April hatte sich der »alte Herr« angesagt, der seine beiden Söhne besuchen wollte. Mein Vater ist Ortskommandant eines Städtchens in der Nähe von Lille, also nicht sehr weit weg von uns. Von oben kann ich ihn öfters sehen. Er wollte mit dem Zuge um neun Uhr kommen. Um halb Zehn ist er auf unserem Platz. Wir kommen gerade von einem Jagdflug nach Hause, und mein Bruder steigt zuerst aus seiner Kiste, begrüßt den alten Herrn: »Guten Tag, Papa, ich habe eben einen Engländer abgeschossen.« Darauf steige ich aus meiner Maschine: »Guten Tag, Papa, ich habe eben einen Engländer abgeschossen.« Der alte Herr war glücklich, es machte ihm viel Spaß, das sah man ihm an. Er ist nicht einer von den Vätern, die sich um ihre Söhne bangen, sondern am liebsten möchte er selbst sich in eine Maschine setzen und auch abschießen – glaube ich wenigstens. Wir frühstückten erst mit ihm, dann flogen wir wieder. In der Zwischenzeit spielte sich ein Luftkampf über unserem eigenen Flughafen ab, den mein Vater sehr interessiert beobachtete. Wir waren aber nicht beteiligt, denn wir standen unten und sahen selbst zu. Es war ein englisches Geschwader, das durchgebrochen war und über unserem [148]Flughafen von einigen unserer Aufklärungsflieger angegriffen wurde. Plötzlich überschlägt sich das eine Flugzeug, fängt sich wieder und kommt herunter im normalen Gleitflug, und wir erkennen mit Bedauern, daß es diesmal ein Deutscher ist. Die Engländer fliegen weiter. Das deutsche Flugzeug ist scheinbar angeschossen, kommt aber ganz richtig gesteuert herunter und versucht, auf unserem Flugplatz zu landen. Der Platz ist etwas klein für das große Ding. Auch war es dem Piloten unbekanntes Gelände. So war die Landung nicht ganz glatt. Wir stürzen hin und müssen mit Bedauern feststellen, daß der eine der Insassen, der Maschinengewehrschütze, gefallen ist. Dieser Anblick war meinem Vater etwas Neues und stimmte ihn offenbar sehr ernst. Der Tag versprach noch gut zu werden für uns. Wunderbar klares Wetter. Dauernd hörte man die Abwehrgeschütze; also unentwegter Flugbetrieb. Gegen Mittag flogen wir wieder. Diesmal hatte ich wieder Glück und hatte meinen zweiten Engländer an dem Tage abgeschossen. Die Stimmung des alten Herrn war wieder da. Nach Tisch ein kurzes Schläfchen und man war wieder ganz auf der Höhe. Wolff war mit seiner Gruppe während der Zeit am Feinde gewesen und hatte selbst einen erledigt. Auch Schäfer hatte sich einen zu Gemüte geführt. Nachmittags starteten mein Bruder und ich mit Schäfer, [149]Festner und Allmenröder noch zweimal. Der erste Flug war verunglückt, der zweite Flug um so besser. Wir waren nicht lange an der Front, da kam uns ein feindliches Geschwader entgegen. Leider sind sie höher als wir. Also können wir nichts machen. Wir versuchen, ihre Höhe zu erreichen: es glückt uns nicht. Wir müssen sie auslassen, fliegen an der Front entlang, mein Bruder dicht neben mir, den anderen voraus. Da sehe ich zwei feindliche Artillerieflieger in ganz unverschämt frecher Weise nahe an unsere Front herankommen. Ein kurzer Wink meines Bruders, und wir hatten uns verständigt. Wir fliegen nebeneinander her, unsere Geschwindigkeit vergrößernd. Jeder fühlt sich so sicher, einmal sich selbst dem Feinde überlegen. Besonders aber konnte man sich aufeinander verlassen. Denn das ist eben die Hauptsache. Man muß wissen, mit wem man fliegt. Also mein Bruder war zuerst an die Gegner heran, greift sich den ersten, der ihm am nächsten fliegt, heraus, ich mir den zweiten. Nun gucke ich mich noch schnell um, daß nicht noch ein dritter in der Nähe ist; aber wir sind allein. Aug’ in Auge. Ich habe meinem Gegner bald die günstigste Seite abgerungen, ein kurzes Reihenfeuer, und das feindliche Flugzeug platzt auseinander. So schnell war mir ein Kampf noch nie vorgekommen. [150]Während ich noch beobachte, wo die Trümmer meines Gegners herunterstürzen, gucke ich mich nach meinem Bruder um. Er war kaum fünfhundert Meter von mir entfernt, noch im Kampf mit seinem Gegner. Ich hatte Zeit, mir dieses Bild genau anzusehen, und muß sagen, daß ich selbst es nicht hätte besser machen können. Auch er hatte bereits den Gegner überrumpelt, und beide drehten sich umeinander. Da plötzlich bäumt sich das feindliche Flugzeug auf – ein sicheres Zeichen des Getroffenseins, gewiß hatte der Führer Kopfschuß oder so etwas – das Flugzeug stürzt, und die Flächen des feindlichen Apparates klappen auseinander. Die Trümmer fallen ganz in die Nähe meines Opfers. Ich fliege an meinen Bruder heran und gratuliere ihm, d. h. wir winkten uns gegenseitig zu. Wir waren befriedigt und flogen weiter. Es ist schön, wenn man mit seinem Bruder so zusammen fliegen kann. Die anderen waren in der Zwischenzeit auch herangekommen und hatten sich das Schauspiel, das ihnen die beiden Brüder boten, angeguckt, denn helfen kann man ja nicht, einer kann nur abschießen, und ist einer mit dem Gegner beschäftigt, so können die anderen nur zusehen, ihm den Rücken decken, damit er nicht von hinten von einem Dritten belapst wird. [151]Wir fliegen weiter, gehen auf größere Höhe, denn oben haben sich einige aus dem Klub der Anti-Richthofen zusammengefunden. Wir waren mal wieder gut zu erkennen, die Sonne vom Westen her beleuchtete die Apparate und ließ sie in ihrer schönen roten Farbe weithin schillern. Wir schlossen uns eng zusammen, denn jeder wußte, daß man es mit Brüdern zu tun hat, die dasselbe Metier verfolgen wie wir selbst. Leider sind sie wieder höher, so daß wir auf ihren Angriff warten müssen. Die berühmten Dreidecker und Spads, ganz neue Maschinen, aber es kommt eben nicht auf die Kiste an, sondern auf den, der drinnen sitzt; die Brüder waren laurig und hatten keinen Mumm. Wir boten ihnen den Kampf an, sowohl bei uns wie auch drüben. Aber sie wollten ihn nicht annehmen. Wozu prahlen sie erst mit ihrem Geschwader, das angesetzt ist, um mich abzuschießen, wenn ihnen nachher doch das Herz in die Hosen fällt? Endlich hat einer Mut gefaßt und stößt auf unseren letzten herunter. Natürlich wird der Kampf angenommen, obwohl es ja für uns ungünstig ist, denn der, der drüber ist, ist im Vorteil. Aber wenn einem die Kundschaft nicht mehr gibt, muß man sie halt nehmen, wie sie kommt. Also macht alles kehrt. Der Engländer merkt es und läßt sofort ab. Nun ist aber der Anfang gemacht. Ein anderer Engländer [152]versucht das gleiche. Er hat sich mich als Gegner ausgesucht, und ich begrüße ihn gleich mit einer Salve aus beiden Maschinengewehren. Dies schien er nicht zu schätzen. Er versuchte, sich durch einen Sturzflug mir zu entziehen. Das war sein Verderben. Denn dadurch kam er unter mich. Nun blieb ich über ihm. Was unter mir ist, womöglich noch allein und auf unserem Gebiet, kann wohl als verloren gelten, besonders, wenn es ein Einsitzer ist, also ein Jagdflieger, der nicht nach hinten ’rausschießen kann. Der Gegner hatte eine sehr gute Maschine und war sehr schnell. Aber es sollte ihm nicht glücken, seine Linien zu erreichen. Über Lens fing ich an, auf ihn zu schießen. Ich war noch viel zu weit. Es war aber ein Trick von mir, ich beunruhigte ihn dadurch. Er kroch auf den Leim und machte Kurven. Dies nützte ich aus und kam etwas näher heran. Schnell versuchte ich dasselbe Manöver nochmals und zum drittenmal. Jedesmal fiel mein Freund darauf ’rein. So hatte ich mich sachte an ihn herangeschossen. Nun bin ich ganz nahebei. Jetzt wird sauber gezielt, noch einen Augenblick gewartet, höchstens noch fünfzig Meter von ihm entfernt, drücke ich auf beide Maschinengewehrknöpfe. Erst ein leises Rauschen, das sichere Zeichen des getroffenen Benzintanks, dann eine helle Flamme, und mein Lord verschwindet in der Tiefe. [153]Dieser war der Vierte an diesem Tage. Mein Bruder hatte zwei. Dazu hatten wir den alten Herrn scheinbar eingeladen. Die Freude war ganz ungeheuer. Abends hatte ich mir noch einige Herren eingeladen, unter anderen meinen guten Wedel, der zufällig auch in der Gegend war. Das Ganze war eine geglückte, verabredete Sache. Sechs Engländer hatten die beiden Brüder also an einem Tage abgeschossen. Das ist zusammen eine ganze Fliegerabteilung. Ich glaube, wir waren den Engländern unsympathisch.

„Am Boden, nach dem Dienst, war Richthofen wie ein Junge mit einem wunderbaren Sinn für Humor. Während das Jagdgeschwader I in Marckebeeke stationiert war, gab Richthofen (Wilhelm-Gisbert) Groos den Spitznamen „Graf Groos von Marckebeeke”. Major Albrecht von Richthofen, Manfreds und Lothars Vater, besuchte die Einheit, und Manfred stellte Groos mit diesem scherzhaften Titel vor. Der ältere Richthofen, der dachte, er spreche mit einem Adligen, begann ein langes Gespräch mit ihm. Das Gespräch kam auf Politik, und der Major sagte: „Politik ist nichts für uns. Wir sind nur für den Militärdienst geeignet, für nichts anderes.“ Als Groos Manfred davon erzählte, lachte der jüngere Richthofen sich fast tot und sagte seinem Vater, dass Groos kein „Adliger“ sei. Der Major war zunächst sehr enttäuscht, schickte Groos aber später ein Foto von sich mit einer besonderen Widmung an „Graf Groos von Marckebeeke“.

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report: 12.15 N. 1 fdl. Flugzeug bei Lecluse (diess.) dch. Rtm. Frhr. v.Richthofen Jagdstaffel Richthofen (als 49.)“

„Gefechtsbericht: 1205 Uhr, Sümpfe bei Lecluse, diesseits der Linien. Spad Einsitzer. Keine Angaben zum Flugzeug, da es in einem Sumpf verschwunden ist. Ich habe mit einigen meiner Männer eine englische Spad-Gruppe, bestehend aus drei Maschinen, angegriffen. Das Flugzeug, das ich ausgesucht hatte, zerbrach in der Kurve und stürzte brennend in den Sumpf bei Lecluse. Wetter: schön.“

29 April 1917
Near Lecluse
Lecluse

„Laut dem Überlebenden dieser Begegnung, Leutnant W. N. Hamilton, handelte es sich bei der britischen Patrouille nicht um eine gewöhnliche Patrouille, sondern um eine, die speziell beauftragt worden war, sich um den Baron und seine Piloten zu kümmern…

…Sein kommandierender Offizier war Major H. D. Harvey-Kelly DSO…

…Harvey-Kelly kam zu mir und sagte, dass Wing wegen Richthofens Zirkus, der über Douai gesichtet worden war, in „heißer Aktion” sei und drei Spads haben wolle, um sich um sie zu kümmern…

…Kurz nachdem Applin zu uns gestoßen war, sichteten wir den Zirkus etwa 1000 Fuß unter uns, achtzehn Kampfflugzeuge, die mehr oder weniger in einer stilvollen Staffel flogen. …

…Applin folgte uns, als ich sah, wie er in seiner Kurve ins Trudeln geriet, abstürzte und dann in Flammen aufging. Ich schaute nach oben und sah, dass Richthofen, der etwa 2000 Fuß über seinem Zirkus gekreist war (seine übliche Position), offenbar Applin abgeschossen hatte, da er sofort wegflog, nachdem ich ihn in Ruhe gelassen hatte und meinen ursprünglichen Plan, das mittlere Flugzeug anzugreifen, ausgeführt hatte…”

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report: 4.55 N. 1 fdl. Flugzeug bei Inchy (diess.) dch. Rttm. Frhr. v. Richthofen. Jagdstaffel Richthofen (als 50.)“

„Gefechtsbericht: 1655 Uhr, südwestlich von Inchy, Hügel 90, bei Pariville, diesseits der Linien. Vickers 2. Insassen: Capt G Stead RFC. Keine Angaben zum Flugzeug, ging in der ersten Linie brennend nieder. Ich griff, zusammen mit fünf meiner Männer, eine feindliche Gruppe von fünf Vickers an. Nach einem langen Kurvenkampf, bei dem sich mein Gegner bewundernswert verteidigte, gelang es mir, mich hinter den Feind zu stellen. Nach 300 Schüssen fing das feindliche Flugzeug Feuer. Das Flugzeug verbrannte zu Asche, und die Insassen stürzten heraus.“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report: 7.25 N. 1 fdl. Flugzeug bei Roeux (zwischen den Linien) dch. Rittm. Frhr. v. Richthofen, Jagdstaffel Richthofen (als 51.)“

„Gefechtsbericht: 1925 Uhr, nahe Roeux, diesseits der Linien. BE DD 2. Keine Einzelheiten, da das Flugzeug unter Beschuss steht. Zusammen mit meinem Bruder griffen wir beide ein Artillerieflugzeug in geringer Höhe an. Nach einem kurzen Kampf verlor das gegnerische Flugzeug seine Tragflächen. Beim Aufprall auf den Boden in der Nähe der Gräben bei Rouex fing das Flugzeug Feuer.“

„Kofl 6. Armee Weekly Activity Report: 7.45 N. 1 fdl. Dreidecker bei Lens (diess.) dch. Rittm. Frhr. v. Richthofen, Jagdstaffel Richthofen, (als 52.)“

29 April 1917
Between Billy-Montigny and [[Sallaumines] over Vimy]
Vimy

„Kampfbericht: 1940 Uhr, zwischen Billy-Montighny und Sallaumines, diesseits der Linien. Keine Angaben zum feindlichen Flugzeug, da es verbrannt wurde. Kurz nachdem wir in der Nähe von Rouex eine BE abgeschossen hatten, wurden wir von einer starken feindlichen einsitzigen Einheit aus Nieuports, Spads und Triplanes angegriffen. Das Flugzeug, das ich ausgemacht hatte, fing nach kurzer Zeit Feuer, verbrannte in der Luft und stürzte nördlich von Henin Liétard ab.“

„Manfred erringt seinen vierundvierzigsten Luftsieg; wenige Tage später springt seine Siegesziffer auf 50 ! Er ist in allen Zeitungen, in aller Leute Mund; über sienen Namen weht das Fahnentuch. Städte ehren ihn, Majestäten telegrafieren. Kaum sind die Glückwünsche da, so jagt ein neuer Sieg die Flagge auf den Fahnenmast.“

„Transkription des kaiserlichen Glückwunschtelegramms: aufgenommen am 30. IV. 1917. 4 Uhr 20 Min. vorm. aus dem Gr. H. Qu. An Krg. schl homb. 27. 29. IV. 8h nachm. Rittm. Freih. von Richthofen Jagdstaffel Richthofen. durch A.O.K.G. Es wird mir soeben gemeldet, daß Sie heute zum 50. Male als Sieger aus dem Luftkampf hervorgingen. Ich spreche Ihnen zu diesem glänzenden Erfolg Meinen herzlichen Glückwunsch und Meine vollste Anerkennung aus. Mit Bewunderung und Dankbarkeit blickt das Vaterland auf seinen tapferen Flieger. Gott sei ferner mit Ihnen. Wilhelm I. R.“

„Es war am 1. Mai 1917, als ich morgens von meiner Staffel Abscied nahm und ins Gr. H.-Qu. flog. Ich saß hinten drin als Franz. Unsere erste Station war Köln.

Es ist dies der erste Urlaub, den ich mit dem Pour le Mérite bewaffnet nehme, und daß erstemal, daß ich wieder in die Heimat komme, nachdem ich mir einen Namen gemacht habe. Deshalb war es mir noch ganz fremd, daß mich die Menschen so anguckten. Wir stiegen in Köln aus; unsere Maschine wurde angestiert wie ein Wunder. Aber bald hatte ich mich daran gewöhnt und merckte, daß es mir galt. Nach einer Stunde Pause flogen wir weiter nach Kreuznach. Dort wurde ich von sämtlichen Fliegern, die beim Kommandierenden General der Luftstreitkräfte, dem „Kogen“, sitzen, wirklich herzlich begrüßt. Ich kannte sie alle, wie sie da standen, zum großen Teil schon von der B.A.D. und der B.A.N. her. Auch sonst habe ich die anderen näher kennen gelernt. Ich wurde mit Blumen begrüßt und mit einem donnernden Hurra. Ich hatte doch gleich das Empfinden, daß man hier oben in der großen Blechschmiede doch mit jedem Einzeln und seinen Erfolgen lebt, und daß man nicht wie eine Nummer in der Rechenmaschine hin- und hergeschoben wird.“

„Nach dem Treffen mit Hoeppner besichtigte Richthofen fast alle Abteilungen im Gebäude, darunter auch die Abteilung „Flugzeuge“, die Luftsiege aufzeichnete, das Personal verwaltete, die Struktur aller Einheiten systematisierte, den Versorgungsbedarf abwickelte und sich mit technischen Problemen wie dem schwachen Flügel der Albatros befasste. Auf die eine oder andere Weise berührte Richthofen die Interessen und Zuständigkeiten fast aller Mitarbeiter im Gebäude, und alle „Schreiberlinge“, wie er sie nannte, waren bestrebt, ihn zu treffen oder zumindest zu sehen. Die wenigen Mitarbeiter der Abteilung B der Generaladjutantur waren besonders daran interessiert, ihn kennenzulernen, da sie für Nachrichtendienst und Presse zuständig waren und ein Projekt für ihn hatten. Er sollte seine Memoiren schreiben. Ein Verleger hatte diesen Vorschlag gemacht, und die Luftwaffe hielt das für eine gute Idee. Richthofen war nach eigenen Angaben nie ein guter Schüler gewesen, geschweige denn ein Literat. Aber man versicherte ihm, dass er kein Meisterwerk verfassen müsse, dass seine Landsleute einfach mehr über ihn erfahren wollten und dass er das kleine Buch in Schweidnitz fertigstellen könne, bevor sein sechswöchiger Urlaub zu Ende sei. Außerdem würde ihm ein Stenograf zur Seite gestellt werden, um das Manuskript schneller fertigzustellen. Es würde in kleinen Abschnitten an die Abteilung B geschickt werden, um dort redigiert und zensiert zu werden, und dann in Fortsetzungen in Zeitschriften veröffentlicht werden. Schließlich würde alles in Buchform zusammengefasst werden, zwar als kleines Taschenbuch, aber dennoch sein Buch – die Memoiren des größten Luftjägers der Welt. Richthofen gefiel die Idee, unter anderem weil der Erlös im Falle seines Todes an seine Familie gehen würde. Wenn der Krieg schlecht ausgehen sollte, würden sie dieses Geld brauchen.“

„Flug in die Heimat Fünfzig sind abgeschossen. Zweiundfünfzig fand ich besser. Deshalb schoß ich gleich am selben Tage zwei mehr ab. Es ging eigentlich gegen die Verabredung. Eigentlich hatte man mir bloß einundvierzig zugebilligt; weshalb die Zahl einundvierzig herauskam, kann sich wohl jeder denken, aber gerade deshalb wollte ich es durchaus vermeiden. Ich bin kein Rekordarbeiter, überhaupt liegen uns in der Fliegertruppe alle Rekorde fern. Man erfüllt nur seine Pflicht. Boelcke hätte hundert abgeschossen, wäre ihm nicht das Unglück passiert. Und manch anderer der guten gefallenen Kameraden hätte eine ganz andere Zahl erreichen können, wenn ihn nicht sein plötzlicher Tod daran verhindert hätte. Aber so ein halbes Hundert macht einem eben doch auch Spaß. Nun hatte ich es schließlich auch erreicht, daß man mir fünfzig zubilligte, bevor ich meinen Urlaub antrat. Hoffentlich kann ich noch das zweite Fünfzig feiern. Am Abend desselben Tages klingelte es, und nichts Geringeres als das »Große Hauptquartier« wünschte mich zu sprechen. Ich kam mir ganz spaßig vor, so mit der »Großen Bude« verbunden zu sein. Ich erhielt unter anderem die erfreuliche Nachricht, daß Seine Majestät den Wunsch geäußert hätte, mich persönlich zu sprechen, und zwar war gleich der Tag angesagt: am 2. Mai. Dies ereignete sich aber schon am 30. April abends neun Uhr. Mit dem Zuge wäre es nicht mehr möglich gewesen, dem Wunsch des Allerhöchsten Kriegsherrn nachzukommen. So zog ich es vor, was ja auch viel schöner ist, die Reise auf dem Luftwege zu erledigen. Am nächsten Morgen wurde gestartet, und zwar nicht in meinem Einsitzer »Le petit rouge«, sondern in einem dicken, großen Zweisitzer. Ich setzte mich hinten ’rein, d. h. also nicht an den »Knüppel«. Arbeiten mußte in diesem Falle der Leutnant Krefft, auch einer der Herren meiner Jagdstaffel. Er wollte gerade auf Erholungsurlaub, es paßte also ausgezeichnet. So kam er auch schneller in die Heimat. Es war ihm nicht unsympathisch. Meine Abreise ging etwas Hals über Kopf. Ich konnte in dem Flugzeug nichts weiter mitnehmen als die Zahnbürste, mußte mich also gleich so anziehen, wie ich mich im Großen Hauptquartier vorzustellen hatte. Und so im Felde hat eben der Militärsoldat nicht viel mit von schönen Kleidungsstücken, jedenfalls nicht so ein armes Frontschwein wie ich. Die Führung der Staffel übernahm mein Bruder. Ich verabschiedete mich kurz, denn ich hoffte, bald im Kreise dieser lieben Menschen meine Tätigkeit wieder aufnehmen zu können. Der Flug ging nun über Lüttich, Namur auf Aachen und Köln. Es war doch schön, so mal ohne kriegerische Gedanken durch das Luftmeer zu segeln. Herrliches Wetter, wie wir es schon seit langem nicht gehabt hatten. Gewiß gab es am heutigen Tage mächtig viel zu tun an der Front. Bald sind die eigenen Fesselballons nicht mehr zu sehen. Immer weiter weg von dem Donner der Schlachten von Arras. Unter uns Bilder des Friedens. Fahrende Dampfer. Dort saust ein D-Zug durchs Gelände, wir überholen ihn spielend. Der Wind ist uns günstig. Die Erde scheint uns wie eine Tenne so platt. Die schönen Maasberge sind nicht zu erkennen als Berge. Man erkennt sie nicht einmal am Schatten, denn die Sonne steht fast senkrecht. Man weiß nur, daß sie vorhanden sind, und mit etwas Phantasie kann man sich sogar in ihre kühlen Schluchten verkriechen. Es war doch etwas spät geworden, und so kamen wir in die Mittagsstunde. Eine Wolkenschicht zieht sich unter uns zusammen und verdeckt die Erde völlig. Nach Sonne und Kompaß orientierend fliegen wir weiter. Die Nähe von Holland ist uns allmählich aber doch unsympathisch, und so ziehen wir es vor, wieder mit dem Erdboden Fühlung zu nehmen. Wir gehen unter die Wolke und befinden uns gerade über Namur. Nun geht es weiter nach Aachen. Aachen lassen wir links liegen und erreichen zur Mittagszeit Köln. Die Stimmung in unserem Flugzeug war gehoben. Vor uns ein längerer Urlaub, außerdem das schöne Wetter, die gelungene Sache, wenigstens Köln erreicht zu haben, und die Gewißheit, daß, wenn einem auch jetzt etwas passiert, man doch noch das Große Hauptquartier erreichen konnte. Man hatte uns in Köln telegraphisch angesagt, so wurden wir dort erwartet. Am Tage vorher hatte mein zweiundfünfzigster Luftsieg in der Zeitung gestanden. So war der Empfang auch danach. Durch den dreistündigen Flug hatte ich doch etwas Schädelbrummen, und so zog ich es vor, erst einen kleinen Mittagsschlummer einzulegen, bevor ich im Großen Hauptquartier eintraf. Wir flogen nun von Köln ein ganzes Stückchen den Rhein entlang. Ich kannte die Strecke. Ich bin sie oft gefahren, auf dem Dampfer, mit dem Auto und der Eisenbahn, und nun im Flugzeug. Was war das Schönste? Es ist schwer zu sagen. Gewisse Einzelheiten sieht man ja natürlich vom Dampfer aus besser. Aber der Gesamtblick aus dem Flugzeug ist auch nicht zu verachten. Der Rhein hat eben einen besonderen Reiz, so auch von oben. Wir flogen nicht zu hoch, um nicht das Gefühl der Berge völlig zu verlieren, denn das ist doch wohl das Schönste am Rhein, die riesigen, bewaldeten Höhen, die Burgen usw. Die einzelnen Häuser konnten wir natürlich nicht sehen. Schade, daß man nicht langsam und schnell fliegen kann. Ich hätte gewiß den langsamsten Gang eingestellt. Nur zu schnell verschwand ein schönes Bild nach dem anderen. Man hat, wenn man höher fliegt, ja nicht das Gefühl, daß es sehr schnell vorwärts geht. In einem Auto oder einem D-Zug zum Beispiel kommt einem die Geschwindigkeit ganz ungeheuer vor, dagegen im Flugzeug eigentlich immer langsam, wenn man eine gewisse Höhe erreicht hat. Man merkt es eigentlich erst daran, wenn man mal fünf Minuten nicht ’rausgeguckt hat und dann mit einem Male wieder die Orientierung aufnimmt. Da ist das Bild, das man noch kurz vorher im Kopfe hatte, mit einem Male völlig verändert. Was man unter sich sah, sieht man auf einmal in einem Winkel, gar nicht zum Wiedererkennen. Deshalb kann man sich so schnell verorientieren, wenn man mal für einen Augenblick nicht aufpaßt. So kamen wir am Nachmittag im Großen Hauptquartier an, herzlich empfangen von einigen mir bekannten Kameraden, die dort in der »Großen Bude« zu arbeiten haben. Sie tun mir ordentlich leid, die Tintenspione. Sie haben ja nur den halben Spaß vom Kriege. Zunächst meldete ich mich bei dem Kommandierenden General der Luftstreitkräfte. Am nächsten Vormittag ereignete sich nun der große Moment, wo ich Hindenburg und Ludendorff vorgestellt werden sollte. Ich mußte eine ganze Weile warten. Wie die Begrüßung im einzelnen war, kann ich eigentlich schlecht schreiben. Erst meldete ich mich bei Hindenburg, dann bei Ludendorff. Es ist ein unheimliches Gefühl in dem Raum, wo das Geschick der Erde entschieden wird. So war ich ganz froh, wie ich die »Große Bude« wieder hinter mir hatte und mittags bei Seiner Majestät zum Frühstück befohlen war. Es war ja heute mein Geburtstag, und irgendeiner hatte es wohl Seiner Majestät verraten, und so gratulierte er mir. Einmal zu meinem Erfolg, dann zum fünfundzwanzigsten Lebensjahr. Auch ein kleines Geburtstagsgeschenk überraschte mich. Früher hätte ich es mir wohl nie träumen lassen, daß ich am fünfundzwanzigsten Geburtstag rechts von Hindenburg sitzen und in einer Rede vom Generalfeldmarschall erwähnt werden würde.“

„Am nächsten Tage mußte ich mich Hindenburg und Ludendorff vorstellen. Hindenburg war, wie üblich, zur Besuchszeit mit Zivilisten und Uniformierten überhäuft, so daß ich wenig mit ihm sprach.

Im Vorzimmer von Ludendorff saß ich eine Stunde und hatte Gelegenheit zu beobachten, wie dieser Mann beschäftigt ist. In dem Raum, in dem ich saß, waren eine Menge hoher und wichtiger Persönlichkeiten. Da saß Ballin, neben ihm ein hoher Generalsstabsoffizier mit einem dicken Aktenbündel; dann wieder der Minister des Äußeren. Bethmann hatte sich auch angemeldet, Helfferich kam gerade heraus; so und so viele Generale warteten auch noch auf Audienz, und dazu kam ich.

Nach einer Stunde winkte mir der Adjutant und schob mich rein. Ludendorff stand auf, gab mir die Hand, fragte mich nun nicht: „Wie geht’s Ihnen denn? Sie sehen so dick und munter aus“, sondern winkte bloß mit der Hand auf einen Stuhl und fragte: „Wie ist jetzt der Flugbetrieb bei Arras?“ Ich fing ihm dann an zu erzählen und ging wohl so in ein kleines Schwäßchen über, was weniger militärisch Wichtiges enthielt. Da schnitt er mir einfach die Rede ab und kam auf Dinge zu sprechen, die ich eben erwähnt hatte. Man merkte gleich, er geht aufs Ganze. Nachdem er aus mir herausbekommen hatte, was er über den Flugbetrieb an der Hauptkampffront von Arras wissen wollte, war ich kurz entlassen. Ich muß sagen, ich war ganz zufrieden, denn dieser ernste, sachlich nüchtern denkende Mensch war mir unheimlich.

Am abend des 2. Mai war Hindenburg beim „Kogen“ eingeladen. Die Sache war mir zu Ehren arrangiert. Ludendorff erschien gleichfalls. Ich saß rechts von Hindenburg. Bei Tisch hielt er eine Rede auf mich. Alles Sachen, die mir glatt runtergingen! Im Laufe des Gesprächs fragte er mich in seiner gutmütigen, ruhigen Art, die ein unbedingtes Vertrauen einflößt: „Nun sagen Sie mal, Richthofen, sind Sie auch Kadett gewesen?“ Ich erzählte ihm, daß ich bei der 2. Kompagnie in Wahlstatt, und zwar auf Stube 6 meine militärische Laufbahn begonnen hätte. Da sagte der alte Herr: „Na sehen Sie, ich habe auch auf Stube 6 angefangen, Soldat zu spielen, und habe der Stube zur Erinnerung mein Bild geschenkt.““

 

„Manfred von Richthofen verbrachte seinen 25. und letzten Geburtstag in Gesellschaft einiger der wichtigsten Persönlichkeiten Deutschlands. Am Morgen meldete er sich im luxuriösen Hotel Oranienhof, das zum Hauptquartier des Generalstabs geworden war. Eine Stunde lang saß er vor dem Büro von General der Infanterie Erich Ludendorff und beobachtete, wie Adjutanten mit großen Stapeln von Unterlagen ein- und ausgingen. Albert Ballin, Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie, saß in der Nähe, nahm Richthofen in seiner schlichten Dienstuniform überhaupt nicht wahr und interessierte sich auch nicht für den Pour le Mérite an Manfreds Kragen. Ballin war in ein leises Gespräch mit einem hochrangigen Mitglied des Generalstabs vertieft. Dann kam Außenminister Arthur Zimmermann, gefolgt von Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg und Karl Helferrich, dem Sekretär des Reichsschatzamtes.

Nachdem mehrere Generäle hereingebeten worden waren, war Richthofen an der Reihe. Mit einer Handbewegung des Adjutanten wurde er an den anderen Würdenträgern vorbeigeleitet und in Ludendorffs Büro geführt. Der streng blickende Generalquartiermeister hatte keine Zeit für Höflichkeiten und fragte sofort nach den Luftoperationen an der Front bei Arras. Wie Richthofen in einer Erinnerung festhielt, die zu offen war, um zu seinen Lebzeiten veröffentlicht zu werden: „Ich begann, ihm zu erzählen, und kam dabei auf ein kleines Gespräch, das militärisch kaum von Bedeutung war. Dann unterbrach er mich einfach und kam auf Dinge zu sprechen, die ich bereits erwähnt hatte. Man merkte, dass er alles gab. Nachdem er mir entlockt hatte, was er über die Operationen an der Hauptfront bei Arras wissen wollte, wurde ich abrupt entlassen. Ich muss sagen, dass ich ziemlich zufrieden war, denn dieser ernste, professionelle, nüchtern denkende Mensch war mir fremd.

Richthofen war erleichtert, das Hotel Oranienhof zu verlassen und hinaus in die Sonne und die frische Luft der Kaiser-Wilhelmstraße zu treten. Es war nur ein kurzer Spaziergang bis zur Elisabethenstraße, an deren Ende sich die Residenz des Kaisers befand, mit einem herrlichen Blick auf die Nahe.“

„“Wie war der Besuch im Hauptquartier?“, frage ich. Manfred gibt eine humorvolle Schilderung; ich erfahre viel Interessantes. Starken Eindruck hat vor allem Ludendorff mit seiner knappen, sachlichen Art auf ihn gemacht. „Er ist kein Mann für ein kleines Schwätzchen; er geht aufs Ganze“, meint Manfred. Anders Hindenburg, an dessen rechter Seite Manfred während der Tafel saß. Er fragte in seiner gutmütigen, jovialen Art: „Nun, sagen Sie mal, Richthofen, sind Sie auch Kadett gewesen?“ – Manfred erzählte, daß er bei der 2. Kompanie in Wahlstatt auf Stube sechs seine militärische Laufbahn begonnen hätte. Darauf Hindenburg: „Na sehen Sie, ich habe auch auf Stube sechs angefangen.“ Im großen ganzen, glaube ich, war Manfred froh, als er das Große Hauptquartier wieder hinter sich hatte. Für ihn, den eingeschworenen Frontsoldaten, sind solche Empfänge wie der, zu dem er am 1. Mai befohlen war, kein Duell von Erbauung. Er war kein Freund von höflicher Luft und (wie er mit einem drolligen Seufzer bemerkte) „für den Beruf eines Flügeladjutanten gänzlich ungeeignet“. Er sehnte sich nach dem Dröhnen der Propeller, dem Lachen der Maschinegewehre, den straffen, aber frischen Leben mit seinen Kameraden da draußen in den Baracken und Zelten. Er wollte jeden Tag wieder neu erobern, unter Einfaß seines Lebens. Das lag in seiner Natur.“

„Auch Richthofen war kein Höfling, aber er wusste, welche Rolle er zu spielen hatte. Am nächsten Tag flog Leutnant Krefft, der seinen eigenen Urlaub verschoben hatte, um das Leben unter den Prominenten des Deutschen Reiches zu genießen, Richthofen nach Bad Homburg vor der Höhe. Die alte Kurstadt nordöstlich von Frankfurt am Main war einer der beliebtesten Erholungsorte für die reichen und königlichen Familien Europas. Die wichtigsten Gäste kamen am Kaiserbahnhof an, einem speziellen Flügel des Hauptbahnhofs. Es sorgte daher für Aufsehen, als Krefft und Richthofen in einem LVG C.V-Zweisitzer auf einem großen offenen Feld landeten.

Lothar von Richthofen erzählte, was Manfred ihm über den Empfang berichtet hatte: „Die Kaiserin hatte so großes Interesse an der Fliegerei, dass sie selbst auf dem Flugplatz erschien. Während des Fluges trug mein Bruder die alte Lederjacke, in der er alle seine Luftsiege errungen hatte. Unmittelbar nach der Landung meldete er sich bei der Kaiserin. Um einigermaßen zu rechtfertigen, dass er zu diesem feierlichen Anlass seine alte Lederjacke angezogen hatte, erzählte er ihr, dass er damit 52 Luftkämpfe gewonnen hatte. Die Kaiserin streichelte die Jacke und sagte: „Die gute Jacke, Sie haben damit 52 Luftsiege errungen.“

Bad Homburg war von den Kriegsentbehrungen anderer deutscher Städte verschont geblieben und war, sehr zur Freude der Kaiserin, fast frei von dem Gewirr an Uniformen, das man in Bad Kreuznach sah. Die Ankunft des berühmten Fliegers wurde zu einer wunderbaren Abwechslung. Obwohl ihm das Fliegen verboten war, konnte Richthofen nicht widerstehen, den Motor des Zweisitzers zu starten und über den breiten Rasen zu rollen, wobei er bei jeder Kurve einen Windhauch verursachte.

Kaiserin Auguste Victoria überreichte Richthofen ein verspätetes Geburtstagsgeschenk, „ein gold-weiß emailliertes Zigarettenetui mit ihrem Namen“, eine Erinnerung an seinen neuen Status als Nationalheld. Mit diesem Status ging ein höheres Maß an Komfort und sogar Zuneigung für seine Gastgeberin einher, wie er sich erinnerte: „Man hatte das Gefühl, wie bei Hindenburg, in der Gegenwart einer charmanten alten Dame zu sein, die man mit einer alten Tante oder der eigenen Großmutter vergleichen konnte, und man vergaß leicht, dass sie die Kaiserin war.“

„Richthofen fand seinen Termin am Mittag im Kurhaus viel angenehmer. Er erinnerte sich: „Es war mein Geburtstag, und jemand muss das Seiner Majestät verraten haben, denn er gratulierte mir. Zuerst zu meinem Erfolg, dann zu meinem 25. Lebensjahr. Er überraschte mich auch mit einem kleinen Geburtstagsgeschenk.

Die Beschreibung des Geschenks ist zurückhaltend. Kaiser Wilhelm II. überreichte ihm eine Bronzebüste von sich selbst in kriegerischer Pracht aus Bronze und Marmor; zwei kräftige Diener waren nötig, um sie in den kaiserlichen Speisesaal zu tragen. Es war ein ziemlich unbescheidenes Geschenk, aber Richthofen nahm es dankbar als besondere Auszeichnung an. Er ließ es nach Schweidnitz transportieren, wo es viele Jahre lang stolz ausgestellt war, als sein Familienwohnsitz zum Richthofen-Museum wurde.

„Der Kaiser unterhielt sich nach dem Essen etwa eine halbe Stunde lang mit mir; das Gespräch war sehr einseitig. Das Thema des Dialogs waren Flugabwehrgeschütze.“ Dann wechselte Kaiser Wilhelm von seiner Rolle als oberster Kriegsherr zu der des Vaters der Nation, wedelte mit dem Finger vor Manfred von Richthofen und drohte ihm spielerisch: „Ich habe gehört, dass Sie immer noch fliegen. Pass auf, dass dir nichts passiert!“ Der Monarch wandte sich an seinen Adjutanten, Kapitän zur See Nikolaus Graf zu Dohna-Schlodien, und fragte: „Wie kann das sein? Habe ich ihm nicht verboten zu fliegen?“ Der Adjutant antwortete: „Majestät, im Interesse der gesamten Situation können wir das nicht tun. Wir brauchen Richthofen als Vorbild und als Geschwader-Kommandeur, wir brauchen ihn als Kampfpiloten…“

„Tags darauf war ich zu Mittag bei Ihrer Majestät eingeladen und fuhr zu diesem Zweck nach Homburg. Dort war ich zum Frühstück bei Ihrer Majestät, wurde gleichfalls mit einem Geburtstagsgeschenk bedacht, und ich hatte noch die große Freude, Ihrer Majestät einen Start vorzuführen. Abends war ich nochmals bei dem Generalfeldmarschall v. Hindenburg eingeladen.“

„Am Mittag darauf war ich beim Kaiser. Es war genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich könnte mir nicht denken, daß ich als Flügeladjutant eine gute Rolle spielen würde, und bewundere deshalb den Grafen Dohna, wie er es fertig bringt, da er meinem Empfinden nach genau so veranlagt ist, wie ich.

Der Kaiser unterhielt sich nach Tisch etwa eine halbe Stunde mit mir; die Unterhaltung war sehr einseitig. Gesprächsthema bildeten die Flaks.“

„Am Abend war ich nochmals bei Hindenburg eingeladen. Da saßen nicht weniger als acht Pour Le Mérite-Ritter zusammen an einem Tisch. So viele werde ich wohl nie wieder auf einem Haufen sehen, es sei denn, der Krieg dauerte so lange, bis der Pour Le Mérite zum E.K.II. herabgesunken ist.“

„WTB (Wollfs Telegraphisches Bureau). Berlin, 4. Mai. „Die Engländer haben ein Flugzeuggeschwader von freiwilligen Fliegern zusammengesetzt, das ausschießlich auf die Vernichtung des erfolgreichsten deutschen Kampffliegers, Rittmeisters Freiherrn v. Richthofen, der bereits 52 feindliche Flieger abgeschossen, ausgehen soll. Der Flieger, dem der Abschuß oder die Gefangennahme von Richthofen gelingt, erhält das Victoria-Kreuz, Beförderung, ein eigenes Flugzeug als Geschenk, 5000 Pfund Sterling und eine besonderen Preis von der Flugzeugfabrik, deren Flugzeug der Flieger benutzte. Von dem englischen Geschwader soll ein Kinooperateur mitfliegen, der den ganzen Vorgang zwecks späterer Bewertung im britischen Heeresfilm kinematografisch aufnehmen soll.“ Bemerkung der Zeitung: „Wie empfehlen für dieses Unternehmen einige Sesselballons mit Tribünenplatzen hochzulassen. Die Kampfstaffel Richthofen wird dafür sorgen, daß die Vorstellung interessant verläuft.“ Wenn sich diese Meldung bewahrheitet, so müßte der Schrei einer ganzen Welt, deren Söhne für das Ansehen ihrer Nation in den Gräben des Weltkrieges bluten, darauf antworten. Eine große Stille ist. Da antwortet einer: Manfred! Am Tage nach dem Aufruf schießt er vier Gegner ab.“

„Den Tag darauf flog ich nach Freiburg, um dort einen Auerhahn zu schießen. Von Freiburg aus benutzte ich ein Flugzeug, das nach Berlin flog. In Nürnberg wurde Benzin aufgefüllt. Da zog ein Gewitter auf. Ich hatte es aber dringend eilig, in Berlin anzukommen. Allerhand mehr oder weniger interessante Dinge warteten dort meiner. So flog ich trotz des Gewitters weiter. Mir machten die Wolken und das Schweinewetter Spaß. Es goß mit Kannen. Ab und zu etwas Hagel. Der Propeller sah nachher ganz toll aus, durch die Hagelkörner zerschlagen, wie eine Säge. Leider machte mir das Wetter so viel Spaß, daß ich darüber gänzlich vergaß aufzupassen, wo ich mich befand. Wie ich wieder die Orientierung aufnehmen will, habe ich keinen Dunst mehr, wo ich bin. Eine schöne Bescherung! In der Heimat »verfranzt«! Das mußte natürlich gerade mir passieren. Wie würden die zu Hause sich amüsieren, wenn sie das wüßten! Aber es war an der Tatsache nichts zu ändern. Ich wußte nicht mehr, wo ich war. Ich war durch den starken Wind und das niedrige Fliegen sehr abgetrieben worden und von meiner Karte heruntergekommen und mußte nun nach Sonne und Kompaß notdürftig die Richtung nach Berlin einhalten. Städte, Dörfer, Flüsse, Wälder jagen unter mir dahin. Ich erkenne nichts wieder. Ich vergleiche die Natur mit meiner Karte, aber vergeblich. Es ist alles anders. Ich bin eben tatsächlich nicht mehr im Bilde. Es ist mir nicht möglich, die Gegend wiederzuerkennen. Wie sich später herausstellte, war es allerdings auch ausgeschlossen, denn ich flog etwa hundert Kilometer neben meinem Kartenrand. Nach etwa zweistündigem Fluge entschlossen sich mein Führer und ich zu einer Notlandung. Dies ist immer was Unangenehmes, so ohne Flughafen. Man weiß nicht, wie die Erdoberfläche ist. Kommt ein Rad in ein Loch, ist die Kiste futsch. Erst versuchten wir noch, auf einem Bahnhof die Aufschrift der Station zu erkennen, aber Kuchen, natürlich war sie so klein aufgepinselt, daß man auch nicht einen Buchstaben erkennen konnte. Also müssen wir landen. Nur schweren Herzens, aber es bleibt uns nichts anderes übrig. Wir suchen uns eine Wiese, die von oben ganz schön aussieht, und versuchen unser Heil. Leider sah die Wiese bei näherer Betrachtung nicht so schön aus. Dies konnte ich auch an einem etwas verbogenen Fahrgestell feststellen. So hatten wir uns denn völlig mit Ruhm bekleckert. Erst »verfranzt« und dann die Kiste zerschmissen! Wir mußten nun also mit einem ganz ordinären Fortbewegungsmittel, dem D-Zug, unsere weitere Reise nach der Heimat antreten. Langsam, aber sicher erreichten wir Berlin. Wir waren in der Nähe von Leipzig notgelandet. Hätten wir nicht die Dummheit gemacht, so wären wir gewiß noch nach Berlin gekommen, aber wie man’s macht, macht man’s falsch.“

„Den Tage darauf war ich nachmittags bei der Kaiserin. Man hatte ein Gefühl ähnlich wie bei Hindenburg, man hatte eine liebenswürdige ältere Dame vor sich, die man wohl mit einer alten Tante vergleichen könnte oder mit seiner eigenen Großmutter, und der gegenüber man leicht vergessen kann, daß es die Kaiserin ist.“

„Mein Bruder Ich war noch nicht acht Tage auf Urlaub, da kriegte ich die telegraphische Nachricht: »Lothar verwundet, nicht lebensgefährlich.« Mehr nicht. Nähere Erkundigungen ergaben, daß er wieder mal recht leichtsinnig gewesen war. Er flog mit Allmenröder zusammen gegen den Feind. Da sah er tief unten, ziemlich weit drüben, einen allein herumkrebsenden Englishman. Das sind so die feindlichen Infanterieflieger, die unseren Truppen besonders lästig fallen. Jedenfalls beunruhigen sie sehr. Ob sie wirklich etwas erreichen mit ihrem tiefen Rumkrebsen, ist sehr die Frage. Mein Bruder war etwa zweitausend Meter hoch, der Engländer tausend. Er pürscht sich ’ran, setzt zum Sturzflug an und ist in wenigen Sekunden bei ihm. Der Engländer zog es vor, den Kampf zu vermeiden, und verschwand gleichfalls im Sturzflug in der Tiefe. Mein Bruder, nicht faul, hinterher. Ganz schnuppe, ob es drüben oder bei uns ist. Nur ein Gedanke: er muß ’runter. Das ist ja auch natürlich das richtige. Ab und zu mache ich’s auch. Aber wenn es mein Bruder bei jedem Fluge nicht mindestens einmal gemacht hat, macht ihm das ganze Unternehmen keinen Spaß. Erst ganz kurz über dem Boden kriegt er ihn wirklich gut vor und kann [164]ihm den Laden vollschießen. Der Engländer stürzt senkrecht in die Erde. Viel bleibt nicht mehr übrig. Nach so einem Kampfe, besonders in geringer Höhe, in dem man sich so oft gedreht und gewendet hat, mal rechtsrum und mal linksrum geflogen ist, hat der normale Sterbliche keine Ahnung mehr, wo er sich befindet. Nun war es an diesem Tage noch etwas dunstig, also ein besonders ungünstiges Wetter. Schnell hatte er sich orientiert und merkt erst jetzt, daß er doch wohl ein ganzes Ende hinter der Front ist. Er war hinter der Vimy-Höhe. Die Vimy-Höhen sind etwa hundert Meter höher als die andere Gegend. Mein Bruder war hinter diesen Vimy-Höhen verschwunden – behaupten jedenfalls die Beobachter von der Erde aus. Dieses Nachhausefliegen, bis man seine eigene Stellung erreicht hat, gehört nicht zu den angenehmsten Gefühlen, die man sich denken kann. Man kann nichts dagegen tun, daß einen der Gegner beschießt. Nur selten treffen sie. Mein Bruder näherte sich der Linie. In so geringer Höhe kann man jeden Schuß hören, es hört sich an, wie wenn Kastanien im Feuer platzen, wenn der einzelne Infanterist schießt. Da – mit einem Male fühlte er einen Schlag, getroffen. Das war ihm klar. Er zählt zu den Menschen, die nicht ihr eignes Blut sehen können. Bei einem anderen [165]macht es ihm keinen Eindruck; wenigstens weniger. Aber sein eigenes Blut stört ihn. Er fühlt, wie es ihm warm am rechten Bein herunterläuft, zur gleichen Zeit auch einen Schmerz in der Hüfte. Unten wird noch immer geknallt. Also ist er noch drüben. Da endlich hört es so sachte auf, und er ist über unsere Front hinüber. Nun muß er sich aber beeilen, denn seine Kräfte lassen zusehends nach. Da sieht er einen Wald, daneben eine Wiese. Also auf die Wiese zu. Die Zündung schnell herausgenommen, der Motor bleibt stehen, und in demselben Augenblick ist es alle mit seinen Kräften, die Besinnung hat ihn verlassen. Er sitzt ja nun ganz allein in seinem Flugzeug, also ein zweiter konnte ihm nicht helfen. Wie er auf die Erde hinuntergekommen ist, ist eigentlich ein Wunder. Denn von allein startet und landet kein Flugzeug. Man behauptet dies nur von einer alten Taube in Köln, die von einem Monteur zum Start zurechtgemacht ist und gerade in dem Augenblick, wie der Pilot sich hineinsetzen will, von allein losfliegt, von allein eine Kurve macht und nach fünf Minuten wieder landet. Das wollen viele Männer gesehen haben. Ich habe es nicht gesehen – aber ich bin doch fest davon überzeugt, daß es wahr ist. Mein Bruder jedenfalls hatte nicht so eine Taube, die von allein landet, aber trotzdem hatte er sich bei dem Berühren mit dem Erdboden nichts getan. Erst im [166]Lazarett fand er die Besinnung wieder. Er wurde nach Douai transportiert. Es ist für einen Bruder ein ganz eigenartiges Gefühl, wenn man den anderen in einen Kampf mit einem Engländer verwickelt sieht. So sah ich zum Beispiel einmal, wie Lothar hinter dem Geschwader etwas herhängt und von einem Engländer attackiert wird. Es wäre für ihn ein leichtes gewesen, den Kampf zu verweigern. Er braucht bloß in der Tiefe zu verschwinden. Aber nein, das tut er nicht! Der Gedanke kommt ihm scheinbar gar nicht. Ausreißen kennt er nicht. Zum Glück hatte ich dies beobachtet und paßte auf. Da sah ich, wie der Engländer, der über ihm war, immer auf ihn ’runterstößt und schießt. Mein Bruder versucht, seine Höhe zu erreichen, unbekümmert, ob er beschossen wird oder nicht. Da – mit einem Male überschlägt sich das Flugzeug, und die rot angestrichene Maschine stürzt senkrecht, sich um sich selbst drehend, herunter. Keine gewollte Bewegung, sondern ein regelrechter Absturz. Dieses ist für den zusehenden Bruder nicht das schönste aller Gefühle. Aber ich habe mich so sachte daran gewöhnen müssen, denn mein Bruder benutzte es als Trick. Wie er erkannt hatte, daß der Engländer ihm über war, markierte er ein Angeschossensein. Der Engländer hinterher, mein Bruder fängt sich und hat ihn im Umsehen überstiegen. Das feindliche Flugzeug konnte sich nicht so schnell [167]wieder aufrichten und zur Besinnung kommen, da saß ihm mein Bruder im Nacken, und einige Augenblicke später schlugen die Flammen heraus. Dann ist nichts mehr zu retten, dann stürzt das Flugzeug brennend ab. Ich habe mal auf der Erde neben einem Benzintank gestanden, wo hundert Liter auf einmal explodierten und verbrannten. Ich konnte nicht zehn Schritt daneben stehen, so heiß wurde mir. Und nun muß man sich vorstellen, daß auf wenige Zentimeter vor einem so ein Tank von vielen fünfzig Litern explodiert und der Propellerwind die ganze Glut einem ins Gesicht treibt. Ich glaube, man ist im ersten Moment schon besinnungslos, und es geht jedenfalls am schnellsten. Aber es passieren doch ab und zu Zeichen und Wunder. So sah ich z. B. einmal ein englisches Flugzeug brennend abstürzen. Die Flammen schlugen erst in fünfhundert Metern Höhe heraus. Die Maschine stand in hellen Flammen. Wie wir nach Hause fliegen, erfahren wir, daß der eine der Insassen aus fünfzig Metern Höhe herausgesprungen ist. Es war der Beobachter. Fünfzig Meter Höhe! Man muß sich mal die Höhe überlegen. Der höchste Kirchturm, der in Berlin ist, reicht gerade heran. Man springe mal von der Spitze dieses Turmes herunter! Wie man wohl unten ankommen mag! Die meisten brächen sich’s Genick, wenn sie aus dem Hochparterre herausspringen [168]würden. Jedenfalls, dieser brave »Franz« sprang aus seinem brennenden Flugzeug aus fünfzig Meter Höhe heraus, das bereits mindestens eine Minute gebrannt hatte, und machte sich weiter nichts als einen glatten Unterschenkelbruch. Er hat sogar, gleich nachdem ihm all dies passiert ist, noch Aussagen gemacht, also sein seelischer Zustand hatte nicht einmal gelitten. Ein andermal schoß ich einen Engländer ab. Der Flugzeugführer hatte einen tödlichen Kopfschuß, das Flugzeug stürzte steuerlos, senkrecht, ohne sich zu fangen, aus dreitausend Metern Höhe in die Erde. Eine ganze Weile später erst kam ich im Gleitflug hinterher und sah unten weiter nichts als einen wüsten Haufen. Zu meinem Erstaunen erfuhr ich, der Beobachter habe nur einen Schädelbruch, und sein Zustand sei nicht lebensgefährlich. Glück muß eben der Mensch haben. Wieder einmal schoß Boelcke einen Nieuport ab. Ich sah es selbst. Das Flugzeug stürzte wie ein Stein. Wir fuhren hin und fanden das Flugzeug bis zur Hälfte im Lehm vergraben. Der Insasse, ein Jagdflieger, war durch einen Bauchschuß besinnungslos und hatte sich beim Aufschlagen nur einen Arm ausgekugelt. Er ist nicht gestorben. Andererseits habe ich es wieder erlebt, daß ein guter Freund von mir bei einer Landung [169]mit einem Rade in ein Karnickelloch kam. Die Maschine hatte überhaupt keine Geschwindigkeit mehr und stellte sich ganz langsam auf den Kopf, überlegte sich, nach welcher Seite sie umkippen sollte, fiel auf den Rücken – und der arme Kerl hatte das Genick gebrochen. * Mein Bruder Lothar ist Leutnant bei den Vierten Dragonern, war vor dem Kriege auf Kriegsschule, wurde gleich zu Anfang Offizier und hat, gleichwie ich, den Krieg als Kavallerist begonnen. Was er da alles an Heldentaten begangen hat, ist mir unbekannt, da er nie von sich selbst spricht. Man hat mir nur folgende Geschichte erzählt: Es war im Winter 1914, sein Regiment lag an der Warthe, die Russen auf der anderen Seite. Kein Mensch wußte, rücken sie oder bleiben sie. Die Ufer waren zum Teil gefroren, so daß man schlecht durchreiten konnte. Brücken gab’s natürlich nicht, die hatten die Russen abgerissen. Da schwamm mein Bruder durch, stellte fest, wo die Russen waren, und kam zurückgeschwommen. Dieses alles im strengen russischen Winter bei soundso viel Grad minus. Seine Kleider waren nach wenigen Minuten festgefroren, und darunter, behauptete er, sei es ganz warm gewesen. So ritt er den ganzen Tag, bis er abends in sein Quartier kam. Dabei hat er sich nicht erkältet. [170]Im Winter 1915 ging er auf mein Drängen hin zur Fliegerei, wurde, gleichwie ich, Beobachter. Erst ein Jahr später Flugzeugführer. Die Schule als Beobachter ist gewiß nicht schlecht, gerade für einen Jagdflieger. März 1917 machte er sein drittes Examen und kam sofort zu meiner Jagdstaffel. Er war also noch ein ganz, ganz junger und ahnungsloser Flugzeugführer, der noch an kein Looping und ähnliche Scherze dachte, sondern zufrieden war, wenn er ordentlich landen und starten konnte. Nach vierzehn Tagen nahm ich ihn zum ersten Male mit gegen den Feind und bat ihn, dicht hinter mir zu fliegen, um sich die Sache mal genau anzusehen. Nach dem dritten Fluge mit ihm sehe ich mit einem Male, wie er sich von mir trennt und sich gleichfalls auf einen Engländer stürzt und ihn erlegt. Mein Herz hüpfte vor Freude, als ich dies sah. Es war mir wieder mal ein Beweis, wie wenig das Abschießen eine Kunst ist. Es ist nur die Persönlichkeit oder, anders ausgedrückt, der Schneid des Betreffenden, der die Sache macht. Ich bin also kein Pégoud, will es auch nicht sein, sondern nur Soldat, und tue meine Pflicht. Vier Wochen später hatte mein Bruder bereits zwanzig Engländer abgeschossen. Dies dürfte wohl einzig dastehen in der ganzen Fliegerei, daß ein Flugzeugführer vierzehn Tage nach seinem [171]dritten Examen den ersten und vier Wochen nach dem ersten zwanzig Gegner abgeschossen hat. Sein zweiundzwanzigster Gegner war der berühmte Captain Ball, weitaus der beste englische Flieger. Den seinerzeit ebenso bekannten Major Hawker hatte ich mir vor einigen Monaten bereits zur Brust genommen. Es machte mir besonders Freude, daß es nun mein Bruder war, der den zweiten Champion Englands erledigte. Captain Ball flog einen Dreidecker und begegnete meinem Bruder einzeln an der Front. Jeder versuchte den anderen zu fassen. Keiner gab sich eine Blöße. Es blieb bei einem kurzen Begegnen. Immer nur auf sich zufliegend. Nie glückte es dem einen, sich hinter den anderen zu setzen. Da entschlossen sich plötzlich beide in dem kurzen Augenblick des Aufeinanderzufliegens, einige wohlgezielte Schüsse abzugeben. Beide fliegen aufeinander zu. Beide schießen. Jeder hat vor sich einen Motor. Die Treffwahrscheinlichkeiten sind sehr gering, die Geschwindigkeit doppelt so groß wie normal. Eigentlich unwahrscheinlich, daß einer von beiden trifft. Mein Bruder, der etwas tiefer war, hatte dabei seine Maschine stark überzogen und überschlug sich, verlor das Gleichgewicht, und seine Maschine wurde für einige Momente steuerlos. Bald hatte er sie wieder gefangen, mußte aber feststellen, daß ihm der Gegner beide Benzintanks zerschossen [172]hatte. Also landen! Schnell die Zündung ’raus, sonst brennt die Kiste. Der nächste Gedanke aber war: Wo bleibt mein Gegner? Im Augenblick des Überschlagens hatte er gesehen, wie sich der Gegner gleichfalls aufbäumte und überschlagen hatte. Er konnte also nicht allzu weit von ihm entfernt sein. Der Gedanke herrscht: Ist er über mir oder unter mir? Drüber war er nicht mehr, dafür aber sah er unter sich den Dreidecker sich dauernd überschlagen und noch immer tiefer stürzen. Er stürzte und stürzte, ohne sich zu fangen, bis auf den Boden. Dort zerschellte er. Es war auf unserem Gebiet. Beide Gegner hatten sich in dem kurzen Augenblick des Begegnens mit ihren starren Maschinengewehren getroffen. Meinem Bruder waren die beiden Benzintanks zerschossen, und im selben Augenblick hatte der Captain Ball einen Kopfschuß bekommen. Er trug bei sich einige Photographien und Zeitungsausschnitte seiner Heimatprovinzen, in denen er sehr angefeiert wurde. Er schien kurze Zeit zuvor noch auf Urlaub gewesen zu sein. Zu Boelckes Zeiten hatte Captain Ball sechsunddreißig deutsche Apparate vernichtet. Auch er hat einen Meister gefunden. Oder war es Zufall, daß eine Größe wie er gleichfalls den normalen Heldentod sterben mußte? Captain Ball war ganz gewiß der Führer des Anti-Richthofen-Geschwaders, und ich glaube, der Englishman wird es nun lieber aufstecken, [173]mich zu fangen. Das täte uns leid, denn dadurch würde uns manche schöne Gelegenheit genommen, bei der wir die Engländer gut belapsen könnten. Wäre mein Bruder nicht am 5. Mai verwundet worden, ich glaube, er wäre nach meiner Rückkehr vom Urlaub gleichfalls mit Zweiundfünfzig auf Urlaub geschickt worden.“

„Ich möchte nicht überreagieren, aber ich habe das ungute Gefühl, dass die vornehmen Briten die Angelegenheit nicht ganz so nach Plan regeln können, wie sie es sich vorgestellt haben. Was passiert zum Beispiel, wenn ich einen von ihnen herausgreife und erschieße und dabei das Pech habe, genau den Kameramann zu treffen? Was dann? Dann würde der gesamte Film der britischen Armee unterbrochen werden, die Gentlemen würden in eine äußerst schwierige Lage geraten und mir die Schuld dafür geben. Wie würde es [einem von ihnen] gefallen, wenn eine Reihe anderer Gentlemen auf ihn schießen würden und er dabei gefilmt würde? Ich glaube, wenn das der Fall wäre, würde er zuerst den Kameramann erschießen … Damit wäre ich zufrieden. Ich möchte nur den Kameramann erschießen, der mich beim Erschießen filmen soll. Das würde ich auf jeden Fall gerne tun!“