{"id":13654,"date":"2021-12-16T17:31:02","date_gmt":"2021-12-16T16:31:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.meettheredbaron.com\/event\/mein-bruder\/"},"modified":"2025-03-18T14:58:26","modified_gmt":"2025-03-18T13:58:26","slug":"mein-bruder","status":"publish","type":"event","link":"https:\/\/www.meettheredbaron.com\/de\/event\/mein-bruder\/","title":{"rendered":"Mein Bruder"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Mein Bruder Ich war noch nicht acht Tage auf Urlaub, da kriegte ich die telegraphische Nachricht: \u00bbLothar verwundet, nicht lebensgef\u00e4hrlich.\u00ab Mehr nicht. N\u00e4here Erkundigungen ergaben, da\u00df er wieder mal recht leichtsinnig gewesen war. Er flog mit Allmenr\u00f6der zusammen gegen den Feind. Da sah er tief unten, ziemlich weit dr\u00fcben, einen allein herumkrebsenden Englishman. Das sind so die feindlichen Infanterieflieger, die unseren Truppen besonders l\u00e4stig fallen. Jedenfalls beunruhigen sie sehr. Ob sie wirklich etwas erreichen mit ihrem tiefen Rumkrebsen, ist sehr die Frage. Mein Bruder war etwa zweitausend Meter hoch, der Engl\u00e4nder tausend. Er p\u00fcrscht sich \u2019ran, setzt zum Sturzflug an und ist in wenigen Sekunden bei ihm. Der Engl\u00e4nder zog es vor, den Kampf zu vermeiden, und verschwand gleichfalls im Sturzflug in der Tiefe. Mein Bruder, nicht faul, hinterher. Ganz schnuppe, ob es dr\u00fcben oder bei uns ist. Nur ein Gedanke: er mu\u00df \u2019runter. Das ist ja auch nat\u00fcrlich das richtige. Ab und zu mache ich\u2019s auch. Aber wenn es mein Bruder bei jedem Fluge nicht mindestens einmal gemacht hat, macht ihm das ganze Unternehmen keinen Spa\u00df. Erst ganz kurz \u00fcber dem Boden kriegt er ihn wirklich gut vor und kann [164]ihm den Laden vollschie\u00dfen. Der Engl\u00e4nder st\u00fcrzt senkrecht in die Erde. Viel bleibt nicht mehr \u00fcbrig. Nach so einem Kampfe, besonders in geringer H\u00f6he, in dem man sich so oft gedreht und gewendet hat, mal rechtsrum und mal linksrum geflogen ist, hat der normale Sterbliche keine Ahnung mehr, wo er sich befindet. Nun war es an diesem Tage noch etwas dunstig, also ein besonders ung\u00fcnstiges Wetter. Schnell hatte er sich orientiert und merkt erst jetzt, da\u00df er doch wohl ein ganzes Ende hinter der Front ist. Er war hinter der Vimy-H\u00f6he. Die Vimy-H\u00f6hen sind etwa hundert Meter h\u00f6her als die andere Gegend. Mein Bruder war hinter diesen Vimy-H\u00f6hen verschwunden \u2013 behaupten jedenfalls die Beobachter von der Erde aus. Dieses Nachhausefliegen, bis man seine eigene Stellung erreicht hat, geh\u00f6rt nicht zu den angenehmsten Gef\u00fchlen, die man sich denken kann. Man kann nichts dagegen tun, da\u00df einen der Gegner beschie\u00dft. Nur selten treffen sie. Mein Bruder n\u00e4herte sich der Linie. In so geringer H\u00f6he kann man jeden Schu\u00df h\u00f6ren, es h\u00f6rt sich an, wie wenn Kastanien im Feuer platzen, wenn der einzelne Infanterist schie\u00dft. Da \u2013 mit einem Male f\u00fchlte er einen Schlag, getroffen. Das war ihm klar. Er z\u00e4hlt zu den Menschen, die nicht ihr eignes Blut sehen k\u00f6nnen. Bei einem anderen [165]macht es ihm keinen Eindruck; wenigstens weniger. Aber sein eigenes Blut st\u00f6rt ihn. Er f\u00fchlt, wie es ihm warm am rechten Bein herunterl\u00e4uft, zur gleichen Zeit auch einen Schmerz in der H\u00fcfte. Unten wird noch immer geknallt. Also ist er noch dr\u00fcben. Da endlich h\u00f6rt es so sachte auf, und er ist \u00fcber unsere Front hin\u00fcber. Nun mu\u00df er sich aber beeilen, denn seine Kr\u00e4fte lassen zusehends nach. Da sieht er einen Wald, daneben eine Wiese. Also auf die Wiese zu. Die Z\u00fcndung schnell herausgenommen, der Motor bleibt stehen, und in demselben Augenblick ist es alle mit seinen Kr\u00e4ften, die Besinnung hat ihn verlassen. Er sitzt ja nun ganz allein in seinem Flugzeug, also ein zweiter konnte ihm nicht helfen. Wie er auf die Erde hinuntergekommen ist, ist eigentlich ein Wunder. Denn von allein startet und landet kein Flugzeug. Man behauptet dies nur von einer alten Taube in K\u00f6ln, die von einem Monteur zum Start zurechtgemacht ist und gerade in dem Augenblick, wie der Pilot sich hineinsetzen will, von allein losfliegt, von allein eine Kurve macht und nach f\u00fcnf Minuten wieder landet. Das wollen viele M\u00e4nner gesehen haben. Ich habe es nicht gesehen \u2013 aber ich bin doch fest davon \u00fcberzeugt, da\u00df es wahr ist. Mein Bruder jedenfalls hatte nicht so eine Taube, die von allein landet, aber trotzdem hatte er sich bei dem Ber\u00fchren mit dem Erdboden nichts getan. Erst im [166]Lazarett fand er die Besinnung wieder. Er wurde nach Douai transportiert. Es ist f\u00fcr einen Bruder ein ganz eigenartiges Gef\u00fchl, wenn man den anderen in einen Kampf mit einem Engl\u00e4nder verwickelt sieht. So sah ich zum Beispiel einmal, wie Lothar hinter dem Geschwader etwas herh\u00e4ngt und von einem Engl\u00e4nder attackiert wird. Es w\u00e4re f\u00fcr ihn ein leichtes gewesen, den Kampf zu verweigern. Er braucht blo\u00df in der Tiefe zu verschwinden. Aber nein, das tut er nicht! Der Gedanke kommt ihm scheinbar gar nicht. Ausrei\u00dfen kennt er nicht. Zum Gl\u00fcck hatte ich dies beobachtet und pa\u00dfte auf. Da sah ich, wie der Engl\u00e4nder, der \u00fcber ihm war, immer auf ihn \u2019runterst\u00f6\u00dft und schie\u00dft. Mein Bruder versucht, seine H\u00f6he zu erreichen, unbek\u00fcmmert, ob er beschossen wird oder nicht. Da \u2013 mit einem Male \u00fcberschl\u00e4gt sich das Flugzeug, und die rot angestrichene Maschine st\u00fcrzt senkrecht, sich um sich selbst drehend, herunter. Keine gewollte Bewegung, sondern ein regelrechter Absturz. Dieses ist f\u00fcr den zusehenden Bruder nicht das sch\u00f6nste aller Gef\u00fchle. Aber ich habe mich so sachte daran gew\u00f6hnen m\u00fcssen, denn mein Bruder benutzte es als Trick. Wie er erkannt hatte, da\u00df der Engl\u00e4nder ihm \u00fcber war, markierte er ein Angeschossensein. Der Engl\u00e4nder hinterher, mein Bruder f\u00e4ngt sich und hat ihn im Umsehen \u00fcberstiegen. Das feindliche Flugzeug konnte sich nicht so schnell [167]wieder aufrichten und zur Besinnung kommen, da sa\u00df ihm mein Bruder im Nacken, und einige Augenblicke sp\u00e4ter schlugen die Flammen heraus. Dann ist nichts mehr zu retten, dann st\u00fcrzt das Flugzeug brennend ab. Ich habe mal auf der Erde neben einem Benzintank gestanden, wo hundert Liter auf einmal explodierten und verbrannten. Ich konnte nicht zehn Schritt daneben stehen, so hei\u00df wurde mir. Und nun mu\u00df man sich vorstellen, da\u00df auf wenige Zentimeter vor einem so ein Tank von vielen f\u00fcnfzig Litern explodiert und der Propellerwind die ganze Glut einem ins Gesicht treibt. Ich glaube, man ist im ersten Moment schon besinnungslos, und es geht jedenfalls am schnellsten. Aber es passieren doch ab und zu Zeichen und Wunder. So sah ich z. B. einmal ein englisches Flugzeug brennend abst\u00fcrzen. Die Flammen schlugen erst in f\u00fcnfhundert Metern H\u00f6he heraus. Die Maschine stand in hellen Flammen. Wie wir nach Hause fliegen, erfahren wir, da\u00df der eine der Insassen aus f\u00fcnfzig Metern H\u00f6he herausgesprungen ist. Es war der Beobachter. F\u00fcnfzig Meter H\u00f6he! Man mu\u00df sich mal die H\u00f6he \u00fcberlegen. Der h\u00f6chste Kirchturm, der in Berlin ist, reicht gerade heran. Man springe mal von der Spitze dieses Turmes herunter! Wie man wohl unten ankommen mag! Die meisten br\u00e4chen sich\u2019s Genick, wenn sie aus dem Hochparterre herausspringen [168]w\u00fcrden. Jedenfalls, dieser brave \u00bbFranz\u00ab sprang aus seinem brennenden Flugzeug aus f\u00fcnfzig Meter H\u00f6he heraus, das bereits mindestens eine Minute gebrannt hatte, und machte sich weiter nichts als einen glatten Unterschenkelbruch. Er hat sogar, gleich nachdem ihm all dies passiert ist, noch Aussagen gemacht, also sein seelischer Zustand hatte nicht einmal gelitten. Ein andermal scho\u00df ich einen Engl\u00e4nder ab. Der Flugzeugf\u00fchrer hatte einen t\u00f6dlichen Kopfschu\u00df, das Flugzeug st\u00fcrzte steuerlos, senkrecht, ohne sich zu fangen, aus dreitausend Metern H\u00f6he in die Erde. Eine ganze Weile sp\u00e4ter erst kam ich im Gleitflug hinterher und sah unten weiter nichts als einen w\u00fcsten Haufen. Zu meinem Erstaunen erfuhr ich, der Beobachter habe nur einen Sch\u00e4delbruch, und sein Zustand sei nicht lebensgef\u00e4hrlich. Gl\u00fcck mu\u00df eben der Mensch haben. Wieder einmal scho\u00df Boelcke einen Nieuport ab. Ich sah es selbst. Das Flugzeug st\u00fcrzte wie ein Stein. Wir fuhren hin und fanden das Flugzeug bis zur H\u00e4lfte im Lehm vergraben. Der Insasse, ein Jagdflieger, war durch einen Bauchschu\u00df besinnungslos und hatte sich beim Aufschlagen nur einen Arm ausgekugelt. Er ist nicht gestorben. Andererseits habe ich es wieder erlebt, da\u00df ein guter Freund von mir bei einer Landung [169]mit einem Rade in ein Karnickelloch kam. Die Maschine hatte \u00fcberhaupt keine Geschwindigkeit mehr und stellte sich ganz langsam auf den Kopf, \u00fcberlegte sich, nach welcher Seite sie umkippen sollte, fiel auf den R\u00fccken \u2013 und der arme Kerl hatte das Genick gebrochen. * Mein Bruder Lothar ist Leutnant bei den Vierten Dragonern, war vor dem Kriege auf Kriegsschule, wurde gleich zu Anfang Offizier und hat, gleichwie ich, den Krieg als Kavallerist begonnen. Was er da alles an Heldentaten begangen hat, ist mir unbekannt, da er nie von sich selbst spricht. Man hat mir nur folgende Geschichte erz\u00e4hlt: Es war im Winter 1914, sein Regiment lag an der Warthe, die Russen auf der anderen Seite. Kein Mensch wu\u00dfte, r\u00fccken sie oder bleiben sie. Die Ufer waren zum Teil gefroren, so da\u00df man schlecht durchreiten konnte. Br\u00fccken gab\u2019s nat\u00fcrlich nicht, die hatten die Russen abgerissen. Da schwamm mein Bruder durch, stellte fest, wo die Russen waren, und kam zur\u00fcckgeschwommen. Dieses alles im strengen russischen Winter bei soundso viel Grad minus. Seine Kleider waren nach wenigen Minuten festgefroren, und darunter, behauptete er, sei es ganz warm gewesen. So ritt er den ganzen Tag, bis er abends in sein Quartier kam. Dabei hat er sich nicht erk\u00e4ltet. [170]Im Winter 1915 ging er auf mein Dr\u00e4ngen hin zur Fliegerei, wurde, gleichwie ich, Beobachter. Erst ein Jahr sp\u00e4ter Flugzeugf\u00fchrer. Die Schule als Beobachter ist gewi\u00df nicht schlecht, gerade f\u00fcr einen Jagdflieger. M\u00e4rz 1917 machte er sein drittes Examen und kam sofort zu meiner Jagdstaffel. Er war also noch ein ganz, ganz junger und ahnungsloser Flugzeugf\u00fchrer, der noch an kein Looping und \u00e4hnliche Scherze dachte, sondern zufrieden war, wenn er ordentlich landen und starten konnte. Nach vierzehn Tagen nahm ich ihn zum ersten Male mit gegen den Feind und bat ihn, dicht hinter mir zu fliegen, um sich die Sache mal genau anzusehen. Nach dem dritten Fluge mit ihm sehe ich mit einem Male, wie er sich von mir trennt und sich gleichfalls auf einen Engl\u00e4nder st\u00fcrzt und ihn erlegt. Mein Herz h\u00fcpfte vor Freude, als ich dies sah. Es war mir wieder mal ein Beweis, wie wenig das Abschie\u00dfen eine Kunst ist. Es ist nur die Pers\u00f6nlichkeit oder, anders ausgedr\u00fcckt, der Schneid des Betreffenden, der die Sache macht. Ich bin also kein P\u00e9goud, will es auch nicht sein, sondern nur Soldat, und tue meine Pflicht. Vier Wochen sp\u00e4ter hatte mein Bruder bereits zwanzig Engl\u00e4nder abgeschossen. Dies d\u00fcrfte wohl einzig dastehen in der ganzen Fliegerei, da\u00df ein Flugzeugf\u00fchrer vierzehn Tage nach seinem [171]dritten Examen den ersten und vier Wochen nach dem ersten zwanzig Gegner abgeschossen hat. Sein zweiundzwanzigster Gegner war der ber\u00fchmte Captain Ball, weitaus der beste englische Flieger. Den seinerzeit ebenso bekannten Major Hawker hatte ich mir vor einigen Monaten bereits zur Brust genommen. Es machte mir besonders Freude, da\u00df es nun mein Bruder war, der den zweiten Champion Englands erledigte. Captain Ball flog einen Dreidecker und begegnete meinem Bruder einzeln an der Front. Jeder versuchte den anderen zu fassen. Keiner gab sich eine Bl\u00f6\u00dfe. Es blieb bei einem kurzen Begegnen. Immer nur auf sich zufliegend. Nie gl\u00fcckte es dem einen, sich hinter den anderen zu setzen. Da entschlossen sich pl\u00f6tzlich beide in dem kurzen Augenblick des Aufeinanderzufliegens, einige wohlgezielte Sch\u00fcsse abzugeben. Beide fliegen aufeinander zu. Beide schie\u00dfen. Jeder hat vor sich einen Motor. Die Treffwahrscheinlichkeiten sind sehr gering, die Geschwindigkeit doppelt so gro\u00df wie normal. Eigentlich unwahrscheinlich, da\u00df einer von beiden trifft. Mein Bruder, der etwas tiefer war, hatte dabei seine Maschine stark \u00fcberzogen und \u00fcberschlug sich, verlor das Gleichgewicht, und seine Maschine wurde f\u00fcr einige Momente steuerlos. Bald hatte er sie wieder gefangen, mu\u00dfte aber feststellen, da\u00df ihm der Gegner beide Benzintanks zerschossen [172]hatte. Also landen! Schnell die Z\u00fcndung \u2019raus, sonst brennt die Kiste. Der n\u00e4chste Gedanke aber war: Wo bleibt mein Gegner? Im Augenblick des \u00dcberschlagens hatte er gesehen, wie sich der Gegner gleichfalls aufb\u00e4umte und \u00fcberschlagen hatte. Er konnte also nicht allzu weit von ihm entfernt sein. Der Gedanke herrscht: Ist er \u00fcber mir oder unter mir? Dr\u00fcber war er nicht mehr, daf\u00fcr aber sah er unter sich den Dreidecker sich dauernd \u00fcberschlagen und noch immer tiefer st\u00fcrzen. Er st\u00fcrzte und st\u00fcrzte, ohne sich zu fangen, bis auf den Boden. Dort zerschellte er. Es war auf unserem Gebiet. Beide Gegner hatten sich in dem kurzen Augenblick des Begegnens mit ihren starren Maschinengewehren getroffen. Meinem Bruder waren die beiden Benzintanks zerschossen, und im selben Augenblick hatte der Captain Ball einen Kopfschu\u00df bekommen. Er trug bei sich einige Photographien und Zeitungsausschnitte seiner Heimatprovinzen, in denen er sehr angefeiert wurde. Er schien kurze Zeit zuvor noch auf Urlaub gewesen zu sein. Zu Boelckes Zeiten hatte Captain Ball sechsunddrei\u00dfig deutsche Apparate vernichtet. Auch er hat einen Meister gefunden. Oder war es Zufall, da\u00df eine Gr\u00f6\u00dfe wie er gleichfalls den normalen Heldentod sterben mu\u00dfte? Captain Ball war ganz gewi\u00df der F\u00fchrer des Anti-Richthofen-Geschwaders, und ich glaube, der Englishman wird es nun lieber aufstecken, [173]mich zu fangen. Das t\u00e4te uns leid, denn dadurch w\u00fcrde uns manche sch\u00f6ne Gelegenheit genommen, bei der wir die Engl\u00e4nder gut belapsen k\u00f6nnten. W\u00e4re mein Bruder nicht am 5. Mai verwundet worden, ich glaube, er w\u00e4re nach meiner R\u00fcckkehr vom Urlaub gleichfalls mit Zweiundf\u00fcnfzig auf Urlaub geschickt worden.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"","event-type":[253],"source-language":[260],"source-id-tax":[293],"class_list":["post-13654","event","type-event","status-publish","hentry","event-type-general-event-de","source-language-deutsch-de","source-id-tax-der-rote-kampfflieger-von-rittmeister-manfred-freiherrn-von-richthofen-1917-351-000-400-000-verlag-ullstein-co-berlin-wien-de","entry","no-media"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Mein Bruder - Meet The Red Baron<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.meettheredbaron.com\/de\/event\/mein-bruder\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Mein Bruder - 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Das sind so die feindlichen Infanterieflieger, die unseren Truppen besonders l\u00e4stig fallen. Jedenfalls beunruhigen sie sehr. Ob sie wirklich etwas erreichen mit ihrem tiefen Rumkrebsen, ist sehr die Frage. Mein Bruder war etwa zweitausend Meter hoch, der Engl\u00e4nder tausend. Er p\u00fcrscht sich \u2019ran, setzt zum Sturzflug an und ist in wenigen Sekunden bei ihm. Der Engl\u00e4nder zog es vor, den Kampf zu vermeiden, und verschwand gleichfalls im Sturzflug in der Tiefe. Mein Bruder, nicht faul, hinterher. Ganz schnuppe, ob es dr\u00fcben oder bei uns ist. Nur ein Gedanke: er mu\u00df \u2019runter. Das ist ja auch nat\u00fcrlich das richtige. Ab und zu mache ich\u2019s auch. Aber wenn es mein Bruder bei jedem Fluge nicht mindestens einmal gemacht hat, macht ihm das ganze Unternehmen keinen Spa\u00df. Erst ganz kurz \u00fcber dem Boden kriegt er ihn wirklich gut vor und kann [164]ihm den Laden vollschie\u00dfen. Der Engl\u00e4nder st\u00fcrzt senkrecht in die Erde. Viel bleibt nicht mehr \u00fcbrig. Nach so einem Kampfe, besonders in geringer H\u00f6he, in dem man sich so oft gedreht und gewendet hat, mal rechtsrum und mal linksrum geflogen ist, hat der normale Sterbliche keine Ahnung mehr, wo er sich befindet. Nun war es an diesem Tage noch etwas dunstig, also ein besonders ung\u00fcnstiges Wetter. Schnell hatte er sich orientiert und merkt erst jetzt, da\u00df er doch wohl ein ganzes Ende hinter der Front ist. Er war hinter der Vimy-H\u00f6he. Die Vimy-H\u00f6hen sind etwa hundert Meter h\u00f6her als die andere Gegend. Mein Bruder war hinter diesen Vimy-H\u00f6hen verschwunden \u2013 behaupten jedenfalls die Beobachter von der Erde aus. Dieses Nachhausefliegen, bis man seine eigene Stellung erreicht hat, geh\u00f6rt nicht zu den angenehmsten Gef\u00fchlen, die man sich denken kann. Man kann nichts dagegen tun, da\u00df einen der Gegner beschie\u00dft. Nur selten treffen sie. Mein Bruder n\u00e4herte sich der Linie. In so geringer H\u00f6he kann man jeden Schu\u00df h\u00f6ren, es h\u00f6rt sich an, wie wenn Kastanien im Feuer platzen, wenn der einzelne Infanterist schie\u00dft. Da \u2013 mit einem Male f\u00fchlte er einen Schlag, getroffen. Das war ihm klar. Er z\u00e4hlt zu den Menschen, die nicht ihr eignes Blut sehen k\u00f6nnen. Bei einem anderen [165]macht es ihm keinen Eindruck; wenigstens weniger. Aber sein eigenes Blut st\u00f6rt ihn. Er f\u00fchlt, wie es ihm warm am rechten Bein herunterl\u00e4uft, zur gleichen Zeit auch einen Schmerz in der H\u00fcfte. Unten wird noch immer geknallt. Also ist er noch dr\u00fcben. Da endlich h\u00f6rt es so sachte auf, und er ist \u00fcber unsere Front hin\u00fcber. Nun mu\u00df er sich aber beeilen, denn seine Kr\u00e4fte lassen zusehends nach. Da sieht er einen Wald, daneben eine Wiese. Also auf die Wiese zu. Die Z\u00fcndung schnell herausgenommen, der Motor bleibt stehen, und in demselben Augenblick ist es alle mit seinen Kr\u00e4ften, die Besinnung hat ihn verlassen. Er sitzt ja nun ganz allein in seinem Flugzeug, also ein zweiter konnte ihm nicht helfen. Wie er auf die Erde hinuntergekommen ist, ist eigentlich ein Wunder. Denn von allein startet und landet kein Flugzeug. Man behauptet dies nur von einer alten Taube in K\u00f6ln, die von einem Monteur zum Start zurechtgemacht ist und gerade in dem Augenblick, wie der Pilot sich hineinsetzen will, von allein losfliegt, von allein eine Kurve macht und nach f\u00fcnf Minuten wieder landet. Das wollen viele M\u00e4nner gesehen haben. Ich habe es nicht gesehen \u2013 aber ich bin doch fest davon \u00fcberzeugt, da\u00df es wahr ist. Mein Bruder jedenfalls hatte nicht so eine Taube, die von allein landet, aber trotzdem hatte er sich bei dem Ber\u00fchren mit dem Erdboden nichts getan. Erst im [166]Lazarett fand er die Besinnung wieder. Er wurde nach Douai transportiert. Es ist f\u00fcr einen Bruder ein ganz eigenartiges Gef\u00fchl, wenn man den anderen in einen Kampf mit einem Engl\u00e4nder verwickelt sieht. So sah ich zum Beispiel einmal, wie Lothar hinter dem Geschwader etwas herh\u00e4ngt und von einem Engl\u00e4nder attackiert wird. Es w\u00e4re f\u00fcr ihn ein leichtes gewesen, den Kampf zu verweigern. Er braucht blo\u00df in der Tiefe zu verschwinden. Aber nein, das tut er nicht! Der Gedanke kommt ihm scheinbar gar nicht. Ausrei\u00dfen kennt er nicht. Zum Gl\u00fcck hatte ich dies beobachtet und pa\u00dfte auf. Da sah ich, wie der Engl\u00e4nder, der \u00fcber ihm war, immer auf ihn \u2019runterst\u00f6\u00dft und schie\u00dft. Mein Bruder versucht, seine H\u00f6he zu erreichen, unbek\u00fcmmert, ob er beschossen wird oder nicht. Da \u2013 mit einem Male \u00fcberschl\u00e4gt sich das Flugzeug, und die rot angestrichene Maschine st\u00fcrzt senkrecht, sich um sich selbst drehend, herunter. Keine gewollte Bewegung, sondern ein regelrechter Absturz. Dieses ist f\u00fcr den zusehenden Bruder nicht das sch\u00f6nste aller Gef\u00fchle. Aber ich habe mich so sachte daran gew\u00f6hnen m\u00fcssen, denn mein Bruder benutzte es als Trick. Wie er erkannt hatte, da\u00df der Engl\u00e4nder ihm \u00fcber war, markierte er ein Angeschossensein. Der Engl\u00e4nder hinterher, mein Bruder f\u00e4ngt sich und hat ihn im Umsehen \u00fcberstiegen. Das feindliche Flugzeug konnte sich nicht so schnell [167]wieder aufrichten und zur Besinnung kommen, da sa\u00df ihm mein Bruder im Nacken, und einige Augenblicke sp\u00e4ter schlugen die Flammen heraus. Dann ist nichts mehr zu retten, dann st\u00fcrzt das Flugzeug brennend ab. Ich habe mal auf der Erde neben einem Benzintank gestanden, wo hundert Liter auf einmal explodierten und verbrannten. Ich konnte nicht zehn Schritt daneben stehen, so hei\u00df wurde mir. Und nun mu\u00df man sich vorstellen, da\u00df auf wenige Zentimeter vor einem so ein Tank von vielen f\u00fcnfzig Litern explodiert und der Propellerwind die ganze Glut einem ins Gesicht treibt. Ich glaube, man ist im ersten Moment schon besinnungslos, und es geht jedenfalls am schnellsten. Aber es passieren doch ab und zu Zeichen und Wunder. So sah ich z. B. einmal ein englisches Flugzeug brennend abst\u00fcrzen. Die Flammen schlugen erst in f\u00fcnfhundert Metern H\u00f6he heraus. Die Maschine stand in hellen Flammen. Wie wir nach Hause fliegen, erfahren wir, da\u00df der eine der Insassen aus f\u00fcnfzig Metern H\u00f6he herausgesprungen ist. Es war der Beobachter. F\u00fcnfzig Meter H\u00f6he! Man mu\u00df sich mal die H\u00f6he \u00fcberlegen. Der h\u00f6chste Kirchturm, der in Berlin ist, reicht gerade heran. Man springe mal von der Spitze dieses Turmes herunter! Wie man wohl unten ankommen mag! Die meisten br\u00e4chen sich\u2019s Genick, wenn sie aus dem Hochparterre herausspringen [168]w\u00fcrden. Jedenfalls, dieser brave \u00bbFranz\u00ab sprang aus seinem brennenden Flugzeug aus f\u00fcnfzig Meter H\u00f6he heraus, das bereits mindestens eine Minute gebrannt hatte, und machte sich weiter nichts als einen glatten Unterschenkelbruch. Er hat sogar, gleich nachdem ihm all dies passiert ist, noch Aussagen gemacht, also sein seelischer Zustand hatte nicht einmal gelitten. Ein andermal scho\u00df ich einen Engl\u00e4nder ab. Der Flugzeugf\u00fchrer hatte einen t\u00f6dlichen Kopfschu\u00df, das Flugzeug st\u00fcrzte steuerlos, senkrecht, ohne sich zu fangen, aus dreitausend Metern H\u00f6he in die Erde. Eine ganze Weile sp\u00e4ter erst kam ich im Gleitflug hinterher und sah unten weiter nichts als einen w\u00fcsten Haufen. Zu meinem Erstaunen erfuhr ich, der Beobachter habe nur einen Sch\u00e4delbruch, und sein Zustand sei nicht lebensgef\u00e4hrlich. Gl\u00fcck mu\u00df eben der Mensch haben. Wieder einmal scho\u00df Boelcke einen Nieuport ab. Ich sah es selbst. Das Flugzeug st\u00fcrzte wie ein Stein. Wir fuhren hin und fanden das Flugzeug bis zur H\u00e4lfte im Lehm vergraben. Der Insasse, ein Jagdflieger, war durch einen Bauchschu\u00df besinnungslos und hatte sich beim Aufschlagen nur einen Arm ausgekugelt. Er ist nicht gestorben. Andererseits habe ich es wieder erlebt, da\u00df ein guter Freund von mir bei einer Landung [169]mit einem Rade in ein Karnickelloch kam. Die Maschine hatte \u00fcberhaupt keine Geschwindigkeit mehr und stellte sich ganz langsam auf den Kopf, \u00fcberlegte sich, nach welcher Seite sie umkippen sollte, fiel auf den R\u00fccken \u2013 und der arme Kerl hatte das Genick gebrochen. * Mein Bruder Lothar ist Leutnant bei den Vierten Dragonern, war vor dem Kriege auf Kriegsschule, wurde gleich zu Anfang Offizier und hat, gleichwie ich, den Krieg als Kavallerist begonnen. Was er da alles an Heldentaten begangen hat, ist mir unbekannt, da er nie von sich selbst spricht. Man hat mir nur folgende Geschichte erz\u00e4hlt: Es war im Winter 1914, sein Regiment lag an der Warthe, die Russen auf der anderen Seite. Kein Mensch wu\u00dfte, r\u00fccken sie oder bleiben sie. Die Ufer waren zum Teil gefroren, so da\u00df man schlecht durchreiten konnte. Br\u00fccken gab\u2019s nat\u00fcrlich nicht, die hatten die Russen abgerissen. Da schwamm mein Bruder durch, stellte fest, wo die Russen waren, und kam zur\u00fcckgeschwommen. Dieses alles im strengen russischen Winter bei soundso viel Grad minus. Seine Kleider waren nach wenigen Minuten festgefroren, und darunter, behauptete er, sei es ganz warm gewesen. So ritt er den ganzen Tag, bis er abends in sein Quartier kam. Dabei hat er sich nicht erk\u00e4ltet. [170]Im Winter 1915 ging er auf mein Dr\u00e4ngen hin zur Fliegerei, wurde, gleichwie ich, Beobachter. Erst ein Jahr sp\u00e4ter Flugzeugf\u00fchrer. Die Schule als Beobachter ist gewi\u00df nicht schlecht, gerade f\u00fcr einen Jagdflieger. M\u00e4rz 1917 machte er sein drittes Examen und kam sofort zu meiner Jagdstaffel. Er war also noch ein ganz, ganz junger und ahnungsloser Flugzeugf\u00fchrer, der noch an kein Looping und \u00e4hnliche Scherze dachte, sondern zufrieden war, wenn er ordentlich landen und starten konnte. Nach vierzehn Tagen nahm ich ihn zum ersten Male mit gegen den Feind und bat ihn, dicht hinter mir zu fliegen, um sich die Sache mal genau anzusehen. Nach dem dritten Fluge mit ihm sehe ich mit einem Male, wie er sich von mir trennt und sich gleichfalls auf einen Engl\u00e4nder st\u00fcrzt und ihn erlegt. Mein Herz h\u00fcpfte vor Freude, als ich dies sah. Es war mir wieder mal ein Beweis, wie wenig das Abschie\u00dfen eine Kunst ist. Es ist nur die Pers\u00f6nlichkeit oder, anders ausgedr\u00fcckt, der Schneid des Betreffenden, der die Sache macht. Ich bin also kein P\u00e9goud, will es auch nicht sein, sondern nur Soldat, und tue meine Pflicht. Vier Wochen sp\u00e4ter hatte mein Bruder bereits zwanzig Engl\u00e4nder abgeschossen. Dies d\u00fcrfte wohl einzig dastehen in der ganzen Fliegerei, da\u00df ein Flugzeugf\u00fchrer vierzehn Tage nach seinem [171]dritten Examen den ersten und vier Wochen nach dem ersten zwanzig Gegner abgeschossen hat. Sein zweiundzwanzigster Gegner war der ber\u00fchmte Captain Ball, weitaus der beste englische Flieger. Den seinerzeit ebenso bekannten Major Hawker hatte ich mir vor einigen Monaten bereits zur Brust genommen. Es machte mir besonders Freude, da\u00df es nun mein Bruder war, der den zweiten Champion Englands erledigte. Captain Ball flog einen Dreidecker und begegnete meinem Bruder einzeln an der Front. Jeder versuchte den anderen zu fassen. Keiner gab sich eine Bl\u00f6\u00dfe. Es blieb bei einem kurzen Begegnen. Immer nur auf sich zufliegend. Nie gl\u00fcckte es dem einen, sich hinter den anderen zu setzen. Da entschlossen sich pl\u00f6tzlich beide in dem kurzen Augenblick des Aufeinanderzufliegens, einige wohlgezielte Sch\u00fcsse abzugeben. Beide fliegen aufeinander zu. Beide schie\u00dfen. Jeder hat vor sich einen Motor. Die Treffwahrscheinlichkeiten sind sehr gering, die Geschwindigkeit doppelt so gro\u00df wie normal. Eigentlich unwahrscheinlich, da\u00df einer von beiden trifft. Mein Bruder, der etwas tiefer war, hatte dabei seine Maschine stark \u00fcberzogen und \u00fcberschlug sich, verlor das Gleichgewicht, und seine Maschine wurde f\u00fcr einige Momente steuerlos. Bald hatte er sie wieder gefangen, mu\u00dfte aber feststellen, da\u00df ihm der Gegner beide Benzintanks zerschossen [172]hatte. Also landen! Schnell die Z\u00fcndung \u2019raus, sonst brennt die Kiste. Der n\u00e4chste Gedanke aber war: Wo bleibt mein Gegner? Im Augenblick des \u00dcberschlagens hatte er gesehen, wie sich der Gegner gleichfalls aufb\u00e4umte und \u00fcberschlagen hatte. Er konnte also nicht allzu weit von ihm entfernt sein. Der Gedanke herrscht: Ist er \u00fcber mir oder unter mir? Dr\u00fcber war er nicht mehr, daf\u00fcr aber sah er unter sich den Dreidecker sich dauernd \u00fcberschlagen und noch immer tiefer st\u00fcrzen. Er st\u00fcrzte und st\u00fcrzte, ohne sich zu fangen, bis auf den Boden. Dort zerschellte er. Es war auf unserem Gebiet. Beide Gegner hatten sich in dem kurzen Augenblick des Begegnens mit ihren starren Maschinengewehren getroffen. Meinem Bruder waren die beiden Benzintanks zerschossen, und im selben Augenblick hatte der Captain Ball einen Kopfschu\u00df bekommen. Er trug bei sich einige Photographien und Zeitungsausschnitte seiner Heimatprovinzen, in denen er sehr angefeiert wurde. Er schien kurze Zeit zuvor noch auf Urlaub gewesen zu sein. Zu Boelckes Zeiten hatte Captain Ball sechsunddrei\u00dfig deutsche Apparate vernichtet. Auch er hat einen Meister gefunden. Oder war es Zufall, da\u00df eine Gr\u00f6\u00dfe wie er gleichfalls den normalen Heldentod sterben mu\u00dfte? Captain Ball war ganz gewi\u00df der F\u00fchrer des Anti-Richthofen-Geschwaders, und ich glaube, der Englishman wird es nun lieber aufstecken, [173]mich zu fangen. Das t\u00e4te uns leid, denn dadurch w\u00fcrde uns manche sch\u00f6ne Gelegenheit genommen, bei der wir die Engl\u00e4nder gut belapsen k\u00f6nnten. W\u00e4re mein Bruder nicht am 5. 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