2 Mai
(UTC+1)
Ereignisse an diesem Tag im Leben von Manfred von Richthofen
MvR sieben Jahre alt

Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.?p. 8?
„Das Bild zeigt Manfred von Richthofen als Kind im Alter von etwa sieben Jahren. Er trägt einen Matrosen-Anzug, der in der Zeit sehr modern war.“
Frau von Richthofen über die kindliche Entwicklung

The Red Knight of Germany, the story of Baron von Richthofen, Floyd Gibbons, 1927, 1959 Bantam Books?p. 7?
„Eine leicht zu verängstigende Mutter ist ein großes Hindernis für die körperliche Entwicklung von Kindern“, sagte Frau von Richthofen. „Als Manfred noch ein kleiner Junge war, hielten mich viele meiner Freunde wohl für eine eher nachlässige Mutter, weil ich den beiden Jungen nicht verbot, sich an einigen ihrer Lieblingsbeschäftigungen zu beteiligen. Aber ich war damals und bin auch heute noch davon überzeugt, dass Kinder nur dann beweglich werden können, wenn man ihnen die Freiheit lässt, selbst zu beurteilen, was sie ihrem Körper zumuten können.“
Das habe ich selbst getan

Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1933, Eingeleitet und ergänzt von Bolko Freiherr von Richthofen, mit einem Vorwort von Generalfeldmarschall Hermann Göring, Verlag Ullstein & Co, Berlin?p. ?
„Denn Manfred hat schon von den ersten Tagen seiner Jugend an Proben nicht gewöhnlicher Energie abgelegt. Als achtjäriger Junge erwarteten ihn meine Eltern eines Tages in Breslau von der Bahn. Es sollte mit zwei großen Handkoffern von einem längeren Aufenthalt auf dem Lande zurückkehren. Der Bursche wurde zur Abholung auf den Bahnhof geschickt, er kam allein zurück. Manfred war nicht zu finden. Was war geschehen? Ein Telfon gab es damals noch nicht. Die Aufregung stieg. Während meine Eltern noch darüber beraten, klingelt die Entreeglocke, und Manfred steht wohlbehalten mit beiden Koffern vor der Tür. „Du hast dir wohl eine Droschke genommen?“. „Nein, ich hatte kein Geld.“ „Wer hat dir denn die Koffer getragen?“ „Das habe ich selbst getan.“
Meine Eltern waren sprachlos und ungläublig, denn die Koffer waren so schwer, daß Manfred Mühe gehabr hätte, nur einen zu heben. Aber dann erhielten sie die Aufklärung. „Einen habe ich schon heben können, den habe ich immer ein Stück weit getragen und inzwischen auf den anderen aufgepaßt, dann habe ich den zweiten geholt, und so bin ich allmählich angekommen, leider hat es ein bißchen lange gedauert.“
Und das alles mit solch selbstverständlicher Ruhe und Sicherheit, daß meine Eltern Manfred schon damals getrost die Sorge für sich selbst im großen und ganzen allein überlassen konnten.“
MvR acht Jahre alt

Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1933, Eingeleitet und ergänzt von Bolko Freiherr von Richthofen, mit einem Vorwort von Generalfeldmarschall Hermann Göring, Verlag Ullstein & Co, Berlin?p. ?
„Im achten Lebensjahre erkletterte er die größter Apfelbäume des Gutes, die sonst kaum jemand erreichen konnte. Dann ließ er sich aber nicht vom Stamm herab, sondern von außen an den Zweigen, diese mit größter Geschicklichkeit greifend. Meine Eltern haben ihm oft dabei zugesehen, aber niemal das Gefühl gehabt, daß ihm irgend etwas passieren könnte, so sicher waren alle seine Bewegungen. Meine Mutter ist mit uns Jungens überhaupt niemals ängstlich gewesen. Sie war der Meinung, daß Kinder nur dann wirklich geschickt und allen Gefahren gewachsen sein könnten, wenn man ihnen jede nur denkbare körperliche Bewegungsfreiheit lasse. Nur so würden sie möglichst zetig zu beurteilen vermögen, was sie sich selbst zutrauen könnten. Ganz ohne Zwischenfälle ist das natürlich nicht immer abgegangen, aber etwas Ernsteres hat sich nie ereignet.“
Manfred war überaus wahrheitsliebend

Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1933, Eingeleitet und ergänzt von Bolko Freiherr von Richthofen, mit einem Vorwort von Generalfeldmarschall Hermann Göring, Verlag Ullstein & Co, Berlin?p. 21?
„Manfred war überaus wahrheitsliebend. Meine Mutter kann heute noch nicht genug rühmen, in welchem Maße sich die Eltern stets auf ihn verlassen konnten. Er gab präzise und klare Antworten auf jede Frage, ohne Rücksicht darauf, was die Folgen für ihn sein konnten. So hatte er einmal aud dem großmütterlichen Gute als zwölfjähriger Junge seine Jagdpassion nicht züglen können. Als er auf der Weistritz keine wilden Enten finden konnte, erlegte er einige zahme, die dann im Entenstall der Großmutter fehlten. Manfred wurde in strenges Verhör genommen, aber das dauerte nur eine halbe Minute. Er kam gar nicht auf den Gedanken, seine Tat leugnen oder gar beschönigen zu wollen. Und die gute Großmutter verzieh von Herzen gern ihrem Enkel, der nicht lügen konnte. Diese ersten „Jagdtrophäen“ Manfreds, drei Erpelfedern, hängen noch heute in seiner Stube in Schweidnitz. Die Besucher werden sie nicht ohne Rührung ansehen können. So hat Manfred in seiner Mutter diese Empfindungen und diese Überzeugung von der Wesenart Manfreds in die kurzen Worte zusammenzufassen: „Er stand fest, whohin er gestellt war.“ Dieser Glaube an eigenes Können, gepaart mit innerer Vornehmheit und selbstverständlicher Bescheidenheit, haben, wie ich glaube, menin Bruder im besonderen Maße befähigt, ein wirklicher Führer zu sein. Seine Ulanen, als er Leutnant war, und später alle seine Untergebenen im Jagdgeschwader Richthofen konnten ihm felsenfest vertrauen. Er sagte ihnen keine Schmeicheleien, aber er schützte sie und hielt sein Wort, und Dienen unter ihm wurde erleichtert durch den Frohsinn und die Heiterkeit, ja oftmals durch den Übermut, mit dem er sich auch schwersten Aufgaben gegenüber gewachsen zeigte. Denn in einem war er allen, die ihm im Kriege zu folgen hatten, ein vielleicht beispielloses Vorbild: in der Tapferkeit seines Geistes, in dem absoluten Mangel jeder Furcht, ja in der völligen Unmöglichkeit, sich überhaupt einen Vorgang oder ein bevorstehendes Ereignis vorstellen zu können, das für ihn mit irgendeinem gefühl von Angst verbunden sein könnte.“
Es spukt in dem Gutshause

Der rote Kampfflieger von Rittmeister Manfred Freiherrn von Richthofen, 1933, Eingeleitet und ergänzt von Bolko Freiherr von Richthofen, mit einem Vorwort von Generalfeldmarschall Hermann Göring, Verlag Ullstein & Co, Berlin?p. 23?
„Die Gefahr unterschätzte er nicht, aber sie spielte in seinem Leben keine Rolle. Das war schon in frühester Jugend der Fall. Im Gutshause sollte es, wie die Mädchen behaupteten, spuken. Oben aud dem Boden hatte sich einmal ein Knecht erhängt, und seitdem gehe es dort um, so erzählte man sich in der Gesindestube. Der dreizehnjährige Manfred wollte diesen Spuk erleben. Er ließ sich genau die Stelle auf dem Boden zeigen, wo das Unglück sich ereignete hatte, und sein Bett auf die Stelle tragen, un zu schlafen. Meine Mutter kannte Manfreds Furchtlosigkeit, aber sie beschloß doch, ihn auf die Probe zu stellen. Sie schlich sich mit meiner Schwester nach oben und begann allmählich Kastanien auf dem Boden entlangzurollen. Zunächst schlief Manfred ganz fest. Aber das Gepolter wurde verstärkt. Dann wachte er plötzlich auf, sprang auf, ergriff einen Knüppel und stürzte auf die Ruhestörer los. Meine Mutter mußte schnell Licht machen, sonst wäre es ihr übel ergangen. Aber bei Manfred war von Angst keine Spur. Und das hat sich nicht geändert bis zu seinem letzten Flug, von dem er nicht mehr lebend zu seinem Geschwader und zu den Seinen zurückkehren sollte.“
Hindenburg und Ludendorff

Ein Heldenleben, Ullstein & Co, 1920?p. 143?
„Am nächsten Tage mußte ich mich Hindenburg und Ludendorff vorstellen. Hindenburg war, wie üblich, zur Besuchszeit mit Zivilisten und Uniformierten überhäuft, so daß ich wenig mit ihm sprach.
Im Vorzimmer von Ludendorff saß ich eine Stunde und hatte Gelegenheit zu beobachten, wie dieser Mann beschäftigt ist. In dem Raum, in dem ich saß, waren eine Menge hoher und wichtiger Persönlichkeiten. Da saß Ballin, neben ihm ein hoher Generalsstabsoffizier mit einem dicken Aktenbündel; dann wieder der Minister des Äußeren. Bethmann hatte sich auch angemeldet, Helfferich kam gerade heraus; so und so viele Generale warteten auch noch auf Audienz, und dazu kam ich.
Nach einer Stunde winkte mir der Adjutant und schob mich rein. Ludendorff stand auf, gab mir die Hand, fragte mich nun nicht: „Wie geht’s Ihnen denn? Sie sehen so dick und munter aus“, sondern winkte bloß mit der Hand auf einen Stuhl und fragte: „Wie ist jetzt der Flugbetrieb bei Arras?“ Ich fing ihm dann an zu erzählen und ging wohl so in ein kleines Schwäßchen über, was weniger militärisch Wichtiges enthielt. Da schnitt er mir einfach die Rede ab und kam auf Dinge zu sprechen, die ich eben erwähnt hatte. Man merkte gleich, er geht aufs Ganze. Nachdem er aus mir herausbekommen hatte, was er über den Flugbetrieb an der Hauptkampffront von Arras wissen wollte, war ich kurz entlassen. Ich muß sagen, ich war ganz zufrieden, denn dieser ernste, sachlich nüchtern denkende Mensch war mir unheimlich.
Am abend des 2. Mai war Hindenburg beim „Kogen“ eingeladen. Die Sache war mir zu Ehren arrangiert. Ludendorff erschien gleichfalls. Ich saß rechts von Hindenburg. Bei Tisch hielt er eine Rede auf mich. Alles Sachen, die mir glatt runtergingen! Im Laufe des Gesprächs fragte er mich in seiner gutmütigen, ruhigen Art, die ein unbedingtes Vertrauen einflößt: „Nun sagen Sie mal, Richthofen, sind Sie auch Kadett gewesen?“ Ich erzählte ihm, daß ich bei der 2. Kompagnie in Wahlstatt, und zwar auf Stube 6 meine militärische Laufbahn begonnen hätte. Da sagte der alte Herr: „Na sehen Sie, ich habe auch auf Stube 6 angefangen, Soldat zu spielen, und habe der Stube zur Erinnerung mein Bild geschenkt.““
MvR im Hauptquartier

Richthofen, Beyond the legend of the Red Baron, Peter Kilduff, Arms and Armour, 1993?p. 108?
„Manfred von Richthofen verbrachte seinen 25. und letzten Geburtstag in Gesellschaft einiger der wichtigsten Persönlichkeiten Deutschlands. Am Morgen meldete er sich im luxuriösen Hotel Oranienhof, das zum Hauptquartier des Generalstabs geworden war. Eine Stunde lang saß er vor dem Büro von General der Infanterie Erich Ludendorff und beobachtete, wie Adjutanten mit großen Stapeln von Unterlagen ein- und ausgingen. Albert Ballin, Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie, saß in der Nähe, nahm Richthofen in seiner schlichten Dienstuniform überhaupt nicht wahr und interessierte sich auch nicht für den Pour le Mérite an Manfreds Kragen. Ballin war in ein leises Gespräch mit einem hochrangigen Mitglied des Generalstabs vertieft. Dann kam Außenminister Arthur Zimmermann, gefolgt von Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg und Karl Helferrich, dem Sekretär des Reichsschatzamtes.
Nachdem mehrere Generäle hereingebeten worden waren, war Richthofen an der Reihe. Mit einer Handbewegung des Adjutanten wurde er an den anderen Würdenträgern vorbeigeleitet und in Ludendorffs Büro geführt. Der streng blickende Generalquartiermeister hatte keine Zeit für Höflichkeiten und fragte sofort nach den Luftoperationen an der Front bei Arras. Wie Richthofen in einer Erinnerung festhielt, die zu offen war, um zu seinen Lebzeiten veröffentlicht zu werden: „Ich begann, ihm zu erzählen, und kam dabei auf ein kleines Gespräch, das militärisch kaum von Bedeutung war. Dann unterbrach er mich einfach und kam auf Dinge zu sprechen, die ich bereits erwähnt hatte. Man merkte, dass er alles gab. Nachdem er mir entlockt hatte, was er über die Operationen an der Hauptfront bei Arras wissen wollte, wurde ich abrupt entlassen. Ich muss sagen, dass ich ziemlich zufrieden war, denn dieser ernste, professionelle, nüchtern denkende Mensch war mir fremd.
Richthofen war erleichtert, das Hotel Oranienhof zu verlassen und hinaus in die Sonne und die frische Luft der Kaiser-Wilhelmstraße zu treten. Es war nur ein kurzer Spaziergang bis zur Elisabethenstraße, an deren Ende sich die Residenz des Kaisers befand, mit einem herrlichen Blick auf die Nahe.“
MvR aufs Hauptquartier

Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.?p. 112?
„“Wie war der Besuch im Hauptquartier?“, frage ich. Manfred gibt eine humorvolle Schilderung; ich erfahre viel Interessantes. Starken Eindruck hat vor allem Ludendorff mit seiner knappen, sachlichen Art auf ihn gemacht. „Er ist kein Mann für ein kleines Schwätzchen; er geht aufs Ganze“, meint Manfred. Anders Hindenburg, an dessen rechter Seite Manfred während der Tafel saß. Er fragte in seiner gutmütigen, jovialen Art: „Nun, sagen Sie mal, Richthofen, sind Sie auch Kadett gewesen?“ – Manfred erzählte, daß er bei der 2. Kompanie in Wahlstatt auf Stube sechs seine militärische Laufbahn begonnen hätte. Darauf Hindenburg: „Na sehen Sie, ich habe auch auf Stube sechs angefangen.“ Im großen ganzen, glaube ich, war Manfred froh, als er das Große Hauptquartier wieder hinter sich hatte. Für ihn, den eingeschworenen Frontsoldaten, sind solche Empfänge wie der, zu dem er am 1. Mai befohlen war, kein Duell von Erbauung. Er war kein Freund von höflicher Luft und (wie er mit einem drolligen Seufzer bemerkte) „für den Beruf eines Flügeladjutanten gänzlich ungeeignet“. Er sehnte sich nach dem Dröhnen der Propeller, dem Lachen der Maschinegewehre, den straffen, aber frischen Leben mit seinen Kameraden da draußen in den Baracken und Zelten. Er wollte jeden Tag wieder neu erobern, unter Einfaß seines Lebens. Das lag in seiner Natur.“
Trauerfeier für Manfred

Die Erinnerungen der Mutter des roten Kampffliegers Kunigunde Freifrau von Richthofen. Im Verlag Ullstein - Berlin, 1937.?p. 168?
„Wir sind nach Berlin gefahren, Albrecht, Ilse, Bolko und ich. In der Garnisonkirche soll eine Trauerfeier für Manfred stattfinden. Es ist der 2. Mai – und heute ist Manfreds Geburtstag! Um ein Uhr machte uns Exzellenz von Hoeppner, der Kommandierende der Luftstreitkräfte, seinen Besuch. Ich fragte ihn nach vielem, was mir auf dem Herzen lag, zunächst über Manfreds Tod. Er glaubte mir bestimmt versichern zu können, daß Manfred von der Erde aus einen Treffer bekommen hat. Er sagte: „Wir haben keinen Ersatz für Ihren Sohn in der ganzen Fliegertruppe.“ Lothar ist aus Dûsseldorf in Berlin eingetroffen. Wie elend und verändert er aussieht, ich bemerkte es mit großem Schmerz. Er ist noch tief niedergeschlagen über den Tod des geliebten und verehrten Bruders. Kurz vor vier Uhr fuhren wir in zwei Wagen nach der alten Garnisonkirche. In dichten Reihen bildete das Publikum Spalier. Feierlich erklangen die Glocken. Vor der Kirche empfing uns (in Vertretung des Kaisers) General Manfred von Richthofen, ein Vetter meines Mannes, Reitergeneral im Kriege, und Exzellenz von Hoeppner. Wir nahmen die für uns bestimmten Ehrenplätze ein. Der Altar vor uns ist mit schwarzem Tuch ausgeschlagen, nur das Christusbild in der Mitte ist frei geblieben. Auf vier umflorten Sockeln stehen bronzene Becken, aus denen lodernde Flammen aufzüngeln. Ein katasalkartiger Aufbau, dessen Mittelpunkt ein schwarzes Samtkissen mit Manfreds Orden bildet. Niemals hat er sie alle getragen, ich selbst sehe sie heute zum erstenmal. Oben aus der Mitte des Katafalks springen nach rechts und links die Läufe von vier Maschinengewehren hervor.Unter dem Ordenskissen ist ein riesiger Kranz mit schwarzem Flor um einen zersplitterten Propeller geschlungen. Auf der rechten und linken Seite stehen, wie aus Erz gegossen, je acht Flieger in schwarzen Lederjacken und Sturzhelmen. Verdiente Unteroffiziere, jeder von ihnen hat das E.K. 1 und das Fliegerabzeichen. Rechts und links von dem Katafalk ist ebenfalls je ein Flieger postiert. Während der ganzen Feier, die wohl über eine Stunde dauerte, standen sie, ohne sich zu rühren, ohne mit einer Wimper zu zucken – in seiner Strenge ein unvergeßliches Bild. Um vier Uhr erschien die Kaiserin nebst Prinz und Prinzessin Sigismund von Preußen. Sie nahmen rechts von uns in der Loge Platz. Die Feier begann. Der Geistliche sprach, daß die Leistungen und das Werk des Toten uns trößten müssen. Nicht das Sterben des gewöhnliches Lebens habe sich an ihn herangewagt, sondern der Tod in seiner ganzen heroischen Schönheit. Als die Glut des Farbenspiels am buntesten, as die Wucht der Handlungen am gewaltigsten war, da rauschte der Vorgang über dieses Leben nieder. Nur ein Dichter könne ihm gerecht werden. „Im Frühling ist er dahingegangen – was ihm vorenthalten wurde, ist ein langer, heißer Sommer und ein welkender Herbst.“ Das Requiem von Brahms… Das schöne alte Kavallerie-Signal, die Retraite – wie ums Abendrot über einsames Schlachtfeld hingeblasen… Ein Abschiedsgruß dem jungen Reitersmann. * Eine leise, kaum vernehmbare Stimme sprach zu mir, bekundete mir ihr Beleid. Ich blickte in gütige Augen. Der Kaiserin Gesicht war mütterlich und tief bekümmert. „Ich hatte gewünscht, „sagte ich, „daß Manfred seinem Vaterlande noch länger hätte dienen können.“ Die hohe Frau mickte still, ein Zug von Schmerz lag um ihren Mund, sie wußte wohl, was Leid ist; das Schicksal hatte auch ihr viel zu tragen aufgegeben, auch sie kannte die Qualen durchwachter Nächte. Sie begann weiterzureden, immer noch mit leiser, schonender Stimme. Sie sprach von Manfreds Besuch in Homburg; ich erwiderte, wie beglückt mein Sohn damals über ihre Freundlichkeit gewesen sei. Sofort war diese Begebenheit in mir lebendig: Genau vor einem Jahr war es gewesen, an einem strahlenden Mai, an seinem Geburtstage, da sollte er sich der Kaiserin vorstellen. Der in zweiundfünfzig Kämpfen Siegreiche flog in der alten Lederjacke, von der er sich im Felde niemals trennte, ins Große Hauptquartier. Die Kaiserin nahm ihn gleich bei der Landung in Empfang, und als er Miene machte, sich wegen seiner Kleidung zu entschuldigen, streichelte sie das schmucklose Kleidungstück und sagte: „Die gute Jacke – zweiundfünfzig Luftsiege hat sie erlebt.“ Es war nun wohl Zeit, zu gehen, wir wandten uns aus der Sakristei; da kam die Kaiserin, die sich mit meinem Kindern und Albrecht beschäftigt hatte, nochmals auf mich zu. Noch einmal fanden sich unsere Augen, noch einmal drückte sie mir die Hand, und ich beugte mich herab und küßte die ihrige. Wir fahren ins hotel zurück. Viele Bekannte haben sich dort versammelt. Ich freue mich, als sich einige Herren von Manfreds Geschwader melden lassen. Wir sehen uns gegenüber. Ich mustere diese jungen ernsten Menschen, Manfreds Kameraden. Suche in ihren Gesichtern zu lesen, was auch in Manfreds Zügen lag, das Fronterlebnis. Ein schmales, gutgeschnittenes Gesicht fällt mir besonders auf. Der blutjunge Ulanenoffizier ist sehr erregt. Der Kummer arbeitet in seinen feinen, zarten Zügen. Sein Name klingt an mein Ohr. Das also ist Hans Joachim Wolff, von dem Manfred mir so herzlich erzählte; der den schönen Brief an Lothar schrieb, als sein verehrter und bewunderter Rittmeister den Fliegertod gestorben war… „…ich besonders bin tief unglücklich. Ich habe an ihm mehr verloren als nur das große Vorbild, das er allen war. Ich habe ihn geliebt wie einen Vater. Ich war glücklich, wenn ich mit ihm zusammen sein dürfte…“ Nun stand er vor mir, und es war so, daß ich ihn trösten mußte. Es war, als spräche ich zu meinem eigenen Sohn. Er sagte, er hätte immer eine besondere Verpflichtung in sich gespürt, über das Leben seines großen Kommandeurs zu wachen, wie ein Schildträger es tut. Aber in der Stunde, als das Unfaßliche geschah, wäre er selbst in einen Luftkampf verwickelt gewesen und hätte seinen Führer aus den Augen verloren…Jetzt mache er sich bittersten Vorwürfe. Ich war gerührt von so viel Liebe und Treue; ich schloß ihn in mein Herz. Möge er seinen Eltern erhalten bleiben – er ist ihr einziges Kind. * Wir sprachen noch einiges. Ich war diesen jungen Menschen dankbar. Manfred lebte in ihnen. Sie trugen mir viel Tröstliches zu. Manfred sei glücklich, befriedigt gewesen; er sei bewundert, ja vergöttert worden. Der Kaiser hatte beabsichtigt – so erzählen sie -, ihm nach seinem 80. Luftsieg des Eichenlaub zum Pour le Mérite zu verleihen und ein Handschreiben herauszugeben, worin ihm das Fliegen verboten werden sollte. Manfred hatte bereits Urlaub, sein Schlafwagenbillett lag schon auf seinem Tisch. Er war bei Herrn Voß in Freiburg, dem Vater des toten Lufthelden, zur Auerhahnjagd angesagt. Vorher war sein Besuch beim deutschen Kronprinzen angemeldet. Die Kameraden sagten auch aus, Manfred habe den Wunsch gehabt, sämtlichen Geschwadern zur Verfügung zu stehen; er wollte sich dann bei dieser oder jener Staffel ansagen und mit ihnen gegen den Feind fliegen. Die Herren erzählten ferner, wie sie sich gegenseitig ihre Bestürzung nicht eingestehen wollten, als ihr Kommandeur nicht wiederkam. Sie hofften, er sei irgendwo gelandet und würde plötzlich wieder da sein. Exzellenz von Hoeppner ergänzte noch, Manfred habe nach seinem 63. Luftsieg gebeten, daß man von nun an seine Siege der Staffel und nicht mehr ihm persönlich anrechnen möchte; aber das habe man unter keinen Umständen getan. Eine mütterliche Freundin unseres Hauses hatte der Trauerfeier beigewohnt. Sie hatte Lothar ganz besonders in ihr Herz geschlossen – er sollte einst ihr Erbe sein. Tief bekümmert über Manfreds Tod und über Lothars zweite Verwundung kam sie zu mir und bat mich, ich möchte ein Gesuch einreichen, damit Lothar aufhöre zu fliegen. Ihre Sorge war von wahrhaft mütterlicher Liebe diktiert. Aber – hatten nicht Tausende von Müttern ihre Söhne geopfert wie ich – schwebten nicht aber Tausende in der gleichen bangen Sorge um die Lebenden?! Erst kürzlich hatte eine meiner Bekannten binnen vier Wochen drei tapfere und blühende Söhne verloren. Wir alle trugen das gleiche Los. Unsere Söhne beschirmten mit ihren Leibern, mit ihrem Blut die Heimat. Wer sollte da für sich eine Ausnahme beanspruchen?! Und vor allen Dingen – was würde Lothar selbst dazu sagen? Meine Blicke wanderten zu ihm hinüber. Ernst und gefaßt sprach er, der den Schlag vielleicht am furchtbarsten empfand, mit seinen Kameraden. Lothar hätte es einfach nicht getan, er hätte einen solchen Schritt von mir nur als peinvoll empfunden. – Nein, das tat ich ihm nicht an. „So Gott will, wird Lothar leben“, erwiderte ich der treuen alten Freundin. So Gott will – – – Als ich den jungen Offizieren die Hand zum Abschied reichte, dankte ich noch einmal für diese Stunde. Sie hatte mir wohlgetan. Ich nahm das Bewußtsein mit, wie glücklich Manfred in seinem tapferen Fliegerdasein gewesen war; wie er dieses Leben mit keinem auf der ganzen Welt hätte tauschen mögen. * Wir fuhren nach Schweidnitz zurück; erst jetzt fühlte ich, wie stark die Nervenanspannung in den letzten Tagen gewesen war. Nun, da ich nicht mehr aller Augen auf mich gerichtet fühlte, mochte ich zusehen, wie ich mit mir selbst fertig wurde. Ich suchte die Einsamkeit und fürchtete sie zugleich. Einmal stand Menzke vor mir. Er brachte seines toten Rittmeisters Sachen. Wir knieten an dem Koffer und sichteten und ordneten. Menzke konnte kaum sprechen vor Kummer. Ich sagte ihm, er solle sich zum Abschied etwas aussuchen. Der Gute wählte ein bescheidenes Stück von der Ausrüstung, die Manfred im Felde getragen hatte.“

